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Bandagen

Schutz und Halt von Kopf bis Fuß

27.08.2018
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Von Edith Schettler / Unter dem Begriff »Bandagen« werden textile therapeutische Systeme zum Schutz und Halt der verschiedensten Körperteile zusammengefasst. Je nach beabsichtigter Wirkung können sie die betreffende Region entlasten und ruhigstellen oder in ihrer Funktion unterstützen und vor Verletzungen schützen. Für die Beratung in der Apotheke gibt es deshalb einiges zu beachten.

Das Wort »Bandage« kommt aus dem Französischen und bedeutet »Verband«, abgeleitet von »bande«, der Bezeichnung für »Binde«, »Band« oder »Streifen«. Ursprünglich wurden stützende Verbände aus textilen Binden gewickelt und werden es für besondere Indikationen immer noch. Dabei sind bestimmte Techniken anzuwenden, um den Druck des Verbandes optimal zu verteilen. Stütz- und Kompressionsverbände bestehen heute vorwiegend aus längselastischen Binden, deren Dehnbarkeit unmittelbaren Einfluss auf die Druckverhältnisse unter dem Verband hat. So erzeugt eine vorgedehnte Binde einen bestimmten Ruhedruck, dem der Patient mit seiner Muskeltätigkeit entgegenwirken muss. Je höher die Dehnbarkeit des Verbandes ist, umso weniger Widerstand bietet er der Muskulatur, umso geringer ist also der Arbeitsdruck. Geringe Dehnbarkeit wiederum hat einen niedrigen Ruhe- und einen hohen Arbeitsdruck zur Folge. Ruhe- und Arbeitsdruck bestimmen die Funktionsweise eines Stützverbandes, egal ob mit Hilfe einer Kompressionsbinde gewickelt oder als fertige Bandage angelegt.

Die Anwendung einer modernen Bandage macht das Anlegen eines Stützverbandes für Laien um ein Vielfaches leichter, denn hier werden Ruhe- und Arbeitsdruck durch die Elastizität des Materials der Bandage bestimmt und lassen sich durch die Technik des Anlegens weniger beeinflussen. In der Regel sind Bandagen Gestricke aus dauerelastischen synthetischen Garnen. Sie erzeugen einen definierten Ruhe- und Arbeitsdruck. Der Ruhedruck auf das Gewebe wirkt Ödemen entgegen, die nach Verletzungen auftreten können. Der Arbeitsdruck auf die umgebende Muskulatur erhöht deren Durchblutung und verbessert die Sensomotorik. Er bewirkt eine intermittierende Massage, verbessert dadurch die Blutversorgung und den Stoffwechsel und beschleunigt die Heilung. An bestimmten Stellen in die Bandage eingearbeitete Pelotten verstärken diesen Massage­effekt und leiten den Kompressionsdruck weg von empfindlichen Stellen wie zum Beispiel Fuß- und Handgelenksknöcheln. Wegen des dauerhaft ausgeübten Ruhedruckes sollten Bandagen nur bei Bewegung getragen werden, um die Durch­blutung aufrecht zu erhalten. Vor dem Schlafengehen und vor längeren Ruhezeiten müssen Bandagen entfernt werden­, weil sie die Blutgefäße komprimieren und damit die Blutzirkulation beeinträchtigen. Für immobile Patienten eignen sie sich aus diesem Grund nicht. Wichtig ist unter diesem Aspekt auch die optimale Passform, damit die Bandage nicht einschnürt oder zu locker­ sitzt und verrutscht.

Bandagenschein nötig

Aus therapeutischer Sicht werden Bandagen in zwei Gruppen eingeteilt: prophylaktische und therapeutische Bandagen. Erstere geben Halt, stützen bei sportlicher Betätigung und schützen vor Verletzungen, letztere dienen der Behandlung von Unfall- oder Operationsfolgen. Das Sortiment einer Apotheke an prophylaktischen Bandagen bestimmt der jeweilige Standort mit dem Kundenklientel. So werden Apotheken mit einem sportlichen Kundenkreis ein anderes Bandagensortiment führen als diejenigen Apotheken, die sich auf die Betreuung von Senioren spezialisiert haben. Welche therapeutischen Bandagen die Apotheken auf Verschreibung abgeben dürfen, regeln die Hilfsmittelverein­barungen mit den gesetzlichen Krankenkassen (GKV). In der Anlage »Bandagen« der Lieferverträge sind alle verordnungsfähigen Bandagen aufgelistet. Die Apothekenbetriebsordnung legt fest, dass nur diejenigen Apotheken zur Belieferung berechtigt sind, in denen mindestens eine Person über einen entsprechenden Sachkundenachweis verfügt, den so genannten Bandagenschein.

Vom Brustkorb bis zu den Armen

Nach Rippenfrakturen oder anderen Traumata im Bereich der Rippen kommen Rippenbruchbandagen wie Cellacare® Thorax F zum Einsatz. Das sind thoraxumfassende Gürtel, deren Kompressionswirkung sich mit Hilfe von Klettverschlüssen dosieren lässt. Im Hilfsmittelverzeichnis sind sie unter der Positions-Nummer (HM-Pos.-Nr.) 05.11.01 zu finden. Frakturen des Schlüssel­beines (Clavicula) werden mit Claviculabandagen ruhiggestellt. Diese Gurtbandagen (HM-Pos.-Nr. 05.09.02) schränken die Bewegungen des Trägers ein und üben eine Extensionswirkung auf die Clavicula aus.

Schultergelenk-Kompressionsbandagen (HM-Pos.-Nr. 05.09.01) umschließen den Oberarm und den Schulterbereich und wirken durch eine Kompression des Schultergelenkes. Zusätzliche Funktionselemente können eine Bewegungsrichtung therapeutisch einschränken, sichern oder ändern, beispielsweise Bauerfeind OmoTrain.

Ellenbogen-Kompressionsbandagen (HM-Pos.-Nr. 05.06.01) sind Bandagen aus Zweizugmaterial, die die Gelenkweichteile der Ellenbogenregion zirkulär komprimieren. Sie dienen der Behandlung chronischer, posttraumatischer oder postoperativer Reizzustände im Bereich des Ellenbogengelenkes. Zur Verstärkung der Massagewirkung können Pelotten aus Silikon im Bereich des Ellenbogens oder des Epicondylus, des Knochenfortsatzes des Oberarmknochens, eingearbeitet sein (zum Beispiel Epidyn®stabil). Epicondylitis-Bandagen entlasten den Sehnen­ansatz der Unterarmmuskulatur und üben Druck auf den Epicondylus aus. Sie haben sich bei der Behandlung des Tennisarmes (Epicondylitis) bewährt, so beispielsweise EpiTrain®.

Handgelenkbandagen wie BORT Stabilo® umfassen nur das Handgelenk und sind mit Klettverschlüssen in der Länge regulierbar. Sie können sowohl rechts als auch links getragen werden und passen für alle Größen. Handgelenkstützen (HM-Pos.-Nr. 05.07.02), beispielsweise ManuTrain®, reichen vom Handgelenk bis über die Mittelhand. Sie können zusätzlich mit Pelotten, einem anpassbaren Innenhandstab oder einem Handgelenkgurt ausges­tattet sein. Sie sind in verschiedenen Größen erhältlich. Sie dienen der Behandlung von Arthrose und Tendovaginitis oder zur posttraumatischen Versorgung. Komprimierende Daumen-Hand-Bandagen (HM-Pos.-Nr. 05.07.01, zum Beispiel von BORT) stützen­ das Daumengrund- und das -sattelgelenk und stabilisieren das Handgelenk mit Hilfe eines einge­fügten, vorgeformten Kunststoff­streifens. Sie werden zur Behandlung von Bandläsionen, Arthrose und Arthritis und nach Frakturen verwendet.

Mit Ausnahme der einfachen Handgelenkbandagen übernehmen die gesetz­lichen Krankenkassen die Kosten für diese Bandagen. Daumen-Hand-Bandagen sind nicht Bestandteil aller Lieferverträge.

Von der Lendenwirbelsäule bis zum Fuß

Mit einigen gesetzlichen Krankenkassen bestehen auch Verträge zur Belieferung mit Orthesen, die in der Produktgruppe 23 des Hilfsmittelverzeichnisses zusammengefasst sind.

Rückenbandagen (HM-Pos.-Nr. 23.14.03) entlasten die Lendenwirbelsäule und unterstützen die muskuläre Stabilisierung. Für eine gute Passform und faltenfreien Sitz bei Bewegung sorgen Verstärkungsstäbe aus Kunststoff. Im Bereich des Kreuzbeines können Pelotten positioniert sein, die sich individuell verschieben lassen (beispielsweise LumboTrain®). Narben- und Nabelbruchbandagen (HM-Pos.-Nr. 23.16.02) sind mit einer individuell anpassbaren Pelotte versehen, die auf das zu behandelnde Areal einen definierten Druck ausübt.

Zur Entlastung und Stabilisierung des Kniegelenkes kommen Kniebandagen (HM-Pos.-Nr. 15.04.01) zum Einsatz. Das Hilfsmittelverzeichnis unterscheidet dabei zwischen Kniebandagen zur Weichteilkompression wie GenuTrain®, Patellasehnenbandagen wie Sporlastic® Kasseler Patellarsehnenbandage und Kniebandagen zur Weichteilkompression mit zusätzlichen Funktionselementen wie BORT® Fillawant Kniebandage mit Patellaring aus Silikon. Patellasehnenbandagen sind im Unterschied zu Kniebandagen schmale, dauerelastische Kompressionsprodukte, die mittels einer Pelotte einen punktuel­len Druck auf die Patellasehne unterhalb der Kniescheibe (Patella) ausüben und auf diese Weise die Pro­priozeptoren, Rezeptoren zur Koordination der Muskeltätigkeit, stimulieren. Ihr Einsatzgebiet sind Muskelschwäche, Arthrose und Schmerzen im vorderen Kniebereich.

Die einfachsten Kniebandagen sind die Zweizug-Bandagen, rundgestrickte Produkte ohne Funktionselemente in der Kompressionsklasse II. Sie sind nicht im Hilfsmittelverzeichnis aufgeführt und können nicht auf Kassenrezept verordnet werden.

Sprunggelenkbandagen (HM-Pos.-Nr. 05.02.01) dienen der Stabilisierung des Fußgelenks nach den verschiedensten Verletzungen. Zweizug-Knöchelstützen (zum Beispiel MalleoTrain®) üben einen dosierten Kompressionsdruck aus, der für eine schnellere Resorption von Ödemen und Hämatomen sorgt. Pelotten leiten den Druck vom Knöchel weg auf das umliegende Gewebe. Achillessehnenbandagen wie BORT select AchilloStabil® Plus werden nach einer Ruptur der Achillessehne angelegt. Sie reichen bis zum Ansatz der Wade und wirken hauptsächlich über ihren Massageeffekt im permanenten Wechsel von Kompression und Dekompression.

Metatarsal-Bandagen (HM-Pos.-Nr. 05.01.01) wie Metarso® benutzt man zur Behandlung des Spreizfußes und von Schmerzen im Mittelfuß. Sie führen die Knochen des Mittelfußes zusammen und richten das Quergewölbe wieder auf, während eine Pelotte den Mittelfuß von unten stützt. Ihr Kompressionsdruck unterstützt die Bänder des Metatarsalgewölbes.

Hallux-Valgus-Korrekturorthesen (HM-Pos.-Nr. 23.01.01) sind Lagerungsschienen zur Korrektur bei einer X-Fehlstellung der Großzehe. Ein einstellbarer Verschluss ermöglicht die stufenlose Einstellung des Korrekturdruckes. Die Orthese wird ohne Schuhe getragen und ist nicht zum Gehen geeignet. Sie sichert den Behandlungserfolg nach einer Hallux-Operation. Die Apotheken sind gegenüber den meisten gesetzlichen Krankenkassen für diese Orthesen nicht lieferberechtigt.

Gute Beratung in der Apotheke

Die auf Rezept verordneten therapeutischen Bandagen gibt es in verschiedenen Größen, weshalb in der Apotheke zunächst die Maße des Patienten bestimmt werden müssen. Aus den Katalogen der Hersteller ist ersichtlich, an welchen Punkten Maß genommen wird, denn diese sind von Hersteller zu Hersteller verschieden. Wenn es die Lieferverträge erlauben, ist es für die Apotheke sinnvoll, sich auf einige wenige Hersteller zu beschränken, um Fehler beim Messen zu vermeiden.

PTA und Apotheker sollten ihre Kunden­ darauf hinweisen, dass sie die Bandage sofort ablegen, wenn starke Schwellungen, Schmerzen oder Sensibilitätsstörungen auftreten. Generell sind Bandagen von Hand bei maximal 30 ° C ohne Weichspüler waschbar und sollten liegend trocknen, keinesfalls jedoch auf der Heizung oder im Wäschetrockner. Pelotten und Verstärkungsstäbe werden nach Möglichkeit vorher entfernt und mit einem feuchten Tuch gereinigt. Bandagen mit einem hohen Baumwollanteil können an Elastizität verlieren, durch das Waschen gewinnen sie jedoch ihre Festigkeit zurück. Besonders wichtig ist die regelmäßige Pflege, wenn unter der Bandage Salben angewendet werden. Manche Salben können das Material der Bandagen angreifen­, eine vorherige Nachfrage beim Hersteller lohnt in Zweifelsfällen.

Bandagen zum Verkauf im Rahmen der Selbstbehandlung sollten nur nach Anprobe abgegeben werden. PTA und Apotheker prüfen dabei mit einem Finger unter dem Rand der Bandage, ob der Kompressionsdruck ausreichend, aber auch nicht zu hoch ist. Es empfiehlt sich, ein Bandagensortiment von zwei verschiedenen Herstellern in sämtlichen Größen vorrätig zu haben, denn innerhalb einer Produktgruppe gibt es Unterschiede in der Passform zwischen den einzelnen Herstellern. Gute und erschwingliche Produkte gibt es beispielsweise von den Firmen 3M (Futuro®), Lohmann & Rauscher (ratio­line®) und Beiersdorf (Hansaplast®). /