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Baby-led Weaning

Beikost ohne Brei

08.09.2017  11:54 Uhr

Von Caroline Wendt / Baby-led Weaning (BLW) heißt ein neuer Trend in der Baby-Ernährung. Befürworter sehen darin eine kind­gerechte Alternative zu Breimahlzeiten. Viele Kinder- und Jugendärzte betrachten die Methode dagegen kritisch.

Manche Babys dürfen selbst entscheiden, was sie essen. Anstelle von Brei erhalten sie eine kleine Auswahl an geschnittenem Obst, Gemüse, Fisch oder Fleisch von ihren Eltern angeboten. Die Kinder dürfen selbst nach den Lebensmitteln greifen und sie zum Mund führen. Dieses Beikost-Konzept nennt sich Baby-led Weaning, was in etwa »Baby geführtes Abstillen« bedeutet. Durch das Buch der Britin Gill Rapley »Baby-led weaning: Helping your baby to love good food« wurde das Konzept 2010 bekannt, seitdem wird diese Form der Beikost immer populärer.

Die Kinder könnten selbstbestimmt erfahren, was essen bedeutet und ein gesundes Verhältnis zu Lebensmitteln und Spaß an gesunder Ernährung entwickeln, loben die Verfechter der Methode. Im Vergleich zu Breikindern würden BLW-Babys seltener Übergewicht entwickeln und weniger oft zu wählerischen Essern werden. Zudem würde die Hand-Augen-Koordination gefördert.

Nach den Empfehlungen der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) sollten Eltern noch unter dem Schutz der Muttermilch ihren Kindern den ersten Brei anbieten. Je nach Entwicklungszustand der Kinder könne das ab dem Beginn des fünften und spätestens bis zum Ende des siebten Lebensmonats erfolgen. Die meisten Kinder seien ab diesem Alter in der Lage, breiige Nahrung mit der Zunge zu transportieren. Der erste Brei soll laut DGKJ eine Mischung aus Gemüse, Kartoffeln und Fleisch sein, als zweiter Brei kommt dann später ein Milch-Getreide-Brei hinzu. In etwa monatlichen Abständen soll dann jeweils eine Milchmahlzeit durch eine Breimahlzeit ersetzt werden. Idealerweise sollten Mütter ihre Kinder während der Einführung der Beikost stillen, so lange wie Mutter und Kind es wünschen. Etwa ab dem zehnten Lebensmonat sieht die DGKJ den schrittweisen Übergang von der Säuglingsernährung zur Familienkost vor.

Aufgrund dieser Empfehlung glaubten viele Eltern, sie müssten ab dem fünften Monat mit Beikost beginnen, sagt Aleyd von Gartzen, Beauftragte für Stillen und Ernährung des Deutschen Hebammen-Verbands, im Gespräch mit PTA-Forum. »Viele Eltern achten gar nicht auf die individuellen Reifezeichen ihres Babys«, bemängelt sie. Die Kinder sollten bei der Beikost-Einführung zumindest mit ein wenig Hilfestellung sitzen können und eine funktionierende Hand-Mund-Koordination vorweisen. Der Vorteil der BLW-Methode sei, so von Gartzen, dass sie nur funktioniere, wenn das Kind die entsprechende Reife besitze.

Gesunde Auswahl

Beim Baby-led Weaning gibt es keine exakten Empfehlungen, wann den Kindern welche Nahrungsmittel angeboten werden sollen. Dies bleibt weitestgehend den Eltern und den Vorlieben der Kinder überlassen. Hier seien die Eltern gefragt, eine gesunde und ausgewogene Ernährung auszuwählen. Man könne die Zeit der Beikost-Einführung auch als Chance sehen, die eigenen Ernährungsgewohnheiten kritisch zu hinterfragen, so von Gartzen.

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) warnt jedoch vor einer ausschließlichen Beikost mit der Fingerfood-Methode. Im zweiten Lebens­halbjahr steige der Nährstoff­bedarf der Babys. Es sei daher wichtig, die Muttermilch durch ein ausgewogenes Angebot verschiedener Lebensmittel zu ergänzen. Diese Vielfalt könne bei Säuglingen, die »von der Hand in den Mund« leben, verloren gehen, sagte Dr. Josef Kahl, Pressesprecher des BVKJ, laut einer Pressemitteilung. Insbesondere der Eisenbedarf der Kinder sei ein Problem: Nach vier bis sechs Monaten ausschließlichem Stillen seien die Eisenspeicher weitgehend erschöpft. Auch wenn Eisen in der Muttermilch eine gute Bioverfügbarkeit vorweise, würde die Eisenmenge in der Milch ab dem Alter von sechs Monaten nicht mehr ausreichen. Eltern müssten nun gezielt darauf achten, dass das Kind über die Beikost genug Eisen aufnimmt.

Hebamme von Gartzen betont hingegen, dass Eisenmangel bei Säuglingen in Deutschland nur sehr selten vorkomme. Um Kinder ausreichend mit Eisen zu versorgen, sei es wichtig, sie nach der Geburt nicht sofort abzunabeln. Empfohlen wird, eine bis anderthalb Minuten oder bis zum Auspulsieren der Nabelschnur zu warten. Durch diese einfache Maßnahme könne man höhere­ Hämoglobinwerte beim Baby erreichen und sei nicht auf die frühe Einführung von eisenhaltiger Kost angewiesen, betont von Gartzen.

Ein weiterer Kritikpunkt der Kinderärzte ist, dass Kinder beim BLW womöglich zu wenig Nahrung zu sich nehmen. Motorisch schwache Kinder seien bei der BLW-Methode zudem benachteiligt und könnten nicht richtig satt werden. Doch das soll BLW laut seinen Anhängen zunächst gar nicht bewirken. Vielmehr sollen sie Essen spielerisch begreifen lernen, heißt es. Denn ähnlich wie bei der klassischen Brei­beikost wird die feste Kost ergänzend zur Muttermilch gegeben. Sättigung und die wesentlichen Nährstoffe erhält das Kind über die Muttermilch oder die Milchflasche.

Doch ist die Energiedichte der angebotenen Lebensmittel beim Baby-led Weaning auch hoch genug? Die Kinder- und Jugendärzte bezweifeln das. Im zweiten Lebenshalbjahr hätten Kinder einen erhöhten Energieverbrauch. Der Ernährungsplan der Deutschen Gesell­schaft für Ernährung (DGE) sieht daher etwa eine definierte Zugabe von Fetten (Rapsöl) und Getreide vor.

Eine im Fachjournal »JAMA Pediatrics« veröffentlichte Studie untersuchte den Body-Mass-Index (BMI) von 206 Babys nach 12 und 24 Monaten. Die Ergebnisse zeigten keinen signifikanten Unterschied beim BMI von BLW-und Brei-Kindern. Allerdings waren BLW-Kinder weniger wählerisch beim Essen und hatten mehr Freude am Essen als die Kinder in der Vergleichsgruppe.

Allergieprävention

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Vermeidung von Allergien und Unverträglichkeiten. In einem Konsensuspapier der DGKJ heißt es, dass eine frühe Einführung von Beikost unter dem Schutz der Muttermilch, auch mit hochallergenen Lebensmitteln wie Fisch und Ei, das Risiko einer Nahrungsmittelallergie oder Zöliakie senke. Da die motorischen Fähigkeiten von Kindern aber stark variieren, könne es sein, dass Kinder bei der BLW-Methode erst mit sieben oder acht Monaten anfangen, Beikost zu essen. Das ist nach Meinung der DGKJ zu spät.

Von Gartzen sieht das anders. »Es gibt keine gesicherten Erkenntnisse, dass es ein optimales Zeitfenster zwischen dem fünften und siebten Monat gibt, in dem Nahrungsmittel gefüttert werden sollen, um Allergien vorzubeugen.« Es reiche aus, wenn die Kinder­ innerhalb des ersten Jahres verschiedene Lebensmittel kennenlernen­ würden. Auch das Risiko einer Zöliakie lasse sich durch die Einführung von Gluten in diesem Zeitfenster nicht senken. Sie weist auf eine im Fachjournal »Annals­ of Nutrition and Metabolism« veröffentlichte Studie hin, die keinen Unterschied bei der Einführung von Gluten zwischen dem vierten und sechsten Monat oder dem sechsten und zwölften Monat finden­ konnte. In beiden Gruppen waren die Zölikie-Raten vergleichbar.

Bei gesunden Kindern rät von Gartzen den Eltern, sich selbst und dem Kind mehr zu vertrauen. Während der Stillzeit bestimme schließlich auch das Baby, wann, wie viel und wie oft gegessen werde. BLW würde dieses Prinzip weiter fortsetzen. Auch der BVKJ schließt feste Nahrung vor dem zehnten Lebensmonat nicht grundsätzlich aus. Kinder können zusätzlich zum Brei nach Bedarf auch feste Kost erhalten. /