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Nutztierhaltung

Antibiotika-Einsatz soll weiter sinken

07.09.2015  09:36 Uhr

Von Inka Stonjek / Zwar bekommen Nutztiere mittlerweile weniger Antibiotika, aber immer noch werden die Wirkstoffe eingesetzt, wenn es gar nicht nötig ist. Das fördert die Entwicklung von Resistenzen und kann so auch Auswirkungen auf den Menschen haben. Verschiedene Maßnahmen sollen dabei helfen, den Verbrauch zu senken.

Es ist genau wie bei den Menschen: Dort, wo viele Lebewesen auf kleinem Raum zusammenleben, haben Erreger ein besonders leichtes Spiel. In der Nutztierhaltung genügt ein einziges krankes Tier, um einen kompletten Bestand anzustecken. Deshalb reagieren Landwirte in einem solchen Fall zügig und behandeln sowohl das kranke Tier als auch vorsorglich ansteckungsgefährdete Tiere – häufig mit einem Breitband-Antibiotikum. Einige dieser Antibiotika werden sowohl beim Menschen als auch in der Landwirtschaft verwendet.

Geringerer Verbrauch

Der Verbrauch von Antibiotika bei Nutztieren ist mittlerweile rückläufig: 2014 hat die pharmazeutische Industrie insgesamt 1238 Tonnen Antibiotika an Tierärzte abgeben, meldet das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). Das sind 214 Tonnen weniger als im Vorjahr und 468 Tonnen (circa 27 Prozent) weniger gegenüber der ersten Erfassung in 2011. Zum Einsatz kamen vor allem Penicilline (450 Tonnen) und Tetracycline (342 Tonnen), gefolgt von Sulfonamiden (121 Tonnen), Makroliden (109 Tonnen) und Polypeptidantibiotika (107 Tonnen). Experten kritisieren dabei, dass noch immer Antibiotika bei Tieren eingesetzt werden, die auch für die Therapie von Menschen eine wichtige Rolle spielen. So wurden 2014 zum Beispiel rund 12 Tonnen Fluorchinolone und 4 Tonnen Cephalosporine der dritten und vierten Generation abgegeben – Wirkstoffe, die die Weltgesundheitsorganisation WHO als wichtige Reserve­antibiotika für die Human­medizin einordnet.

Das große Problem beim Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung ist die Resistenzentwicklung. Bei jeder Zellteilung eines Bakteriums besteht die Gefahr einer Mutation, die den Keim immun gegen einen Wirkstoff werden lässt. Zudem bilden Stämme, die bereits mit einer sogenannten intrinsischen Resistenz ausgestattet sind, leicht neue Resistenzgene aus. All das begrenzt die Lebensdauer eines Antibiotikums, und das Problem verstärkt sich durch unsachgemäßen Einsatz. Denn mit der Gabe eines ungeeigneten Wirkstoffs, einer zu kurzen Behandlungsdauer oder zu niedrigen Dosis werden eventuell nicht alle Bakterien abgetötet, und dies begünstigt einen Rückfall. Um die Wirksamkeit von Antibiotika möglichst lange zu erhalten, müssen sie deshalb mit Bedacht eingesetzt werden. Ansonsten wächst der Pool resistenter Keime stetig an. Schon heute gehen dem Robert-Koch-Institut (RKI) zufolge alleine in Deutschland jedes Jahr 29 000 Krankenhausinfektionen auf multiresistente Keime zurück. In Europa sterben jährlich 25 000 Menschen daran, so das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten.

Resistente Bakterien sind immer häufiger auf Lebensmitteln zu finden – so zum Beispiel der Livestock-assoziierte Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (la-MRSA), ein MRSA-Stamm der in der Tierzucht eine Rolle spielt. Auch ESBL (Extended-Spektrum Beta-Lactamase)-bildende Darmkeime sind auf Lebensmitteln zu finden. Diese Bakterien bilden Beta-Lactamasen mit erweitertem Wirkspektrum und sind damit nicht nur gegen Penicilline, sondern auch gegen moderne Cephalosporine resistent. Beide Bakterienarten hat der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) Anfang des Jahres auf Putenfleisch aus dem Supermarkt entdeckt: 42 von insgesamt 57 Proben waren mit la-MRSA belastet, 30 mit ESBL-bildenden Bakterien. Allerdings geht dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) zufolge von diesen la-MRSA-Typen nur eine geringe Gefahr für den Menschen aus, solange auf Küchen­hygiene geachtet wird. Dazu gehört neben dem regelmäßigen Händewaschen und dem Reinigen der Arbeits­utensilien auch das Durcherhitzen der Speisen auf 70 Grad für zwei Minuten. Wichtig sei besonders, dass es nicht zu einem direkten Kontakt zwischen verletzter Haut und rohem Fleisch kommt.

Risiko unklar

Wie hoch das Risiko einer Übertragung der Keime über Lebensmittel oder Nutz- und Haustiere auf den Menschen ist, lässt sich laut BfR nicht abschätzen. 5 Prozent aller schwer behandelbaren Infektionen seien auf la-MRSA zurückzuführen und würden vor allem bei beruflich exponierten Personen wie Landwirten und Tierärzten nachgewiesen, heißt es beim BfR. Anders bewertet das Institut die Situation bei ESBL-bildenden Keimen. Hier besteht grundsätzlich ein Risiko, dass die Bakterien von Lebensmitteln auf den Menschen übergehen. Da die Keime gegen wichtige Breitbandantibiotika wie Cephalosporine widerstandsfähig sind, kann das die Therapiemöglichkeiten bei einem Krankheitsausbruch dramatisch einschränken.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO und der BUND fordern daher, bestimmte Antibiotika für die Human­medizin zu reservieren. Insbesondere Reserveantibiotika, deren Einsatz bei Menschen überlebenswichtig sein kann, sollten als Tierarzneimittel ausgeschlossen werden. Der Deutsche Bauernverband lehnt das grundsätz­liche Verbot von Reserveantibiotika in der Landwirtschaft ab, unterstützt aber einen restriktiven Einsatz.

Prophylaxe verboten

Um dem Problem der Resistenzbildung interdisziplinär entgegenzuwirken, wird neben der Humanmedizin auch die Nutztierhaltung in die Antibiotika-Resistenzstrategie des Bundesministeriums für Gesundheit einbezogen. Bereits seit 2006 dürfen antibiotische Wirkstoffe in der gesamten Europä­ischen Union nicht mehr als leistungsfördernder Futtermittelzusatzstoff verabreicht werden. Inzwischen sind alle antibiotisch wirksamen Tierarzneimittel verschreibungspflichtig und ihr Einsatz nur noch erlaubt, soweit es zur medizinischen Behandlung notwendig ist. Ein prophylaktischer Einsatz ist verboten.

Bereits vor mehr als zehn Jahren ist im Arzneimittelgesetz (AMG) eine Abgabebeschränkung von Antibiotika verankert worden, ebenso ist die Anwendung an eine vorherige tierärztliche Untersuchung gebunden. Offiziell erlaubt ist jedoch die sogenannte Metaphylaxe, nach der auch Tiere ohne Krankheitsanzeichen behandelt werden dürfen, wenn der Verdacht einer Infektion vorliegt. Die 16. AMG-Novelle, die im April 2014 in Kraft getreten ist, hat hier den Spielraum weiter verkleinert. Sie nimmt Nutztierhalter in die Pflicht, den Antibiotika-Einsatz grundsätzlich zu minimieren. Rinder-, Schweine- und Geflügel-Mastbetriebe mit einem bestimmten Mindestbestand an Tieren müssen sich seitdem bei einer Datenbank anmelden und halbjährlich Bestandsänderungen sowie die verbrauchte Menge an Antibiotika melden.

Kritische Selbsteinschätzung

Seit dem 31. März 2015 stehen nun auch erstmals sogenannte Therapiehäufigkeitskennzahlen bereit. Auf diese Kennzahlen haben nicht nur die Überwachungsbehörden Zugriff, sondern auch die Tierhalter. Sie sind verpflichtet, die Kennzahlen einzusehen und ihren Betrieb einzustufen. Liegen sie über dem gesamtdeutschen Durchschnitt, müssen sie zusammen mit ihren Tierärzten nach den Ursachen suchen und gegebenenfalls Gegenmaßnahmen ergreifen. Bei größeren Abweichungen müssen sie dem zuständigen Veterinäramt ein schriftliches Konzept einreichen, wie sie den Antibiotikaverbrauch in Zukunft reduzieren wollen. Darüber hi­naus können die Halter zu weiteren Maßnahmen verpflichtet werden, zum Beispiel, wie zu füttern ist, welche Hygiene­maßnahmen durchzuführen sind, wie groß die Ställe sein müssen beziehungsweise wie viele Tiere gehalten werden dürfen. Bei mehrmaligen Verstößen gegen die behördliche Anordnung kann ein Betrieb bis zu drei Jahre lang stillgelegt werden. /