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Sterbebegleitung

Gefährten auf dem letzten Weg

07.09.2015
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Von Diana Haß / Tod und Sterben sind gesellschaftliche Tabu­themen. Menschen mit einer lebensbegrenzenden Erkrankung und ihre Angehörigen sind daher oft alleine. Ehrenamtliche Sterbebegleiter unterstützen sie.

Im Juni ist Frank gestorben. 70 Jahre ist er alt geworden. Am Ende hat der Krebs gesiegt. Frank war bisher der Letzte einer Reihe schwerkranker Menschen, die Sterbebegleiterin Christiane Bossel-Schwenck bis zu ihrem Tod begleitet hat.

Vier Monate lang hat die Hamburgerin den alleinstehenden Mann besucht. »Während er noch in seiner Wohnung lebte, bin ich einmal wöchentlich für drei Stunden gekommen. In den letzten Wochen, als er ins Hospiz gezogen ist, war ich zweimal wöchentlich bei ihm«, erzählt die 55-Jährige. Seit fast drei Jahren engagiert sich die zweifache Mutter im ambulanten Hospizberatungs­dienst des Hamburger Hospizes. Dort ist sie eine von rund 100 freiwilligen und ehrenamtlichen Sterbebegleitern.

Deutschlandweit unterstützen immer mehr Menschen die Hospiz- und Palliativarbeit. Derzeit engagieren sich rund 100 000, eine große Zahl davon ehrenamtlich, teilt der Deutsche Hospiz- und Palliativ-Verband (DHPV) mit. Ziel der Hospizarbeit ist es, Menschen, die an einer unheilbaren Krankheit leiden, und ihre Angehörigen zu begleiten und zu unterstützen. Eine wichtige Aufgabe, denn der Tod wird in unserer Gesellschaft verdrängt. Der DHPV kritisiert: »Es fehlt auch heute noch häufig eine angemessene Betreuung schwerstkranker Menschen, die den körperlichen, sozialen, psychischen und spirituellen Bedürfnissen am Lebensende umfassend Rechnung trägt und die Angehörigen und Nahestehenden einbezieht.« Genau das will Sterbebegleitung, auch Hospizarbeit genannt, leisten. An unterschiedlichen Orten: zu Hause im gewohnten Lebensumfeld, in einer Pflegeeinrichtung oder in einem festen Hospizhaus.

Ambulanter Hospizdienst

Mitarbeiter ambulanter Hospizdienste besuchen Menschen, die an einer lebensbegrenzenden Erkrankung leiden, oft ein- bis zweimal wöchentlich. »Sie sind vorübergehend zu Gast im Leben des Besuchten«, erläutert Angela Reschke. Die Psychologin arbeitet hauptamtlich beim Hamburger Hospiz. Wie lange eine Begleitung dauert, variiert. Sie kann einmalig sein oder über Wochen, Monate, zuweilen auch weit länger als ein Jahr sein. Ebenso variiert die Art der Unterstützung.

Kostenfreie Unterstützung

Weder für professionelle Beratung, noch für die ehrenamtliche Sterbebegleitung oder den Aufenthalt in einem Hospiz müssen Erkrankte etwas zahlen. Ambulante Hospizdienste beraten und vermitteln den Kontakt. Hospizarbeit – sei es in der Wohnung, in einem Pflegeheim oder im stationären Hospiz – wird unter anderem durch Spendengelder und durch den ehrenamtlichen Einsatz von Menschen getragen. Einen bedeutenden Teil der Kosten übernehmen die Kranken- und Pflegekassen.

Pauschalisierungen sind nicht möglich. »Es gibt immer nur den einen Menschen«, bringt es Reschke auf den Punkt. So kann es ihm wichtig sein, dass ein Sterbebegleiter tatkräftig anpackt und dabei hilft, Dinge zu erledigen. Sei es Gartenarbeit, Einkäufe, Kinderbetreuung oder Hilfe im Haushalt. Es kann aber auch entlastend sein, dass man einfach nur zuhört, gemeinsam schweigt oder eine Umarmung schenkt. Die Gesprächsthemen bestimmt allein der Begleitete. »Um Sterbende nicht zu überfordern, ist es meist richtig, abzuwarten, welche Themen von selbst angesprochen werden. Gleichzeitig kann es für einen schwerstkranken Menschen sehr tröstlich sein, zu wissen, dass es jemanden gibt, der in Stunden großer seelischer Not angesprochen werden könnte«, sagt Reschke.

Auch für Angehörige

Neben der Persönlichkeit des Menschen, den ein Ehrenamtlicher begleitet, sind auch seine Lebensumstände wichtig. »Es macht einen großen Unterschied, ob ich einen Menschen begleite, der in einer Familie lebt oder jemanden, der alleine ist«, sagt Bossel-Schwenck. In einer familiären Situation gilt es, alle Beteiligten im Blick zu haben: Auch die Angehörigen und die Beziehungen zueinander. Manchmal gibt es unbewältigte Konflikte, Unausgesprochenes, Überforderung, unterschiedliche Erwartungen und Ängste. »Oft sind die Angehörigen und der Erkrankte nicht auf einem Nenner. Den Angehörigen fällt es häufig schwer anzunehmen, dass der Erkrankte sterben muss«, sagt die Hamburger Sterbebegleiterin. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass es oft hilft, wenn ein Außenstehender als Ansprechpartner da ist. »Das Gefühl, dass jemand da ist, der einen versteht, bedeutet eine Entlastung«, sagt sie und fügt hinzu: »Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass es Schwerkranken hilft, wenn sie merken, dass da jemand ist, der akzeptiert, dass sie auf dem Weg zum Sterben sind.«

Selbstbestimmung bleibt

Wie ein Mensch diesen letzten Weg gehen will, bestimmt er alleine. Sterbebegleitung bedeutet in erster Linie, Raum geben. Raum für die Persönlichkeit des Sterbenden, Raum für seine Bedürfnisse. »Selbstbestimmung ist zentral«, betont Reschke. Der Erkrankte bestimmt, was er braucht und möchte. »Beispielsweise war bei Frank ziemlich schnell klar, dass es ihm wichtig war, noch vieles selbst zu können, ohne Hilfe. Darüber gab es eine klare Absprache, dass er äußert, wenn er Hilfe benötigt. Das war gut für uns beide«, sagt Bossel-Schwenck. Sie hat vor allem zugehört in den vielen Stunden, in denen sie in der kleinen Sozialwohnung des krebskranken Mannes war. Von seiner schweren Kindheit erfuhr sie, von seinen Erlebnissen, Wünschen, Erfolgen und Niederlagen. Sie schaute sich Erinnerungsstücke an. »Wir sind aber auch zusammen einkaufen gegangen, ich habe ihm Blumen mitgebracht, wenn ich gekommen bin oder ein kühles Bier besorgt, wenn er Lust darauf hatte, oder ich habe aufgeschrieben, was er mitnehmen wollte beim Umzug ins Hospiz«, sagt die Sterbebegleiterin.

Für den alleinstehenden Frank, dessen Schwester als einzige Verwandte weit entfernt wohnte und ihn nicht besuchen konnte, wurde Christiane Bossel-Schwenck in seinen letzten Lebensmonaten zu einer Vertrauten. Gemeinsam erlebten sie Dinge noch einmal. Beispielsweise einen Besuch in einem Café, an das er sich so gerne erinnerte. Als er in der allerletzten Zeit zu schwach war, seine Zigarette zu halten, durfte die Sterbebegleiterin das für ihn übernehmen. Während der Monate der Begleitung war sie offen für das, was gerade wichtig war für Frank. Sie hörte zu, wertfrei und zugewandt. Und sie schaffte es bei allem Mitgefühl auch, sich abzugrenzen. Ihre Haltung: »Ich achte sein Schicksal, aber ich belasse es bei ihm. Ich habe Respekt für sein Leben, seine Art und seine Persönlichkeit.«

Die Hospizbewegung

Entstanden ist die moderne Hospizarbeit in London. Dort gründete Dame Dr. Cicely Saunders 1967 das St. Christopher’s Hospice, ein Haus, in dem schwerstkranke und sterbende Menschen auf ihrem letzten Weg versorgt und begleitet wurden. Die Namensgebung Hospiz geht zurück auf eine Tradition aus dem vierten Jahrhundert. Damals entstanden entlang der Pilgerrouten in ganz Europa Hospize. Ursprünglich fanden die Pilger dort als Gäste eine Herberge. Im Lauf der Zeit entwickelten sich die Hospize zu Stätten, an denen vor allem kranke Pilger gepflegt wurden. Heute gibt es in Deutschland 214 stationäre Hospize für Erwachsene, 14 Häuser für Kinder und rund 1500 ambulante Hospizdienste.

Achtsam sein

Von sich selbst erzählt sie bei ihren Sterbebegleitungen nichts. Frank erfuhr weder, dass sie verheiratet ist, noch was sie beruflich macht. »Es ist eine Begleitung, keine Freundschaft«, stellt sie klar. Eine solche Haltung ist wichtig. Wichtig, um Distanz zu halten. Wichtig, damit Grenzen nicht verschwimmen – und die Aufgabe nicht die Energie des Begleiters aufzehrt. Um achtsam mit dem Sterbenden und den Angehörigen umgehen zu können, muss man in erster Linie fähig sein, sich selbst achtsam wahrzunehmen. Dabei hilft auch die Dokumentation, die ehrenamtliche Sterbebegleiter in Hamburg nach jedem Besuch anfertigen und an die Psychologin und die Hospizkoordinatoren schicken. Jede Dokumentation wird innerhalb von weniger als 24 Stunden von diesen beantwortet. Es schafft Distanz und Klarheit und es gibt Sicherheit jemanden im Hintergrund zu wissen. »Nach dem Schreiben bin ich wieder der Alltagsmensch«, sagt Bossel-Schwenck.

Ausbildung und Supervision

Für ihren Gesprächsbedarf gibt es eine regelmäßige Supervision. Dort werden Gefühle und Bedenken der Begleiter thematisiert. Sollte es mit dem Begleiteten zwischenmenschlich nicht passen, würde die Begleitperson ausgewechselt. So weit kommt es aber meist nicht. Schließlich sind ehrenamtliche Sterbebegleiter sorgfältig ausgebildet. Sie absolvieren eine etwa 120-stündige Vorbereitung, zu der auch ein Praktikum gehört. Kommunikation, Selbstreflexion und Biografiearbeit sind zentrale Inhalte des Kurses. Es sei wichtig, immer wieder die eigene Haltung zu überprüfen, weiß die Psychologin Reschke. »Wir gehen außerdem der Frage nach, was Helfer klären müssen, bevor sie einen Auftrag annehmen, und wir üben, wie Konflikte kräfteschonend geklärt werden können«, nennt sie einige Kursinhalte. Rechtliches, medizinisches und psychologisches Hintergrundwissen wird ebenso vermittelt wie Möglichkeiten der Symptomlinderung, Aufklärung über die Sterbe- und Trauerphasen sowie Informationen rund um Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht, Betreuungsverfügung und Bestattung.

Den Abschied gestalten

»Hospiz ist kein Ort, sondern eine Haltung«, sagt Reschke. Sterbebegleiter schaffen einen offenen Raum. Einen Raum, in dem das gelebte Leben Platz findet. Immer wieder kann man ein Puzzleteil hinzufügen, einen Schritt Abstand nehmen – und es würdigen. In der Begleitung von Franks Sterben war dieser Prozess wertvoll – und tröstlich. Nicht nur für ihn. »Auch für seine Schwester. Sie freute sich sehr, dass er am Ende eines schweren Lebens so eine gute Zeit haben konnte«, sagt Bossel-Schwenck.

Als Frank gestorben war, zündete sie an seinem Totenbett eine Kerze an und telefonierte mit der Schwester. Sie sangen gemeinsam über die vielen Kilometer Distanz. Bossel-Schwenck las »Der Herr ist mein Hirte«. Dieses Ritual passte für die Schwester. Inzwischen hat die Sterbebegleiterin ihr die Dinge, die Frank hinterlassen hat, geschickt und mehrere Gespräche mit ihr geführt. Solche Gespräche mit Angehörigen stehen meist am Ende der Begleitung. Franks Schwester ist dafür dankbar. »Die Dankbarkeit heilt ein Stück«, ist Bossel-Schwenck überzeugt. Das gilt auch für sie selbst. »Ich bin Frank sehr dankbar«, sagt sie. »Aus jeder Begleitung gehe ich mit einem Sack voll Erfahrungen heraus. Das ist eine wunderbare Lebensschule.« /

Weiterführende Informationen

Die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin erstellt die Datenbank »Wegweiser Hospiz- und Palliativversorgung Deutschland«. Hier kann man sich umfangreich informieren und Möglichkeiten für Unterstützung oder eigenes Engagement in der Nähe finden unter

www.wegweiser-hospiz-und-

palliativmedizin.de

Generelle Informationen rund um die Hospizarbeit findet man beim Deutschen Hospiz- und Palliativverband unter www.dhpv.de

Fragen rund um die Begleitung von Sterbenden, Abschiednehmen und Trauerarbeit beantwortet die Internetseite von Angela Reschke:

www.abschied-begleiten.de