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Verspannte Muskulatur

Eine schmerzhafte Erfahrung

26.11.2014  10:00 Uhr

Von Susanne Poth / Viele Jogger und Mountainbiker nutzen die letzten wärmenden Sonnenstrahlen im Herbst für sportliche Außen­aktivitäten. Doch was tun, wenn danach die Muskeln plötzlich heftig schmerzen? Mit dieser Frage wenden sich die Betroffenen meist an PTA oder Apotheker, denn sie möchten die Beschwerden schnell bekämpfen und nicht auf einen Arzttermin warten.

Die Sonne brennt nicht mehr so stark und es weht oft sogar ein angenehm kühlender Wind. Das erleichtert im Herbst das Erklimmen kleiner und größerer Anhöhen, ob zu Fuß oder auf dem Rad. Trotzdem ist die Sportkleidung nach der Anstrengung meist schweißgetränkt, wenn Radler ihr Ziel erreichen. Geschafft! Abstieg vom Rad in Vorfreude auf das alkoholfreie Weizenbier. Doch plötzlich schießt es der jungen Radlerin wie ein Pfeil in den Rücken.

»Schutzverspannung« nennt dies die Physiotherapeutin und Osteopathin, deren Praxis die Betroffene am nächsten Tag aufsucht. Fachmännisch betrachtet sie die Wirbelsäule, tastet sie ab und überprüft den Beckenstand. Alles ist dort, wo es hingehört, kein Wirbel ist blockiert. Tatsächlich ist »nur« die Muskulatur betroffen, was das Ganze allerdings nicht weniger schmerzhaft macht.

Beim Hexenschuss (Lumbago), wie diese Form der Muskelverspannung im Volksmund heißt, wölbt sich die Bandscheibe zwischen den Rückenwirbeln hervor und drückt kurzzeitig auf den Nerv. Dadurch schießt der Schmerz blitzartig in die Lendengegend. Um den verletzten oder gestörten Bereich zu schützen, verspannen sich daraufhin bestimmte Muskelgruppen im Rücken und führen zu einer gekrümmten Zwangshaltung. Häufig hält diese Schutzverspannung dann erheblich länger an, als die Verletzung dauert. Zum Hexenschuss kommt es oft – wie bei der Bikerin – durch die Kombination aus seitlicher Verdrehung und Krümmung der Wirbelsäule. Besonders gefährlich wird es, wenn der Körper durch den sogenannten Windchill-Effekt auskühlt, dem der überhitzte Körper während des Sports bei Wind oder durch Zugluft ausgesetzt ist (siehe Kasten).

Die Angst im Nacken

Häufig verspannen und verhärten sich Nacken- und Schultermuskulatur. Dann sind meist folgende Muskeln verkürzt:

  • der Obergrätenmuskel, der horizontal oberhalb der Schulter verläuft,
  • der Trapezmuskel, der sich wie eine hängende Kapuze von Nacken über den Rücken zieht und
  • der Schulterblattheber, der vom ersten bis vierten Halswirbel zum Schulterblatt verläuft.

Die Situationen, die zu Muskelverspannungen führen, sind zahlreich. So kann beispielsweise eine ungünstige Schlafhaltung über Nacht der Auslöser sein. Oft sind sie jedoch die Folge einer verkrampften Haltung bei der Computerarbeit oder einer exzessiven Anspannung beim Betätigen von Spiel­konsolen. Häufig unterschätzen Betroffene die Tatsache, dass auch seelische Ursachen körperliche Symptome nach sich ziehen können. Das kann der Fall sein, wenn Stress den Alltag bestimmt und einem die Angst buchstäblich im Nacken sitzt. Diese psychische Anspannung erhöht dann den Muskeltonus: Die Muskulatur verspannt und schmerzt. Laut Expertenmeinung gehen etwa 40 Prozent der Nacken- und Schulterverspannungen auf das Konto von Konflikten, Angst, Überforderung und anderen Stressoren.

Windchill

Die Begriffe Windkühle oder Windfrösteln (engl. Windchill) beschreiben den Unterschied zwischen der gemessenen und der gefühlten Lufttemperatur in Abhängigkeit von der Windgeschwindigkeit. Sie drückt also aus, wie Menschen eine Temperatur bei zunehmender Windstärke empfinden: Denn je höher die Windgeschwindigkeit ist, umso kühler erscheint subjektiv die Temperatur.

Der Sinn des Schwitzens ist ja bekanntlich, dass der Körper durch Verdunstung des Schweißes gekühlt wird. Der Übergang des Wassers von der flüssigen Phase in die gasförmige benötigt Energie, die dem Körper entzogen wird. Der Wind beschleunigt diese Verdunstung und somit den Ausgleich der Oberflächentemperatur des Körpers mit der Umgebungstemperatur der Luft. Dies empfindet der Betroffene als stärker kühlend.

Neben dem sehr plötzlich auftretenden Symptom der Schutzverspannung entwickeln sich manche Formen der Muskelverspannung durch eine vorübergehende oder sogar chronische Belastung eher schleichend. So führen Stress, Überanstrengung und Fehlhaltung dazu, dass sich der Tonus der Skelettmuskulatur dauerhaft erhöht. Dadurch werden die kleinen Blutgefäße im Muskel zusammengedrückt und das Muskelgewebe wird nicht mehr ausreichend durchblutet. Die Folgen sind Sauerstoff- und Nährstoffmangel sowie möglicherweise eine anhaltende Entzündung in der Muskulatur.

Um weitere Verletzungen zu vermeiden, bleiben die Muskeln angespannt. Die umliegenden Nerven werden ständig gereizt und senden gleichzeitig weitere Signale zum Zusammenziehen aus. Dies endet in einem Teufelskreis aus Anspannung, Mangeldurchblutung und Entzündung. Wird dieser nicht unterbrochen, verhärten sich die Muskeln dauerhaft.

Bitte nicht schonen

Muskelverspannungen weisen in weniger als einem Prozent der Fälle auf eine gefährliche Grunderkrankung hin. In der Regel verschwinden sie innerhalb von ein bis drei Wochen wieder, wenn der Betroffene folgende Therapie­ansätze befolgt:

  • akuten Schmerz beheben,
  • Verkrampfung lösen,
  • Verspannung dauerhaft verhindern.

Um den akuten Schmerz zu lindern, flüchten sich die Betroffenen oftmals in eine Schonhaltung. Doch damit verschlechtern sie ihre Situation noch. Um zu ermöglichen, dass sie ihre Alltagsaktivitäten möglichst früh wiederaufnehmen können und um die Spirale aus Verkrampfung – Schmerz – Verkrampfung zu durchbrechen, ist der Einsatz von Schmerzmitteln meist sinnvoll. Gemäß der Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medi­zinischen Fachgesellschaften (AWMF) können Patienten mit leichten bis mäßigen akuten Rücken-, Schulter- sowie bei Nackenschmerzen Paracetamol einnehmen (bis zu maximal 3 g pro Tag). Bei chronischen Schmerzen ist der Arzneistoff weniger wirksam. Eine Überdosierung kann zu akutem Leberversagen durch toxische Abbauprodukte führen. Nicht steroidale Antirheumatika (NSAR) wie Diclofenac (50 bis 150 mg pro Tag), Ibuprofen (1200 bis 2400 mg pro Tag) oder Naproxen (500 bis 1250 mg am Tag) sind die Mittel der ersten Wahl, wenn Paracetamol nicht ausreicht oder die Patienten unter chronischen Schmerzen leiden. In der Selbstmedikation sollen NSAR nur kurzfristig und so niedrig dosiert wie möglich, aber so hoch wie nötig angewendet werden. Patienten mit Magenerkrankungen sollten vorbeugend magenprotektive Medikamente wie Omeprazol (20 mg am Tag) einnehmen. Ältere Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion sollten NSAR nicht in der Selbstmedikation anwenden.

Unter Anleitung aktiv

Bei akuten Muskelverspannungen, die nicht länger als drei Wochen andauern, empfehlen die Autoren der AWMF-Leitlinien, sich möglichst früh wieder ganz normal zu bewegen. Bei subakuten und chronischen Nackenschmerzen trage Physiotherapie erwiesenermaßen dazu bei, die Schmerzen und Funktions­einschränkungen zu reduzieren, so die Leitlinie. Studien zu den Effekten von Krankengymnastik belegten, dass Ausdauer-, Kräftigungs- und Koordina­tionstraining die Muskelfunktion ver­bessern. Laut Untersuchungen des Gewebes bewirke gezieltes Training des Trapezmuskels, dass sich neue Kapillaren bilden und sich die Struktur der Muskelfasern verbessere. Ruhe und der damit verbundene Verlust an Muskelkraft führten hingegen zu einer Chronifizierung der Beschwerden. Da sich die körperliche Fitness und das mentale Befinden gegenseitig beeinflussen, vermuten die Autoren der Leitlinie, dass sich sportliche Aktivitäten auch über den mentalen Weg positiv auf Nackenschmerzen auswirken. Die Effekte von Massagen als Monotherapie sei hingegen umstritten. Würden diese jedoch mit anderen therapeutischen Methoden wie Akupunktur oder Akupressur kombiniert, erwiesen sie sich durchaus als hilfreich.

Überaus wohltuend ist die lokale Anwendung von Wärme, denn sie verbessert die Mikrozirkulation der Haut. Die Temperaturen dürfen allerdings nie so hoch sein, dass es zu Hautverbrennungen kommt. Heiz- oder Kirschkernkissen eignen sich für solche Wärmeanwendungen, sie wirken jedoch zu kurz, um die Verspannungen im Rücken- und Schulterbereich zu lösen. Wesentlich effektiver sind die Wärmepacks aus der Apotheke mit Eisenpulver, das mit Luftsauerstoff zu Eisenoxid reagiert. Diese exotherme Reaktion setzt über acht bis zwölf Stunden eine therapeutisch sinnvolle Wärme von etwa 40 °C frei.

Auch die wirkstoffhaltigen Wärme- und Schmerzpflaster sorgen für eine dauerhafte Wärmeeinwirkung. Die Pflaster enthalten Capsaicin oder sein synthetisches Analogon Nonivamid, das etwas schwächer wirksam ist. Beide Formen, Packs oder Pflaster, lassen sich im Schulter-, Nacken oder Lendenbereich diskret unter der Kleidung fixieren, sodass die Betroffenen weiterhin ihren täg­lichen Aktivitäten nachgehen können. Diese langfristige Wärme­einwirkung fördert auch die Durchblutung der Tiefenmuskulatur, hemmt so Schmerzen und wirkt entspannend.

Außerdem helfen Salben oder Balsame: Capsaicinoide sowie die Kombination aus Beinwellwurzel-Extrakt mit durchblutungsfördernden ätherischen Ölen, möglichst dreimal täglich aufgetragen, heizen der Muskulatur tüchtig ein und entspannen sie so. Ein Tipp für die Praxis: Am besten vor dem Ein­cremen Einmalhandschuhe anziehen, damit verbleibende Reste der Salbe anschließend nicht versehentlich ins Auge geraten.

Entspannend für Körper und Geist wirkt auch ein heißes Vollbad mit ätherischem Ölen, die die Haut durchbluten und die Muskulatur lockern, beispielsweise mit Rosmarinöl. Für Einreibungen eignen sich außerdem alkoholische Lösungen mit Fichten- und Latschenkieferöl. Anhänger der komplemen­tären Heilmethoden können die »Heiße Sieben« anwenden. Der Mineralstoff Magnesium phosphoricum, bei Schüssler als D6-Potenz eingesetzt, ist wegen seiner Muskel entspannenden Wirkung beliebt. Einmal täglich werden zehn Tabletten mit heißem Wasser übergossen und in kleinen Schlucken getrunken. Auch die Vitalstofftherapie im Rahmen der orthomolekularen Medizin mit den Vitaminen D und B sowie Magnesium hilft, die Muskelspannung herunter zu regulieren.

Wer häufig Probleme mit Rücken- und Nackenschmerzen hat, sollte sein Verhalten überdenken und muss dies möglicherweise ändern. So ist es hilfreich, in den Tagesablauf Zeiten der Entspannung wie einen abendlichen Spaziergang einzubauen. Insbesondere für Patienten mit schmerzhaften Muskelverspannungen, die mit Ängsten assozi­iert sind, ist die Progressive Muskel­entspannung nach Edmund Jacobson empfehlenswert. Bei dieser Technik wechseln sich Muskelaktivierung und -entspannung ab.

Locker lassen

Wichtig ist es außerdem, durch spezi­fische Stärkungs- und Dehnungsübungen die Muskulatur regelmäßig zu trainieren und zu lockern. Hierfür ist Yoga bestens geeignet. Die Übungen mobi­lisieren die Gelenke und dehnen Muskeln, Sehnen und Bänder, stärken den Gleichgewichtssinn und erhöhen sowohl die körperliche als auch die psychische Stabilität. Vorübergehend können Phytopharmaka mit Johanniskraut oder Baldrianwurzel ebenfalls Hilfestellung bei der Entspannung leisten. Sie lösen die Anspannung und erleichtern das Einschlafen./