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Pneumonie

Lunge unter Druck

12.09.2016  11:28 Uhr

Von Verena Arzbach / Eine Lungenentzündung kann vor allem bei Kindern, Senioren und immungeschwächten Personen bedrohlich verlaufen. Sie muss fast immer mit Antibiotika behandelt werden. Eine Impfung schützt vor den wichtigsten Erregern, den Pneumokokken.

Die ambulant erworbene Pneumonie (community aqcuired pneumonia, CAP) gehört zu den schweren Infektionen der unteren Atemwege. Pro Jahr erkranken daran rund 600 000 Menschen in Deutschland, etwa 200 000 von ihnen müssen stationär behandelt werden. Die Mortalität der CAP steigt mit dem Alter und mit Komorbiditäten. Sie ist – bei schweren Infektionen, die im Krankenhaus behandelt werden – recht hoch: Für bis zu 14 Prozent der ­Patienten endet die Erkrankung tödlich.

Die wichtigsten Erreger der CAP sind Pneumokokken, seltener Influenza-Viren, Mycoplasma pneumoniae und Legionellen. Bei im Krankenhaus erworbenen Pneumonien (hospital acquired pneumonia, HAP) sind die Erreger dagegen vornehmlich Pseudomonaden, Staphylokokken, Klebsiellen und Candida-Spezies. Grunderkrankungen der Lunge, etwa COPD, Mukoviszidose, Bronchiektasen (kleine irreversi­ble Aussackungen der Bronchien) oder ein Lungenemphysem, sowie eine allgemeine Abwehrschwäche aufgrund von chronischen Erkrankungen oder immunsuppressiver Therapie erhöhen das Risiko einer schweren Erkrankung. Auch Kinder und ältere Menschen haben ein höheres Risiko für komplizierte Krankheitsverläufe.

Typische Symptome einer Pneumonie sind Fieber, Husten, Schwäche, Atemnot und Schmerzen beim Atmen. Mit zunehmendem Alter kann eine Lungenentzündung auch oft mit Verwirrtheit einhergehen. Bei Verdacht sollten Patienten möglichst schnell einen Arzt aufsuchen.

Die Behandlung einer CAP kommt in der Regel nicht ohne Antibiotika aus. Leichte Formen der Pneumonie lassen sich gut mit Aminopenicillinen behandeln. Mittel der Wahl ist dabei Amoxicillin, das peroral über fünf bis sieben Tage gegeben wird. Als Alternative können laut der aktuellen S3-Leitlinie zur Behandlung ambulant erworbener Pneumonien ein Fluorochinolon (wie Moxifloxacin, Levofloxacin), nachgeordnet ein Makrolid (wie Azithromycin, Clarithromycin) oder Doxycyclin ver­abreicht werden. Multimorbide Patienten oder solche mit chronischen Begleit­erkrankungen erhalten ein Kombinationspräparat mit Aminopenicillin/Betalactamaseinhibitor (zum Beispiel Amoxicillin/Clavulansäure), alternativ ein Fluorochinolon.

Patienten mit mittelschwerer Pneumonie erhalten eine Aminopenicillin/Betalactamaseinhibitor-Kombination oder ein Cephalosporin, alternativ ein Fluorochinolon. Patienten, die stationär behandelt werden, erhalten die antimikrobielle Therapie in den ersten Tagen parenteral. Bei schwerer Pneumonie erhalten die Patienten initial eine intravenöse Kombinationstherapie aus einem Betalactam mit breitem Spek­trum (wie Piperacillin/Tazobactam, Cefotaxim oder Ceftriaxon) und einem Makrolid.

Magensäure als Schutz

Nicotin und Medikamente, die die Ausschüttung von Magensäure hemmen, können das Pneumonie-Risiko erhöhen. Patienten, die im Krankenhaus mit Protonenpumpeninhibitoren (PPI) behandelt wurden, erkrankten in einer ­US-amerikanischen Untersuchung 30 Pro­zent häufiger an einer Pneumonie. Warum, ist allerdings unklar. Wissenschaftler vermuten, dass Bakterien aufgrund der fehlenden Säure im ­Magen nicht mehr so effektiv abgetötet werden und dann womöglich in die Atemwege gelangen können.

Impfen schützt

Zu den wichtigsten Präventionsmaßnahmen zählt die Impfung gegen Pneumokokken. Die Impfung ver­hindert zwar nicht die Infektion mit ­den entsprechenden Erregern, senkt aber das Risiko für schwere Kompli­kationen.

Gegen Pneumokokken sind zwei Impfstofftypen verfügbar: Ein 23-valenter Pneumokokken-Polysaccharid-Impfstoff (Penumovax® 23) und zwei Konjugat-Impfstoffe, Prevenar® 13, ­der vor 13 Pneumokokken-Serotypen schützt, sowie der 10-valente Impfstoff Synflorix®. Die Polysaccharid-Vakzine besteht aus gereinigten Polysacchariden der Bakterienkapsel. Beim Konjugat-Impfstoff ist das Antigen an ein Trägerprotein gekoppelt. Dieses aktiviert B- und T-Zellen des Immunsystems, die Polysaccharid-Antigene dagegen nur die B-Zellen.

Alle Kinder unter zwei Jahren sollen laut der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert-Koch-Institut (RKI) standardmäßig mit dem 13-valenten Konjugat-Impfstoff geimpft werden, weil sie nach einer Impfung mit dem Polysaccharid-Impfstoff keine ausreichende Immunantwort entwickeln. Vor einem Jahr hat die STIKO die Impfempfehlungen für Pneumokokken angepasst: Säuglinge erhalten nun drei statt bisher vier Dosen im Alter von 2, 4 und 11 bis 14 Monaten. Dieses 2+1-Impfschema (zwei Grundimmunisierungen, eine Auffrischung) hat das 3+1-Impfschema mit insgesamt vier Dosen abgelöst. Frühgeborene sollen allerdings weiterhin vier Impfstoffdosen erhalten.

CRB-65-Score

Ärzte schätzen mithilfe des CRB-65-Scores das Komplikationsrisiko von Patienten mit ambulant erworbener Pneumonie ein. Der Score umfasst vier Kriterien: Verwirrtheit (C, Confusion), Atemfrequenz über 30/min (R, Respiratory Rate), Blutdruck unter 90/60 mmHg (B) und Alter über 65 Jahre. Jedes Kriterium wird mit einem Punkt bewertet. Patienten mit 0 Punkten haben ein geringes Risiko für einen schweren Verlauf der Pneumonie, sie können zu Hause mit einem Antibiotikum behandelt werden. Bei einem bis zwei Punkten sollten Patienten stationär behandelt, bei drei bis vier Punkten intensivmedizinisch betreut werden.

Für alle Personen ab dem Alter von 60 Jahren empfiehlt die STIKO in ihren aktualisierten Impfempfehlungen, die Ende August 2016 veröffentlicht wurden, eine Immunisierung mit dem Polysaccharid-Impfstoff. Dieser hat laut STIKO den Vorteil, dass er ein breiteres Spektrum (23 statt 13) der insgesamt mehr als 90 Pneumokokken-Serotypen abdeckt. Personen mit bestimmten Risikofaktoren für schwere Pneumokokken-Erkrankungen, zum Beispiel einer Immunschwäche oder chronischen Erkrankung, sollten unabhängig vom Alter geimpft werden. Menschen mit angeborenen oder erworbenen Immundefekten sollen nach der STIKO-Empfehlung eine sequenzielle Impfung erhalten: Sie werden zuerst mit dem Konjugat-Impfstoff geimpft, nach sechs bis zwölf Monaten zusätzlich mit dem Poly­saccharid-Impfstoff.

Erstmals empfiehlt die STIKO, bei Angehörigen bestimmter Risikogruppen eine Wiederholungsimpfung nach mindestens sechs Jahren zu erwägen. Aufgrund der begrenzten Dauer des Impfschutzes sei diese grundsätzlich bei den genannten Risikogruppen sinnvoll. Gesunde Erwachsene, auch Senioren, sollten aber nicht routinemäßig erneut geimpft werden.

Die Impfempfehlungen sollten besser umgesetzt werden, fordert die ­STIKO in einer Pressemeldung. Bislang sind nach Daten der Deutschen Erwachsenengesundheitsstudie des RKI nur 31 Prozent der Senioren (von 65 bis 79 Jahre) gegen Pneumokokken geimpft. Die Pneumokokken-Impfung könne beim gleichen Impftermin durchgeführt werden wie die Grippeschutzimpfung, die ebenfalls vor Pneumonie-Komplikationen schützen kann. Die Influenza-Impfung wird ebenfalls für Ältere und chronisch Kranke empfohlen. /