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Kompressionsstrümpfe

Definierter Druck

11.09.2018
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Von Caroline Wendt / Manchmal ist ein bisschen Druck ganz sinnvoll: etwa als Erziehungsmaßnahme, aber auch als thera­peutische Option im medizinischen Bereich, wenn Patienten unter einer chronischen Veneninsuffizienz oder einem Lymph­ödem leiden. Kom­pressionsstrümpfe können die Beschwerden nachweislich lindern und das Voranschreiten der Krankheit verlangsamen.

Die Venen in den Beinen transportieren täglich etwa 7000 Liter Blut zum Herzen­, und das entgegen der Schwerkraft. Eine wichtige Rolle dabei spielen die Venenklappen: Sie verhindern, dass Blut zurückfließt und sich in den Beinen staut. Schließen die Klappen bei einer chronischen Veneninsuffizienz (CVI) nicht mehr richtig, kann das Blut in den Gefäßen versacken – der Druck auf die Wände der Venen nimmt zu. In der Folge­ können sich Krampfadern bilden, oder Wasser tritt in das umgebende Gewebe aus (Ödembildung). Schwaches­ Bindegewebe und weibliche Sexualhormone fördern diesen Prozess.

Die Venenklappen werden bei ihrer Arbeit von der sogenannten Muskelpumpe unterstützt. Bei Kontraktion üben die Muskeln Druck auf die Venenwände aus. Dadurch verringert sich der Durchmesser der Blutgefäße, das Blut strömt schneller. Reicht der von den Muskeln erzeugte Druck nicht mehr aus, können Kompressionsstrümpfe helfen: Sie aktivieren die Muskelpumpe, indem sie von außen zusätzlich Druck auf die Muskeln ausüben. Die Strümpfe sind, je nach maximalem Andruckwert, in vier unterschiedliche Kompressionsklassen unterteilt (siehe Tabelle auf Seite 49 unten). Welche Kompression für welchen­ Patienten sinnvoll ist, entscheidet der behandelnde Arzt. Dabei ist vor allem der Schweregrad des Venenleidens entscheidend. Bei leichten Beschwerden reicht in der Regel ein Strumpf der Klasse I, bei ausgeprägter Ödembildung wird der Arzt eine höhere Kompressionsklasse wählen.

Strümpfe aller vier Kompressionsklassen sind verordnungs- und erstattungsfähig. Die Kassen übernehmen in der Regel zwei Mal pro Jahr die Kosten von auf Rezept verordneten Kompressionsstrümpfen. Auf dem Kassenrezept muss der Arzt das Feld Nummer 7 (Hilfsmittel) markieren, außerdem gehören die Indikation beziehungsweise die Diagnose (ICD-10 Code), die Hilfsmittelnummer oder die Bezeichnung des Hilfsmittels, die Anzahl der Strümpfe, die Kompressionsklasse und die Länge des Strumpfes auf das Rezept. Auch eventuelle Zusätze wie etwa ein Haftband oder eine Hüftbefestigung, die Art der Fußspitze (offen, geschlossen) und falls erforderlich der Vermerk »Maßanfertigung« sollten auf dem Rezept angegeben sein.

Um im Hilfsmittel­verzeichnis der Kassen ge­listet zu sein, müssen die Strümpfe die RAL-Güte- und Prüfbestimmungen für medizinische Kompressionsstrümpfe er­füllen. Die Abkürzung RAL steht für »Reichs-­Ausschuss für Liefer­bedingungen«. Seit 1925 legen die Bestimmungen Merkmale für Qualität und Prüf­verfahren fest. Auch der Druckverlauf der Kompressionsstrümpfe ist hier geregelt.

Druckabfall im Verlauf

Damit das Blut in den Venen vom tiefsten Punkt nach oben ge­leitet wird, muss der Strumpf den natür­lichen Druckverhältnissen nachempfunden sein: Im Bereich der Knöchel lastet aufgrund der Schwerkraft der höchste Druck auf dem Gewebe. Dementsprechend müssen Kompressionsstrümpfe hier auch den höchsten Gegendruck aufbringen. Er entspricht 100 Prozent des angegebenen Andruckwerts. Unterhalb des Knies beträgt der Druck der Stümpfe nur noch 70 Prozent, am Oberschenkel sind es etwa 50 Prozent des Kompressionsdrucks im Knöchelbereich. Der Druck nimmt also kontinuierlich von distal nach proximal ab.

Kniestrumpf, Schenkelstrumpf oder Strumpfhose: Neben der Kompressionsklasse ist auch die Strumpfart von Bedeutung. Da das Tragen der Strümpfe besonders im Sommer als unangenehm empfunden wird, sollte der Strumpf so kurz wie möglich, aber so lang wie nötig sein. Häufig sind bei Krampfaderleiden Gefäße in Knienähe betroffen, dann muss der Strumpf über diesem Bereich enden. Schenkelstrümpfe oder Strumpfhosen sind dann geeignet. Für Schwangere gibt es auch spezielle Kompressionsstrumpfhosen mit extra weitem Bund oder verstellbarem Leibteil.

Bestimmen PTA oder Apotheker beim Patienten die Werte für den anzufertigenden Kompressionsstrumpf, sollten sie darauf achten, dass die Beine zum Zeitpunkt der Messung frei von Ödemen sind. Deshalb empfiehlt es sich, Kompressionsstrümpfe morgens anzumessen. Um zu überprüfen, ob ein Bein Schwellungen aufweist, kann die PTA leicht mit dem Daumen auf die Knöchelgegend des Patienten drücken. Bleibt eine Delle im Gewebe zurück, sollte die Messung vertagt werden.

Zweizug-Gestrick

Kompressionsstrümpfe haben keinen guten Ruf: Sie sind unbequem, die Haut erwärmt sich beim Tragen und juckt. Dies alles mindert die Therapie­adhärenz der Patienten. Moderne Materialien sollen das Tragen der Strümpfe­ so angenehm wie möglich machen: Elastische Strickfäden aus Polyamid und Elastan (zum Beispiel in Mediven® Elegance­) sollen für ein geringeres Druckempfinden sorgen, und Stümpfe mit Aloe-Vera-Extrakt (zum Beispiel Belsana® Vivere) die Haut beim Tragen mit Feuchtigkeit versorgen. Strümpfe mit Microfaser (zum Beispiel Veno Train® micro) versprechen, besonders weich und hautfreundlich zu sein, und solche mit hohem Baumwollanteil (zum Beispiel Belsana® classic mit Baumwolle) gelten als widerstands­fähig und haltbar.

Unabhängig vom Material müssen Kompressionsstrümpfe längs- und quer­elastisch sein (Zweizug-Kompressionsstrümpfe). Sie bestehen deshalb aus mindestens je einem verstrickten und einem eingelegten elastischen Faden. Die Einlegefäden, auch Schlussfäden genannt, bestimmen dabei die Querelastizität und somit die Kompressions­wirkung der Strümpfe. Die maschenbildenden elastischen Fäden­ sind für die Längselastizität verantwortlich. Zusätzlich enthalten die meisten Strümpfe auch noch maschenbildende Textil­fäden, welche die beiden elastischen Fadensysteme verbinden.

Rund- oder flachgestrickt

Kompressionsstrümpfe, die bei Venenbeschwerden eingesetzt werden, sind meist rundgestrickt – sie liegen nahtlos am Bein an. Sie werden auf zylindrisch aufgebauten Maschinen gefertigt. Die Anzahl der Maschen bleibt dabei immer gleich, nur die Maschengröße variiert. So kommen die unterschiedlichen Umfänge und Andruckwerte eines Strumpfes zustande.

Anders sieht das bei Kompressionsstrümpfen aus, die zur Behandlung von Lymph- oder Lipödemen eingesetzt werden­. Während sich bei einem Lymph­ödem Flüssigkeit im Gewebe staut, handelt­ es sich bei einem Lip­ödem um eine Fettverteilungsstörung. In beiden Fällen kommen flachgestrickte Strümpfe­ mit Naht zum Einsatz (zum Beispiel Mediven®­ mondi oder Lastofa forte). Sie sind weniger dehnbar und üben daher bei Muskelkontraktion einen höheren Druck auf das Gewebe aus.

Bei konstanter Maschengröße entscheidet in diesem Fall die Maschenanzahl über den Umfang des Strumpfes. Erst am Ende des Strickvorgangs werden die beiden Seiten zu einem Strumpf zusammengenäht. Dadurch entspricht die Form des Strumpfes deutlich besser der Körperform als bei rundgestrickten Kompressionsstrümpfen. Zudem gibt es sie in zahlreichen Varianten: Neben Knie-, Oberschenkelstrümpfen und Strumpfhose sind hier auch Kombina­tionen aus Bermudahosen mit Oberschenkelstrümpfen oder Caprihosen mit Kniestrümpfen erhältlich.

Anziehhilfen

Gleitsocken können das Anlegen von Kompressionsstümpfen erleichtern. Sie bestehen aus einem glatten Material und werden vor dem Anziehen des Kompressionsstrumpfes auf den Fuß angezogen. Je nach Variante kann die Gleitsocke über die offene Spitze der Kompressionsstrümpfe oder über an der Gleitsocke befestigte Bänder nach oben entfernt werden.

Hersteller von Kompressionsstrümpfen haben zudem spezielle Metallgestänge entwickelt, mit denen die Patienten den Kompressionsstrumpf vordehnen und so leichter hinein­gleiten können.

Gummihandschuhe mit Noppenstruktur erleichtern das Greifen der Kompressionstrümpfe. Die Strümpfe lassen sich dadurch besser am Bein hochziehen, und das Gestrick wird geschont.

Bei Patienten mit schlecht abheilenden Geschwüren beim Ulcus cruris venosum (offenes Bein) kommen spezielle Kompressionsstrümpfe zum Einsatz. Meist werden hier zwei Strümpfe mit unterschiedlicher starker Kompression übereinander getragen (zum Beispiel Juzo® Ulcer Pro, Mediven® ulcer kit, Veno­Train® ulcertec). Der Unterstrumpf mit niedrigem Druck besteht dabei in der Regel aus hautfreundlichem Material. Er soll die Wundauflage am Bein fixieren und die empfindliche Haut schützen. Der darüber gezogene Oberstrumpf übt den therapeutischen Druck aus.

Die Art des Strumpfes ist abhängig von der Indikation.

Strumpfart Indikationen Beispiele
Kompressionsstrumpf, rundgestrickt Chronische Veneninsuffizienz Mediven® Elegance, Veno Train® micro, Belsana® Vivere, Belsana® classic mit Baumwolle, VenoTrain® ulcertec
Kompressionsstrumpf, flachgestrickt Lip- und Lymphödem Mediven® mondi, Lastofa forte
Antithrombosestrumpf Thromboseprophylaxe bei Frauen im Wochenbett, Bettlägerigen oder frisch operierten Patienten Mediven® thrombexin® 18­, Comprinet® pro
Stützstrumpf /Reisestrumpf Prophylaxe für Venen­gesunde Belsana® 280 den Glamour, Varilind® Travel

Zur Vorbeugung

Bettlägerige und/oder frisch operierte Patienten sowie Frauen im Wochenbett erhalten häufig Thromboseprophylaxestrümpfe (zum Beispiel Mediven® thrombexin® 18 oder Comprinet® pro), um die Muskelpumpe zu unter­stützen. Die Strümpfe sind immer­ weiß, nahtlos und mit offener Fußspitze oder mit einem Loch am Fuß­ballen gestrickt. Auch der Andruckwert von Thromboseprophylaxestrümpfen nimmt vom Knöchel zum Oberschenkel hin ab.

Der beschriebene abnehmende Druckverlauf ist auch bei Stützstrümpfen ein wichtiges Qualitätskriterium. Stützstrümpfe aus Drogeriemärkten oder Kaufhäusern weisen häufig jedoch nur einen gleichbleibenden Andruck­wert auf. PTA und Apotheker können in der Selbstmedikation medizinische Stützstrümpfe empfehlen (zum Beispiel Belsana® 280 den Glamour oder Varilind® Travel). Wichtig: Stützstrümpfe sind nur für venengesunde Patienten gedacht. Sie können Menschen, die beruflich viel stehen oder sitzen, Erleichterung verschaffen. Sie eignen sich auch für Schwangere oder Kunden, die eine längere Reise planen. Die Denier­-Angabe (DEN) auf den Strümpfen besagt, wie schwer der verwendete Faden bei einer Länge von 9000 Metern ist. Ein leichter Faden ist dünn und wird in engen Maschen gewebt. Eine kleine DEN-Zahl steht also für transparente Strümpfe, während hohe DEN-Werte für eine dicke Fadenstärke und mehr Stabilität sorgen. /

Intensität der unterschiedlichen Kompressionsklassen nach RAL-GZ 387/1

Kompressionsklasse Intensität Kompression in kPa Kompression in mmHg
I Leicht 2,4 bis 2,8 18 bis 21
II Mittel 3,1 bis 4,3 23 bis 32
III Kräftig 4,5 bis 6,1 34 bis 46
IV Sehr kräftig 6,5 und größer 49 und größer