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Histamin-Intoleranz

Umstrittene Unverträglichkeit

07.09.2015  09:36 Uhr

Von Christina Müller / Die Histamin-Intoleranz gehört wohl zu den umstrittensten Diagnosen überhaupt. Die Symptomatik ist wenig eindeutig, die Studienlage widersprüchlich und die Diagnose schwierig. Viele Wissenschaftler zweifeln daher daran, ob diese Unverträglichkeit überhaupt existiert.

Histamin entsteht im menschlichen Organismus aus der Aminosäure Histidin. Der natürliche Botenstoff wird bei einer allergischen Reaktion in großen Mengen ausgeschüttet und wirkt an speziellen Rezeptoren, die in allen Geweben vorkommen. Daher sind die von Histamin ausgelösten Symptome vielfältig. Sie reichen von Hautrötungen, Juckreiz, Kopfschmerzen, Fließschnupfen, Übelkeit, Blähungen und Durchfall bis hin zu Herzrasen und Herzrhythmusstörungen.

Unter einer Histamin-Intoleranz oder auch Histaminose leiden Expertenschätzungen zufolge rund 1 Prozent der Bevölkerung. Die Betroffenen können zugeführtes Histamin meist nicht in ausreichendem Maße abbauen. Dafür sind die Enzyme Diaminoxidase (DAO) und Histamin-N-Methyltransferase (HNMT) nötig. Anders als bei allergischen Reaktionen wird Histamin bei der Histamin-Intoleranz nicht unter Beteiligung von Immunglobulinen aus den Mastzellen freigesetzt. Die Histaminose ist also definitionsgemäß keine Allergie. Gleichzeitig auftretende Allergien können die Symptomatik aber durch den allgemein erhöhten Histamin-Spiegel verstärken.

Geringe Enzymaktivität

Gründe für einen unzureichenden Abbau von Histamin können ein Mangel oder eine verminderte Aktivität der DAO und der HNMT sein. Besonders die DAO spielt dabei vermutlich eine tragende Rolle. Sie wird zu 90 Prozent in den Epithelzellen der Darmwand produziert. Wie alle Enzyme haben auch DAO und HNMT nur eine begrenzte Kapazität. Daher kommt es auch bei gesunden Menschen zu Problemen, wenn diese zu viel Histamin aufnehmen. Die orale Aufnahme von etwa 100 mg Histamin kann leichte Vergiftungen auslösen, ab 1000 mg sind schwere Intoxikationen möglich. Am häufigsten treten Histamin-Vergiftungen nach dem Verzehr von verdorbenem Fisch auf.

Seit den 1980er-Jahren stehen His­tamin und verwandte Substanzen im Verdacht, bei empfindlichen Personen schon nach der Aufnahme geringer Mengen weit unterhalb der Vergiftungsdosis Unverträglichkeitsreaktionen hervorzurufen. Ursache und Mechanismus sind nicht genau geklärt, und einige Experten bezweifeln, dass es diese Unverträglichkeit tatsächlich gibt. Denn bislang ist der Zusammenhang zwischen oral aufgenommenem Histamin, einer verminderten Enzym­aktivität und dem Auftreten eines charakteristischen Beschwerdebilds nicht belegt. In einer Metaanalyse von 2003 fanden Forscher keinen Hinweis auf eine Korrelation zwischen oral aufgenommenen biogenen Aminen, zu denen auch Histamin zählt, und dem Auftreten von Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Auch eine Studie von 2008, bei der die Probanden entweder 75 mg Histamin oder ein Placebo erhielten, konnte keinen Beweis für einen Zusammenhang zwischen der Histamin-Aufnahme und dem Auftreten von Symptomen liefern.

Auswahl histaminarmer und -reicher Lebensmittel

Histaminarme Lebensmittel Histaminreiche Lebensmittel
Fleisch/Geflügel/Fisch und Fleischwaren Frisches oder tiefgefrorenes Fleisch und Geflügel, Fischsorten wie Dorsch, Seelachs, Scholle, Kabeljau, Rotbarsch Geräuchertes, gepökeltes, mariniertes, getrocknetes Fleisch und Geflügel, Leber und Fleischextrakte, Rohwürste (Salami, Cervelatwurst, Mettwurst) roher Schinken, Hering, Sardellen, Thunfisch, Makrele, Fisch­konserven, Schalentiere und Muscheln
Milch- und Milchprodukte Frische Milch, Joghurt, Buttermilch, Kefir, Sahne, Butter, Frischkäse, Quark, Butterkäse und junger Gouda Lang gereifter Käse wie Emmentaler, Parmesan, Camembert, Harzer Schmelzkäse, Schimmelkäse
Getreide und Getreideprodukte Getreide und Getreideprodukte, Reis, Nudeln, Dinkel Weizen, Gerste, Hirse Brot mit Zusatzstoffen (Hefe), Fertigback­mischungen, Weizenkeime
Obst Melone, Heidelbeeren, Preiselbeeren, Mango, Kirschen, Äpfel, Aprikosen, Nektarinen, Pfirsiche und Birnen Zitrusfrüchte, Ananas, Bananen, Kiwi, Himbeeren, Erdbeeren, Papaya, Obstkonserven, Nüsse
Gemüse Kartoffeln, Grüner Salat, Kohl, Rote Bete, Kürbis, Zwiebeln, Radieschen, Rettich, Paprika, Karotten, Brokkoli, Gurke, Lauch, Zucchini, Mais, Spargel, Knoblauch, frische Kräuter Auberginen, Avocado, Tomaten (auch Tomatenmark, Ketchup), Spinat, Sauerkraut, Gemüse­konserven, eingelegtes Gemüse (Rote Bete, Gurken, Zwiebeln)
Getränke Kaffee, Wasser, Obstsäfte (außer aus Zitrus­früchten), Weißwein, helles Bier Schwarzer und grüner Tee, Tomatensaft, Rotwein, Sekt, Liköre

Quelle: Modifiziert und gekürzt nach: Ernährung bei Histaminintoleranz; Klinik für Ernährungsmedizin, Klinikum rechts der Isar, TU München (mri.tum.de)

 

Häufig vermuten Patienten und Ärzte eine Histamin-Unverträglichkeit hinter den mitunter unspezifischen Symptomen, gesichert werden kann die Diagnose aber selten. Laboruntersuchungen wie die Messung der DAO-Aktivität im Blut oder die Bestimmung von Histamin-Abbauprodukten im Urin bewerten die Experten der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI) als nicht aussagekräftig. Diagnostisch von Bedeutung seien möglicherweise die Aktivi­täten von DAO und HNMT in der Darmschleimhaut, heißt es in der Leit­linie Histamin-Unverträglichkeit, die die DGAKI in Zusammenarbeit mit dem Ärzteverband Deutscher Allergologen und der Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin entwickelt hat. Die Konzentration der DAO im Blut lasse nach aktuellem Kenntnisstand jedoch keine Rückschlüsse auf die Enzymaktivität im Dünndarm zu. Der Darm gilt als wichtigstes Organ zum Abbau von Histamin.

Eine valide diagnostische Methode steht laut Leitlinie nicht zur Verfügung. Als praktikables Vorgehen, um das Auftreten von Symptomen nach Histamin-Aufnahme objektiv zu untermauern, schlägt die DGAKI zunächst eine dreistufige Nahrungsumstellung vor. Die Patienten ernähren sich zunächst etwa zwei Wochen lang möglichst Histamin-arm. Dann werden über einen Zeitraum von bis zu sechs Wochen nach und nach Histamin-reiche Nahrungsmittel gezielt wieder in den Speiseplan aufgenommen, um die persönliche Verträglichkeitsschwelle zu ermitteln. Letztendlich folgt die Phase der Dauerernährung, in der die Betroffenen spezifische Ernährungsempfehlungen erhalten. Die individuell verträgliche Dosis kann anschließend anhand einer titrierten Provokation festgelegt werden. Dazu erhalten die Patienten im Abstand von zwei Stunden in aufsteigender Dosierung Histaminhy­drochlorid. Da systemische Reaktionen wie Übelkeit, Erbrechen oder Kreislaufstörungen auftreten können, sollten nur Ärzte einen Provokationstest bei den Betroffenen durchführen.

Histamin entsteht unter anderem im bakteriellen Aminosäure-Stoffwechsel. Deshalb enthalten Lebensmittel, die eine mikrobielle Reifung durchlaufen, besonders viel davon. Dazu zählen Rotwein, Schimmelkäse, Sauerkraut, geräuchertes Fleisch und viele Fischprodukte (siehe auch Tabelle). Die strenge Diät erfordert von den Betroffenen viel Disziplin: Sie müssen über mehrere Wochen viele Lebensmittel des täglichen Bedarfs meiden. Im Alltag stellt das die Patienten oft vor Probleme. Mittagessen in der Kantine oder am Imbiss ist für sie kaum möglich.

Kein Alkohol

Beim Verdacht auf eine Histaminose sollten die Betroffenen auch möglichst auf Alkohol verzichten. Alkohol fördert über verschiedene Mechanismen die Histamin-Unverträglichkeit: Er hemmt die DAO-Aktivität, setzt körpereigenes Histamin frei und verstärkt durch seine gefäßerweiternde Wirkung viele Symptome der Histaminose. Zudem erhöht er die Durchlässigkeit der Darmwand und fördert so die Aufnahme des Histamins aus der Nahrung.

Auch einige Medikamente hemmen möglicherweise die Aktivität der DAO. Beispiele sind Acetylcystein, Ambroxol, Metamizol, Verapamil, Metronidazol oder Metoclopramid. Acetylsalicylsäure und weitere nicht steroidale Antirheumatika verändern zudem die Durchlässigkeit der Darmwand. Der Einfluss von Medikamenten auf den Histamin-Spiegel ist nach Ansicht der DGAKI jedoch nicht ausreichend untersucht.

Besonders häufig tritt die Histamin-Unverträglichkeit im Zusammenhang mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen wie Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn auf. Diese gehören neben Nahrungsmittelallergien und Kohlenhydrat-Verwertungsstörungen gleichzeitig zu den wichtigsten Differenzialdia­gnosen.

Zur Therapie von Patienten mit dem Verdacht auf eine Histaminose liegen bislang keine geeigneten Studien vor. Weder die medikamentöse Behandlung mit Antihistaminika, noch die Subs­titution der Enzyme in Kapselform sind hinreichend untersucht. Ob diese Behandlungsmöglichkeiten den Betroffenen helfen, können sie dennoch selbst testen. Pauschale Diäten sind laut DGAKI nicht zielführend. Die Experten empfehlen eine fachkompetente Ernährungsberatung, um zu vermeiden, dass die Lebensqualität der Betroffenen unter einer unnötigen Einschränkung der Nahrungs­mittel­auswahl zusätzlich leidet. /