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Diabetes und Psyche

Depressionen belasten die Therapie

12.10.2015
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Von Isabel Weinert / Jeder dritte Diabetiker leidet nach heutigem Kenntnisstand an einer erhöhten Depressivität, und bei jedem Dritten dieser Gruppe manifestiert sich diese erhöhte Anfälligkeit in einer klinisch depressiven Störung. Doch nur bei der Hälfte der Betroffenen wird die Depression erkannt. Über Ursachen und Therapie sollten PTA Bescheid wissen, um diese Möglichkeiten in der Beratung nicht außer Acht zu lassen und möglichst differenziert auf Kunden eingehen zu können.

Depressionen entstehen bei Diabetikern aus zwei Gründen häufiger als bei gesunden Menschen. Der psychische Grund liegt auf der Hand. Der Umgang und das Leben mit einer chronischen Krankheit und deren Folgen fordern ihren Tribut. Das Normalniveau täglicher Belastungen vor dem Hintergrund möglicher Diabetes-bedingter Folgeschäden liegt oft höher als bei gesunden Menschen.

Die zweite Ursache ist hirnphysiologisch bedingt, zumindest bei Typ-1-Diabetikern, wie unter anderem Nicolas Bolo und Kollegen von der Harvard University zeigen konnten. Dabei beobachteten sie im MRT von Typ-1-Diabetikern bei akut hohen Blutzuckerspiegeln eine Störung der Glutamat-Regulation in Hirnregionen, die für Stimmungen und Emotionen zuständig sind. Hohe Glutamat-Konzentrationen wiederum stehen mit Depressionen in Zusammenhang. Zwar trat diese Störung auch bei den stoffwechselgesunden Probanden auf, nachdem man ihren Blutzucker mittels einer Glucoseinfusion auf Werte zwischen 180 und 200 mg/dl getrieben hatte, allerdings geringer ausgeprägt als bei den Diabetikern.

Krankhaft vernachlässigt

Die Depression bringt schon bei gesunden Menschen mit sich, dass sie sich selbst vernachlässigen. Für Diabetiker kann das fatal sein. Sich um die Blutzuckereinstellung und um einen gesunden Lebensstil zu kümmern, erscheint sinnlos. Betroffene Diabetiker nehmen ihre Medikamente unregelmäßiger ein, führen seltener Blutzuckerselbstkon­trollen durch, bewegen sich weniger und ernähren sich ungesünder als psychisch gesunde Diabetiker. Aus diesen Gründen weisen die Betroffenen vermehrt kardiovaskuläre Risikofaktoren auf. Diabetiker mit Depressionen erleiden zudem deutlich häufiger Diabeteskomplikationen. Die Sterblichkeit liegt nicht nur bei denjenigen mit einer klinischen Depression, sondern auch bei den Diabetikern mit einer unterschwelligen Symptomatik höher.

Oft spiegelt sich eine Depression in den HbA1c-Werten wider: Sie verschlechtern sich zum Teil deutlich. Lassen Diabetiker ihre HbA1c-Werte regelmäßig in der Apotheke bestimmen und sie verschlechtern sich, gibt es dafür viele Gründe. PTA sollten jedoch die Möglichkeit einer Depression nicht außer Acht lassen. Manchmal kann man das auch heraushören, wenn Kunden zum Beispiel eine veränderte Lebenssituation schildern, etwa einen Todesfall in der Familie, Schwierigkeiten mit den Kindern oder eine Trennung vom Lebenspartner. Derartige mögliche Auslöser einer Depression, zunächst einmal Diabetes-unabhängig, können sich massiv auf die Stoffwechselführung auswirken.

Besteht der Verdacht auf eine Depression, führt an einer ärztlichen Behandlung kein Weg vorbei. An erster Stelle steht der Hausarzt, der im besten Fall auch Diabetologe ist. Er kennt sich meist auch mit speziellen Schulungsangeboten aus, wie etwa mit dem vom Forschungsinstitut der Diabetes-Akademie Mergentheim entwickelten kognitiv-behavioralen Therapieprogramm »DIAMOS – Diabetesmotivation stärken«. Diese Kurzzeit-Verhaltenstherapie kann Diabetiker mit subklinischer Depression erfolgreich vor einer klinischen Depression schützen. Teilnehmer lernen dabei unter anderem, achtsam und fürsorglich mit sich umzugehen, die Ansprüche sich selbst gegenüber herunterzuschrauben und sich weniger stressen zu lassen.

»Antidepressiva sollten nicht generell zur Erstbehandlung bei leichten depressiven Episoden eingesetzt werden, sondern allenfalls unter besonders kritischer Abwägung des Nutzen-Risiko-Verhältnisses«, formuliert die Deutsche Diabetes Gesellschaft in ihren Praxisleitlinien. Wird eine medikamentöse Behandlung der Depression nötig, können PTA gar nicht oft genug wiederholen, dass Antidepressiva nicht zu den Arzneimitteln zählen, die abhängig machen. Noch immer hält sich dieses Vorurteil hartnäckig.

Bevorzugt SSRI

Bei der Wahl eines Antidepressivums verordnen Ärzte Diabetikern gerne SSRI, also selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer, weil sie dazu beitragen können, Gewicht zu verlieren, und sich eher günstig auf die Stoffwechseleinstellung auswirken. Im Gegensatz dazu stehen trizyklische Antidepressiva, unter denen Patienten häufig zunehmen. Das verstärkt die Insulinresistenz und die Verschlechterung der Blutzuckerwerte. Dennoch haben sie ihre Berechtigung auch bei Diabetikern. Kommen etwa starke Schmerzen aufgrund einer diabetischen Polyneuropathie hinzu, können trizyklische Antidepressiva die Beschwerden mildern. Wichtig: Diabetiker, die Antidepressiva bekommen, sollten ihren Blutzucker regelmäßig messen beziehungsweise messen lassen, um den Einfluss der Medikamente im Auge behalten zu können.

Neben Psychotherapie und Medikamenten kann Bewegung die Therapie unterstützen, sofern es sich um eine leichte bis mittelgradige Depression handelt. Bei schweren Verläufen ist der Patient in der Regel nicht mehr in der Lage, sich für Bewegung zu entscheiden, geschweige denn, sie in die Tat umzusetzen.

Symptome der Angst

  • Angstauslösende Situationen werden konsequent gemieden.
  • Die Angst beeinflusst immer mehr Lebensbereiche.
  • Die Lebensqualität nimmt durch die Angst und das damit einhergehende Vermeidungsverhalten ab.
  • Die Angst führt in die Isolation.
  • Depressionen begleiten Ängste häufig.

Eine Depression kommt bei Diabetikern meist nicht allein, sondern ist häufig mit ein oder zwei weiteren psychischen Erkrankungen vergesellschaftet. Hauptsächlich Angststörungen zählen dazu. Diabetiker erkranken etwa 20 Prozent häufiger als die Allgemeinbevölkerung. Alleinstehende, arbeitslose Frauen mit Diabeteskomplikationen tragen ein höheres Risiko für Angstsymptome, so die Deutsche Diabetes Gesellschaft in ihren Praxisempfehlungen »Psychosoziales und Depressionen«. Meistens handelt es sich nicht um spezifische Ängste, allerdings gibt es auch Formen, die direkt mit der Krankheit in Verbindung stehen. Dazu gehören vorrangig die Angst vor Unterzuckerungen und diejenige vor Folgeerkrankungen.

Bis zu einem gewissen Grad sind diese Ängste sinnvoll, schützen sie doch vor dem, was die Angst bereitet, wenn man sich dadurch therapiekonform verhält. Kontraproduktiv sind dagegen übersteigerte Ängste; sie verringern die Lebensqualität. Meist neigen Menschen mit Ängsten auch zu depressiven Verstimmungen. Oft können die oben genannten Ängste von Diabetikern in einen Teufelskreis führen: Die Angst vor Hypoglykämien bringt oft hohe Blutzuckerwerte mit sich, weil alles vermieden wird, was eine Unterzuckerung begünstigen könnte. Die hohen Werte verstärken dann ihrerseits wieder die Angst vor Folgeschäden.

Angststörungen werden abhängig vom Schweregrad zunächst mittels Verhaltenstherapie, eventuell in Kombination mit Entspannungsverfahren behandelt. Weitere psychotherapeutische Maßnahmen kommen infrage, wenn die zuvor genannten nicht greifen. Die medikamentöse Behandlung setzt vorrangig auf SSRI. Benzodiazepine kommen nur zur Krisenintervention zum Einsatz, Neuroleptika gar nicht.

Depressiv und dick

Diabetes befördert Depressionen, aber die Abhängigkeiten gelten auch umgekehrt: Wer depressiv ist, entwickelt leichter einen Typ-2-Diabetes. Krankheitsbedingtes gesundheitsschädliches Verhalten ist ein Grund dafür, pathophysiologische Veränderungen sind ein anderer. Wissenschaftler gehen davon aus, dass bei Depressionen verschiedene Botenstoffe vermehrt ausgeschüttet werden, die in hoher Konzentration negativ auf den Glucosestoffwechsel wirken. Bis ins letzte Detail sind diese Zusammenhänge noch nicht geklärt. Bei einem Menschen mit Depressionen und deut­lichem Übergewicht kann jedoch die Empfehlung nicht schaden, den HbA1c-Wert oder den Nüchtern-Blutzucker überprüfen zu lassen. /

Zeichen für eine Depression

Die folgenden Symptome sprechen für eine Depression, wenn sie länger als zwei Wochen über die meiste Zeit des Tages bestehen:

  • Unbegründete, gedrückte Stimmung
  • Interessensverlust, Freudlosigkeit
  • innere Unruhe, Überaktivität oder körperliche Verlangsamung
  • Antriebslosigkeit, gesteigerte Ermüdbarkeit
  • Vernachlässigung von Aktivitäten und sozialer Kontakte
  • vermehrter oder verminderter Appetit
  • Schlaflosigkeit und gesteigertes Schlafbedürfnis
  • geringes Selbstvertrauen und häufige Schuldgefühle
  • vermindertes Denken und Konzentrationsvermögen
  • wiederkehrende Gedanken an Tod und Selbstmord