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Blutkrebs

Innovative Zelltherapie

26.09.2018
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Von Sven Siebenand / Mitte September erfolgte die Markt­ein­führung der ersten sogenannten CAR-T-Zelltherapie in Deutschland. Das Tisagenlecleucel-haltige Medikament Kymriah® von Novartis Pharma darf bei bestimmten Leukämie- und Lymphom-Patienten zum Einsatz kommen.

Zugelassen ist Kymriah zur Behandlung der akuten lymphatischen B-Zell- Leukämie (ALL) bei Patienten bis 25 Jahren­ und zur Therapie diffuser großzelliger B-Zell-Lymphome (DLBCL) bei Erwachsenen nach zwei oder mehr Linien einer systemischen Therapie.

Die Immuntherapie mit CAR-T-Zellen (chimäre Antigenrezeptor-T-Zellen) erfährt aktuell große Aufmerksamkeit. Erstmals ist nun auch in Deutschland ein Präparat im Handel, das auf CAR-T-Zellen basiert. Wie funktioniert das Ganze? Zunächst werden dem Patienten die weißen Blutkörperchen, einschließlich der T-Zellen, durch ein Blut­filtrationsverfahren entnommen. Dies kann entweder geschehen, wenn eine CAR-T-Zelltherapie geplant ist, oder prophy­laktisch bereits zu einem frühen Zeitpunkt im Krankheitsverlauf für eine mögliche spätere Anwendung. Nach der Entnahme werden die T-Zellen in flüssigem Stickstoff eingefroren. In diesem Zustand halten sie für eine Zeitdauer von bis zu 30 Monaten. Wenn die CAR-T-Zelltherapie geplant ist, werden die eingefrorenen Immunzellen an ein Unternehmen gesendet, das sich um ihre Umprogrammierung kümmert.

Die T-Zellen werden dabei mithilfe eines inaktivierten Virus genetisch so programmiert, dass sie den chimären Antigen-Rezeptor (CAR) produzieren. Dieser richtet sich gegen das CD19-Antigen auf B-Zellen. Bevor die umprogrammierten CAR-T-Zellen wieder in den Blutkreislauf des Patienten eingebracht werden, wird mithilfe einer Chemo­therapie die Anzahl der weißen Blutkörperchen im Patienten reduziert. Das hilft dem Körper, die umprogrammierten Zellen anzunehmen. Mithilfe des CAR können die modifizierten T-Zellen B-Zellen erkennen, binden und sie in den Zelltod schicken. Wichtig: Im Gegensatz zu typischen pharmazeutischen oder biologischen Produkten werden die CAR-T-Zellen für jeden Patienten individuell hergestellt. Herstellung und Freigabe von Kymriah dauern daher im Allgemeinen drei bis vier Wochen.

Die patientenindividuellen CAR-T-Zellen erhält der Patient intravenös, oft als eine einzige Infusion. Das Auftauen von Kymriah und die Infusion müssen zeitlich aufeinander abgestimmt werden. Die Infusionsstartzeit muss im Voraus­ festgelegt werden, damit das Auftauen so beginnt, dass Kymriah zur Verfügung steht, wenn der Patient für die Infusion bereit ist. Sobald Kymriah aufgetaut ist und Raumtemperatur (20 ° bis 25 °C) erreicht hat, sollte es inner­halb von 30 Minuten, einschließlich jeglicher Unterbrechung während der Infusion, infundiert werden, um die maximale Lebensfähigkeit des Zell­produktes zu erhalten.

Die Geschwindigkeit bei der Infu­sion sollte 10 bis 20 ml pro Minute betragen. Um akute Infusionsreaktionen zu vermindern, erhalten die Patienten 30 bis 60 Minuten vorher Paracetamol und ein Antihistaminikum. Corticoide sollen nur bei einem lebensbedrohlichen Notfall zum Einsatz kommen und nicht als Prämedikation. Nach der Infusion sollten die Patienten gut überwacht werden. Die Fachinformation sieht vor, dass die Patienten in den ersten zehn Tagen nach der ­Therapie auf Anzeichen und Symp­tome eines gefähr­lichen Zytokin-Freisetzungs­syn­droms, neurologische Ereignisse und andere Toxizitäten überwacht werden. Ein möglicher Zytokin-Sturm kann mit dem Antikörper Tocilizumab behandelt werden. Mindestens vier Dosen davon müssen vor der Infusion der CAR-T-Zellen genauso wie eine Notfallausrüstung zur Verfügung stehen – und das nicht ohne Grund. Denn immerhin bei 77 Prozent der Patienten in Studien kam es zu ­einem solchen Zytokin-Freisetzungs­syndrom. Die Auflistung der weiteren möglichen Nebenwirkungen findet sich in der Fachinformation des neuen Medikaments.

Die Anwendung von Kymriah während der Schwangerschaft und bei Frauen im gebärfähigen Alter, die nicht verhüten, wird nicht empfohlen. Zudem­ ist nicht bekannt, ob CAR-T-Zellen­ in die Muttermilch übergehen. Ein Ri­siko für den gestillten Säugling kann nicht ausgeschlossen werden. /