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Stress

Leben in der Stadt belastet die Psyche

26.11.2014
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Von Annette Immel-Sehr / In einer Großstadt wie Berlin pulsiert das Leben. Das ist für viele Menschen attraktiv und sie ziehen bewusst dorthin. Doch Hektik, Lärm und Enge der Großstadt beeinflussen die Gesundheit der Stadtbewohner oftmals negativ. Sie leiden vermehrt unter Depressionen, Angst, Stress und auch unter Vereinsamung.

Verschiedenen Studien zufolge treten bei Einwohnern von Großstädten mit mehr als 100000 Einwohnern bestimmte psychische Erkrankungen verstärkt auf. So ist das Risiko der Großstadtbewohner, an einer Depression zu erkranken, um 40 Prozent, an einer Angststörung um etwa 20 Prozent erhöht. Auch kommt die Schizophrenie bei Städtern verglichen mit Menschen, die auf dem Land aufgewachsen sind und dort leben, deutlich häufiger vor. Was genau belastet die Menschen in der Großstadt so sehr, dass sie seelischen Schaden nehmen? Ein wichtiger Faktor ist offenbar sozialer Stress durch fehlende Kontakte und mangelnde zwischenmenschliche Bindungen. »Psychisch krank und mittendrin?!« lautete deshalb das Thema der 8. Berliner Woche der seelischen Gesundheit vom 10. bis 17. Oktober.

»Die Unterschiede zwischen sozialen Netzwerken von Stadt- und Landbewohnern sind extrem groß. Wenn Sie die Menschen fragen: ›Kennen Sie Ihre Nachbarn und würden Sie für diese etwas tun?‹, dann beantwortet die große Mehrzahl der Menschen auf dem Land diese Frage mit ja, der Städter hingegen mit nein. Und das, obwohl die Menschen in der Stadt auf viel engerem Raum zusammenleben«, berichtet Professor Dr. Andreas Meyer-Lindenberg, Vorstandsvorsitzender des Zentralinstituts für seelische Gesundheit in Mannheim.

Wie sich der städtische Sozialstress auf die Gesundheit des Menschen auswirkt, haben die Forscher des Zentralinstituts mithilfe der funktionellen Magnet­resonanztomographie (fMRT) gemessen. Sie untersuchten die Hirnaktivitäten von Probanden, die unter Zeit- und Konkurrenzdruck Denksportaufgaben lösen mussten. Die Stress­situation führte vor allem zu einer Aktivierung der Amygdala. Dieser auch als »Mandelkern« bezeichnete Bereich im limbischen System löst bei Gefahr zum Beispiel Angst aus. »Die Aktivität der Amygdala während einer Stresssitua­tion steigt mit der Einwohnerzahl der Umgebung der Personen an. Je größer also die Stadt, in der ich lebe, desto höher ist die Aktivierung meiner Amygdala in sozialen Stresssituationen«, so Meyer-Lindenberg. »Eine Überaktivierung dieser Hirnstruktur ist auf Dauer mit der Entstehung von Depressionen und Angsterkrankungen verknüpft.«

Kontrolle per Smartphone

Welche weiteren Faktoren für die Stressreaktionen der Stadtbewohner verantwortlich sind, untersucht die Forschungsgruppe um Meyer-Lindenberg derzeit in einem Folgeexperiment. Dabei erhalten 4000 Städter aus allen sozialen Schichten ein spezielles Smartphone, damit die Forscher jeden ihrer Schritte nachverfolgen können. Es soll untersucht werden, wie die Menschen auf Belastungsfaktoren reagieren. »Wenn sich ein Proband im Park befindet, kann ich ihn anpiepsen und ihn fragen, wie es ihm geht, plus ihn ein paar Konzentrationsaufgaben machen lassen. Genauso, wenn sich der Proband in einer Betonwüste befindet, wo rundherum kein Baum zu sehen ist«, so Meyer-Lindenberg. Anschließend werden die Probanden bezüglich ihrer Stressreaktion im Gehirn verglichen.

Mithilfe der Studie wollen die Forscher die Belastungs- und Schutzfaktoren der Stadt in eine Rangfolge bringen und daraus ableiten, wie die städtische Umgebung verändert werden muss, damit Menschen dort weniger gestresst werden. »Was wir aus den Pilotdaten schon sagen können: Grünflächen sowie natürliche Weite scheinen einen extrem stressreduzierenden Effekt auf den Menschen zu haben«, sagt Meyer-Lindenberg.

Auch positive Aspekte

Es gibt auch die andere Seite der Medaille: Unter günstigen Bedingungen kann das pralle Großstadtleben durchaus gesund sein. Verglichen mit Landbewohnern haben Stadtmenschen in der Regel leichter Zugang zu Gesundheitsvorsorge, Bildung, Sport und kulturellen Angeboten. Außerdem ernähren Sie sich gesünder und haben seltener Diabetes. /

Wer gehört zum Aktionsbündnis?

Das Aktionsbündnis Seelische Gesundheit ist eine bundesweite Initiative aus über 80 Mitgliedsorganisationen. Zu diesem Bündnis zusammengschlossen haben sich die Selbsthilfeverbände der Betroffenen und Angehörigen von Menschen mit psychischen Erkrankungen sowie Verbände aus den Bereichen Psychiatrie, Gesundheitsförderung und Politik. Initiiert wurde das Bündnis im Jahr 2006 von der Deutschen Gesellschaft für Psy­chiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) gemeinsam mit Open the doors als Partner des internationalen Antistigma-Programms. Die Initiative erhält Fördermittel vom Bundesministe­rium für Gesundheit.

Quelle: Aktionsbündnis Seelische Gesundheit