PTA-Forum online
Herzrhythmusstörungen

Patientenbilder aus der Praxis

26.11.2014  10:00 Uhr

Von Annette van Gessel / Wenn ihr Herz rast, stolpert und laut klopft, beunruhigt das die meisten Betroffenen sehr. Hinter diesen Beschwerden muss aber nicht immer eine ernsthafte Erkrankung stecken. Über die verschiedenen Ursachen von Herzrhyhmusstörungen sprach PTA-Forum mit Dr. Michael Meixner, Facharzt für Allgemeinmedizin, Arzt für Diabetologie und Ernährungsmedizin.

PTA-Forum: Welche unterschiedlichen Ursachen für Herzrhythmusstörungen kennen Sie aus Ihrer Praxis?

Meixner: Nicht immer liegen einer Herzrhythmusstörung organische Ursachen zugrunde und manchmal haben diese auch gar keine ernsthaften Folgen für die Betroffenen. Dann bezeichnen Mediziner die Störung als funktionell. Oft stellt sich heraus, dass die Patienten mit Kalium und Magne­sium unterversorgt sind. Denn die Elektrolyte sind von entscheidender Bedeutung für den Herzrhythmus. Kalium ist wichtig, um das Ruhepotenzial der Herzmuskelzellen aufrecht zu erhalten und zu stabilisieren. Außerdem spielt es eine Rolle für die Erregungsbildung und -leitung im Herzen. Magnesium erhöht die Erregungsschwelle, ab der ein Herzschlag ausgelöst wird. Das Mineral steuert Ionenkanäle, verlängert die Zeitspanne bis zum nächsten Herzschlag, erweitert die Gefäße und ist Bestandteil des Enzyms Natrium-Kalium-ATPase. Bei einem Mangel an Kalium und Magnesium kommt das Herz schnell aus dem Rhythmus.

PTA-Forum: Wodurch kommt die Unterversorgung mit diesen beiden Mineralien zustande?

Meixner: Die Gründe für eine Unterversorgung sind ganz unterschiedlich. So ist beispielsweise bei chronisch Kranken der Bedarf an Mineral- und Nährstoffen grundsätzlich erhöht. Gleichzeitig schwemmen bestimmte Medikamente vermehrt Kalium und Magnesium aus. Daher ist gerade für Menschen mit chronischen Erkran­kungen, insbesondere Bluthochdruck, Durchblutungsstörungen oder Diabetes, die zusätzliche Einnahme dieser Mineralstoffe sinnvoll. Aber auch bei jüngeren, eigentlich gesunden Menschen rast das Herz plötzlich oder stolpert, wenn sie stark gestresst oder sportlich sehr aktiv sind.

PTA-Forum: Inwiefern spielt bei Herzrhythmusstörungen Stress eine Rolle?

Meixner: Die Symptomatik stressbedingter Herzrhythmusstörungen lässt sich folgendermaßen erklären: Ist der Cortisolspiegel erhöht, steigt die Konzentration an Aldosteron. Hierdurch werden Natriumionen in der Niere zurückgehalten, dafür aber vermehrt Kalium und Magnesium ausgeschieden. Ein Beispiel aus meiner Praxis: Ein 28-jähriger Patient spielte am Wochenende Fußball, nachdem er am Vorabend ausgiebig gefeiert hatte. Im Anschluss an das Spiel bekam er unvermittelt Herzrasen. Bekanntermaßen werden unter sportlicher Belastung unter anderem beim Schwitzen verstärkt Elektrolyte ausgeschwemmt. Der hohe Alkoholkonsum am Abend zuvor bedingte zusätzliche Verluste. Wie bereits gesagt, ist ein ausgewogener Kalium- und Magnesium-Haushalt jedoch Grundvoraussetzung für den gesunden Herzrhythmus. Durch die Gabe von Kalium und Magnesium besserte sich die Symptomatik der Herzrhythmusstörung schnell.

PTA-Forum: Stress ist doch sehr viel häufiger nicht durch sportliche Aktivität, sondern durch eine angespannte berufliche Situation bedingt. Die Doppelbelastung durch Beruf und Familie macht ja vor allem Frauen zu schaffen. Wirkt sich das ebenfalls auf den Elektrolythaushalt aus?

Meixner: Ja, sicher. Nach Differenzen mit einer neuen Kollegin suchte eine 32-jährige Frau meine Praxis auf. Sie arbeitet als Teilzeit-Bürokraft und kümmert sich zuhause um die Kinder und den Haushalt. Nach dem Konflikt mit der Kollegin litt sie regelmäßig unter Herzstolpern. Psychischer Stress am Arbeitsplatz ist in Zeiten von Mobbing und Burnout für viele meiner Patienten ein wichtiges Thema. Unter der psy­chischen Anspannung schüttet die Nebennierenrinde verstärkt Cortisol aus. Dadurch steigt der Aldosteronspiegel. Das Resultat ist eine vermehrte Kaliumausscheidung und damit verbunden auch ein Magnesiumverlust. Kommt es so zu einem Mangel an Kalium und Magnesium, macht sich dieser nicht selten durch Herzrhythmus­störungen bemerkbar. Ich verordnete der Patientin ein Magnesium-Kalium-Präparat auf einem grünen Rezept. Das hilft in der Regel bei stressinduzierten Herzbeschwerden wie Herzrasen oder Herzstolpern. Bei ihren weiteren Besuchen in der Praxis klagte die Patientin nicht mehr über Herzbeschwerden und nimmt das Präparat weiter.

PTA-Forum: Viele ältere Patienten nehmen aufgrund ihrer chronischen Erkrankungen regelmäßig mehrere Medikamente ein. Welche Arzneistoffgruppen begünstigen einen Kalium- und Magnesiummangel?

Meixner: Mit dieser Situation bin ich bei vielen älteren Patienten konfrontiert. Vor allem Diuretika begünstigen Elektrolytmangelzustände. So litt beispielsweise eine 82-jährige Patientin unter anderem an Herzschwäche sowie immer wieder auch an Herzrhythmusstörungen, die sie stark verängs­tigen. Die Medikamentenliste der Pa­tientin ist sehr lang, wie das bei chronisch Kranken häufig der Fall ist. Sie nimmt ein Schleifendiuretikum, ein Antikoagulanz, einen Calciumantagonisten, ein Digitalis-Präparat und einen ACE-Hemmer als Dauermedikation. Solchen Patienten eine weitere Einnahme zuzumuten, will gut überlegt sein. Da jedoch Kalium-Magnesium-Imbalancen bei Patienten mit Herzinsuffi­zienz, KHK oder Hypertonie oft kardiale Rhythmusstörungen auslösen und Diuretika Elektrolytmangelzustände begünstigen, habe ich dennoch die diätetische Einnahme von Kalium und Magnesium auf einem grünen Rezept verordnet. Da die Patientin nun nicht mehr über arrhythmische Symptome klagt, verbuche ich das als Erfolg.

PTA-Forum: Verordnen Sie in Ihrer Praxis Mineralstoffe auch schon einmal prophylaktisch?

Meixner: Das kommt in einigen Fällen vor, beispielsweise wenn ältere Patienten bis auf mäßigen Bluthochdruck körperlich gesund sind, aber eine längere Reise planen. Auf Fernreisen weicht die Ernährung absehbar vom gewohnten Speiseplan ab, dann sind Elektrolytstörungen vorprogrammiert. Zusätzlich wirken sich auch die klimatischen Veränderungen in warmen Regionen auf den Elektrolytstatus aus, denn starkes Schwitzen erhöht den Mineralienverlust. In solchen Fällen halte ich eine prophylaktische Nahrungsergänzung durch Kalium und Magnesium – auch in Verbindung mit weiteren herzaktiven Mikronährstoffen, zum Beispiel Folsäure sowie Vitamin B12 und Nikotinsäure – für durchaus sinnvoll. Denn abseh­bare Kalium- und Magnesiummangelsituationen sind für mich typische Indikationen, die zu Herzrhythmusstörungen führen können.

PTA-Forum: Sollten ältere Patienten selbst regelmäßig ein Nahrungsergänzungsmittel mit Kalium und Magnesium einnehmen, um ihrem Herzen etwas Gutes zu tun?

Meixner: Ohne dass tatsächlich ein entsprechender Mangel vorliegt, sollte niemand diese Mineralstoffe selbst einnehmen. Davon rät auch die Deutsche Herzstiftung ab. Menschen mit einer Herzerkrankung sollten immer zuerst mit ihrem Arzt über eine Supplementierung sprechen. Dieser wird ihnen auch von Fall zu Fall raten, ihre Magnesium- und Kaliumspiegel regelmäßig kontrollieren zu lassen. /