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Pandemie

Das Unplanbare vorbereiten

26.09.2016  11:28 Uhr
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Dies ist ein Beitrag aus unserem Archiv. Die Inhalte sind unter Umständen veraltet. Aktuelle Informationen zum Thema finden Sie auf unserer Themenseite Grippe.

Von Carina Steyer / Dass eine neue Grippe-Pandemie kommen wird, steht außer Frage. Dennoch bleiben einige Fragen offen, zum Beispiel: Wann kommt sie? Wie schwer wird sie verlaufen? Sind die betroffenen Länder gut darauf vorbereitet?

Grippeviren zirkulieren weltweit nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Tieren und verändern ihr Erbgut kon­tinuierlich. Die genetische Variabilität der Viren ist erstaunlich hoch, doch das allein macht sie noch nicht gefährlich. Viren sind in der Lage, Erbgutsequenzen untereinander auszutauschen, sodass sie Artgrenzen überspringen können.

Schafft ein ursprünglich tierisches Virus, einen Menschen zu infizieren, muss es sich so gut wie möglich an den menschlichen Organismus anpassen. Dazu gehört auch, dass es sich schließlich per Tröpfcheninfektion weiterverbreiten kann. In der Regel weisen Betroffene keine Immunität gegenüber der neuen Virusvariante auf, und die Wahrscheinlichkeit der weltweiten Ausbreitung des Virus ist groß.

So ist ein Charakteristikum der Pandemie, im Unterschied zur Epidemie, dass sich die Infektionskrankheit länder- und kontinentübergreifend ausbreitet. Daher können Grippe-Pandemien Erkrankungs- und Sterberaten verursachen, die saisonale Grippewellen weit übertreffen.

Eine solche Situation wird das medizinische Versorgungssystem an die Grenze seiner Belastbarkeit stoßen, schwere Pandemieverläufe könnten es total überfordern. Auch auf die öffentliche Ordnung wird sich die Pandemie auswirken und im schlimmsten Fall die gesamte Volkswirtschaft erheblich beeinträchtigen oder sogar ganz zum Erliegen bringen.

Pandemiepläne der WHO

Seit vielen Jahren sind sich Virologen in einer Aussage einig: Eine neue Grippe-Pandemie wird kommen. Um für den Ernstfall gewappnet zu sein, hat die Weltgesundheitsorganisation WHO im Jahr 1999 einen globalen Pandemieplan veröffentlicht. Er enthielt Strukturen und Maßnahmen, die in der akuten Situation die Ausbreitung eines pandemischen Grippevirus eindämmen sollen.

Empfohlene allgemeine Hygienemaßnahmen

  • Händeschütteln, Anhusten und Anniesen vermeiden
  • Augen, Nase oder Mund nicht berühren
  • Einmaltaschentücher verwenden und nach Gebrauch umgehend entsorgen
  • Auf eine intensive Raumbelüftung achten
  • Hände regelmäßig und gründlich waschen

Nach Aufforderung der WHO haben die einzelnen Mitgliedsstaaten auf der Grundlage des globalen Pandemieplans eigene nationale Pandemiepläne erarbeitet, in denen sie die genannten Maßnahmen an die spezifischen Bedingungen des jeweiligen Landes angepasst haben.

Schon 2009 mussten die Pandemiepläne eine erste Bewährungsprobe bestehen, nachdem das Influenza-Virus A(H1N1)pdm09 die sogenannte Schweinegrippe ausgelöst hatte. Die erste Pandemie des 21. Jahrhunderts verlief jedoch mild und regional sehr unterschiedlich.

Diese Erfahrung hat dazu beigetragen, dass die WHO den bestehenden globalen Pandemieplan noch einmal überarbeitet hat. Auch viele Mitgliedsstaaten haben eine Überarbeitung ihres Plans angekündigt, die Umsetzung steht jedoch bei etlichen Ländern noch aus. Laut einer Übersicht des WHO- Regionalbüros für Europa haben bisher elf europäische Mitgliedsstaaten überarbeitete Pandemiepläne veröffentlicht. Der Nationale Pandemieplan für Deutschland ist in dieser Auflistung noch nicht enthalten. Er wurde in diesem Jahr fertiggestellt und ist seit September auf der Website des Robert-Koch-Instituts abrufbar.

Nationaler Plan erstellt

Der umfangreiche Nationale Pandemieplan ist in zwei Teile gegliedert und beschreibt zum einen Strukturen und Maßnahmen für den Pandemiefall und zum anderen den derzeitigen wissenschaftlichen Kenntnisstand zum Thema Grippe-Pandemien. Seine Ziele sind hoch gesteckt: Reduktion von Morbi­dität und Mortalität in der Gesamt­bevölkerung; Sicherstellung der Versorgung erkrankter Personen; Aufrecht­erhaltung essenzieller, öffentlicher Dienstleistungen und zuverlässige sowie zeitnahe Information für politische Entscheidungsträger, Fachpersonal, Öffentlichkeit und Medien.

Den besten Schutz gegen Grippe­viren bietet nach wie vor die Impfung, das gilt erst recht für neuartige Viren. Doch selbst unter optimalen Entwicklungsbedingungen, wie im Jahr 2009, werden voraussichtlich drei bis sechs Monate zwischen dem ersten Auf­treten des Virus und der Anwendung eines der neuen Situation angepassten Impfstoffes vergehen. Bis dahin sollen allgemeine hygienische Maßnahmen (siehe auch Kasten) und antivirale ­Arzneimittel die Ausbreitung der Pandemie möglichst stark verzögern.

Ausbreitung verhindern

Influenzaviren breiten sich besonders schnell an allen Orten aus, an denen viele Menschen zusammenkommen. So gelten spezielle Maßnahmen für Gemeinschafts- und Massenunterkünfte wie Obdachloseneinrichtungen, Justizvollzugsanstalten oder Asylbewerberheime, um die Ausbreitung des Virus so gut wie möglich einzudämmen. Zusätzlich verschärfte Bedingungen beziehen sich auf Pflegewohnheime und Krankenhäuser, deren Bewohner oder Patienten häufig besonders gefährdet sind, schwer zu erkranken oder an der Infektion zu sterben.

Der Rest der Bevölkerung soll dazu angehalten werden, die empfohlenen allgemeinen Hygienemaßnahmen (Kasten) möglichst sorgsam anzuwenden. Sorgfältig ausgeführt dienen diese dem Selbst- und Fremdschutz und können dazu beitragen, die Viruslast zu reduzieren, solange sich die Viren noch nicht flächendeckend ausgebreitet haben.

Ob eine Pandemie dadurch abgeschwächt werden kann, wenn Groß­veranstaltungen abgesagt werden, ist nicht eindeutig belegt. Alle verfüg­baren Daten lassen zwar einen präventiven Effekt erkennen, stammen aber aus der Zeit der Spanischen Grippe (1918). Es ist somit mehr als fraglich, ob die Daten auf die heutige Zeit übertragbar sind.

Der aktuelle Nationale Pandemieplan sieht Veranstaltungs­absagen deshalb nur bei schwer verlaufenden Pandemien vor. Schulen und Kindergärten könnten dagegen wesentlich früher geschlossen werden, um das regionale Auftreten so gut wie möglich einzudämmen.

Erkrankte sollen von Gesunden getrennt werden, lautet die empfohlene Maßnahme im Nationalen Pandemieplan. Konkret bedeutet das: Erkrankte, Kränkelnde und alle, die Kontakt zu einem Erkrankten hatten, müssen zu Hause bleiben.

Um die stationäre Versorgung schwer Erkrankter sicherzustellen, sollen möglichst viele Patienten im Pandemiefall so lange wie möglich ambulant versorgt werden. Die meisten Bundesländer verfügen über konkrete Pandemiepläne, in denen alle niedergelas­senen Allgemeinmediziner, Internisten, HNO-Ärzte und Pädiater in die Versorgung der Bevölkerung eingebunden sind. Dennoch ist bereits heute bekannt, dass schwer verlaufende Pandemien zu Engpässen in der Intensivversorgung führen werden. Schon während der vergleichsweise harmlosen Neuen Grippe im Jahr 2009 waren in den Kliniken zeitweise keine Plätze mehr für die extrakorporale Beatmung (Membran­oxy­genierung = ECMO) vorhanden.

Isolation und Quarantäne

Der größte Teil der erkrankten Bevölkerung wird also zu Hause bleiben müssen. Auch dafür gibt es im Natio­nalen Pandemieplan strukturierte Maßnahmen. So sollen Erkrankte in einem eigenen Zimmer untergebracht werden und dort schlafen. Außerdem sollen Gesunde und Kranke nicht gemeinsam essen. Nach jedem Kontakt mit einem Erkrankten empfiehlt der Plan die Händedesinfektion sowie gegebenenfalls eine Flächendesinfektion aller Bereiche, die der Erkrankte berührt hat. Bei direktem Kontakt mit Erkrankten oder potenziell Erkrankten sollen Gesunde einen Mund-Nasen-Schutz tragen.

Im Nationalen Pandemieplan wird nicht erwähnt, private Vorräte anzulegen. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe empfiehlt grundsätzlich, auf einen möglichen Katastrophenfall, zu dem auch Pandemien gehören, vorbereitet zu sein.

Antivirale Arzneimittel

Die Bedeutung antiviraler Arzneimittel wird vor allem zu Beginn der Pandemie stark steigen. Bis 2009 haben die Bundesländer Tamiflu®, Relenza® und Oseltamivir-Wirkstoffpulver bevorratet, die im Pandemiefall die therapeutische Versorgung der Risikogruppen (etwa 20 Prozent der Bevölkerung) sicherstellen sollen. Zusätzlich hat der Bund 2009 weitere 7,5 Millionen Therapieeinheiten Oseltamivir-Wirkstoffpulver und 1,5 Millionen Therapieeinheiten Relenza® eingelagert. Inzwischen haben viele der eingelagerten Tamiflu®- und Relenza®-Chargen das Haltbarkeits­datum nahezu erreicht oder bereits überschritten. Solange jedoch durch Stabilitätsuntersuchungen die Qualität dieser Lagerware nachgewiesen werden kann, ist ihr Einsatz, im Fall eines Versorgungsmangels, im Nationalen Pandemieplan vorgesehen.

Während die Bundesländer sich darauf verständigt haben, antivirale Arzneimittel nur für den therapeutischen Einsatz vorzusehen, verweist der Nationale Pandemieplan auch auf die Möglichkeit eines prophylaktischen Einsatzes. Dieser könne vor allem dann sinnvoll sein, wenn das neuartige Virus sich noch nicht in der gesamten Bevölkerung ausgebreitet habe.

Impfen nach Risiko

Sobald ein geeignetes Saatvirus verfügbar ist, wird die Produktion des pandemischen Impfstoffes in Auftrag gegeben. Schätzungen zufolge wird dies drei bis sechs Monate nach dem Auftreten der ersten Infektionen sein. Welche Gruppen der Bevölkerung im Pandemiefall zuerst geimpft werden, wird die Ständige Impfkommission (STIKO) nach Auswertung der verfügbaren epidemiologischen Daten festlegen. Ziel ist es, neben den im medizinischen Bereich Tätigen alle besonders gefährdeten Risikogruppen so früh wie möglich zu schützen und damit sowohl Erkrankungshäufigkeit als auch Sterblichkeit schnellstmöglich zu senken. /

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