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Weizensensitivität

Brot mit Bauchschmerzen

12.10.2015
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Von Maria Pues / Neben der Zöliakie und der Weizenallergie macht seit einiger Zeit eine neue Unverträglichkeit von sich reden: die Weizensensitivität. Vermutlich ist hier nicht das Klebereiweiß Gluten verantwortlich für die Beschwerden.

Nicht-Zöliakie-Nicht-Weizen­allergie-Weizensensitivät: Mit diesem ziemlich sperrigen Begriff bezeichnet die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselerkrankungen in ihrer im vergangenen Jahr aktualisierten Leitlinie Zöliakie eine zunehmend häufiger beobachtete Unverträglichkeit gegenüber Weizen. Zuvor hieß diese handlicher, aber weniger zutreffend Glutensensitivität. Allerdings ist Gluten vermutlich nicht der Aus­löser der Unverträglichkeitsreaktion, wenngleich sich die Beschwerden bei einem Verzicht darauf bessern.

Von der Weizensensitivität weiß man heute vor allem, was sie nicht ist: Sie ist keine Autoimmunerkrankung wie die Zöliakie/Sprue. Bei dieser kommt es durch das Klebereiweiß Gluten zu Entzündungen der Darmschleimhaut. Und es handelt sich auch nicht um eine Allergie. Bei dieser lösen Weizenproteine wie Weizen-Albumin, Globulin oder Gluten fälschlicherweise eine Abwehrreaktion aus, sei es in Form einer Pollenallergie, eines Bäcker­asthmas durch das Einatmen von Mehlstaub oder durch eine klassische Lebens­mittel­allergie. Typische Marker wie bei einer Zöliakie/Sprue oder einer Allergie, etwa Antikörper, die eine Diagnose absichern können, gibt es für die Weizensensitivität derzeit nicht. Betroffene geraten daher zuweilen in Verdacht, ein wenig überspannt zu sein oder sich das Ganze schlicht einzubilden.

Nach dem Genuss von Brötchen, Nudeln oder Pizza leiden Betroffene unter Blähungen, Bauchkrämpfen oder Durchfällen. Aber auch außerhalb des Magen-Darm-Traktes kann es zu Beschwerden kommen: Die Leitlinie Zöliakie führt Kopfschmerzen und Migräne, Lethargie und Müdigkeit, Aufmerk­samkeits­defizitstörungen und Hyperaktivität, Muskelbeschwerden sowie Knochen- und Gelenkschmerzen auf. Insgesamt handelt es sich um Symptome, die auch bei vielen anderen Erkrankungen auftreten können, etwa beim Reizdarm oder chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, aber auch bei einer Schilddrüsenfunktionsstörung. Nicht zuletzt kommen auch andere Unverträglichkeiten für die Beschwerden infrage. Die Zuordnung von Ursache und Wirkung fällt auch daher oft schwer, da die Unverträglichkeitsreaktion nicht immer mit derselben Intensität auftritt: Manche Getreideprodukte werden scheinbar besser vertragen als andere; möglicherweise spielt auch eine Rolle, ob sie auf nüchternen Magen oder zusammen mit anderen Nahrungsmitteln verzehrt werden. So ist die Weizensensitivität derzeit noch eine Ausschlussdiagnose. Das bedeutet, dass verschiedene infrage kommende Erkrankungen durch Untersuchungen geprüft werden. Fallen alle Befunde negativ aus, bleibt am Ende eine Weizensensitivität als wahrscheinlichste Ursache für die Beschwerden übrig.

Dass es eine Überempfindlichkeit gegen Weizen und weitere Getreide­arten gibt, die nicht durch eine Auto­immun­erkrankung oder eine Allergie erklärt werden kann, gilt also als unbestritten. Was die Beschwerden auslöst, weiß man jedoch noch nicht sicher, und es wird derzeit intensiv erforscht. Zwei Hauptverdächtige haben sich dabei herauskristallisiert: ATIs und FODMAPs.

ATI

ATI ist die Abkürzung für Amylase-Trypsin-Inhibitoren. Dabei handelt es sich um von glutenhaltigen Getreidearten wie Weizen, Roggen oder Gerste gebildete Resistenzproteine, die verhindern sollen, dass die Pflanzen von Schädlingen befallen werden. Dass sie zusammen mit Gluten auftreten, macht eine Unterscheidung der jeweiligen Einflüsse auf die Weizensensitivität schwierig. ATIs bekämpfen allerdings nicht nur Pflanzenschädlinge, sondern können über den Toll-like-Rezeptor 4 auch das menschliche Immunsystem aktivieren, sodass dieses unter anderem vermehrt Makrophagen und Entzündungsbotenstoffe bildet und so seine Abwehrbereitschaft erhöht. Die Wirkung von ATIs auf das Immunsystem untersucht unter anderem Professor Dr. Detlef Schuppan, Gastroenterologe und Direktor des Instituts für Translationale Immunologie an der Uniklinik Mainz.

Allerdings lässt sich nicht pauschal sagen – wie zunächst vermutet – dass neuere Weizensorten besonders viele ATIs enthalten und alte Sorten grundsätzlich weniger. Eine Einteilung von Weizenarten in gute alte und schlechte neue Sorten greift zu kurz. Darauf weist die Landeszuchtanstalt, Arbeitsgruppe Weizen, der Universität Hohenheim hin. Demnach spielt auch die Art und Menge der ATIs, nicht nur die Getreidesorte eine Rolle, sondern auch Umwelt­einflüsse wie Anbauweisen, Bodenbeschaffenheit oder Düngung. Aber auch hier fehlten weitere Studien.

FODMAP

FODMAP ist die Abkürzung für fermentable oligo-, di- and monosaccharides and polyols beziehungsweise fermentierbare Oligo-, Di- und Monosaccharide und Polyole – Kohlenhydrate also, die vom Verdauungssystem nicht resorbiert werden, zum Beispiel Fructo- und Galactooligosaccharide. FODMAPs werden nicht durch Verdauungsenzyme gespalten, können aber von Darmbakterien verarbeitet werden. Der Effekt: Sie erhöhen infolge von Osmose den Zustrom von Wasser in das Darmlumen und wirken so abführend. Häufig kommt es dabei auch zu Blähungen. Aber auch für die FODMAPs fehlen harte Daten, die ihren Einfluss auf die Weizen­unverträglichkeit belegen.

Zöliakie Weizensensitivität
Zeit bis Symptome auftreten Wochen bis Jahre Stunden bis Tage
Pathogenese angeborene und adaptive Immun-Antworten wahrscheinlich angeboren
HLA HLA DQ2/DQ8 in 99 Prozent nicht bekannt
Antikörper positiv möglich
Komplikationen ja noch unklar

Quelle: Leitlinie Zöliakie, Stand 04/2014

Weitere mögliche Einflussfaktoren könnten in der Verarbeitung des Getreides und in veränderten Backverfahren liegen. Während es früher frische Brötchen vor allem am frühen Morgen gab und die Bäcker dafür sehr früh aufstehen mussten, werden heute vielfach industriell gefertigte, gefrorene Teigrohlinge aufgebacken, damit es auch am Abend noch frisch gebackene Brötchen geben kann. Aber auch bei dieser Theorie bleiben viele Fragen offen. Wie sehen diese Veränderungen etwa für Nudeln oder Pizza aus?

Auch wenn es vermutlich nicht am Gluten selbst liegt, hilft es Betroffenen mit Weizensensitivität häufig, extrem glutenhaltige Getreideprodukte zu reduzieren: etwa Nudeln durch Reis oder Kartoffeln zu ersetzen, zum Frühstück bevorzugt Obst und Joghurt zu wählen und am Abend Salate oder Gemüse. Eine lebenslange strikt glutenfreie Ernährung, wie Zöliakie-Patienten sie einhalten müssen, und die Verwendung glutenfreier Produkte sind für Nicht-Zöliakie-Patienten jedoch nicht erforderlich. Darauf weist unter anderem die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz hin. Bei einem Verdacht auf Zöliakie, Weizenallergie oder Weizensensitivität sollten Betroffene ärztlichen Rat suchen, bevor sie sich selbst strikte Einschränkungen verordneten, raten auch Mediziner. Vorläufig nicht auf Getreideprodukte verzichten sollten außerdem Personen, bei denen Untersuchungen auf Zöliakie, Weizenallergie oder Weizensensitivät anstehen. Andernfalls könnten etwa spezifische Antikörper unter die Nachweisgrenze fallen und ein falsch-negatives Ergebnis die Folge sein.

Die Verbraucherzentrale kritisiert außerdem, dass ohnehin glutenfreie Produkte wie Wurst, Käse oder sogar Mineralwasser oftmals zu Marketingzwecken als glutenfrei gekennzeichnet werden, um ihnen die Anmutung zu verleihen, sie seien besonders gesundheitsfördernd. »Mineralwasser und Hartkäse enthalten von Natur aus kein Gluten, bei reiner Schokolade regelt dies die Kakaoverordnung«, heißt es in der Mitteilung weiter. »Der Glutenfrei-Trend läuft europaweit auf Hochtouren und treibt zum Teil seltsame Blüten.« /

Welche Nahrungsmittel sind glutenhaltig?

  • Weizen, Roggen
  • Gerste, Hafer
  • Grünkern, Dinkel
  • verwandte Getreidearten und Urkornarten wie Kamut® (Khorasan-Weizen) und Einkorn

und alle daraus hergestellten Lebensmittel wie:

  • Mehl, Grieß
  • Graupen, Stärke
  • Flocken (Müsli)
  • Paniermehl
  • Teigwaren

Gluten ist zum Beispiel in den folgenden Produkten enthalten:

  • Brot, Brötchen
  • Baguette, Gnocchi
  • Pizza, Nudeln, Knödel
  • Kuchen, Torten
  • Blätterteigteilchen
  • Hefestückchen
  • Kekse, Müsliriegel
  • Salzstangen
  • Knabbergebäck
  • Bier, Malzbier


Quelle: Deutsche Zöliakie Gesellschaft