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Functional Food

Lebensmittel mit Nebenwirkungen

07.09.2015
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Von Inga Richter / ACE-Vitamine im Fruchtsaft wirken gegen freie Radikale, Joghurt mit Lactobazillen ist gut für das Immunsystem. Phytosterine in der Margarine senken den Cholesterinspiegel und Omega-3-Fettsäuren im Brot stärken das Herz. So zumindest lauten die Werbeversprechen der Hersteller von funktionellen Lebens­mitteln. Meist sind positive Effekte auf die Gesundheit nicht nachgewiesen. Oft kann ein Zuviel sogar schädlich sein.

Im Hintergund herrscht reges Treiben. Models werden angekleidet, Kleider abgesteckt, und Guido Maria Kretschmer lächelt. Gut gelaunt erklärt er der Kamera, jeder Tag bringe neue Herausforderungen. Umso wichtiger sei es, sich gestärkt zu fühlen. »Hat dein Immunsystem heute schon gefrühstückt?« Prominente Werbeträger vor ihm durften noch behaupten, Actimel stärkt Abwehrkräfte. Doch inzwischen verbietet die Health-Claims-Verordnung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) nährwert- und gesundheitsbezogene Aussagen zu Lebensmitteln, solange sie nicht wissenschaftlich bewiesen sind.

»Die Behauptungen der Hersteller, Functional Food könnte präventiv etwas für die Gesundheit tun, sind fast nie wissenschaftlich belegt«, sagt Professor Dr. Peter Stehle, Ernährungs­physiologe an der Landwirtschaftlichen Fakultät der Universität Bonn. Für den Nachweis, dass ein Zusatzstoff X das Risiko für Krankheit Y senkt, wären teure Humanstudien über einen sehr langen Zeitraum notwendig. »Solche Studien gibt es nicht.« Beworben werden die Produkte trotzdem. Geschickt formulierte Slogans vermeiden den direkten Bezug zwischen gesundheitlicher Aussage und Produkt. Die Botschaft bleibt dieselbe.

Knapp jeder zweite Deutsche kauft oder verwendet mehrmals im Monat Nahrungsmittel mit gesundheitlichem Zusatznutzen, so das Ergebnis einer repräsentativen Onlineumfrage des Marktforschungsinstituts Ipsos aus dem Jahr 2011. Zwei Drittel wären auch bereit, dafür mehr zu bezahlen. Zwischen 1995 und 2009 stieg der Umsatz an funktionellen Lebensmitteln von 0,4 auf 4,52 Milliarden Euro.

Zu den Kassenschlagern gehören die probiotischen Milchprodukte. »Milchsäurebakterien bilden Stoffwechselprodukte, welche die Entstehung einer gesunden Darmflora unterstützen«, so Stehle. Neben der Verdauung müsste davon auch das Immunsystem profitieren, dessen Abwehrzellen zum großen Teil in der Darmschleimhaut beheimatet sind. Die Aussagen, hoch dosierte Lactobazillen würden vor Erkältungen, Allergien, womöglich sogar vor Krebs schützen, stützten sich jedoch in den meisten Fällen auf Laborstudien. In Petrischalen inkubierte man isolierte Darmzellen, Antigene oder Enzyme mit isolierten Bakterienstämmen und schaute, was passiert. Zwar verkürzte den Ergebnissen einer Metaanalyse zufolge die tägliche Zufuhr von Probiotika die Dauer von Erkältungskrankheiten um durchschnittlich einen Tag.

Doch ein Schutz vor Atemwegsinfektionen konnte nicht festgestellt werden. In kleineren Testreihen verringerte sich auch die Dauer von Durchfall­erkrankungen nach einer Reise oder einer Antibiotikatherapie. Für eventuell vorbeugende Effekte in Bezug auf Allergien oder Krebs gibt es keine Belege. »Man muss ganz klar zwischen Prävention und Therapie unterscheiden«, sagt Stehle. Die Zielgruppe der Werbung sind gesunde Menschen, die gesund bleiben wollen und tagtäglich konsumieren. Für diesen Anspruch bieten zumindest die Resultate bisheriger Studien kaum Anhaltspunkte.

Dort, wo Probiotika allenfalls dem Geldbeutel schaden, kann der Zusatz von Vitaminen und Mineralstoffen tatsächlich Schaden anrichten. Beworben wird die antioxidative Wirkung der Vitamine A, C und E gegen Schäden durch freie Radikale aus Nahrung oder Atemluft. Laut Theorie sollen diese aggressiven Sauerstoffverbindungen die Zellen schädigen, den Alterungsprozess einleiten und verschiedene Erkrankungen verursachen. »Allerdings können zu viele Antioxidanzien das Gegenteil bewirken«, erläutert Stehle. »Diese Nährstoffe können selbst zu Radikalen werden und Krankheiten auslösen.«

Aus diversen wissenschaftlichen Untersuchungen weiß man, dass isoliertes Beta-Carotin, eine Vorstufe von Vitamin A, bereits in Dosen ab 20 Milligramm täglich über einen längeren Zeitraum zu erhöhten Lungenkrebsraten bei Rauchern führt. Einer Übersichtsstudie aus 68 Untersuchungen mit rund 233 000 Teilnehmern zufolge ging die Zufuhr von isoliertem Vitamin A und E einzeln sowie auch kombiniert mit einer höheren Todesrate einher, als es in der Vergleichsgruppe der Fall war. Ohnehin sind die fettlöslichen Vitamine A, D und E mit Vorsicht zu genießen. Ein eventuelles Überangebot wird im Fettgewebe gespeichert. Insbesondere in der Schwangerschaft kann zu viel Vitamin A das Ungeborene schädigen. »Deshalb sollten Schwangere keine Leber essen«, so Stehle. »Ein Übermaß an Vitamin E kann Oxidationsprozesse unterstützen, dasselbe gilt für das Spurenelement Eisen.« Vitamin D für die Knochengesundheit wird durch den UV-Anteil im Tageslicht in der Haut produziert, wodurch die Grundversorgung garantiert ist. Eine Überdosierung kann auf längere Sicht die Calcium-Konzentration im Blut erhöhen und zu Kalkablagerungen in Blutgefäßen und Nieren führen.

42 Prozent der Männer sorgen sich der Ipsos-Umfrage zufolge um ihre Herzgesundheit, die oftmals mit dem Cholesterolspiegel gleichgesetzt wird. Wissenschaftlich hat die Idee des Zusatzes von Phytosterolen eine gute Basis, sagt Stehle: »Die Sterinester waren neue Substanzen und bedurften somit einer Novel-Food-Zulassung bezüglich der Sicherheit, ähnlich wie bei Arzneimitteln.« In ihrer chemischen Struktur ähneln die Pflanzensterole dem Cholesterol und werden mit denselben Transportmechanismen durch die Darmwand in das Blutgefäßsystem geschleust. Durch diesen Konkurrenzkampf gelangt weniger gefäßschädigendes Low Density Lipoprotein (LDL) ins Blut.

Tabelle: Weitere Zusätze in funktionellen Lebensmitteln

Zusatzstoff Wirkung Lebensmittel (Beispiele) Bemerkungen
Präbiotika (Inulin, Oligofructose) Unverdauliche Ballaststoffe sollen die Vermehrung günstiger Darmbakterien fördern. Backwaren, Milcherzeugnisse, Fruchtsäfte, Müsliriegel, Süßwaren, Säuglingsnahrung, Wurst Wirkung auf Darmflora und Verdauung nicht belegt. Bei empfindlichen Personen können schon geringe Mengen Blähungen oder Durchfälle auslösen.
Sekundäre Pflanzenstoffe Möglicherweise antioxidativ, Senkung des Cholesterol­spiegels Mit Extra- Portionen an ­Flavonoiden und Polyphenolen angereicherte Schokolade, Kakao und Kaffee, Phytosterine in Margarine und Milchprodukten Für Zusätze der Einzelsubstanzen fehlen die Daten über Aufnahme, Verstoffwechselung, Risiken, Nebenwirkungen
Folsäure (B-Vitamin) Wachstumsprozesse, Zell­teilung, Blutbildung. Wichtig in der Schwangerschaft: soll das Risiko einer Spina bifida von Neugeborenen (offener Rücken) verringern. Frühstücks-Cerealien, Salz, Mehl (in den USA)
Ballaststoffe Unverdauliche Pflanzenfasern, die im Darm aufquellen und die Verdauung fördern. Milchprodukte, Brot Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt 30 g täglich. Auf Flüssigkeitszufuhr achten.
Mineralstoffe (z.B. Jod, Eisen, Calcium) Jod gegen Schilddrüsenerkrankungen, Eisen zur Blut­bildung, Calcium für die Knochen. Jod in Speisesalz, Calcium / Eisen in Müslimischungen, Getränken, Milchprodukten In Deutschland ist Jod ein Mangelstoff, eine Ergänzung sinnvoll. Calcium und Eisen sind keine Mangelstoffe, Zusätze nicht notwendig.

Nutzen oder Risiko

Trotz alledem sorgen insbesondere diese Pflanzenstoffe für Aufruhr. »Der gesundheitliche Nutzen ist nicht belegt, es gibt Hinweise auf beträchtliche Risiken und nicht zuletzt empfehlen das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und die EFSA allen gesunden Menschen ohne erhöhten Cholesterolspiegel ausdrücklich, solche Produkte zu meiden«, erklärt Oliver Huizinga von der Verbraucherorganisation Foodwatch. Der Hintergrund: 2011 beurteilte das BfR die Ergebnisse einer niederländischen Studie, »die Hinweise auf unerwünschte Effekte von Pflanzen­sterolen auf die Mikrogefäße der menschlichen Netzhaut liefert.« Außerdem hätte sich der Verdacht auf kardiovaskuläre Risiken ergeben, wenn gesunde Menschen über einen längeren Zeitraum größere Mengen dieser Lebensmittel zu sich nehmen. Unter anderem berichteten auch Wissenschaftler der Universitätsklinik in Homburg/Saar im »Journal of the American College of Cardiology« über eine Störung der endothelialen Gefäßfunktion durch Sterinester. Zusätzlich fanden sie Ablagerungen der Substanzen in den Aortenklappen von zehn Patienten, die seit mindestens zwei Jahren derart angereicherte Produkte aßen. Wie das BfR stellt die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie den Nutzen dieser Produktgruppe infrage, Foodwatch forderte sogar eine Verkaufsbeschränkung: Margarine oder Joghurtdrinks mit Phytosterolen »für jedes Kind zugänglich neben Rama und Lätta im Supermarkt anzubieten, ist die Aufforderung zu einer womöglich gefährlichen Selbstmedikation«, so Huizinga. Alle phytosterolhaltigen Produkte gehörten in die Apotheke und nicht ins Kühlregal.

Für noch mehr Verunsicherung sorgt, dass viele Mediziner den vielfach beschriebenen Einfluss von Nahrungscholesterol auf Herzerkrankungen als »Cholesterin-Lüge« bezeichnen. Nur eine davon ist die Ernährungswissenschaftlerin Ulrike Gonder. Bis 2003 hätten nur drei von mindestens 16 Langzeitstudien einen statistischen Zusammenhang zwischen der Cholesterol-Zufuhr mit der Nahrung und dem Auftreten von Herzinfarkten gezeigt, schrieb sie in ihrem Artikel »Cholesterin: die Wissenschaft vergiftet«. Der Cholesterolspiegel würde im Alter ansteigen, egal was man isst, und die meisten Herzinfarkte würden bei unauffälligen Blutwerten erfolgen, lautet eine Botschaft. Statine hätten einen nachweislichen Effekt auf Herzkrankheiten und Todesrate, allerdings nicht über eine Senkung des Cholesterolspiegels: »Der festgesetzte Normwert von 200 mg/dl macht 80 Prozent der Menschen zu potenziellen Infarktkandidaten.«

Schutz vor Entzündungen

Über jeden Zweifel erhaben ist die positive Herzwirkung von essenziellen Omega-3-Fettsäuren, wie sie natürlicherweise in Fischölen, Obst, Gemüse und Nüssen vorkommen. »Zahlreiche Studien belegen einen Schutz vor Entzündungsprozessen und koronaren Störungen«, sagt Stehle. Einer großen japanischen Untersuchung zufolge traten Herzerkrankungen und Infarkte nur etwa halb so oft bei den Menschen auf, die täglich Fisch verzehrten. Auch im Gehirn üben die ungesättigten Fettsäuren wichtige Funktionen aus und werden mit einem geringeren Risiko für Alzheimer, Depressionen und Schizophrenie in Verbindung gebracht.

Doch selbst hierbei scheint die Dosis das Gift zu machen, wenn sie das über eine normale Ernährung erreichbare Maß übersteigt. 2009 lagen der EU Novel-Food-Anträge für 14 Lebensmittelgruppen vor, denen Öl aus marinen Mikroalgen zugesetzt werden sollte. Das BfR berechnete, dass Menschen dadurch täglich das Vierfache an Omega-3-Fettsäuren zu sich nehmen könnten. Bei einer solchen Dosis hätten verschiedene Studien »einen erhöhten Cholesterolspiegel, eine Beeinträchtigung der natürlichen Immunabwehr, insbesondere bei älteren Menschen, sowie eine erhöhte Blutungsneigung beobachtet.«

In den Jahren 2013 und 2014 gaben die Deutschen eine Milliarde Euro für Nahrungsergänzungsmittel und geschätzte fünf Milliarden für funktionelle Lebensmittel aus. »Die Häufigkeit degenerativer Erkrankungen nimmt trotzdem zu«, sagt Stehle. Insbesondere steigt die Zahl übergewichtiger und adipöser Menschen weltweit. Fehlerhafte Ernährung ist ein Risikofaktor, der sich auf alle Körperfunktionen auswirken kann. Zumindest für gesunde Menschen gäbe es nach Meinung des Ernährungsphysiologen nur wenige Ernährungsrichtlinien zu beachten: »Abwechslungsreich, nicht zu viel Energie, weniger gesättigte Fette, Körpergewicht konstant halten.« /