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MCS-Syndrom

Unverträgliche Umwelt

12.10.2015
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Von Carina Steyer / Der Kontakt mit alltäglichen Chemikalien macht Betroffene mit einer multiplen Chemikalienunverträglichkeit krank. Das Beschwerdebild des MCS-Syndroms ist jedoch unspezifisch, schwer überschaubar und äußert sich individuell sehr unterschiedlich. Trotz zahlreicher Studien bleiben Ursachen und Mechanismus der Erkrankung bislang ein ungelöstes Rätsel der Wissenschaft.

Müdigkeit, Übelkeit, Schwindel, psychische Beeinträchtigungen, Atemnot, Herzrasen, Muskel- und Gelenkschmerzen: Die Liste der Symptome, die Patienten mit einer Multiplen Chemikalienunverträglichkeit (kurz MCS-Syndrom, von englisch Multiple Chemical Sensitivity) schildern, ist lang und unspezifisch. Auch das Ausmaß der Beschwerden variiert von Patient zu Patient und reicht von leichter Beeinträchtigung bis hin zu einer starken Einschränkung des normalen Lebens. Auslöser der Beschwerden sollen geringste Konzentrationen von Chemikalien und Umweltnoxen sein, die andere Menschen ohne Schwierigkeiten vertragen. Die Zahl der reaktionsauslösenden Substanzen ist groß (siehe Kasten). Viele Betroffene geben an, auf mehr als zehn verschiedene Stoffe mit Beschwerden zu reagieren. In vielen Fällen nimmt die Zahl der reaktionsauslösenden Substanzen, die Vielfalt der Symptome und die Symptomintensität im Krankheitsverlauf zu.

Ein sehr extremes Beispiel für das Ausmaß und die Entwicklung der Erkrankung ist der Fall von Cindy Duehring. Die US-Amerikanerin erkrankte 1985 im Alter von 23 Jahren am MCS-Syndrom. Auslöser soll ein Insektizid gewesen sein, das in ihrer Wohnung zur Beseitigung von Flöhen verteilt worden war. Sie lebte später in einem eigens für sie gebauten Haus, das sie ab 1989 nicht mehr verlassen haben soll. Da sie selbst auf Luft mit Symptomen reagiert haben soll, wurde diese in Filteranlagen gereinigt, ebenso das Wasser. Besucher konnten nur nach aufwendigen Reinigungs­ritualen ins Haus kommen. Später verwendete sie kein Telefon, keinen Computer und Fernseher mehr. Zuletzt sollen auch Sonnenlicht und Geräusche Symptome verursacht haben. Schließlich stellte sie das Sprechen ein und starb 1999 an Organversagen.

Ungelöstes Rätsel

Eine allgemein anerkannte Definition des MCS-Syndroms gibt es nicht. Seit Jahren diskutieren Wissenschaftler, Ärzte und Betroffene, ob es sich um eine psychosomatische oder eine umweltbedingte Störung handelt. Vertreter der Psychosomatik-Hypothese vermuten, dass Betroffene einen kausalen Zusammenhang zwischen ihren Symptomen und den potenziellen Schadstoffen hergestellt haben, den es eigentlich nicht gibt. Tatsächlich treten bei MCS-Betroffenen häufig psychische Begleiterkrankungen auf. Vertreter der Theorie der umweltbedingten Störung sehen diese allerdings als Folge und nicht als Ursache des MCS-Syndroms an. Für sie wird das Syndrom lediglich aus Mangel an Erklärungen als psychosomatische Störung abgetan.

Der Sozialmediziner Professor Werner Maschewsky vergleicht das MCS-Syndrom mit der Borreliose. In den 1970er-Jahren klagten in der US-amerikanischen Stadt Lyme zahlreiche Menschen über diffuse neurologische und rheumatische Symptome, die sie mit einem Zeckenstich in Verbindung brachten. Aufgrund fehlender logischer Erklärungen wurden die Symptome für psychosomatisch erklärt und das verstärkte Auftreten als Massenhysterie gewertet. Erst einige Jahre später gelang es, Borrelien in Zecken nachzuweisen und die Erkrankung Borreliose zu identifizieren.

Zwei Theorien

Hinter dem MCS-Syndrom können – unterschiedlichen Theorien zufolge – genetische Faktoren, Stress, eine Überreaktion des Immunsystems oder auch eine verminderte Enzymaktivität bei der Entgiftung von Chemikalien stecken. Bisher konnte allerdings keine hinreichend wissenschaftlich gesicherte Erklärung für die Entstehung des MCS-Syndroms gefunden werden. Auch in Deutschland wurden im Auftrag des Umweltbundesamtes bereits mehrere große Studien durchgeführt, an denen sechs umweltmedizinische Zentren beteiligt waren. Sie konnten weder die Krankheitsentstehung erklären noch Zusammenhänge mit spezifischen Chemikalien oder Substanzklassen nachweisen.

Vertreter der Theorie der umweltbedingten Störung beschreiben die Entstehung des MCS-Syndroms als Zwei-Phasen-Geschehen. Am Beginn steht ein einmalig hoher oder lang andauernder schwacher Kontakt mit einem Schadstoff. Dies soll die Empfindsamkeit gegenüber Schadstoffen so weit herabsetzen, dass bereits äußerst geringe Konzentrationen Symptome hervorrufen. Da es zu einer unspezifischen Sensibilisierung gegenüber körperfremden Stoffen gekommen sei, reagiert der Betroffene nicht nur auf die ursprünglich auslösende Substanz, sondern auch auf viele andere.

Symptomfreies Leben

Egal ob umweltbedingte oder psychosomatische Störung: Die Betroffenen leiden in der Regel stark unter ihren Symptomen. Derzeit wird die Diagnose MCS-Syndrom gestellt, wenn alle anderen Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen ausgeschlossen werden können. Betroffenen wird dann dringend empfohlen, sich an ein umweltmedizinisches Zentrum zu wenden. Verlässliche Zahlen, wie viele Patienten es tatsächlich gibt, sind nicht vorhanden. Einigen Untersuchungen zufolge leiden in Deutschland etwa 0,5 Prozent an einem von einem umweltmedizinischen Zentrum diagnostizierten MCS-Syndrom. Die Zahl der Eigendiagnosen liegt mit 9 Prozent weit darüber.

Spezifische Therapien gibt es nicht. Die Betroffenen versuchen, die auslösenden Stoffe zu meiden. Eine Psychotherapie kann helfen, geeignete Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Einige Betroffene berichten allerdings, dass ihnen ein Leben in einer normalen Wohnung aufgrund der vielzähligen Symptome nicht mehr möglich sei. Sie beziehen umgebaute Wohnwagen, Wohncontainer oder Zelte an abgeschiedenen Orten. In der Schweiz haben MCS-Betroffene die Wohnbaugenossenschaft »Gesundes Wohnen MCS« gegründet und gemeinsam mit der Stadt Zürich ein MCS-gerechtes Mehrfamilienhaus mit 15 Wohnungen errichtet. Eine strenge Hausordnung regelt das Zusammenleben der Bewohner. Parfüms, parfümierte Pflege- und Waschmittel, Lösungsmittel, Chemikalien, WLAN, Handys und Haustiere sind verboten. 2013 wurde das Haus bezogen, einige Mieter mussten das Haus allerdings bereits wieder verlassen, da sie auch in diesem Haus unter Beschwerden litten. /

Stoffe, auf die MCS-Patienten
reagieren (Auswahl)
Duftstoffe Autoabgase
Tabakrauch Lacke
Farben Desinfektionsmittel
Nagellack und Nagellackentferner Haarspray
Kunststoffmaterialien Textilien
Bodenbeläge Klebstoffe
Weichmacher Reinigungsmittel
Flammschutzmittel Schwermetalle
elektromagnetische Felder Pestizide