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Baldrian

Katzenglück und Hexenschreck

25.11.2013
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Von Ernst-Albert Meyer / Heute schätzen viele Menschen Baldrian als pflanzliches Beruhigungs- und Schlafmittel. Früher gehörte er in die Gruppe der Zauberpflanzen. Die Volksmedizin pries ihn vor allem als Pestmittel, aber auch zur Vertreibung von Hexen und Dämonen.

Die Menschen im Mittelalter waren davon überzeugt, dass sie mit Hilfe der »Krafft und Tugenden der Kräuter und allerhandt Erdtgewächsen« Wunder­liches und Unglaubliches erleben könnten. Doch wie kam eine Pflanze in den Ruf, Zauberkräfte zu besitzen? Den »gemeinen Mann« haben schon immer besonders außergewöhnliche Pflanzen interessiert: Pflanzen, die zu ungewöhnlicher Zeit blühen wie die Christrose. Pflanzen mit auffälligen Blütenformen oder mit Wurzeln von eigenartiger Gestalt, wie die menschenähn­liche Wurzel der Alraune (Mandragora officinarum). Auch die Mistel, die auf Bäumen wächst, oder die Farne, die sich ohne Blüten und Samen vermehren, waren den Menschen nicht geheuer. Und vom Ungewöhnlichen zum Unheimlichen und Magischen ist es oft nur ein kleiner Schritt. Jahrhunderte lang vom Dunstkreis des Aberglaubens umgeben waren vor allem Pflanzen mit einem starken Geruch, beispielsweise Knoblauch, Dill, Wilder Dost – und Baldrian. Auch das »Anwendungsgebiet« dieser intensiv riechenden Pflanzen blieb über Generationen unverändert. »Baldrian, Dost und Dill, kann die Hex’ nicht, wie sie will,« sagte der Volksmund. Damit war alles klar: Hexen, böse Geister, Dämonen und sogar der Teufel können den starken Duft dieser Pflanzen nicht ertragen und werden von ihm vertrieben. Die Menschen waren damals froh, mit diesen aromatischen Kräutern eine starke Waffe zu besitzen. Sie waren fest davon überzeugt, sich so vor Bösewichtern schützen sowie Leben, Haus und Besitz vor Schaden bewahren zu können. Jedermann in Mittelalter und früher Neuzeit glaubte an die leibhaftige Existenz des Teufels und seiner Mitarbeiterinnen, die Hexen.

Medizin früherer Zeiten

Die griechischen und römischen Ärzte der Antike gaben Baldrian den Namen »phu«. Ob damit der Echte Baldrian (Valeriana officinalis L.) oder eine verwandte orientalische Baldrian-Art gemeint war, lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit feststellen. Der Name Valeriana steht zum ersten Mal in den lateinischen Schriften des Mittelalters. Lateinisch »valere« bedeutet gesund sein, kräftig sein. Die Wurzel der Pflanze war schon damals als starkes Heilmittel sehr geschätzt. Der griechische Arzt Dioskurides (1. Jh. n. Chr.) empfahl die Wurzel als erwärmendes und harntreibendes Mittel. Außerdem sollte sie die Menstruation fördern sowie gegen Seiten­stechen helfen. Zusätzlich war Baldrian Bestandteil von Gegengiften (Antidota).

Die meisten Autoren des Mittelalters übernahmen die therapeutischen Empfehlungen von Dioskurides. Die heilkundige Nonne Hildegard von Bingen (1098 bis 1178) riet dazu, Baldrianwurzel noch zusätzlich als Gichtmittel anzuwenden. Im 16. und 17. Jahrhundert ergänzten und erweiterten die Autoren der bekannten Kräuterbücher die Anwendungsgebiete der Baldrianwurzel. So kamen Atembeschwerden, Sehschwäche, Husten, Kopfschmerzen, Würmer bei Kindern, Pest sowie Wund- und Stichverletzungen hinzu.

Otto Brunfels zählte in seinem Kräuterbuch aus dem Jahr 1534 folgende neue »kräffte« des Baldrians auf: »… Daz wasßer gedistilliryt davon / ist gut für ynnerliche geschwulst. Für die würm im Bauch / den kindern geben. Erwärmt die kalten adern und glyderen. Heylet allerlei wunden … Man mag es auch in die Augen thun.«

In der frühen Neuzeit wurde Baldrian auch zur Behandlung der sogenannten heiligen Krankheit, der Epilepsie eingesetzt. Aus heutiger Sicht ist auffällig, dass bis zum 19. Jahrhundert kein Autor die Nerven beruhigenden und Schlaf fördernden Eigenschaften dieser Heilpflanze erwähnte. Erst der deutsche Arzt Christoph Wilhelm Hufeland (1762 bis 1836) erkannte diesen Wert der Baldrianwurzel und schrieb: »Es ist eines der besten Nervenmittel, das ich kenne, zur Stärkung und Regulierung des Nervensystems, wo lange und als Tee, früh und abends, täglich zwei Esslöffel zum Aufguss gebraucht wird. Ich habe dadurch langwierige Nervenschwäche, Hysterie, Krämpfe aller Art verschwinden sehen.«

Hilfe gegen die Pest

Jahrhunderte lang lebten die Menschen in Europa in ständiger Angst vor der Pest. Gegen die Seuche gab es damals keine wirksame Hilfe, sie kostete Millionen Menschen das Leben. Kein Wunder, dass sich die Menschen in ihrer Verzweiflung auch Hilfe von Zauberpflanzen erhofften. Doch hier gilt es zu unterscheiden: Einige Zauberpflanzen setzten die Menschen früher als Heilmittel gegen Krankheiten ein, andere wiederum sollten Erkrankungen vorbeugen. Zu der letzten Gruppe gehört der Echte Baldrian als altes Mittel der Volksmedizin bei seuchenartigen Erkrankungen. Als einst die Pest große Teile der Bevölkerung dahinraffte, und niemand Rat und Hilfe wusste, hörten die Menschen angeblich eine Stimme sagen: »Ihr sollt brauchen Baldrian, Dorant und Weihrauch!« Dort, wo sie diesen Rat beherzigten, hörte das Sterben auf.

Viele Sprüche und Sagen

Von der Anwendung des Baldrians als Pestmittel berichten viele alte Sagen und Sprüche. So sagten beispielsweise die Sachsen: »Trinkt Baldrian, Sonst müsst ihr alle dran.« In Schlesien hieß es zu Zeiten der Pest: »Koch, koch Baldrian, Es wird schon wieder besser wa’n.« Und im Vogtland war der Spruch bekannt: »Trinkt Baldrian, Sonst kommt ihr alle davon!«

Die Apotheker bereiteten zur Prophylaxe folgende Arznei: »Es solle die Baldrianwurzel in Pestzeiten zu kleinem Pulver gestoßen, mit Wacholder Saltzen und wenig Essig zu einer Latwerg (Honig haltige Arznei) vermischt werden.« Davon nahmen die Menschen am Morgen zwei oder drei Messerspitzen ein. Zur Erinnerung an die vor Pest schützende Kraft dieser Heilpflanze gaben die Leute im Erzgebirge auch noch später Baldrian in das erste Bad eines Neugeborenen. Damit wollten sie alle Seuchen – vor allem die Pest – von ihm fernhalten.

Wider Teufel und Hexen

Der Volksmund kennt für den Echten Baldrian eine Vielzahl von Namen, beispielsweise Hexenkraut, Katzenbuckel, wilder Bertram, Theriakswurzel, Bullerjahn und Augenwurz. Der charakteristische Geruch der Wurzel zieht Katzen an und versetzt sie in einen Taumel der Glückseligkeit. Im festen Glauben, mit starken Gerüchen böse Geister vertreiben zu können, praktizierten die Menschen in der Antike so manchen, aus heutiger Sicht äußerst wunderlichen Brauch. Räucherungen beziehungsweise Rauch­opfer wurden meist von Priestern durchgeführt.

Im Mittelalter versuchten die Bauern mit allen erdenklichen Mitteln, Krankheiten von ihrem wertvollsten Besitz, den Tieren, fernzuhalten. Erkrankte das Vieh, schwoll einer Kuh das Euter an oder gaben die Tiere keine Milch mehr, so konnten nur Hexen und Zauberer ihre Hand im Spiel haben. Weit verbreitet war der Aberglaube, dass Hexen durch ihre Zauberkraft Kühe aus der Ferne melken können. Um ihr Vieh gegen die Kräfte des Bösen zu schützen, hängten die Bauern Baldrian und Wilden Dost (Origanum vulgare) in den Ställen auf. Betrat dennoch eine Hexe den Stall, war sie von dem Geruch geschockt und verließ diesen blitzschnell mit dem Spruch: »Baldrian und Dost, Dos hon ech nit gewoßt«, so der damalige Glaube.

Nachdem eine Kuh gekalbt hatte, setzten die Bauern den ersten drei Eimern Wasser Baldrian und Dost zu. Bereitete die Butterherstellung einer Bäuerin Schwierigkeiten, flocht sie einen Kranz aus Baldrian und goss den »behexten« Rahm hindurch. Um möglichst schnell zu erkennen, dass eine Hexe den Raum betrat, hängten die Menschen damals Büschel aus Baldrian mit einer Schnur an die Decke der Stuben. Trat eine Fremde oder ein Fremder in die Stube, so schauten die Menschen kurz nach oben. Bewegte sich die »Unruhe«, wie der Baldrian-Strauß damals genannt wurde, war klar, dass eine Hexe oder auch ein Hexer in die Stube kam.

Wie sehr der Teufel angeblich den Baldrian fürchtete, beschreibt folgende Geschichte: Im September ging ein Junge zum Nüsse sammeln in den Wald. Dabei geriet Baldrian­kraut in seine Schuhe. Plötzlich tauchte der Teufel auf, um den Jungen zu quälen. Doch als der Teufel den Baldrian in den Schuhen des Jungen erblickte, schrie er voller Wut und suchte schnell das Weite.

Doch der Aberglauben des Volkes schrieb dem Baldrian als Zauberpflanze noch weitere übernatürliche Eigenschaften zu. Aus dem Mittelalter wird beispielsweise berichtet, dass Scharfrichter mit einem zu weichen Herzen vor jeder Hinrichtung eine Baldrianwurzel kauten. Danach – so ihre feste Überzeugung - konnten sie sie ihre Aufgabe ruhig und sicher ausführen.

Und wollten Männer beim anderen Geschlecht immer erfolgreich sein, sollten sie das folgende Rezepte aus dem 15. Jahrhundert beherzigen: »Nimm Baldrian in den Mund und küsse die, die du haben willst; sie gewinnt dich gleich lieb!« Oder der junge Mann sollte eine Baldrianwurzel bei sich tragen und sobald er ein Mädchen sah, dass ihm gefiel, folgenden Zauberspruch aufsagen: »Baldrian, greif dran!« Und die Maid würde ihm keinen Wunsch abschlagen.

Angler und Imker

Angler auf Forellenfang sollten vorher ihre Regenwürmer mit Baldrian in Berührung bringen. Das garantiere einen guten Fang. Eine Baldrianwurzel in den Bienenstock gelegt, sorge dafür, dass die Bienen nicht ausschwärmen. Im Gegenteil, der Baldrian ziehe sogar noch fremde Bienenvölker an, so ein weiteres Beispiel für den damaligen Aberglauben. /

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