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Warnhinweise auf Zigarettenpackungen

Wirksame Abschreckung?

12.09.2016  11:28 Uhr

Von Barbara Erbe / Farbfotos von verrotteten Zahnstümpfen, ausgemergelten Krebspatienten oder leidenden Säuglingen sind nun auch in Deutschland auf Zigaretten- und Tabakpackungen zu sehen. Die abschreckende Wirkung der Schockbilder ist durch zahlreiche wissenschaftliche Studien belegt, berichten Experten der EU und der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Seit Mai dieses Jahres ist die 2014 ausgehandelte EU-Richtlinie für Tabakprodukte auch in Deutschland in Kraft: Zwei Drittel der Vorder- und Rückseite von Zigaretten- und Drehtabakverpackungen müssen für kombinierte Warnbilder und aufklärende Texte reserviert sein – Weit mehr als früher. Vorreiter sei Deutschland damit aber bei weitem nicht, im Gegenteil: Die EU-Nachbarn Frankreich und Großbritannien hätten schon vor einem Jahr damit begonnen, und in Australien oder Kanada müssen bereits seit über zehn Jahren drastische Warnbilder auf Zigarettenpackungen gedruckt werden, betont Dr. Martina Pötschke-Langer, Leiterin der Stabsstelle Krebspräven­tion und des WHO-Kollaborationszen­trums für Tabakkontrolle am Deutschen Krebsforschungszentrum im Gespräch mit PTA-Forum. »Seitdem sind dort die Raucherquoten drastisch gesunken.«

Der Grund ist laut Wissenschaftlern, dass Bilder grundsätzlich mehr Aufmerksamkeit erregen als Texte und dass durch Fotos – zumal wenn sie Gefühle ansprechen – vermittelte Informationen ganz allgemein länger im Gedächtnis bleiben als allein durch Text vermittelte. »Jedes Mal, wenn ein Raucher so eine Packung in die Hand nimmt, wird er mit einem Warnhinweis konfrontiert – das lässt sich auf Dauer kaum ausblenden.« Klar, dass eine derartige Packung dann auch seltener einfach auf dem Tisch liegt – was ebenfalls die Versuchung reduziert. Wichtig sei auch, dass Menschen, die selten oder gar nicht lesen, wie beispielsweise Analphabeten oder Migranten mit mangelhaften Deutschkenntnissen, eine Botschaft mit Hilfe von Bildern besser verstehen als allein durch Texte, erläutert die Medizinerin. »Aktuelle Studien aus den USA belegen auch, dass die Warnbilder einen wichtigen Beitrag zum Abbau sozialer Ungleichheit im Bereich der Gesundheit leisten.«

Wechselnde Motive

Insgesamt hat die EU-Kommission eine Bibliothek von 42 verschiedenen Motiven zusammengestellt. Jedes dieser Fotos passt zu einem der 14 Warnhinweise aus der Richtlinie über Tabakerzeugnisse – beispielweise »Rauchen kann zu Durchblutungsstörungen führen und verursacht Impotenz«, »Rauchen lässt Ihre Haut altern« oder »Rauchen verursacht tödlichen Lungenkrebs«. Die Bilder sind in drei verschiedene Gruppen aus jeweils 14 Motiven eingeteilt, die jährlich von Land zu Land wechseln, erläutert Reinhard Hönighaus, Sprecher der Europäischen Kommission in Deutschland. »Damit wollen wir vermeiden, dass man sich zu sehr an die Bilder gewöhnt und sie dadurch ihre warnende Wirkung einbüßen.« Die Europäische Kommission kenne im Übrigen die Identität aller Personen, die auf den Fotos abgebildet sind, mache zum Schutz von deren Rechten aber keine Angaben dazu, berichtet der Referent. »Alle abgebildeten Personen haben ihre Zustimmung schriftlich erteilt.«

Die stärkste Wirkung hätten die abschreckenden Bilder auf Jugendliche, betont Pötschke-Langer. »Über 90 Prozent der kanadischen und 85 Prozent der befragten britischen Jugendlichen haben angegeben, dass sie die bildlichen Warnhinweise informativ finden und dass sie Rauchen für sie weniger attraktiv machen.« Knapp ein Drittel der 11- bis 16-jährigen Befragten in Großbritannien habe überdies innerhalb des Vormonats mindestens einmal wegen eines bildlichen Warnhinweises auf eine Zigarette verzichtet.

Auch motivieren die abschreckenden Bilder deutlich stärker dazu, mit dem Rauchen aufzuhören, als nur geschriebene Warnhinweise, wie eine Gemeinschaftsstudie der Universitäten Mannheim und Heidelberg mit deutschen Probanden belegt. Last but not least habe eine Studie mit ehemaligen Rauchern aus Australien, Kanada, Großbritannien und den USA gezeigt, dass die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls bei ehemaligen Rauchern durch Warnhinweise herabgesetzt wird: Sie erinnern viele Ex-Raucher daran, warum sie aufgehört haben.

Überwiegend Zustimmung

Doch trotz all dieser Fakten hält die Mehrheit der Deutschen laut einer Umfrage der DAK-Gesundheit die Schockbilder im Kampf gegen die Tabaksucht für wirkungslos. 66 Prozent der Befragten glauben demnach, dass die abschreckenden Fotos Raucher nicht davon abhalten, zur Zigarette zu greifen. Auch bei den Menschen, die bislang nicht rauchen, sind 60 Prozent überzeugt, dass Schockbilder keine geeignete Präventionsmaßnahme darstellen. »Ob jemand zur Zigarette greift oder nicht, hängt von vielen Faktoren ab«, sagt Ralf Kremer, Suchtexperte der DAK. »Schockbilder auf Zigarettenpackungen sind nur ein Präventionsfaktor. Wir setzen auf Information und Aufklärung, die schon in den Schulen beginnt. Einen starken Einfluss hat auch, ob die Eltern rauchen oder wie stark Zigaretten im Freundeskreis akzeptiert sind.«

Nach einer aktuellen DAK-Umfrage halten neun von zehn Befragten eine verstärkte Aufklärungsarbeit an Schulen für eine geeignete Maßnahme, um Menschen vom Rauchen abzuhalten. 83 Prozent befürworten einen konsequenteren Schutz vor dem Passivrauchen, etwa durch ein Rauchverbot in Autos, in denen Kinder mitfahren. Für ein totales Rauchverbot in öffentlichen Gebäuden waren 77 Prozent, für ein Verbot von Tabakwerbung 62 Prozent und für eine höhere Besteuerung von Tabakprodukten 60 Prozent der Befragten. Dennoch finden laut Umfrage zwei Drittel der Befragten die drastischen Bilder angesichts von 110 000 Todesfällen in Deutschland pro Jahr, die unmittelbar auf das Rauchen zurückgehen, grundsätzlich in Ordnung –unabhängig von der möglichen abschreckenden Wirkung. Bei den Nichtrauchern liegt die Zustimmung sogar bei 73 Prozent. /