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Neu im Oktober

Eine Handvoll Wirkstoffe

12.10.2015  10:57 Uhr

Von Sven Siebenand / Sage und schreibe fünf neue Wirkstoffe kamen Anfang Oktober neu auf den deutschen Markt. Darunter ein Hautkrebsmittel und ein Arzneimittel zur Behandlung des Multiplen Myeloms. Hinzu kommen zwei Enzymersatztherapien, die bei seltenen Gendefekten zum Einsatz kommen, und ein Wirkstoff zur Behandlung einer seltenen genetisch bedingten Augenkrankheit.

Mit Trametinib (Mekinist® 0,5 und 2 mg Filmtabletten, Novartis Pharma) gibt es einen neuen Wirkstoff zur Behandlung von Patienten mit einem malignen Melanom. Er ist angezeigt als Monotherapie oder in Kombination mit dem seit Längerem verfügbaren Wirkstoff Dabrafenib (Tafinlar®) zur Behandlung von Erwachsenen mit nicht-resezierbarem oder metastasiertem Melanom mit einer BRAF-V600-Mutation. Circa 40 Prozent aller malignen Tumoren weisen diese Mutation auf.

Beide Wirkstoffe greifen in den sogenannten RAS/RAF/MEK/ERK-Signalweg ein, welcher eine wichtige Rolle beim Melanom sowie bei einer Reihe weiterer Tumoren spielt. Sie wirken allerdings an verschiedenen Stellen. Dabrafenib ist ein RAF-Kinase-Inhibitor. Die Wirkung von Trametinib beruht dagegen auf der Blockade der Enzyme MEK-1 und -2. Studienergebnisse zeigen, dass die Kombination der beiden Wirkstoffe im Vergleich zu einer Dabrafenib-Monotherapie zu einer verlängerten Überlebenszeit der Patienten führt.

Die empfohlene Dosis von Trametinib beträgt – sowohl in Mono- als auch in Kombinationstherapie – 2 mg einmal täglich. Patienten sollten die Tabletten nicht zusammen mit Nahrung, sondern mindestens eine Stunde vor oder zwei Stunden nach einer Mahlzeit einnehmen. Bei Auftreten bestimmter Nebenwirkungen muss der Arzt die Behandlung gegebenenfalls unterbrechen, die Dosis reduzieren oder das Präparat ganz absetzen. Vorsicht geboten ist beim Einsatz von Trametinib bei schwerer Nierenfunktionsstörung sowie mäßiger oder starker Leberfunktionsstörung.

Sehr häufige Nebenwirkungen von Trametinib, die in Studien bei mehr als 20 Prozent der Patienten beobachtet wurden, sind Ausschlag, Durchfall, Fatigue, periphere Ödeme, Übelkeit und akneähnliche Hautentzündungen. Der neue Wirkstoff darf laut Fachinformation schwangeren und stillenden Frauen nicht gegeben werden. Ferner sind Frauen im gebärfähigen Alter anzuweisen, wirksame Verhütungsmethoden während der Therapie und bis zu vier Monate nach Behandlungsende anzuwenden.

Gegen Multiples Myelom

Beim Multiplen Myelom vermehren sich Plasmazellen im Knochenmark rapide und schwächen das Immunsystem. Seit Oktober gibt es mit Panobinostat (Farydak® 10, 15 und 20 mg Hartkapseln, Novartis Pharma) eine weitere Therapieoption bei dieser Erkrankung. Die Anwendung ist allerdings auf erwachsene Patienten beschränkt, die zuvor bereits mindestens zwei Therapien, darunter Bortezomib und eine immunmodulatorische Substanz, erhalten haben.

Panobinostat, immer kombiniert mit Bortezomib und Dexamethason, soll die Überproduktion der Plasmazellen verlangsamen. Bei dem neuen Wirkstoff handelt es sich um den ersten sogenannten Histon-Deacetylase-Hemmer, der in der EU eine Zulassung erhalten hat. Histon-Deacetylasen sind Enzyme, die am Ein- und Ausschalten von Genaktivitäten innerhalb von Zellen beteiligt sind. Beim Multiplen Myelom scheint Panobinostat Gene, die die Teilung und das Wachstum von Tumorzellen unterdrücken, im eingeschalteten Modus zu halten. Es wird angenommen, dass die Tumorzellen dadurch an einer weiteren Vermehrung gehindert und Prozesse zur Abtötung dieser Zellen aktiviert werden, was insgesamt zu einer Verlangsamung des Tumorwachstums führt.

Die Anfangsdosis von Panobinostat beträgt 20 mg an den Tagen 1, 3, 5, 8, 10 und 12 eines 21-tägigen Behandlungszyklus. Den Patienten wird das Arzneimittel zunächst acht Zyklen lang verabreicht. Nur wenn sich ein klinischer Nutzen zeigt, sollte die Behandlung dann über weitere acht Zyklen fortgesetzt werden. Treten schwerwiegende Nebenwirkungen auf, muss der Arzt die Dosis bei den betroffenen Patienten anpassen oder die Verabreichung verzögern.

Sehr häufige Nebenwirkungen von Panobinostat, die bei mehr als 10 Prozent der Patienten zu erwarten sind, sind Durchfall, Müdigkeit, Übelkeit und Erbrechen sowie Auswirkungen auf das Blutbild. Lungenentzündungen können einen Therapieabbruch notwendig machen. Ebenso sind Auswirkungen auf das Herz, etwa erhöhte Herzfrequenz, Herzklopfen und Herzrhythmusstörungen möglich. Bei Stillenden ist der neue Wirkstoff kontraindiziert. Auch bei Patienten mit schwerer Leberfunktionsstörung sollte Panobinostat nicht zum Einsatz kommen. In der Schwangerschaft sollte der Wirkstoff nur gegeben werden, wenn der zu erwartende Nutzen für die Frau die potenziellen Risiken für den Fötus überwiegt.

Zwei Enzymersatztherapien

Mit Sebelipase alfa (Kanuma® 2mg/ml Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung, Synageva BioPharma) wird der Morbus Wolman behandelt, eine Erkrankung, die durch einen Defekt im Enzym lysosomale saure Lipase gekennzeichnet ist. Dieses Enzym ist wichtig für den Fettabbau in Zellen. Wenn es fehlt oder nur in niedrigen Konzentrationen vorhanden ist, kommt es zur Fettanreicherung in den Zellen, die Symptome wie Wachstumsstörungen und Leberschäden hervorruft. Fehlt das Enzym ganz, kommt es bereits im Säuglingsalter zu schwerwiegenden Symptomen.

Kanuma wird zur langfristigen Enzym­ersatztherapie bei Betroffenen eingesetzt, das heißt Sebelipase alfa ersetzt das fehlende Enzym. Die empfohlene Dosis beträgt 1 mg/kg KG alle zwei Wochen. Die Infusion sollte über ein bis zwei Stunden gegeben werden. Bei Patienten, bei denen die Erkrankung vor einem Alter von sechs Monaten schnell voranschreitet, wird eine Dosis von 1 mg/kg KG jede Woche statt alle zwei Wochen gegeben. Bei diesen Patienten kann die Dosis abhängig vom Ansprechen auf die Behandlung auf 3 mg/kg KG einmal wöchentlich erhöht werden.

Die schwerwiegendsten Nebenwirkungen des neuen Arzneistoffs sind Anzeichen und Symptome schwerer allergischer Reaktionen. Insbesondere bei Kindern wurde zudem die Entwicklung von Antikörpern gegen das Arzneimittel berichtet. In diesen Fällen ist die Wirksamkeit des Präparats nicht gewährleistet.

Kontraindiziert ist Kanuma bei Patienten, bei denen zuvor eine lebensbedrohliche allergische Reaktion gegen den Wirkstoff aufgetreten ist, die nach Absetzen und erneuter Anwendung der Therapie erneut aufgetreten ist. Sebelipase alfa darf ferner nicht bei Patienten mit lebensbedrohlichen Allergien gegen Eier oder einen der in Kanuma enthaltenen Bestandteile angewendet werden.

Die zweite ab Oktober neu verfügbare Enzymersatztherapie ist Asfotase alfa (Strensiq® 49 und 100 mg/ml Injektionslösung, Alexion Europe SAS). Sie soll Patienten mit der seltenen Knochenerkrankung Hypophosphatasie helfen, Knochenmanifestationen zu behandeln. Bei Betroffenen wird das Enzym alkalische Phosphatase, genauer gesagt die gewebe-unspezifische alkalische Phosphatase, in zu geringer Konzentration hergestellt und/oder zeigt zu wenig Aktivität. Asfotase alfa ersetzt dieses Enzym.

Als Dosierung sind in der Fachinformation 2 mg/kg KG bei dreimal wöchentlicher subkutaner Injektion oder 1 mg/kg KG bei sechsmal wöchentlicher subkutaner Injektion empfohlen. Nach einer Schulung können sich die Patienten das Mittel auch selbst verabreichen.

Am häufigsten wurden unter Strensiq Reaktionen an der Injektionsstelle als Nebenwirkungen beobachtet. Diese waren aber meistens nicht schwerwiegend und in ihrer Intensität leicht bis mittelschwer. Die Anwendung des neuen Präparats bei Frauen im gebärfähigen Alter, Stillenden sowie Schwangeren wird nicht empfohlen.

Neues Mittel bei seltener Augenkrankheit

Als fünfter Neuling kam Anfang Oktober Idebenon (Raxone® 150 mg Filmtabletten, Santhera Pharmaceuticals) in den Handel. Diese Substanz kommt bei Patienten mit der Erkrankung Lebersche hereditäre Optikusneuropathie (LHON) zum Einsatz.

Hinter dem Begriff verbirgt sich eine seltene, genetisch bedingte Augenkrankheit, die zu einem schnellen Sehverlust im zentralen Sehfeld und zur Erblindung führen kann. LHON-Patienten weisen Mutationen im genetischen Material der Mitochondrien auf, die dann nicht mehr richtig funktionieren. Das führt dazu, dass die Mitochondrien nicht ausreichend Energie produzieren, und freie Radikale – toxische Formen von Sauerstoff – bilden. Die Zellen des Sehnervs benötigen wahrscheinlich besonders viel Energie und werden daher von einem Energiemangel umso mehr in Mitleidenschaft gezogen.

Idebenon ist ein Antioxidans, das auf die Mitochondrien wirkt. Man geht davon aus, dass der Wirkstoff dazu beiträgt, die Energieproduktion der Mitochondrien zu verbessern. So beugt Idebenon einer Schädigung der Zellen und dem Verlust der Sehkraft bei LHON vor.

Die empfohlene Dosis beträgt dreimal täglich zwei 150-mg-Tabletten, die zusammen mit Nahrung einzunehmen sind. Bei der Behandlung von Patienten mit Leber- oder Nierenfunktionsstörungen ist grundsätzlich Vorsicht geboten. Die Sicherheit von Idebenon bei schwangeren Frauen ist nicht erwiesen. Daher sollte der Wirkstoff bei ihnen nur zum Einsatz kommen, wenn davon ausgegangen wird, dass der Nutzen der therapeutischen Wirkung gegenüber potenziellen Risiken überwiegt. Untersuchungen zeigen ferner, dass Idebenon in die Muttermilch übergeht. Daher muss eine Entscheidung darüber getroffen werden, ob das Stillen oder die Behandlung abzusetzen ist. Dabei ist sowohl der Nutzen des Stillens für das Kind als auch der Nutzen der Therapie für die Mutter zu berücksichtigen.

Bei mehr als 10 Prozent der Patienten beobachteten Ärzte in Studien Nasopharyngitis und Husten als Nebenwirkungen bei der Therapie mit Idebenon. Von leichtem bis mäßigem Durchfall und Rückenschmerzen waren 1 bis 10 Prozent der Patienten betroffen.

Wichtig für die Beratung: Metaboliten von Idebenon können zu einer rötlich-braunen Verfärbung des Urins führen. Hierbei handelt es sich um einen harmlosen Effekt, der nicht mit Blut im Urin im Zusammenhang steht und keine Anpassung der Dosis beziehungsweise keinen Behandlungsabbruch erforderlich macht. /

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