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Zahngesundheit

Volkskrankheit Parodontitis

29.08.2016
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Von Ulrike Viegener / Mangelhafte Zahnhygiene hat weit reichende Konsequenzen. Aus dem Mundraum gelangen Bakterien und ­auch Entzündungsmediatoren in die Blutbahn und entfalten »Fern­wirkungen« im ganzen Körper. So wird beispiels­weise ­das ­Diabetesgeschehen, das Herzinfarktrisiko und der Verlauf einer Schwangerschaft beeinflusst.

Der Rückgang der Karies in Deutschland gilt als Paradebeispiel dafür, ­was konsequente Prävention zu leisten vermag. Während Zahnärzte bei ­Jugendlichen in den achtziger Jahren im Schnitt sieben kariöse Zähne feststellten, ist heute in dieser Altersgruppe weniger als ein Zahn befallen. Dieser enorme Fortschritt wird maßgeblich auf eine verbesserte Qualität des ­Zähneputzens zurückgeführt, die im Rahmen von ­Prophylaxeprogrammen sowohl in Kindergärten und Schulen als auch in den Praxen der Zahnärzte vermittelt wurde. Falls es sich im Beratungs­gespräch ergibt, ­sollte das Apothekenteam ebenfalls auf ­die große Bedeutung der Zahnpflege hinweisen.

Zwar ist die Karies hierzulande deutlich zurück­gegangen, die Parodontitis jedoch hat inzwischen die Dimension einer Volkskrankheit erreicht. Je nach Alter haben bis zu 65 Prozent der erwachsenen Deutschen Entzündungsherde am Zahnhalteapparat, wobei die Inzidenz mit dem Alter steigt.

Unbehandelt schreitet Parodontitis immer weiter fort und führt schließlich zum Zahnverlust. Und das ist nicht alles: Es besteht die Gefahr, dass Bak­terien aus entzündeten Zahnfleisch­taschen über die Blutbahn in andere Körperregionen gelangen und dort Schäden anrichten.

Ausgangspunkt für Karies und Parodontitis sind Bakterienplaques. Unter bestimmten Bedingungen setzen sich potenziell pathogene Bakterien der Mundhöhle auf der Zahnoberfläche fest und greifen den Zahnschmelz an, in der Folge entsteht Karies.

Bakterielle Antigene und Toxine lösen Abwehr­reaktionen des Immunsystems aus, wobei das Feintuning mitunter nicht richtig zu funktionieren scheint, sodass die Immunzellen auch körpereigenes Gewebe angreifen. Das Zahnfleisch entzündet sich, und es bilden sich Zahnfleischtaschen, in denen die Bakterien ein ideales Milieu für ihre Vermehrung vorfinden. Im Laufe der Zeit dehnen sich die infizierten Zahnfleischtaschen immer weiter in die Tiefe aus, allerdings – je nach Bakterienspektrum – mit unterschiedlich aggressivem Verlauf, zum Teil führt dieser Prozess sogar zum Abbau des Kieferknochens.

Tückischer Verlauf

Das Tückische: Parodontitis wird oft erst spät erkannt, da sie in der Regel lange Zeit keine Schmerzen verursacht. Wiederholtes Zahnfleischbluten beim Zähneputzen ist ein wichtiges Warn­signal und sollte immer Anlass für den Zahnarztbesuch sein. Dasselbe gilt bei Rötung, Schwellung oder Rückzug des Zahnfleischs sowie bei einem veränderten Sitz von Zahnprothesen, auch Mundgeruch kann durch Parodontitis bedingt sein.

Karies, Zahnstein sowie verringerter Speichelfluss zählen zu den Faktoren, die eine Plaquebildung begünstigen. Nach neueren Untersuchungen scheint bei rund 30 Prozent der Betroffenen eine genetische Disposition für die Entwicklung einer Parodontitis zu bestehen, vor allem spielen jedoch Aspekte des Lebensstils eine Rolle. Diese bieten Ansatzpunkte für gezielte Aufklärung und Prävention.

Zwischenräume reinigen

An erster Stelle – und als Risikofaktor leicht zu korrigieren – steht schlechte Zahnhygiene. Bei der täglichen Zahnpflege müssen nicht nur die Zähne, sondern auch die Zahnzwischenräume mit speziellen Bürsten oder Zahnseide sachgerecht gereinigt werden. Zudem sollte der Zuckergehalt der Ernährung nicht zu hoch sein.

Zigarettenrauch ist ebenfalls Gift für den Zahnschmelz: Karies und Parodontitis sind bei Rauchern deutlich häufiger. Laut Untersuchungen erhöht starker Zigarettenkonsum das Parodontitisrisiko um den Faktor 15. Abgesehen von seinen toxischen Effekten schwächt Tabakrauch die lokale Abwehr und mindert die Zahnfleischdurchblutung.

Aufgrund der Gefäß­veränderungen tritt Zahnfleischbluten als wichtiges Frühzeichen der Parodontitis bei Rauchern außerdem deutlich seltener auf, und die Parodontitisbehandlung führt bei ihnen meist nur eingeschränkt zu dem gewünschten Erfolg.

Problem Zähneknirschen

Viele Deutsche knirschen mit den Zähnen, und es werden immer mehr: Laut einer aktuellen Erhebung des Instituts der Deutschen Zahnärzte ist das unbewusste Knirschen (Bruxismus) in ihrem Fachgebiet das Krankheitsbild mit den höchsten Zuwachsraten. Ursache des Knirschens ist in erster Linie chronischer Stress. Beim Knirschen werden die Zähne unter ständiger Bewegung mit enorm hohem Druck aufeinander gepresst, was auf Dauer die Zahnsubstanz schädigt. Doch auch der Zahn­halteapparat wird durch diese massive Belastung geschwächt. Der Parodontalspalt zwischen Zahnwurzel und Kieferknochen weitet sich, wodurch das Risiko einer Bakterieninvasion steigt.

Mehr und mehr hat sich heraus­gestellt, dass zwischen den Zähnen und dem übrigen Organismus vielfältige Verbindungen bestehen. So beeinflusst eine Reihe von Erkrankungen die Zahngesundheit. Und umgekehrt strahlen Erkrankungen der Zähne und des Zahnhalteapparats in den ganzen Körper aus. Vor diesem Hintergrund hat sich in der Zahnmedizin zunehmend ein ganzheitliches Denken etabliert.

So wird die Zahngesundheit durch ganz unterschiedliche Erkrankungen in Mitleidenschaft gezogen. Bei der Refluxkrankheit zum Beispiel liegt der Zusammenhang auf der Hand: Vor allem beim Schlafen fließt mit Magensäure versetzter Nahrungsbrei bis in den Mund zurück. Dann greift die aggressive Säure den Zahnschmelz an und schafft gleichzeitig ein für Bakte­rien günstiges pH-Milieu.

Tipps für das Beratungsgespräch

  • Gesundes Zahnfleisch ist ebenso wichtig wie gesunde Zähne.
  • Nicht nur die Zähne, auch die Zahnzwischenräume müssen täglich gesäubert werden. ­ Dafür gibt es spezielle Bürsten und Zahnseide.
  • Die Zahnbürste soll immer von rot (Zahnfleisch) nach weiß (Zahn) ­geführt werden.
  • Empfohlen wird die Reinigung der Zähne und Zwischenräume ­zweimal am Tag.
  • Zweimal im Jahr sollte in der Zahnarztpraxis eine professionelle Zahnreinigung durchgeführt ­werden.
  • Die Nahrung sollte ausgewogen sein und nicht zu viel Zucker enthalten, da Kariesbakterien Zucker in aggressive Säuren umwandeln.
  • Rauchen erhöht massiv das Risiko von Karies, Parodontitis und Zahnverlust.
  • Diabetiker sollten auch im Hinblick auf ihre Zahngesundheit eine normnahe Stoffwechsel­einstellung anstreben.
  • Frauen mit Kinderwunsch sollten vor der Schwangerschaft Zähne und Zahnhalteapparat kontrollieren und falls nötig sanieren lassen.

Nicht so plausibel ist der Zusammenhang zwischen Parodontitis und Depression. Zahnärzte beobachten bei Patienten mit Depressionen häufiger schwere Parodontitis-Verläufe. Zudem wurde gezeigt, dass in dieser Gruppe die Konzentration entzündungsfördernder Substanzen in befallenen Zahnfleischfurchen höher liegt als bei Kontroll­personen. Diese Befunde hängen vermutlich mit Dysfunktionen des Immunsystems infolge der chronisch depressiven Stimmungslage zusammen.

Ein Teufelskreis

Gut erforscht sind die Wechselwirkungen zwischen Diabetes mellitus und Zahngesundheit: Der Zusammenhang zwischen pathologischen Blutzuckerwerten und erhöhtem Parodontitis­risiko ist durch verschiedene Studien belegt. Außerdem schreitet die Ent­zündung des Zahnhalteapparates bei Diabetikern schneller fort. Dies dürfte maßgeblich auf diabetestypische Veränderungen der Blutgefäße im Mundraum zurückzuführen sein. Auch im Hinblick auf die Zahngesundheit sollten Diabetiker deshalb eine möglichst normnahe Blutzuckereinstellung anstreben. Diese wird umgekehrt wiederum durch eine bestehende Parodon­titis nachweislich erschwert.

So liegen die Blutzuckerwerte der Diabetiker mit Parodontitis im Mittel höher als bei zahngesunden Diabe­tikern. Grundsätzlich lassen sich »Fernwirkungen« einer Parodontitis damit erklären, dass Bakterien und/oder entzündungsfördernde Botenstoffe aus dem Mundraum über die Blutbahn in andere Körperregionen gelangen und dort unter anderem die Blutzucker­einstellung erschweren. So sind nach aktuellem Verständnis an der Entstehung der – für den Typ-2-Diabetes grundlegenden peripheren Insulinresistenz ent­zündliche Prozesse in den Fettzellen maßgeblich beteiligt. Offenbar werden diese durch Zustrom von Bak­terien und Entzündungsmediatoren aus dem Mundraum noch weiter verschärft. Wird die Parodontitis therapiert, können Diabetiker in der Folge leichter ihren Blutzucker kontrollieren.

Aggressives Bakterium

Ähnliche Wechselwirkungen scheinen zwischen Parodontitis und entzünd­lichen Gelenkerkrankungen zu bestehen. Patienten mit rheumatoider Arthritis (RA) leiden vermehrt an Parodon­titis, und umgekehrt erhöht vermutlich Parodontitis das Risiko einer rheumatoiden Arthritis. Entzündungsmediatoren, die von lokalen Herden in die Blutbahn ausgeschwemmt werden, dürften hier wieder eine maßgebliche Rolle spielen. Zudem ist der aggressive Erreger Porphyromonas gingivalis in den Fokus geraten: Dieses in entzündeten Zahnfleischtaschen anzutreffende Bakterium bildet ein Enzym, das die Produktion von RA-typischen Antikörpern provoziert.

Weiterhin hat sich in Studien der Verdacht ergeben, dass Parodontitis das Herzinfarktrisiko signifikant erhöht. In arteriosklerotisch veränderten Koronargefäßen wurden Bakterien gefunden, die normalerweise ausschließlich in entzündeten Zahnfleischtaschen vorkommen. Inwieweit hier ein Kausalzusammenhang besteht, wird weiter erforscht.

Schließlich beeinflusst Parodontitis bei Schwangeren offenbar Geburts­termin und Geburtsgewicht ungünstig. Das Risiko einer Frühgeburt ist um den Faktor 7,5 erhöht. Parodontitis­bakterien in der Fruchtblase lösen möglicher­weise vorzeitig das Platzen der Fruchtblase und/oder Wehen aus. Durch ­Behandlung der Parodontitis – auch das ist durch Studien belegt – lässt sich die Frühgeburtenrate verringern. Allerdings sollte die Parodontitistherapie möglichst vor der Schwangerschaft abgeschlossen sein. /