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Hope Bridges Adams Lehmann

Die erste Ärztin

25.11.2013
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Von Ralf Daute / Sie schnitt sich die Haare kurz, um als Studentin unter Männern nicht aufzufallen: Hope Bridges Adams Lehmann schloss als erste Frau in Deutschland ein Medizinstudium ab.

Adams Lehmann war berufstätige Mutter, geschieden und hatte wieder geheiratet. Sie engagierte sich politisch, und auch noch links, – all dies im ausgehenden 19. Jahrhundert. Diese Kurzbeschreibung ihrer Lebensgeschichte allein würde schon ausreichen, um zu zeigen, dass sie in dieser Epoche ein bemerkenswertes Leben führte. Doch bei Hope Bridges Adams Lehmann, die am 17. Dezember 1855 in Halliford bei London geboren wurde, sind diese biografischen Details nur die Zugabe zu einer Lebensleistung, die ihr schon im Alter von 25 Jahren zur Berühmtheit verhalfen: Die Engländerin war die erste Frau, die in Deutschland ein Medizinstudium mit Staatsexamen abschloss und die erste praktische Ärztin und Gynäkologin in München.

Hope Bridges Adams war die jüngste Tochter eines englischen Eisenbahningenieurs und seiner dritten Ehefrau. Als der Vater starb, wanderte sie aus unbekannten Gründen – mit einem College-Abschluss in der Tasche – nach Deutschland aus. In Leipzig schrieb sie sich an der Universität zum Winter­semester 1876/77 als Gasthörerin für das Fach Medizin ein; offiziell durften zu jener Zeit Frauen im Deutschen Reich nicht studieren. Während des Studiums schnitt sie sich die Haare kurz und lief in Männerkleidung umher, um an der Universität nicht aufzufallen.

 

Als Studentin kämpfte die junge Frau an allen Fronten mit Widerständen: mit männlichen Professoren, die nicht akzeptieren wollten, dass auch Frauen als Ärzte geeignet sind, mit verständnislosen Kommilitonen, mit Behörden, die ebenfalls nicht begreifen konnten, warum eine Frau ein Leben jenseits von Küche und Kindern anstrebte. Doch die Engländerin ließ sich nicht aufhalten und beendete 1880 als erste Frau in Deutschland erfolgreich ihr Medizinstudium.

 

Mühsamer Weg

Auch für das Staatsexamen erhielt sie keine offizielle Erlaubnis, allerdings wurde ihr zugestanden, zu den gleichen Bedingungen wie ihre männ­lichen Mitstudenten die Prüfung abzulegen. Danach wollte sie eine Doktor­arbeit schreiben, doch dieses Gesuch lehnte die Universitätsleitung ab. Wieder ließ sich Hope Bridges Adams nicht stoppen: Sie zog nach Bern und promovierte dort über die Hämoglobinausscheidung in der Niere. Im Jahr 1881 erhielt sie in Dublin die Approbation und durfte fortan als Ärztin tätig sein.

 

Nach Deutschland zurückgekehrt führte sie mit ihrem ersten Ehemann Otto Walther zunächst eine Praxis in Frankfurt am Main, und dann, nach erfolgreich überstander Tuberkulose, ein Lungensanatorium im Schwarzwald. Nachdem die Ehe 1895 geschieden wurde, heiratete sie ein Jahr später Carl Lehmann, in den sie sich einige Jahre zuvor verliebt hatte. Sie zog nach München und arbeitete in seiner Praxis. Offiziell erlaubt wurde ihre Tätigkeit erst einige Jahre später durch einen Beschluss des Bundesrats.

 

In den Münchner Jahren trat sie für die Friedensbewegung und für die Emanzipation der Frauen ein – was sich auch darin äußert, dass sie bei ihrer zweiten Heirat ihren Geburtsnamen nicht ablegte und sich fortan Adams Lehmann nannte. Zu ihrem Freundeskreis zählten August Bebel, der Begründer der Sozialdemokratie, und die Sozialistin Clara Zetkin. Lenin, der russische Revolutionär, nutzte die Adresse ihrer Münchner Wohnung in der Gabelsbergerstraße als Deckanschrift.

 

Adams Lehmanns Glaube an den gesellschaftlichen Fortschritt schlug sich nieder in ihrem zweibändigen »Frauenbuch«. In diesem richtungsweisenden Ratgeber, der 1896 veröffentlicht wurde, vermittelte sie Frauen nicht nur medizinisches Grundwissen, sondern gab ihnen Ratschläge zu fast allen Lebensbereichen: von richtiger Ernährung über Körperpflege bis hin zu Bekleidungsfragen. Unter anderem riet Adams Lehmann Frauen davon ab, ein Korsett zu tragen. Das Buch erwies sich als Kassenschlager, und innerhalb kurzer Zeit waren 40.000 Exemplare verkauft.

Was Adams Lehmann in dem Buch zu sagen hatte, setzte sich von den bis dato herrschenden Vorstellungen mehr oder minder deutlich ab. Zur Enthaltsamkeit schrieb sie beispielsweise: »Eine gesunde Frau kann ohne Geschlechtsgenuss gesund bleiben … Unter günstigen Verhältnissen aber wird die Körperentwicklung und mit ihr das geistige Vermögen bei Geschlechtsverkehr und Mutterschaft vollkommener sein ... Die Frau wird durch die normale Ehe nicht geschädigt, sondern gefördert, die abnorme Ehe ist es, die ihre Gesundheit untergräbt, die Lieblosigkeit..., die Ansteckung, die Untreue und die gesellschaftlichen Verhältnisse, welche mit der Ehe an sich nichts zu tun haben, Überanstrengung, Hunger, Sorge und Schmutz.«

 

Praktische Tipps auf der einen Seite, gesellschaftliche Utopien auf der anderen: In München plante Adams Lehmann ein Frauenkrankenhaus, das sich völlig von den vorherrschenden Vorstellungen, wie ein Krankenhausbetrieb zu organisieren sei, absetzte. Nicht einmal Krankenhaus sollte es heißen, sondern Frauenheim.

 

Großes Mitspracherecht

Die Biografin Marita Krauss schreibt: »So sollten … die Mitglieder des Trägervereins ›Frauenheim‹, dem die Patientinnen beitraten, den Chefarzt wählen. Durch ihre Mitgliedschaft befänden sie sich in einem Haus, das ihnen gehört, und nicht in einer Anstalt, so Adams Lehmann. Die Klassenmedizin war aufzuheben, arme und reiche, ledige wie verheiratete Frauen konnten in diesem Krankenhaus den gleichen Komfort genießen. Hinzu kam die Forderung nach Transparenz des ärztlichen Tuns: Gründe der Behandlung, Ergebnisse und Art der Operation waren den Patientinnen mitzuteilen und schriftlich mit nach Hause zu geben.«

 

Verwirklicht wurde das ambitionierte Vorhaben der Ärztin indes nie. Auch ihr Plan einer revolutionären Schule mit neuen Erziehungsformen scheiterte. Einen Teil der Ideen realisierte sie dann in einem Kindergarten. Vieles von dem, was sie dort in Angriff nahm, ist in den Kindergärten von heute Standard. Nach den Vorstellungen von Adams Lehmann sollten diese keine Verwahranstalten sein, sondern geistige Anregungen bieten, unter anderem, indem die Kinder dort bereits sehr früh Lesen, Schreiben und Fremdsprachen lernen sollten.

 

Das Projekt des Frauenheims scheiterte unter anderem daran, dass der Ärztin illegale Abtreibungen vorgeworfen wurden. Im Jahr 1914 kam es sogar zu einer Anklage. Doch Adams Lehmann konnte belegen, dass jedem Eingriff eine medizinische Indikation vorangegangen war. Die Belastungen durch die juristische Auseinandersetzung griffen die Gesundheit der Medizinerin an. Nachdem im Jahr 1915 ihr Mann an einer Blutvergiftung gestorben war, erkrankte sie erneut an Tuberkulose. Am 10. Oktober 1916 starb sie im Alter von 61 Jahren in München an den Folgen des Leidens. /

Marita Krauss sorgt dafür, dass Hope nicht völlig in Vergessenheit gerät: Die Historikern trägt seit vielen Jahren zum Teil winzige Mosaiksteinchen zum Leben von Hope Bridges Adams Lehmann zusammen. So konnte die Lehrstuhlinhaberin für Bayerische und Schwäbische Landesgeschichte an der Universität Augsburg nach und nach eine aufregende Biografie rekonstruieren.

 

Marita Krauss: Hope

Dr. Hope Bridges Adams Lehmann.

Ärztin und Visionärin. Die Biografie.

Volk Verlag 2009, 216 Seiten, über 100 Abbildungen, 19,90 Euro

ISBN 978-3-937200-69-9

E-Mail-Adresse des Verfassers

ralf.daute(at)me.com

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