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Kapland-Pelargonie

Südafrikanische Volksmedizin

26.09.2016
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Von Gerhard Gensthaler / Pflanzliche Arzneimittel haben sich traditionell gegen Beschwerden bewährt, die mit einer Atemwegserkrankung einhergehen. Ein äthanolischer Extrakt aus der Wurzel von Pelargonium sidoides DC., einer Arzneipflanze aus Südafrika, fand auch in Deutschland Eingang zur Behandlung einer akuten Bronchitis und anderer Atemwegsinfekte bei Erwachsenen und Kindern.

Sicher kennen und nutzen die Völker Südafrikas schon seit Jahrtausenden die besondere Wirkung eines Suds der Wurzeln der Kapland-Pelargonie, Pelargo­nium sidoides DC. In Europa wurde die eher unscheinbare Pflanze erst Ende des 19. Jahrhunderts bekannt, als der an Tuberkulose erkrankte Major Charles Henry Stevens 1897 auf Anraten seines Arztes nach Südafrika reiste, um seine Krankheit auszuheilen. In Lesotho verabreichte ein Heiler des Zulu-Stammes dem Major täglich einen Sud aus Pelargonium sidoides.

Nach viermonatiger Behandlung kehrte Stevens – offensichtlich geheilt – nach England zurück und vertrieb die bisher unbekannte Geheimrezeptur unter dem Namen »Stevens cure« als ein Mittel gegen Tuberkulose. Doch endete der anfängliche Erfolg bereits im Jahr 1909, weil die Rezeptur als Quacksalberei abgelehnt wurde.

Pflanze mit Potenzial

Erst im Jahr 1920 brachte der ehemalige Missionsarzt Adrien Sechehaye aus Genf diese Droge in homöopathischer Verdünnung wieder erfolgreich auf den Markt. Nachdem die Charité in Berlin diese »Wunderdroge« Anfang der 1930er-Jahre positiv testete, übernahm das ISO-Werk in Regensburg 1939 die Produktion. Diese führte die Firma Dr. Willmar Schwabe dann industriemäßig fort und brachte den Extrakt als Mittel zur Behandlung akuter Bronchitis in den Handel.

Pelargonium sidoides DC. aus der Familie der Geraniaceae (Storchschnabelgewächse) ist in Südafrika heimisch. Die knollenförmigen Wurzeln der kleinen mehrjährigen Pflanze sind von einer dunklen, teilweise rötlichbraunen, in Längsrichtung gefurchten Rinde bedeckt. Die rundlichen, leicht seidigen Blätter haben meist eine herzförmige Form, ihre Ränder sind leicht gezähnt. Die kleinen kräftig violetten bis purpurfarbenen Blüten erscheinen im Sommer von Juli bis September. Pelargonium sidoides bevorzugt durchlässige sandige Erde, verträgt keinen Frost, keine Staunässe und kann bis zu einem halben Meter hoch werden.

Engländer nennen die Pflanze African umckaloabo oder South African Geranium, Spanier geranio oder pelargónio, weitere in anderen Sprachen gebräuchliche Namen sind Kalwerbossie, Rabassam, Rosengeranie oder einfach Pelargonie. Die Bezeichnung »Umckaloabo« leitet sich von der Zulu-Sprache ab, die in großen Teilen Südafrikas gesprochen wird. Sie setzt sich aus zwei Worten zusammen: das erste, »umKhulkane«, bedeutet schwerer Husten und das zweite, »uHlabo«, schneidernder Schmerz in der Brust.

In ihrem Herkunftsland verwenden traditionelle Heiler den Sud der Wurzel bei Erkrankungen der Atemwege und des Magen-Darmtrakts, zur Wundheilung, vor allem bei Tuberkulose.

In den zurückliegenden Jahren wurden üblicherweise Wildpflanzen verwendet, jetzt wird die Pflanze meist in kontrollierten Plantagen gezogen, um die Wildbestände zu schonen. Für arzneiliche Zwecke werden in der Hauptsache die Wurzeln und zum Teil ober­irdische Pflanzenteile eingesetzt. Im dritten Jahr ist der Wirkstoffgehalt der Wurzeln am höchsten, sodass sie dann geerntet und zu einem alkoholischen Auszug weiter verarbeitet werden. Das Fertigpräparat Umckaloabo enthält einen Spezialextrakt (EPs® 7630).

Die Ph. Eur. 8. Ausgabe, Grundwerk 2014 enthält eine Monographie zu Pelargoniumwurzel, Pelargonii radix. Die Droge ist definiert als die meist zerkleinerten, getrockneten, unterirdischen Organe von Pelargonium sidoides DC. und Pelargonium reniforme Curtis. Als Gehalt fordert das Arzneibuch für die getrocknete Droge mindestens 2,0 Prozent Tannine, berechnet als Pyrogallol. Die Identität wird organoleptisch, mikroskopisch sowie mit einer Dünnschichtchromatographie überprüft. Zusätzlich ist zur Prüfung auf Reinheit eine Bestimmung des Gerbstoffgehalts vorgeschrieben.

Vielfache Effekte

Die Hauptwirkstoffe der Pelargoniumwurzel sind Cumarine, vorwiegend Umckalin, sowie mindestens sieben andere Cumarine. Außerdem enthält die Droge Gallussäure und Gallussäure­methylester, Catechin-Gerbstoffe, Flavonoide, ätherisches Öl (Pelargoniumöl), Citronellol und Phenylethylalkohol.

Der alkoholische Extrakt wird durch Perkolation und Mazeration gewonnen. Das Wirkspektrum umfasst antimikrobielle Effekte sowie zytoprotek­tive Eigenschaften auch die Stimula­tion unspezifischer Abwehrmechanismen wird angenommen. Zudem soll der Extrakt mukolytisch wirken, indem er die Aktivität der Flimmerhärchen steigert, sodass der Schleim schneller abtransportiert werden kann.

Der nicht alkoholische Sud, wie er in der traditionellen Medizin eingesetzt wird, ist nicht zu empfehlen. Er enthält außer den angegebenen Wirkstoffen noch nicht näher spezifizierte Substanzen und ruft oft Übelkeit, Brechreiz und andere unerwünschte Nebenwirkungen hervor. Der in Fertigpräparaten verwendete alkoholische Extrakt ist von den Stoffen befreit, die diese Nebenwirkungen verursachen.

Die Gerbstoffe der Wurzeln sollen bei einer Infektion die endogene Synthese von Interferonen stimulieren und somit antibakteriell und antiviral wirken. Gemeinsam mit den Cumarinen bilden sie eine gute Basis für die immunstimulierende Aktivität der Droge. Auch von Pelargoniumöl ist die antibakterielle Wirkung bekannt. Das zeigt, dass das Wirkprinzip sich nicht auf einen ein­zigen Inhaltsstoff oder Mechanismus reduzieren lässt, sondern auf dem Zusammenwirken verschiedener antiviraler, immunmodullierender und antibakterieller Effekte beruht.

Hauptindikation Bronchitis

In Deutschland ist das nicht rezeptpflichtige, pflanzliche Arzneimittel Umcka­loabo zur Behandlung der akuten Bronchitis bei Erwachsenen und bei Kindern ab einem Jahr zugelassen. Die Wurzel­extrakte sind Bestandteil von Fertigarzneimitteln gegen akute und chronische Infektionen von Nase, Ohren und Bronchien und wirken unterstützend zur Behandlung der chronischen Bronchitis.

Die bisherige Datenlage basiert auf einigen placebokontrollierten Doppelblindstudien sowie auf Beobachtungsstudien: In vier kontrollierten, klinischen Studien mit insgesamt 800 Patienten mit akuter Bronchitis beziehungsweise akuter Tonsillopharyngitis sowie in drei weiteren mit über 1500 Patienten erwies sich der Extrakt gegenüber Placebo als überlegen. Im Vergleich mit Acetylcystein zeigte er sich bei Schluckbeschwerden, Halsschmerzen und Fieber als gleichwertig.

PTA oder Apotheker sollten Patienten mit einer schweren Atemwegsinfektion raten, mit dem Arzt abzuklären, ob eine Antibiotikatherapie erforderlich ist.

Wirksame Dosis

Als wirksame Tagesdosis gelten 60 bis 80 mg Umckaloabo-Extrakt. Die Patienten sollten den Extrakt möglichst nicht länger als drei Wochen einnehmen. Kinder unter sechs Jahren sollten die Eltern – wie grundsätzlich auch bei anderen Erkrankungen – nur nach Rücksprache mit dem Arzt selbst behandeln. Da der Extrakt Cumarine enthält, sollten Patienten mit einer erhöhten Blutungsneigung, angeboren oder durch Medikamente wie Phenprocoumon oder Warfarin erzeugt, kein Umckaloabo einnehmen. Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln sind nicht bekannt.

Bei Schwangeren und Stillenden sowie bei Nierenkranken sind Gegenanzeigen zu beachten. Es können auch Magen-Darm-Beschwerden auftreten wie Magenschmerzen, Sodbrennen, Übelkeit oder Durchfall. In seltenen Fällen bilden sich auf der Haut Ausschläge, die heftig jucken. Zudem können die Trans­aminasewerte erhöht sein. Das hat die für Deutschland zuständige Behörde für Arzneimittelsicherheit, das Bundesins­titut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), veranlasst, Maßnahmen zur Risikominimierung zu ergreifen und ein Stufenplanverfahren einzuleiten. Das führte ab Juli 2014 dazu, dass in der Packungsbeilage ein Hinweis angebracht werden musste, der auf die mögliche Lebertoxizität hinweist. /