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Hypoxämie

Sauerstoff im Rucksack

28.09.2017  13:54 Uhr

Von Annette Immel-Sehr / Menschen mit schweren Lungen­erkrankungen leiden häufig an chronischem Sauerstoffmangel (Hypoxämie). Eine Langzeit-Sauerstoff­therapie kann ihnen Kraft und Leistungs­fähigkeit zurückgeben.

Menschen mit einem dünnen, durchsichtigen Schlauch in der Nase sind im Straßenbild keine Seltenheit. Am anderen Ende verschwindet der Schlauch in einer Tasche oder einem Rucksack. ­Hinter diesem diskreten Arrangement verbirgt sich eine Langzeit-Sauerstoff­therapie. Lungenfachärzte bezeichnen diese Therapie häufig einfach nur als LTOT. Die Buchstaben stehen für die Abkürzung des englischen Begriffs »long term oxygene therapy«. Bei einer LTOT erhalten Patienten, die unter chronischem Sauerstoffmangel leiden, über mindestens 16 Stunden täglich ­zusätzlichen Sauerstoff.

Mediziner sprechen von Hypoxämie, wenn im arteriellen Blut zu wenig Sauerstoff an die roten Blutkörperchen gebunden ist. Dies kann verschiedene Ursachen haben. An erster Stelle stehen schwere Lungenleiden wie die chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD), das Lungenemphysem, die Lungenfibrose oder eine Cystische Fibrose (Mukoviszidose). Doch nicht nur Krankheiten der Atmungsorgane können einen chronischen Sauerstoffmangel verursachen, sondern auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wie eine schwere chronische Herzinsuffizienz. Auch wenn die Rippen verformt sind oder die Wirbelsäule nicht natürlich ­gebogen, kann das in eine chronische Hypoxämie münden.

Die Organe und Zellen des Körpers benötigen kontinuierlich Sauerstoff, um funktionieren zu können. Das arterielle Blut versorgt sie damit, indem der Sauerstoff an die roten Blutkörperchen gebunden ist. Können die Erythrozyten in der Lunge aufgrund einer Erkrankung nicht mehr ausreichend frischen Sauerstoff aufnehmen, fehlt den Organen das lebenswichtige Element. Eine chronische Hypoxämie zeigt sich in der Regel zuerst in Müdigkeit und verminderter körperlicher Leistungsfähigkeit.

Der Organismus versucht, den Sauerstoffmangel zu kompensieren. Dazu pumpt das Herz verstärkt Blut in die Lungenarterien. Einen ständig erhöhten Blutdruck im Lungenkreislauf bezeichnen Ärzte als Lungenhochdruck oder pulmonale Hypertonie. Als Reaktion darauf verdicken sich auf Dauer die Gefäßwände, was die Sauerstoffaufnahme aus der Atemluft ins Blut weiter erschwert. Mit der Zeit ist die Muskulatur der rechten Herzkammer überfordert, und es entwickelt sich eine Rechtsherzinsuffizienz. Um genug Sauerstoff zu bekommen, bildet der Organismus vermehrt rote Blutkörperchen. Die erhöhte Zahl dieser Erythrozyten verschlechtert jedoch die Fließeigenschaften des Bluts und behindert damit sogar den Sauerstofftransport.

Eine Langzeit-Sauerstofftherapie kann diese beiden Teufelskreise, die aus der Gegenreaktion des Körpers auf die Hypoxie entstehen, durchbrechen. Folgeschäden der Hypoxie an anderen Organen werden verhindert. Wissenschaftliche Studien zeigten, dass eine LTOT die Lebenserwartung zum Beispiel von COPD-Patienten signifikant erhöht.

Wege aus dem Mangel

Der Arzt erkennt eine chronische Hypoxämie an einem dauerhaft niedrigen Sauerstoffpartialdruck im arteriellen Blut. Im Rahmen der Diagnostik führt er deswegen eine Reihe von Blutgasanalysen durch. Dazu entnimmt er über einen Zeitraum von vier Wochen immer wieder eine Blutprobe aus einer Arterie oder dem Ohrläppchen und lässt es maschinell analysieren. Liegt der Wert trotz Medikamenten und anderen Behandlungsverfahren mindestens dreimal unterhalb einer von der pneumologischen Fachgesellschaft festgesetzten Grenze, sollte der Patienten eine LTOT erhalten.

Generell gilt: Je länger der Patient täglich zusätzlichen Sauerstoff einatmet, desto besser. Die Empfehlung lautet somit: am besten rund um die Uhr therapieren, mindestens aber 16 Stunden täglich. Nur durch diese lang­dauernde Zufuhr stellt sich der gewünschte Erfolg ein. Für den Patienten bedeutet dies, dass er fast den ganzen Tag mit einem Gerät verbunden ist, das ihm zusätzlichen Sauerstoff zuführt, in der Regel über die Nase. Meist kommt dazu eine sogenannte Sauerstoff- oder Nasenbrille zum Einsatz–ein Silikonschlauch mit zwei Nasensonden aus Kunststoff. Der Patient erhält das Zubehör für die LTOT auf Verordnung des Arztes im Sanitätshaus sowie in Apotheken. Da die Sauerstoffbrille Tag und Nacht getragen werden muss, spielt der Tragekomfort eine wichtige Rolle. Die »Brille« sollte möglichst keine Druck- und Reibungsschmerzen oder allergische Reaktionen verursachen. Manchmal müssen Betroffene ein wenig ausprobieren, bis sie das für sie optimale Modell gefunden haben. Für Patienten, die sich schwer damit tun, eine Nasenbrille in der Öffentlichkeit zu tragen, gibt es eine Spezialanfertigung, die den Sauerstoffschlauch in den Bügeln einer Augenbrille versteckt, so dass nach außen nur noch die Nasensonde sichtbar ist.

Der Schlauch ist am anderen Ende mit einem Sauerstoffbehältnis verbunden. Der Patient kann je nach Bedürfnis und Mobilität zwischen stationären Geräten für zu Hause und Akku-betriebenen tragbaren Systemen wählen. Letztere sind relativ klein und leicht und erlauben viel Bewegungsfreiheit. Grundsätzlich eignen sich die Geräte auch für die Reise, die meisten sogar für das Flugzeug. Allerdings sollten die Patienten im Vorfeld der Reise die Vorgaben der jeweiligen Fluggesellschaft erfra­gen.

Vorgaben einhalten

Der sogenannte Sauerstoffkonzentrator »filtert« über ein Membranfilter Sauerstoff aus der Umgebungsluft heraus und konzentriert ihn. Alternativ kann der Patient für die LTOT Sauerstoff-Gasflaschen oder Flüssigsauerstoffsysteme verwenden. Tiefgekühlten (-183 °C) und damit flüssigen Sauerstoff lagern die Patienten zu Hause in einem speziellen Vorratstank und füllen ihn bei Bedarf in tragbare isolierte Behälter ab. Welches System, beziehungsweise welche Kombination von Geräten sich für die individuellen Anforderungen am besten eignet, müssen Arzt und Patient gemeinsam entscheiden.

Die Sauerstoffflussrate und die Dauer der täglichen Anwendung richten sich nach Art und Stadium der Erkrankung. Es ist unbedingt erforderlich, dass der Patient sich hier strikt an die Verordnung des Lungenfacharztes hält, um den optimalen Therapieerfolg zu erzielen beziehungsweise keinen Schaden zu verursachen. Korrekt angewendet ist die Langzeit-Sauerstofftherapie frei von Nebenwirkungen. Allenfalls können die Nasenschleimhäute bei hohen Flussraten austrocknen. Dem lässt sich durch Vorschalten eines Befeuchters vorbeugen.

PTA und Apotheker sollten genau hinhören, wenn Kunden in der Apotheke über ihre Sauerstoff-Therapie berichten. Denn es gibt Therapien mit ähnlich klingenden Namen, die aber einem anderen Zweck dienen. Zum einen ist die Langzeit-Sauerstofftherapie von der Sauerstofftherapie abzugrenzen, wie sie zur Behandlung von Cluster-Kopfschmerz häufig angewendet wird. Dabei inhaliert der Patient im akuten Schmerzanfall über eine Atemmaske für einige Minuten Sauerstoff.

Des Weiteren gibt es auch die sogenannte Sauerstoff-Mehrschritt-Therapie. Dieses Verfahren der alternativen Medizin soll viele Krankheiten einschließlich verschiedener Krebsformen positiv beeinflussen – eine wissenschaftlich nicht belegte Behandlung.

Durch eine Langzeit-Sauerstofftherapie gewinnen viele Patienten mit chronischer Hypoxie entscheidend an Lebens­qualität. Sie können wieder »vor die Tür gehen«, längere Strecken zurücklegen, an sozialen Aktivitäten teilnehmen und sich selbst wieder besser versorgen. /