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Dravet-Syndrom

Familienleben zwischen Krampfanfällen

26.09.2016
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Von Edith Schettler / Das Dravet-Syndrom ist eine schwere und seltene Form der Epilepsie. Typischerweise erleiden die erkrankten Kinder zwischen dem dritten und neunten Lebensmonat ihren ersten Krampfanfall. Dieser trifft die Eltern wie ein Blitz aus heiterem Himmel, denn die Säuglinge sind bis dahin kerngesund. Ab diesem Ereignis versucht die Familie in ihrem Alltag, alles zu vermeiden, was weitere Anfälle auslösen könnte.

Die französische Psychiaterin und Kinderepileptologin Dr. Charlotte Dravet (geb. 1936) hat die Krankheit im Jahr 1978 erstmals genau beschrieben und von anderen Epilepsieformen ab­gegrenzt. Mittlerweile sind auch die genetischen Ursachen dieser seltenen Erkrankung aufgeklärt. Das Dravet-Syndrom ist jedoch keine Erbkrankheit. Die Veränderungen im Erbgut treten als Spontanmutationen bei einem von 40 000 Neugeborenen auf.

Allerdings kann die Krankheit autosomal dominant weitervererbt werden. In 80 Prozent der Fälle führt eine Mutation des Gens SCN1A dazu, dass sich die Natriumkanäle in den Neuronen nach einem Aktionspotenzial zu langsam wieder verschließen. Dadurch strömen zu viele Natrium-Ionen in das Zellinnere, ­so­dass die Nervenzellen länger und ­stärker als üblich erregt sind und eine ent­sprech­end starke und lang anhaltende Muskel­kontraktion auslösen.

Bei 20 Pro­­zent der Patienten liegt außerdem eine Mutation anderer Gene vor, zum Beispiel PCDH19 oder GABRG2. ­Diese Gene steuern die Repolarisation der Neuronen. So sorgt der GABA- Rezeptor normalerweise für dämpfende Effekte im Gehirn und kontrolliert den Muskeltonus über die Chlorid- Kanäle.

Ist das kodierende Gen defekt, kann der Rezeptor diese Aufgabe nicht mehr erfüllen, die Kontrolle über die Muskelkontrak­tionen fehlt und es kommt zu schweren Krampfanfällen. Jungen erkranken etwa doppelt so häufig wie Mädchen.

Keine Wärme, kein Licht

Die epileptischen Anfälle dauern bei Dravet-Patienten länger als bei anderen Epileptikern. Daher ist die Gefahr groß, dass der gefürchtete Status epilepticus eintritt. Dann folgen die Krampfanfälle so kurz nacheinander, dass der Patient das Bewusstsein nicht wieder erlangt und wichtige Körperfunktionen ausfallen. 18 Prozent der Patienten sterben an einem Status epilepticus.

Der erste Krampfanfall im dritten bis neunten Lebensmonat des Kindes ist sehr häufig die Folge hohen Fiebers. Bei manchen Säuglingen stellt er sich direkt nach dem Baden ein. Wurde das Baby un­mittelbar vorher geimpft, machen viele Eltern die Impfung für den Anfall verantwortlich. Diese hat die Krankheit vermutlich ausgelöst, jedoch nicht verursacht. ­

Viele betroffene Eltern berichten, dass Blitzlicht beim Fotografieren oder uniforme Muster wie Streifen oder Karos bei ihrem Kind einen epileptischen Anfall provozieren. Auch Lärm und Hektik gelten als Auslöser.

Die Anfälle treten meist im Abstand von ein bis zwei Monaten auf, im zweiten und dritten Lebensjahr des Kindes nimmt die Häufigkeit zu. Da sich das kindliche Gehirn in diesem Lebens­abschnitt besonders intensiv ent­wickelt, verwundert es nicht, dass die häufigen epileptischen Anfälle die geistige und motorische Reifung der Kinder stark verlangsamen. Die erkrankten Kinder lernen spät zu laufen und zu sprechen. Zudem haben sie Probleme, das Gleichgewicht zu halten, nehmen ihre Umwelt verzerrt wahr und entwickeln in vielen Fällen Aufmerksamkeitsdefizite, Hyperak­tivität oder autistische Züge. Mit zunehmendem Alter werden die Anfälle zwar wieder seltener, aber die sprachlichen und motorischen Einschränkungen und die Verhaltensauffälligkeiten bleiben bestehen.

Sobald die Eltern wissen, an welcher Krankheit ihr Kind leidet, versuchen sie in der Folge alles zu vermeiden, was einen Anfall auslösen könnte. Kinder mit Dravet-Syndrom dürfen nicht warm baden oder schwitzen, weil ihre Körpertemperatur nicht über 37,5 Grad Celsius steigen darf. Grelles Sonnenlicht, flackernde Bildschirme oder ­Displays, ja sogar ein gestreiftes Oberhemd oder die Karos eines Maschendrahtzaunes können durch die Licht­reize einen Anfall provozieren. Selbst der plötzliche Wechsel zwischen Hell und Dunkel wie beim Schließen der ­Augen kann dazu führen, dass das Kind die gefährlichen Krämpfe erleidet. Wenn es den Familien unter diesen Umständen gelingt, ein halbwegs normales Leben zu führen, ist das für die Eltern ein wahrer Kraftakt. Dieser ist so mühsam, dass sich viele Betroffene ­zurückziehen und die Öffentlich­keit meiden.

Irreführende Diagnostik

In der Regel suchen die Eltern mit ihrem Säugling bereits beim ersten epilep­tischen Anfall ärztliche Hilfe. Häufig ­gehen die Notärzte davon aus, dass es sich um einen »normalen« Fieberkrampf handelt, weil die Anfälle im ­ersten Lebensjahr immer mit einer erhöhten Körpertemperatur einher­gehen. Bei den allermeisten Kindern verschwinden die Fieberkrämpfe tatsächlich von selbst wieder, nicht aber bei den Dravet-Patienten.

Wiederholen sich die Anfälle, wird das Kind üblicherweise stationär aufgenommen. Im Krankenhaus kann es besser überwacht und die Ursache der Krämpfe diagnostisch abgeklärt werden. ­Dabei wird dem kleinen Patienten ­unter anderem eine Hirnwasserprobe e­ntnommen, um infektiöse Ursachen auszuschließen. Die Funktion der Hirnströme wird mithilfe eines Elektro­enzephalogramms (EEG) überwacht. Bildgebende Verfahren wie die Computer- und die Magnetresonanztomographie dienen dazu, morphologische Veränderungen wie Tumore oder Fehlbildungen zu finden. Alle diese Tests ergeben im Falle eines Dravet-Syndroms keine Auffälligkeiten, sodass die Eltern zunächst be­ruhigt sind. Veränderungen im ­EEG sind erst bei größeren Kindern erkennbar.

Um weitere Anfälle zu verhindern, stellen die Ärzte die Kinder mit Anti­epileptika ein. Bei Kindern mit Dravet-Syndrom verschlechtern Natrium­kanalblocker wie Carbamazepin oder Phenytoin allerdings das Anfallsge­schehen, sodass die Ärzte häufig erst dadurch auf die wahre Ursache der Krampfanfälle aufmerksam werden und einen Gentest anordnen. Mitunter drängen auch die Eltern darauf, weil sie sich über die genetischen Hintergründe informiert haben. Zudem möchten sie sich nicht damit abfinden, dass jahrelang keine Ursache für die Anfälle ihres Kindes gefunden wurde. Mit dem Nachweis der charakteristischen Gendefekte liegt dann der eindeutige ­Beweis für das Dravet-Syndrom vor.

Sinnvolle Hilfsmittel

Ebenso wie gesunde Kinder haben auch die kleinen Dravet-Patienten großen Bewegungsdrang. Damit sie sich auch während hoher Außentemperaturen im Freien aufhalten können und ihre Körpertemperatur bei Sport und Spiel nicht ansteigt, können sie spe­zielle Kühlwesten auf der normalen Alltagskleidung tragen. Sonnenbrillen mit besonderen Polarisationsgläsern halten grelles Licht von ihren Augen ab, ein Epilepsiehelm schützt den Kopf bei Stürzen oder Krampfanfällen. Um die Mobilität derjenigen Patienten zu verbessern, die sich nicht so gut bewegen können, gewähren Krankenkassen ­einen Zuschuss zu Therapiefahrrädern, Reha-Buggys, Kinderrollstühlen oder Rehasitzen fürs Auto. Spezielle Pflegebetten und Therapiestühle erleichtern das Leben im Haus. Die Eltern können ruhiger schlafen, wenn ein Pulsoxymeter nicht invasiv den Puls ihres Kindes und die Sauerstoffsättigung des arte­riellen Blutes misst. Ein Alarmgerät unter der Matratze des Kindes meldet nächtliche Fieberschübe oder Krampfanfälle.

Als besonders wertvolle Helfer ­haben sich Therapiehunde erwiesen, die frühzeitig merken, wenn sich ein epileptischer Anfall ankündigt. Sie warnen nicht nur ihren Besitzer, sondern können zudem herumliegende gefährliche Gegenstände wegräumen, den Patienten in die stabile Seitenlage drehen, das Notfallmedikament bringen oder Hilfe holen. Aber auch als Kamerad ist der Hund für die geistige und körperliche Entwicklung des erkrankten Kindes förderlich. Denn er akzeptiert das Kind so, wie es ist. Der Einsatz von Epilepsiehunden ist noch nicht so verbreitet wie der von Blindenhunden, jedoch genauso hilfreich.

Schwierige Therapie

Bis jetzt gibt es noch keine Therapie, die Anfallsfreiheit garantiert. Um die Stärke und Häufigkeit der Anfälle zu ­reduzieren, erhalten die Kinder ein ­Antiepileptikum. Vielen Patienten hilft die Kombination aus Valproat und dem Benzodiazepin Cloba­zam gut. Allerdings führen vor allem Benzodiazepine zur Gewöhnung, sodass der Arzt ­zunächst die Dosierung immer wieder anpassen muss. In den meisten Fällen ist es unumgänglich, nach einer ­gewissen Zeit den Arzneistoff zu wechseln.

Ein Arzneimittel mit dem Wirkstoff Stiripentol erhielt im Jahr 2007 in Europa die Marktzulassung als Orphan Drug für die adjuvante Therapie des Dravet-Syndroms. Seitdem gilt die Dreierkombination aus Valproat, Clobazam und Stiripentol als Goldstandard in der ­Therapie. Viele Patienten sprechen auch gut auf die Zusatzbehandlung mit ­Topiramat an, vor allem, wenn Stiripentol ihnen nicht hilft.

Für Kinder mit Dravet-Syndrom ist in Deutschland außerdem ein Arzneimittel mit Kaliumbromid, dem ältesten Antiepileptikum, in einer Dosierung von 30 bis 50 mg pro kg Körperge­wicht und Tag zugelassen. Als Notfall­­­me­dikament zur rektalen Anwendung während eines Anfalls ist Diazepam ihr ständiger Begleiter.

In einer kürzlich erfolgreich ab­geschlossenen Phase-3-Studie mit 120 Kin­dern mit Dravet-Syndrom konnte Cannabidiol, ein Wirkstoff aus der weiblichen Hanf-Pflanze, die Anfallshäufigkeit signifikant um 39 Prozent senken. Derzeit betreibt der britische Hersteller GW Pharmaceuticals in den USA dessen Zulassungsverfahren als Arzneimittel.

Wahrscheinlich wird noch 2016 in den USA und in Deutschland jeweils eine Studie beginnen, in der die Firma Zogenix den in den 1990er-Jahren als Appetitzügler eingesetzten Arzneistoff Fenfluramin auf seine Wirksamkeit bei Dravet-Syndrom testen wird. /