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Patientenverfügung

Jetzt entscheiden, was später passieren soll

26.11.2014  10:00 Uhr

Von Claudia Steinert / Jeder Patient hat das Recht, über seine ärztliche Behandlung zu bestimmen. Wer eine solche Entscheidung nicht mehr selbstständig treffen kann, bürdet sie seinen Angehörigen auf – oder hat mit einer Patientenverfügung vorgesorgt.

Selbst wer noch jung ist und der Tod in weiter Ferne scheint, sollte sich mit dem Thema Patientenverfügung beschäftigen. Denn auch kerngesunde Menschen können durch einen Unfall oder eine plötzlich eintretende schwere Erkrankung in eine Situation geraten, in der sie nicht mehr selbst über ihre Zukunft bestimmen können.

Die Patientenverfügung (PV) ist eine vorsorgliche Willenserklärung darüber, welche medizinischen Behandlungen durchgeführt oder unterlassen werden sollen, wenn man selbst nicht mehr in der Lage ist, eigene Entscheidungen zu treffen. In Deutschland darf jeder, der mindestens 18 Jahre alt und einwil­ligungsfähig ist, eine Patientenver­fügung erstellen. Dazu gezwungen werden darf man hingegen nicht, auch Krankenhäuser oder Pflegeheime dürfen niemanden abweisen, nur weil er keine Patientenverfügung hat.

Seit etwa fünf Jahren, genauer gesagt seit dem 1. September 2009, gibt es in Deutschland ein Gesetz, in dem die Tragweite von Patientenverfügungen festgelegt wurde. Sie gelten nämlich nicht erst dann, wenn der baldige Tod des Patienten absehbar ist, sondern in allen Situationen, die in der Verfügung beschrieben worden sind, beispielsweise bei einem Koma. Doch was sollte man alles in diesem wichtigen Dokument berücksichtigen?

Je konkreter, desto besser

Die Formalien sind schnell abgehandelt. Die Patientenverfügung muss auf jeden Fall folgende Dinge enthalten: den vollständigen Namen, Geburts­datum, Anschrift, Datum und Unterschrift. Doch erst dann beginnt der schwierige Teil. Dann gilt es auszuformulieren, welche ärztlichen Behandlungsmaßnahmen erwünscht sind oder abgelehnt werden, in welchen Situationen auf jeden Fall das Leben erhalten werden soll und wann der Unterzeichner sich den Übergang von einer therapeutischen zu einer pallia­tiven Behandlung wünscht. Das eigene Wertesystem sollte sich in der Patientenverfügung widerspiegeln, denn nur so wird der Betreffende die Therapie erfahren, die er sich wünscht.

Generell gilt: Je präziser die Patientenverfügung ausformuliert ist, umso besser können die behandelnden Ärzte ihr folgen. Sowohl der jeweilige Krankheitszustand als auch die dann gewünschte Therapie sollten möglichst konkret benannt werden. Im Internet kursieren zahlreiche PV-Vorlagen von unterschiedlicher Qualität. Eine recht ausführliche Variante bietet das Bundesministerium der Justiz an, auch die Ärztekammern der einzelnen Bundesländer oder die Kirchen halten im Internet Vordrucke bereit. Darüber hinaus werden ebenfalls in einigen Apotheken Vordrucke für Patientenverfügungen verkauft.

Beratung hilft weiter

Oft ist es nicht einfach, sich in Situationen hineinzudenken, die man sich am liebsten gar nicht vorstellen möchte. Und wie soll man als Gesunder wissen, wie es sich anfühlt, sterbenskrank zu sein?

Deshalb ist es in jedem Fall ratsam, sich vor dem Verfassen einer Patientenverfügung oder dem Ausfüllen eines Vordrucks beraten zu lassen. Ein persönliches Gespräch hilft dabei, widersprüchliche Aussagen in Patientenverfügungen zu vermeiden und mög­liche Unklarheiten aus dem Weg zu räumen. Außerdem bewahrt es davor, leichtsinnig weit reichende Entscheidungen zu treffen, über deren Ausmaß man sich nicht bewusst war.

Viele wenden sich dazu an ihren Hausarzt, doch auch ein Hospiz oder die gemeinnüt­zige Bundeszentralstelle Patientenverfügung können bei Fragen weiterhelfen. Wer ein vertrauensvolles Verhältnis zu seinem Apotheker hat, kann diesen als ersten Ansprechpartner wählen.

Der Inhalt der Patientenverfügung kann selbstverständlich jederzeit geändert werden. Es ist sogar ratsam, eine Patientenverfügung nicht als abgeschlossene Sache zu betrachten und das einmal erstellte Dokument bis zum Ernstfall unbesehen in der Schublade zu lassen. Denn Wertvorstellungen und Meinungen über Leben und Tod ändern sich häufig mit der Zeit. Deshalb sollte jeder seine Patientenverfügung regelmäßig überprüfen und überlegen, ob die darin getroffenen Festlegungen noch der aktuellen Einstellung zu Leben und Sterben entsprechen.

Mögliche Widersprüche

Ein weiteres Problem ist, dass viele Menschen neben einer Patientenverfügung auch einen Organspendeausweis besitzen und in beiden Dokumenten teils widersprüchliche Angaben machen. Darauf wiesen die Bundesärztekammer (BAeK) und die Zentrale Ethikkommission (ZEKO) bereits 2013 im Deutschen Ärzteblatt hin. Das sei zum Beispiel der Fall, wenn ein Patient in seiner Verfügung den Einsatz lebens­erhaltender Maßnahmen ablehnt, gleichzeitig jedoch nach seinem Tod seine Organe spenden möchte.

Eine Organspende ist in Deutschland erst dann zulässig, wenn zwei erfahrene Ärzte den Hirntod festgestellt haben. Dieses Verfahren nimmt einige Zeit in Anspruch und um die Trans­plantations­fähigkeit der Organe zu erhalten, müssten die potenziellen Spender währenddessen mit intensivmedizinischen Maßnahmen behandelt werden.

Wer Ärzten die schwierige Entscheidung für oder gegen eine Weiter­behandlung bis zur möglichen Organspende abnehmen möchte, der hält das am besten ganz konkret in seiner Patientenverfügung fest. Eine mögliche Formulierung liefert die BAeK gleich mit: »Ich gestatte ausnahmsweise für den Fall, dass bei mir eine Organspende medizinisch in Frage kommt, die kurzfristige (Stunden bis höchstens wenige Tage umfassende) Durchführung intensivmedizinischer Maßnahmen zur Bestimmung des Hirntods nach den Richtlinien der Bundesärztekammer und zur anschließenden Entnahme der Organe.«

Nicht nur mit Beratungsstellen, sondern auch mit dem persönlichen Umfeld sollte jeder seine Patientenverfügung diskutieren. Doch ein offener Dialog mit Verwandten oder vertrauten Personen über Krankheit, Sterben und Tod ist schwierig und daher selten. Die meisten Menschen tabuisieren und verdrängen das Thema. Dabei nützt die beste Patientenverfügung nichts, wenn niemand weiß, dass sie überhaupt existiert, welchen Inhalt sie hat oder wo sie aufbewahrt wird.

Vorsorgevollmacht

Wer ganz sicher sein will, dass seine Patientenverfügung im Notfall gefunden wird, kann sie im Rahmen einer Vorsorgevollmacht gegen eine Gebühr im »Zentralen Vorsorgeregister der Bundesnotarkammer« eintragen. Die Daten werden dort lebenslang gespeichert und können jederzeit von Ärzten oder Gerichten abgefragt werden.

Auch wer keine Patientenverfügung erstellen möchte, sollte in einem Gespräch mit nahe stehenden Menschen seine Einstellung zu Leben und Tod darlegen und eventuell eine Vorsorgevollmacht aufsetzen. Der Sinn dieses Dokumentes ist, eine Person des Vertrauens als gesetzlichen Vertreter zu bestimmen, der für den Unterzeichner Entscheidungen treffen darf, wenn dieser dazu nicht mehr in der Lage ist. Das betrifft nicht nur den medizinischen Bereich, sondern grundsätzlich alle Fragen der Vermögens- oder Besitzverwaltung. Wer keine Vorsorgevollmacht getroffen hat, für den bestellt das Amtsgericht einen Betreuer.

Betreuungsverfügung

Wer sich mit der Idee einer Vorsorgevollmacht nicht anfreunden kann, weil ihm die darin übertragenen Rechte zu weitgreifend erscheinen, der kann auf eine Betreuungsverfügung zurückgreifen. Darin kann er festhalten, wen er als Betreuer wünscht oder auch, wer auf keinen Fall mit dieser Aufgabe betraut werden soll. Der Betreuer ist jedoch weder Einkaufshilfe noch Putzdienst, sondern er trifft Entscheidungen für die betreute Person, wenn ein Gericht deren Handlungsunfähigkeit festgestellt hat.

Obwohl es nicht zwingend vorgeschrieben ist, empfiehlt sich auch in diesen beiden Fällen der Gang zum Notar. Dieser kann prüfen, ob sich Aussagen in den einzelnen Dokumenten widersprechen oder ob Passagen umformuliert werden müssen, damit sie den gewünschten Effekt haben.

Wichtig ist ebenso, dass die in der Vorsorgevollmacht oder in der Betreuungsverfügung genannten Personen wissen, was dem Unterzeichner im Leben wichtig ist und welche Vorstellung er von einem würdevollen Sterben hat. Nur dann kann der Unterzeichner sichergehen, dass Entscheidungen auch wirklich in seinem Sinne getroffen werden. /