PTA-Forum online
Allzeithoch für Feines

Gut betucht

25.11.2013
Datenschutz

Von Annette Behr / Tücher sind zu jeder Jahreszeit unverzichtbar. Als Hingucker und wärmende Accessoires dürfen sie im Winter ruhig einmal größer, üppiger und luxuriöser sein.

»Ich bin gegen Mode, die vergänglich ist«, hat Coco Chanel einmal gesagt. Und weiter meinte die berühmte Modeschöpferin, dass sie kein Kleidungsstück ausrangiere, nur weil eine andere Jahreszeit herein bricht. Recht hat sie, finde ich. Besonders einfach lebt nach diesen Prinzipien, wer seinen Kleider-Basics durch ergänzende Accessoires immer wieder ein anderes Outfit verleiht. Als Allheilmittel gegen uniform­artige Kleidungsstücke hat das gute alte Tuch vor allem in der kalten Jahreszeit Hochkonjunktur. Verschiedene Größen, Designs und Materialien runden seine Allrounder-Qualitäten ab.

Das leuchtend türkis-grün-blaue Etwas stach aus der Menschenmenge hervor: ein wunderschönes Tuch einer Frau, die ich nicht kannte. Sie war ebenfalls zu Gast auf der Hochzeitsfeier meiner Freundin. Während des Festes ließ ich die Frau nie ganz aus den Augen, bis ich am frühen Morgen plötzlich neben ihrem Tuch saß. Sie hatte es zum Tanzen auf einer Bank abgelegt. Es handelte sich mehr um eine Stola, also ein breiteres Stück Stoff, mit langen blauen Fransen. Ansonsten fand ich es aus der Nähe betrachtet noch schöner, weil ich die Muster jetzt im Detail erkennen konnte. Dazu war es seidig glatt und dennoch weich und warm. »Den Blick kenne ich«, sagte plötzlich eine Stimme neben mir. Die Dame hatte ausgetanzt und berichtete mir nun lächelnd, in diesen »Grand Foulard« hätte sie sich vor Jahren in einer Mailänder Boutique verliebt. Wo sonst, dachte ich. Das dann folgende Gespräch rundete die schöne Nacht perfekt ab. Seitdem denke ich häufig daran und an das wunderbare Tuch.

Meinen Schuh- und Taschentick habe ich fast abgelegt, dafür kaufe ich aktuell lieber Schals und Tücher. Die eignen sich wunderbar zum Tauschen und als Geschenk, nicht nur für andere. Denn besonders Frauen können nie genug feines Tuch besitzen, in Sachen Mode ist dieses Accessoire unverzichtbar.

Tuch ist nicht gleich Tuch

Laut Experten-Guide dreht sich die Tuchwelt um die fünf Maße XS bis XL, angefangen beim klassischen Einstecktuch für den Mann sowie Stewardessen-Halstuch in 44 mal 44 Zentimetern, gefolgt vom Bandana mit 55 mal 55 Zentimetern und dem Carré entweder in 90 mal 90 oder 110 mal 110 Zentimetern. Der Klassiker der üppigen Frauentücher benötigt schon 140 mal 140 Zentimeter Material, der Pareo 140 mal 20 Zentimeter.

Stola oder Loop

An diesen großartigen Stoffstücken finde ich wunderbar, dass sich damit Körperteile bedecken und gleichzeitig schmücken lassen. Selbstverständlich umschmeicheln sie nackte Schultern und erlauben Einblicke in das Dekolletee. Ein wertvolles Tuch peppt aber auch das schlichteste Kleidungsstück auf. »Ein edles Tuch ist Schmuck und Statement eines jeden Tages«, pflegte meine Patentante Sophia zu sagen. Meine Vorliebe für wertvolle Stoffe muss ich wohl von ihr »geerbt« haben. Inzwischen besitze ich Tücher und Schals in allen Größen, Farben und Materialien: aus leichter Baumwolle, Seide, Chiffon, Leinen, Lammwolle und in den verrücktesten Mixvarianten. Der Renner der Saison ist der »Loop«. Der Schlauch beziehungsweise Röhrenschal ist an den Enden zusammengenäht. Jüngere Frauen und Männer tragen derzeit längere Loops wie eine Halskette. Andere wickeln sich die moderne Schal-Variante mehrfach um den Hals. Wollschals von bis zu 2 Meter Länge sind auch wieder angesagt. Diese hängen entweder lässig über den Schultern oder wie ein Wasserfall den Rücken herunter.

Der Ordnung halber muss ich noch erwähnen, dass Tücher je nach Format und Binde-, beziehungsweise Wickeltechnik andere Namen erhalten, unter anderem Twister, Wasserfall, geflochtener Zopf, Piratentuch oder Schleife. Ihren gebrochenen Arm legte Grace Kelly im Jahr 1956 in eine Hermès-Tuch-Schlinge. »Nobel geht die Welt zugrunde«, kommentierte Tante Sophia derlei exklusives Verhalten. Wie Frauen und Männer Tücher tragen und welche sie wählen, hat selbstverständlich etwas mit ihrem Stil und der Mode zu tun. Eine alte Weisheit ist, dass ein schönes Tuch jedem Dress, ob klassisches Kostüm, Hosen­anzug oder Jeans, den individuellen Pfiff gibt. Doch damit nicht genug: Zusätzlich schützen und wärmen Tücher, Schals und Stolen. Sie schmeicheln nicht nur dem Hals, sind Mode-Hit und praktisch noch dazu. Meine Freundin bastelt aus einem ihrer unzähligen Tücher flott einen Turban, um ihre schlecht sitzende Frisur zu kaschieren. Als Sonnenschutz ist es ebenfalls unerlässlich. Und falls die Tasche beim Einkaufen einmal zu klein wird, hilft eine aus einem großen Leinetuch geknotete weiter. Zu guter Letzt lassen sich natürlich auch kleine Kinder wunderbar in Tücher wickeln und am Körper tragen.

Ran an den Mann

Das minimalistische Tuch, die Krawatte, tragen noch immer viele Männer als Geschäftskleidung. Wer es aber darf und kann, trägt inzwischen gerne lässig gewundene Schals um den Hals. Mittlerweile gibt es Schal- und Nicht-Schalträger in der Männerwelt. Der Potsdamer Modedesigner Wolfgang Joop sieht in seinen lässig drapierten Schals nicht nur ein modisches Understatement. Es gehöre fest zu ihm, erklärte er in einem Zeitschrifteninterview. Und: »Das Tuch stellt eine Art Schutzschild für mich dar und gleichzeitig ist es ein Zeichen meiner künstlerischen Ader. Und da ich kein Krawattenträger bin, setzte ich eben auf Schals und Tücher.«

Da war er wohl einmal wieder Trendsetter, denn in einem Männermagazin las ich, dass der modebewusste Mann selbstverständlich die sogenannten »Statement Scarves«, also Schals mit Aussage in XXL-Ausführungen trägt. Demnach ist sogar ein Seidenschal wieder »in«, er verleihe seinem Träger etwas »Dandyhaftes«. Ein wenig Extravaganz sollten sich auch die Männer gönnen, finde ich. Endlich keine Socken oder Krawatten mehr unter den Weihnachtsbäumen. Dafür ein schönes Tuch oder ein handgestrickter Schal für Vater, Bruder und den Liebsten.

Lammwolle oder Cashmere

Apropos: Beschenken darf sich selbstverständlich jeder ganzjährig auch selbst. Ich liebäugle schon seit Jahren mit einer Stola, ähnlich dem Mailänder-Tuch. Das Unternehmen Edelziege aus Plauen in der Nähe von Berlin verwendet für seine Produkte Yak- und Kamelwolle oder Cashmere von frei lebenden Tieren aus der Mongolei. Bisher habe ich mich nicht zum Kauf entschlossen, weil das riesengroße Luxustuch einen stattlichen Preis hat. Den Rohstoff für das Feinste vom Feinen, die Cashmere-Wolle, liefern Ziegen von 20 verschiedenen Rassen. Weil es in den Hochtälern des Himalajas eisig kalt wird, bilden die Tiere feines und sehr hochwertiges Unterhaar aus, feiner als die dünnste Schafwolle. Das Unterhaar wird entweder vom Boden aufgesammelt oder ausgekämmt. Eine Ziege liefert jährlich etwa 120 bis 300 Gramm Rohmaterial. Das wird gewaschen, aussortiert und dann verkauft. Reine Cashmere-Wolle ist daher ein rares Gut, denn weltweit leben nur etwa 100 Millionen dieser Ziegen. Über den Preis eines solch hochwertigen Tuches bestimmt dann noch der Material-Mix, die Verarbeitung und Färbung. Dafür funktioniert es, zusätzlich zu seiner Schönheit, wie eine Art Klimaanlage: angenehm kühl im Sommer und warm im Winter, also quasi eine Allzweckwaffe für jede Art von Wetter und Stimmung. Irgendwann werde ich mir die edle Kostbarkeit gönnen. Bis dahin bin ich trotzdem gut betucht. Denn immerhin nenne ich auch ein Pashminatuch mit Cashmereanteilen und Seide mein eigen, ein Erbstück meiner Patentante. Ganz im Sinne Coco Chanels. /

E-Mail-Adresse der Verfasserin

blaubehr(at)gmx.net