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Amulette

Es ist immer nur der Glaube

26.11.2014  10:00 Uhr

Von Ernst-Albert Meyer / Auch heute noch tragen viele Menschen einen Talisman. Das Wort stammt aus dem Griechischen und bedeutet Glücksbringer. Unter dem Namen »Amulett« besitzen Glücksbringer eine jahrtausende alte Tradition und sollten ihre Besitzer zu allen Zeiten vor Unglück, Gefahren und Krankheit schützen.

Amulette sind kleine Gegenstände, die am Körper getragen werden, zum Beispiel an einem Band um den Hals. Manche sind pflanzlichen Ursprungs, andere bestehen aus Kristallen, Metallen, Horn, Tierzähnen oder Steinen. Soll ein Amulett besondere Kräfte entwickeln, zum Beispiel Krankheiten abwehren oder Glück bringen, darf man es nicht kaufen, sondern muss es sich schenken lassen, finden oder sogar stehlen.

Das Wort »Amulett« kommt aus dem Arabischen von »hamâle« (= Gehänge). Nachweislich trugen die Babylonier schon vor 4500 Jahren Amulette. Alle Völker der Antike, die alten Ägypter, Griechen und Römer, glaubten an die Kraft eines Amuletts. Als sich das Christentum verbreitete, hatte die Kirche zunächst Vor­behalte gegen den Amulett-Kult. Doch dann nutzte sie ihn und gab ihm christliche Inhalte. Seit nahezu zwei Jahrtausenden besitzen sakrale Amulette für die Gläubigen große Bedeutung: Kreuzanhänger sowie Bild­nisse mit Christus, Heiligen oder der Mutter Gottes.

Eine Herzensangelegenheit

Eine Regel besagt, dass ein Amulett nur den schützt, der an die ihm innewohnenden Kräfte glaubt. Deshalb wird ein Zweifler nie die wohltätige Wirkung eines Amuletts erfahren. Das jedenfalls behaupten alte Schriften. Jedes Amulett hat eine besondere magische Kraft, die an einen speziellen Wunsch gebunden ist, zum Beispiel soll es den Träger vor einer bestimmten Krankheit schützen. Doch dieser Wunsch muss eine Herzensangelegenheit des Amulettträgers sein, damit er in Erfüllung gehen kann. Der bekannte Arzt, Naturforscher und Alchemist Paracelsus (1493–1541) arbeitete selbst viel mit Amuletten. Er schrieb dazu: »Es ist gleichgültig, ob ihr an etwas Echtes oder Falsches glaubt. Es wird Euch die gleiche Wirkung tun … Es ist immer nur der Glaube, der diese Zauberkraft ausübt …«

Medizinal-Amulette

Bei Medizinal-Amuletten vermischen sich alte magische Vorstellungen mit volksmedizinischen Überlieferungen. So stellte der Arzt Arnald von Villanova (1235–1311) medizinische Amulette her, indem er Psalmen und Bibelsprüche rezitierte. Ein solches Amulett hing er Papst Bonifatius VIII., der an Nierensteinkoliken litt, um die Lenden. Und es half! Da stellt sich die Frage: Kannte Villanova damals keine wirksame Arznei gegen die Krankheit des Papstes oder wollte er ihn bewusst mithilfe der Suggestion heilen?

Noch im 19. Jahrhundert führten Apotheken manche dieser als Heilmittel eingesetzten Amulette. Eine große Bedeutung als Medizinal-Amulett besaß die Schlange, das Symbol des griechischen Heilgottes Asklepios. Viele Medizinal-Amulette enthielten kleine Knochen oder Zähne von Tieren, die unzerkleinert am Körper getragen wurden. Besonders geschätzt waren Zähne von Ebern und Wölfen, Tierkrallen und Kröten. Vor allem Mumia-Amulette mit den Leichenteilen von Hingerichteten, Selbstmördern oder ermordeten Kindern sollten eine besondere magische Heilkraft besitzen. Die Menschen waren davon überzeugt, dass solche »unausgelebte Leben« noch eine riesige Menge an unverbrauchter Lebensenergie besaßen, die auf den Amulett-Träger überging und ihn ein Leben lang vor Krankheiten und sonstigen Schäden schützte. Noch 1808 erhielt König Georg III. von England ein Mumia-Amulett als Geschenk.

Magische Therapie

Neben den Tier-Amuletten standen auch solche aus Steinen hoch im Kurs. Die Nachfrage war so groß, dass Apotheker selbst Amulette herstellten. Besondere Wertschätzung genossen die teuren Bezoarsteine aus dem Magen-Darm-Trakt von Säugetieren. Bezoarsteine sind verschieden geformte und gefärbte Konkremente, die durch das Verschlucken von Fremdkörpern im Verdauungstrakt der Tiere zusammen mit Verdauungssäften und körpereigenen Salzen entstehen. Gefragt waren die Bezoarsteine von Gemsen, Pferden und Hirschen. Sie wurden zum Schutz vor Krankheiten, vor allem der Pest, und vor Vergiftungen getragen. Selten zu haben und deshalb sehr teuer war der Stein der persischen Bezoarziege.

Der Preis soll so hoch gewesen sein, dass ständig Fälschungen auf den Markt kamen. Doch die Apotheker entwickelten daraufhin eine Qualitätskontrolle, indem sie die Steine wogen und in lauwarmes Wasser legten. Behielten die Steine Gewicht und Farbe, waren sie echt.

Edelsteine als Heilmittel

Edelsteine wurden früher nicht vorrangig als Schmuck getragen, sondern sie dienten vor allem als Amulette. Über den Diamant schrieb der Mönch und Naturforscher Albertus Magnus (1193–1280): »Wird er an die linke Achsel oder Seite gebunden, macht er unbezwingbar und verständig, schlägt die wilden und giftigen Tiere in die Flucht, ist hilfreich bei Händeln, gegen Gift und Phantasterei.«

Außerdem waren die Menschen davon überzeugt, dass ein Achat seinem Träger Mut und große Kraft verleiht, der Amethyst sei »gut wider die Völlerei.« Wer einen Smaragd trug, zeichnete sich durch Verstand und ein gutes Gedächtnis aus und der Saphir »besänftigt die inneren Leidenschaften«. Der Topas sollte Hämorrhoiden heilen.

Fabeltier Einhorn

Das berühmteste Medizinal-Amulett stammte vom »Einhorn« (Unicornus), einem fabelhaften, wilden Tier in Pferdegestalt. Sein langes, gewundenes, in eine scharfe Spitze auslaufendes Horn war sehr begehrt. Viele Autoren priesen dessen sagenhafte Zauberkraft: »Sein Horn wird zur Artzney hoch gepreiset und dem Gold gleich teuer geachtet.«

Die Menschen glaubten damals fest daran, dass das Horn dieses Fabeltieres Gifte anzeigte, indem es bei warmen vergifteten Speisen und Getränken heiß wurde und bei kalten Rauch entwickelte. Weil Gifte als Waffe im poli­tischen Machtkampf früher sehr gebräuchlich waren, gaben Könige, Fürsten und andere Adlige Unsummen aus, um in den Besitz eines Horns zu kommen, bis die Wissenschaft die Mythologie des Einhorns zerstörte und damit ein lukratives Geschäft beendete. Untersuchungen ergaben, dass das begehrte Horn entweder aus dem Stoßzahn des Narwales oder aus den ausgegrabenen Stoßzähnen von Mammuten bestand.

Amulette für jedermann

Für den »gemeinen Mann« erschwinglich und sehr populär waren Amulette aus Pflanzen. Und wessen Geld dafür nicht reichte, bastelte sich sein Amulett aus gesammelten Pflanzen selbst. Der Kräuterbuch-Autor Hieronymus Bock (1498 bis 1554) schrieb hierzu: »Vil Menschen tragen diese Kreutter bei sich für böse Gespenster und Ungewitter und ist der Natur nach zu reden, nit erlogen.«

Der Name »Beifuß« (Artemisia vulgaris) besagt noch heute, wo die Menschen dieses Pflanzenamulett befestigten. Ein Amulett mit der Pfingstrose, das gegen die Gicht helfen sollte, wurde am Hals getragen. Die Engelwurz (Angelica archangelica), trugen Priester und Mönche auf der Brust, am Hals oder auf dem Rücken. Sie glaubten daran, dass die Erzengel den Menschen die Pflanze als Mittel gegen die Pest geschickt hatten. Dieses Pest-Amulett sollte sie vor Ansteckung schützen, wenn sie Pestkranke besuchten.

Populärer Glücksbringer

Mit der Aufklärung und der fortschreitenden Entwicklung der Naturwissenschaften verblasste allmählich der Glaube der Menschen an die Heilkräfte der Amulette. Heute schätzen die Menschen Heilpflanzen als Tees oder Phytopharmaka. Ihre frühere Bedeutung kennt fast keiner mehr. Nur der noch immer populäre Glücksbringer Talisman erinnert an die Geschichte des Amuletts. /