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Höhenkrankheit

Die Luft wird dünn

12.09.2016  11:28 Uhr

Von Carina Steyer / Wandern in den Bergen, Treckingtouren und Skifahren – der Urlaub in großen Höhen ist beliebt. Aktiv-Urlauber sollten dabei beachten, dass ab 2500 Höhenmetern eine Höhenkrankheit auftreten kann. Vorbeugende Maßnahmen und Umsicht können schlimme Folgen verhindern.

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO besuchen jährlich etwa 40 Millionen Reisende Gebiete in Höhenlagen über 2500 Metern. Bei etwa einem Viertel tritt dabei die Höhenkrankheit, auch akute Bergkrankheit genannt, auf. Ursache ist der mit steigender Höhe abnehmende Luftdruck und der damit verbundene abfallende Sauerstoffpartialdruck. Der Körper versucht, den verringerten Sauerstoffgehalt im Blut durch eine erhöhte Atem- und Herzfrequenz sowie eine gesteigerte Atemtiefe auszugleichen. Außerdem steigt die Anzahl der Erythrozyten im Blut, damit der Körper besser mit Sauerstoff versorgt werden kann. Der Nachteil ist jedoch ein erhöhtes Risiko für Durchblutungsstörungen, Ödeme und Thrombosen.

Oberhalb von 2500 Höhenmetern – in Einzelfällen auch schon ab 2000 Metern – kann der Körper eine ausreichende Sauerstoffversorgung nicht sicherstellen. Er muss sich an die ungewohnte Höhe anpassen, um leistungsfähig zu bleiben. Diese als Akklimatisation bezeichnete Phase kann mehrere Tage in Anspruch nehmen. Reisende sollten also nicht zu schnell aufsteigen und ausreichend Zeit für Pausen einplanen.

Die ersten Beschwerden bei der Höhenkrankheit treten in der Regel nach einem vier- bis sechsstündigem Aufenthalt in der ungewohnten Höhe auf. Nach zunächst unspezifischen Symptomen wie Appetitlosigkeit und Unwohlsein kommen bald typischerweise Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Erbrechen und Schlafstörungen hinzu. Ihren Höhepunkt erreicht die Erkrankung meist nach der ersten Nacht in Höhenlage.

Der Kreis der Betroffenen lässt sich kaum einschränken. Körperlich fitte Menschen sind genauso häufig betroffen wie Untrainierte, ältere haben das gleiche Risiko wie junge Menschen. Selbst das Rauchen scheint kein Risikofaktor zu sein. Einzig bei Kindern ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie unter der Höhenkrankheit leiden.

Gefährlicher Verlauf

Die Symptome der akuten Bergkrankheit lassen sich meist mit einem Analgetikum wie Ibuprofen beziehungsweise einem Antiemetikum in den Griff bekommen. Dennoch sollte der Betroffene zunächst nicht weiter aufsteigen. Ist nach 24 bis 48 Stunden Schonung keine Besserung eingetreten, muss der Abstieg erfolgen. Ein weiterer Aufstieg ist erst möglich, wenn der Betroffene ohne Arzneimittel beschwerdefrei ist.

Es ist wichtig, die Höhenkrankheit ernst zu nehmen: Ignorieren Bergsteiger die genannten Beschwerden und steigen weiter auf, kann sich aus der akuten Bergkrankheit ein Höhenhirnödem oder ein Höhenlungenödem entwickeln. Beide Erkrankungen können unbehandelt innerhalb weniger Tage zum Tod führen.

Das Höhenhirnödem (HACE: High Altitude Cerebral Edema) ist eine recht seltene Komplikation: Weniger als 1 Prozent der Bergsteiger, die mehr als 48 Stunden über 4000 Höhenmeter verbracht haben, sind betroffen. Es handelt sich nicht im eigentlichen Sinne um ein Ödem, sondern um eine Schwellung des gesamten Gehirns. Der Schädel kann sich nicht ausdehnen, der Druck im Gehirn steigt da­raufhin stark an. Mediziner vermuten, dass die Blut-Hirn-Schranke aufgrund des Sauerstoffmangels undicht wird.

Anzeichen, die auf ein HACE hin­deuten, sind Störungen der Bewegungskoordination und des Bewusstseins sowie Fieber. Betroffene erhalten Dexamethason als Mittel der Wahl sowie Sauerstoff. Sie müssen möglichst schnell mindestens 1000 Höhenmeter tiefer gebracht werden. Der Transport sollte dabei möglichst in sitzender Position erfolgen, um den pulmonal-arteriellen Druck zu senken. Ist ein Transport aufgrund des schlechten Zustands des Betroffenen nicht mehr möglich, kann ein Überdrucksack eingesetzt werden. Dabei handelt es sich um eine aufblasbare, luftdichte Hülle, in der ein Mensch liegen kann. Über eine Fußpumpe wird der Sack aufgeblasen, der Innendruck steigt und es wird ein Abstieg simuliert. Ein Überdrucksack kann allerdings den Abstieg nicht ersetzen, sondern nur kurzzeitig den Zustand des Betroffenen so weit verbessern, dass er transportiert werden kann.

Auch das häufiger auftretende Höhen­lungenödem (HAPE = High Altitude Pulmonary Edema) kann lebens­bedrohlich verlaufen. Erste Symptome zeigen sich oft schon ab Höhen von 3000 Metern und besonders häufig nachts. Als Risikonächte gelten die zweite Nacht in einer neuen Höhe und die vierte Nacht nach Überschreiten der Schwellenhöhe.

Aufgrund des Sauerstoffmangels ziehen sich beim HAPE die Blutge­fäße in der Lunge zusammen. Dadurch ­erhöht sich der Druck in den Lungen­ge­fäßen und es tritt vermehrt Flüssigkeit aus den Gefäßen in das Lungengewebe und die Lungenbläschen aus. Das beeinträchtigt den Gasaustausch und verschlechtert die Sauerstoffversorgung zusätzlich. Die Patienten leiden zunächst unter Atemnot, trockenem Husten und einem deutlichen Leistungseinbruch. Zusätzlich zeigen sie fast immer auch Symptome der akuten Bergkrankheit. Schreitet das HAPE fort, kommt es zu starker Apnoe, Husten mit blutigem Auswurf sowie einer Blau­färbung der Haut und Schleimhäute. Spätestens jetzt muss ein möglichst passiver Abstieg um 1000 Höhenmeter erfolgen. Medikamentös wird die Erkrankung mit Nifedipin (vermindert den Vasospasmus in der Lunge) oder Furosemid behandelt. Zusätzlich erhält der Betroffene Sauerstoff. Solange ­keine Symptom- und Therapiefreiheit erreicht ist, darf kein erneuter Aufstieg erfolgen.

Langsamer Aufstieg

HACE und HAPE sind mögliche Folgen eines zu schnellen Aufstiegs mit unzureichender Akklimatisation. Der beste Schutz gegen die Höhenkrankheit ist somit ein langsamer Aufstieg. Wird die Schwellenhöhe von 2500 Metern überschritten, empfehlen Höhenmediziner jedem Reisenden eine konsequente Akklimatisationstaktik. Das bedeutet, mindestens eine Nacht auf einer Höhe zwischen 2000 und 3000 Metern zu verbringen. Ab 3000 Höhenmetern sollten die Schlafhöhen nie weiter als 500 Höhenmeter auseinanderliegen und alle 1000 Höhenmeter sollten zwei Übernachtungen auf derselben Höhe eingeplant werden. Ein besonders großes Risiko höhenkrank zu werden, tragen alle Reisenden, die mit dem Auto, der Seilbahn oder dem Flugzeug auf mehr als 2500 Höhen­meter aufsteigen. Hier wird ein zumindest dreitägiger Aufenthalt auf der Anreisehöhe empfohlen, bevor man weiter aufsteigt.

Medikamentöse Vorsorge

Bei vielen ist die Urlaubszeit schlicht zu kurz, als dass sie ausreichend lange ­Akklimatisationszeiten einplanen. Einige Mediziner empfehlen dann zum Schutz vor der akuten Höhenkrankheit die prophylaktische Einnahme von Acet­azolamid (Diamox®), etwa wenn der Reisende bereits früher höhenkrank war oder zum Beispiel bei Rettungseinsätzen am Berg, wo keine ausreichende Akklimatisationszeit eingehalten werden kann. Der Carboanhydrase-Hemmer erhöht die Ventilation, verbessert den Gasaustausch, senkt den Gehirndruck und verbessert die Sauerstoffversorgung im Gewebe. Das Auftreten der akuten Bergkrankheit kann damit zwar nicht vollständig verhindert, die Symptome aber abgemildert werden. Aber auch hier gilt: Nur wer symptomfrei ist, darf weiter aufsteigen. Beim Höhenlungenödem wirkt Acetazolamid nicht. /

Wichtige Ratschläge

  • Nicht zu schnell zu hoch steigen
  • keine anaerobe Anstrengung in der Anpassungsphase
  • pro 1000 m ein zusätzlicher Ruhetag
  • Kohlenhydratreiche Nahrung
  • möglichst tiefe Schlafhöhe ­ (»Climb high, sleep low«)
  • täglicher Schlafhöhengewinn 300 bis 500 m
  • möglichst keine Aufstiegshilfen benutzen
  • ausreichende Flüssigkeitszufuhr (Reduktion Thromboserisiko, Erfrierung)

Wichtige Regeln der Akklimatisation

  • Jede Gesundheitsstörung ist im Zweifel höhenbedingt
  • Nur symptomfrei höher steigen
  • Bei Verschlechterung sofortiger Abstieg
  • Höhenkranke niemals alleine lassen

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Berg- und Expeditionsmedizin www.bexmed.de