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Lungenentzündung

Pneumokokken im Blick

26.09.2016  11:28 Uhr

Von Gudrun Heyn / Eine Lungenentzündung ist eine schwere und manchmal auch tückische Erkrankung. Gerade diejenigen Menschen, bei denen mit besonders schweren Verläufen zu rechnen ist, zeigen oft nicht die klassischen Symptome. Die Pneumokokken-Schutzimpfung senkt das Erkrankungsrisiko.

Die Lungenentzündung (Pneumonie) gehört weltweit zu den häufigsten tödlich verlaufenden Infektionskrankheiten. Daher benötigen Betroffene schnellstmöglich eine Diagnose und eine adäquate Therapie. PTA oder Apotheker sollten Kunden bei Verdacht auf eine akute oder chronische Entzündung des Lungengewebes daher unbedingt zur ärztlichen Ab­klärung raten. Außerdem sollten sie vor allem ältere Menschen und junge ­Eltern auf die Möglichkeit einer Schutzimpfung aufmerksam machen.

Pneumokokken sind die mit Abstand häufigsten Erreger einer außerhalb eines Krankenhauses (ambulant) erworbenen Lungenentzündung. Aber auch bei einer Lungenentzündung, die Patienten in einem Krankenhaus erwerben (nosokomiale Pneumonie), sind die Bakterien mit der genauen Bezeichnung Streptococcus pneumo­niae oft am Krankheitsgeschehen beteiligt.

Kinder besonders gefährdet

Pneumokokken sind an sich harmlose Bewohner der menschlichen Atem­wege. Bei etwa der Hälfte aller Menschen ­finden sie sich auf der Rachenschleimhaut. Ist die Immunabwehr ­jedoch geschwächt oder sind die Bak­te­rien übermäßig aktiv, können sie sich weiter verbreiten und schwere Entzündungen der Lunge, des Mittelohrs oder auch der Hirnhaut (Menin­gitis) hervorrufen. Wenn die Erkrankten husten, niesen oder auch beim Sprechen gelangen die Erreger in die Umgebungsluft und von dort durch Tröpfchen­infektion zu einem neuen Wirt.

Die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut (STIKO) schätzt, dass alleine in Deutschland jährlich mehr als 5000 Menschen an den ­Folgen einer Pneumokokken-Erkrankung sterben. Besonders gefährdet sind Kinder unter zwei Jahren und Menschen ab dem 60. Lebensjahr. Bei den Kleinen ist das Immunsystem noch nicht vollständig ausgebildet, bei den Älteren ist seine Leistungsfähigkeit oft nicht mehr so stark wie in frühen ­Jahren. Aber auch Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit einer Immunschwäche oder Menschen mit Grunderkrankungen wie chronische Krank­heiten des Herzens oder der Lunge ­haben ein deutlich erhöhtes Risiko für schwere Krankheitsverläufe. Ein weiteres Risiko stellt die Behandlung mit immunsuppressiv wirkenden Medikamenten dar.

Oft geht Lungenentzündungen eine Infektion der oberen Atemwege voraus. Schüttelfrost und ein schneller Anstieg der Körpertemperatur auf 39 bis 40 Grad Celsius sind für den Beginn der Pneumonie charakteristisch. Die Betroffenen fühlen sich elend, matt und husten bereits nach ­kurzer Zeit. Zunächst ist der Husten trocken, später wird er produktiv und das Sputum ist gelb­lich, bräunlich oder grünlich gefärbt. Sie atmen meist schnell sowie angestrengt und das Einatmen verursacht ihnen Schmerzen. Besonders ­kleine Kinder leiden oft auch unter Atemnot, wobei sich ihre Nasenflügel mit jedem Atemzug mitbewegen.

Doch nicht alle Kranken zeigen diese typischen Symptome. Gerade bei Säuglingen kann die Körpertemperatur nur leicht erhöht und der Allgemeinzustand kaum beeinträchtigt sein, schreiben Lungenfachärzte auf ihrer Internet-Plattform »Lungenärzte im Netz«. Aber auch Senioren erfordern beson­dere Aufmerksamkeit. »Ältere Patienten können bei einer Lungenent­zündung unter Husten leiden, aber nicht unbedingt unter einem schweren Krankheitsgefühl«, berichtete Apothekerin Grit Spading von der Apotheke am Hörst in Eckernförde auf einer Veranstaltung der Landesapothekerkammer Berlin 2015 in Berlin. Da aus einer Erkältung bei älteren Menschen und bei kleinen Kindern schnell eine ­schwere Lungenentzündung entstehen kann, sollten PTA und Apotheker im Zweifelsfall lieber zum Arztbesuch raten.

Therapiedauer einhalten

Eine Lungenentzündung ist kein Fall für die Selbstmedikation. Mittel der Wahl sind in der Regel Antibiotika. Bei einer leichten ambulant erworbenen Pneumonie empfehlen die Autoren der ­ent­sprechenden Leitlinie für Erwa­ch­sene die Behandlung mit einem hoch­dosierten Aminopenicillinpräparat. Lei­den die Patienten unter weiteren Krankheiten (Komorbiditäten) raten sie zu einem Kombinationsprä­parat mit einem Aminopenicillin wie Amoxicillin und einem Betalaktamase­inhibitor wie Clavulansäure. Für Patienten mit einer Penicillinallergie oder -unverträglichkeit sind Fluorchinolone, Makrolide oder Doxycyclin eine Alternative. Bei der Abgabe sollten PTA und Apotheker die Patienten daran erinnern, dass sie die Einnahme-Intervalle und die Therapiedauer genau einhalten.

Auf ihrem Internetportal weisen die »Lungenärzte im Netz« darauf hin, dass Mediziner bei produktivem ­Husten auch Sekretolytika verordnen können und bei trockenem ­Husten Antitussiva hilfreich sind. Die Patienten sollten sich zudem Ruhe gönnen, am besten Bettruhe einhalten und möglichst viel trinken. Schwere Lungenentzündungen erfordern in der Regel eine intravenöse Kombinationstherapie im Krankenhaus. Auch erkrankte Säuglinge und kleine Kinder werden zumeist stationär in der Klinik behandelt.

An Chroniker denken

Vor einer Infektion mit Pneumokokken können sich Menschen schützen. Die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert-Koch-Institut empfiehlt allen Personen ab einem Alter von 60 Jahren und für Kinder vor dem vollendeten zweiten Lebensjahr die Impfung gegen Pneumokokken-Erkrankungen. Zudem gibt sie eine Impfempfehlung für Menschen mit bestimmten ­Risikofaktoren, bei denen eine Pneumokokken-Erkrankung vermutlich schwer verläuft. Dazu gehören Menschen mit einem schwachen Immunsystem, beispielsweise durch eine HIV-Infektion. Eine weitere Gruppe umfasst Menschen mit chronischen Krankheiten wie Asthma und COPD, aber auch Diabetes mellitus, wenn die Diabetiker mit oralen ­Medikamenten oder Insulin behandelt werden.

Zur Immunisierung stehen Polysaccharid- und Konjugatimpfstoffe zur Verfügung. Polysaccharid-Impfstoffe basieren auf gereinigten Polysaccha­riden der Bakterienkapsel. Sie aktivieren nur B-Zellen des Immunsystems. Konjugatimpfstoffe führen dagegen zu einer Immunantwort über T-Zellen und B-Zellen. Der Grund ist die Kopplung von Kapselpolysacchariden an Trägerproteine, die T-Zell-Antworten auslösen können.

Bei Kindern unter zwei Jahren rät die STIKO zu einer Grundimmunisierung gegen Pneumokokken mit ­dem Konjugatimpfstoff PCV13 (Prevenar®13). Die Aktivierung der T-Zellen möglicht die Ausbildung eines immuno­logischen Gedächtnisses. Der Impfstoff bietet Schutz vor 13 Serotypen des Bakteriums. Bei den Kleinen sieht das Impfschema eine Aufteilung der Dosierung auf bis zu vier Teilimpfungen vor. Mit Ausnahme von Risikogruppen ist danach bis zum Alter von 60 Jahren keine weitere Auffrischungsimpfung notwendig.

Indirekter Schutz

Für Menschen über 60 Jahren empfiehlt die STIKO eine einmalige Standardimpfung mit dem Polysaccharid-Impfstoff PPSV23 (Pneumovax®23). Er hat den Vorteil, dass er vor 23 (statt 13) der insgesamt über 90 Pneumokokken-Serotypen schützt. Für Menschen mit einer Immunschwäche und einige ­wenige weitere Risikogruppen sollten zusätzliche mit dem Konjugatimpf­stoff PCV13 geimpft werden. ­Einen ­indirekten Schutz vor einer ­Lungenentzündung bietet die jährliche Grippe­impfung, denn in Folge einer Grippe entwickelt sich nicht selten eine Pneumonie. /