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Grippeimpfung für Senioren

Verstärkte Wirkung

12.09.2016  11:28 Uhr

Von Verena Arzbach, Frankfurt am Main / Die Ständige Impf­kommission (STIKO) am Robert-Koch-Institut (RKI) empfiehlt ­bestimmten Bevölkerungsgruppen, sich jedes Jahr neu gegen Grippe impfen zu lassen, darunter allen Personen ab 60 Jahren. Wirkverstärkte Impfstoffe versprechen eine gesteigerte Immun­antwort und sind Experten zufolge daher für die Älteren besser geeignet als herkömmliche Impfstoffe.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hatte sich eigentlich in Sachen Influenza zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2015 eine Durchimpfungsrate von 75 Prozent bei älteren Menschen und anderen Risikogruppen zu erreichen. Doch in Deutschland ist man davon noch weit entfernt. »Die Impflücken bei den Älteren sind gewaltig«, sagte Professor Dr. Barbara Gärtner, Leiterin des Instituts für Mikrobiologie und Hygiene des Universitätsklinikums des Saarlands, bei einer Pressekonferenz des Impfstoff-Herstellers Seqirus in Frankfurt am Main. In der Influenzasaison 2014/2015 lag die Impfquote bei den Über-60-Jährigen je nach Bundesland nur zwischen 21,1 und 56,7 Prozent. 

Misstrauen gegenüber der Impfung und die Annahme, dass eine Grippe­erkrankung nicht gefährlich sei, waren in einer Umfrage des RKI die häufigsten genannten Gründe, warum sich Menschen über 60 nicht impfen lassen, ­berichtete Gärtner.

Bei Senioren ist das Risiko für einen schweren Verlauf und lebensbedroh­liche Komplikationen deutlich höher als bei jüngeren Erwachsenen. Ein Grund dafür ist die sogenannte Immunseneszenz, verdeutlichte Gärtner. Das Immunsystem könne sich im Alter nicht mehr so effektiv gegen Infektionserreger wehren wie in jüngeren Jahren. Daher kann auch die saisonale Influenzaimpfung bei Senioren weniger wirksam sein. »Je älter die Menschen, desto weniger Antikörper bildet das Immunsystem nach einer Impfung«, erläuterte Gärtner. Für die Älteren gibt es einen adjuvantierten saisonalen Influenzaimpfstoff (Fluad®) mit dem Wirkverstärker MF59 (siehe Kasten). Werden Ältere mit diesem Impfstoff immunisiert, bildet der Körper mehr Antikörper als nach der Impfung mit einem nicht -adjuvantierten Impfstoff.

Was sind Wirkverstärker?

Wirkverstärker, auch Adjuvanzien genannt, werden Impfstoffen zugesetzt, um die Immunantwort auf ein Antigen zu verstärken. Das Adjuvans bindet an das Antigen und setzt es verlangsamt frei. Dadurch wird die körpereigene Bildung von Antikörpern gesteigert und die Immunantwort verstärkt. Bekannte Wirkverstärker sind Aluminiumsalze, die zum Beispiel Vakzinen gegen Tetanus und Diphtherie zugesetzt sind. Daneben kommen Emulsionen zum Einsatz: MF59 (Squalen, Polysorbat 80, Sorbitantrioleat) im Influenzaimpfstoff oder AS03 (Squalen, Polysorbat 80, DL-α-Tocopherol), das in der Schweinegrippe-Vakzine Pandemrix® enthalten war. Eine weitere Adjuvanzien-Gruppe sind Virosomen (zum Beispiel im Hepatitis-A-Impfstoff HAV® pur enthalten), Liposomen, in deren Phospholipiddoppelschichten virale Oberflächenantigene eingelagert sind.

Breite Wirkung

Ein weiterer Vorteil der adjuvantierten Impfstoffe sei, dass sie im Vergleich zu den nicht-adjuvantierten in Studien eine größere Wirkbreite gezeigt hätten, erläuterte Petra Sandow, niedergelassene Ärztin aus Berlin. »Die adjuvantierte Vakzine schützt auch dann noch, wenn sich das Grippevirus durch Mutationen verändert hat.« Aber adjuvantierte Impfstoffe haben auch einen Nachteil: Sie sind schlechter verträglich als Vakzinen ohne Wirkverstärker. »Es treten häufiger lokale Nebenwirkungen an der Injektionsstelle auf, etwa Schmerzen, Rötung oder Schwellungen«, berichtete Sandow.

Obwohl Experten die Vorteile der adjuvantierten Impfstoffe für Ältere betonen, werden viele Senioren in der Praxis dennoch mit herkömmlichen Grippeimpfstoffen geimpft. Aufgrund der Rabattverträge können die wirkverstärkten Impfstoffe in einigen Bundesländern nicht auf Kassenrezept verordnet werden. Auch die STIKO empfiehlt diese nicht explizit. Die Kommission kritisiert, dass es zu den adjuvantierten Impfstoffen im Wesentlichen nur Studien zur Antikörperbildung gibt. Ob die verstärkte Antikörperbildung letztendlich wirklich zu einem zuverlässigeren Schutz vor einer Erkrankung führt, ist aus Sicht der ­STIKO nicht geklärt. /