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Magen-Darm-Beschwerden

»Mama, mein Bauch tut weh!«

10.10.2016
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Von Elke Wolf / Bauchschmerzen gehören zu den häufigsten Beschwerden, die Kinder äußern. Doch das heißt nicht, dass sie tatsächlich immer Magenprobleme haben. Was sich hinter Bauchschmerzen verbergen kann und wie man sie behandelt.

Übelkeit, Durchfall und Magenschmerzen sind die häufigsten Verdauungsprobleme bei Kindern. Zu diesem Ergebnis kam eine Umfrage des Meinungsforschungsunternehmens Forsa im Auftrag der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände im vergangenen Jahr. Befragt wurden dabei 460 Eltern von Kindern unter zwölf Jahren zu Beschwerden im Laufe des zurückliegenden Jahres. Nur ein Drittel aller Kinder, 36 Prozent, hatte laut Wissen der Eltern keine Verdauungsprobleme. Hingegen litt fast jedes zweite Kind (44 Prozent, Mehrfachnennung) gelegentlich an Übelkeit oder ­Erbrechen inklusive Reiseübelkeit. Vier von zehn Kindern hatten Durchfall, zwei von zehn Magenschmerzen.

Einerseits neigen Kinder dazu, die Wahrnehmung von Schmerzen jeg­licher Art auf ihren Bauch zu projizieren – auch wenn es in einem ganz anderen Körperteil weh tut. Vor allem den Kleineren fällt es schwer, den Schmerz zu lokalisieren. Ab dem Schulalter geben Kinder in der Regel genauere Auskunft über ihre Schmerzen.

Andererseits reagieren Kinder auf Infektionskrankheiten auch oft anders als Erwachsene und haben häufiger Allgemeinsymptome wie unspezifische Bauchschmerzen. Das liegt daran, dass bei den kleinen Patienten das gesamte Immunsystem, das zu 90 Prozent im Bauchraum liegt, reagiert und sich gegen Krankheitserreger erst etablieren muss. Kinder mit einer Influenza entwickeln zwar auch hohes Fieber bis 41° C, Atemwegsbeschwerden und ein schweres Krankheitsgefühl, aber bei ihnen stehen vor allem Durchfall und Er­brechen im Mittelpunkt. Diese un­spezifischen Symptome machen die ­Diagnose bei kleinen Kindern schwierig.

Nur ein Symptom

Hinter Bauchschmerzen kann eine Vielzahl von Krankheiten stecken. Begleitsymptome und die Umstände können wertvolle Hinweise geben. So dürfte nach einem Kindergeburtstag mit viel Kuchen, Gummibärchen und Schokolade klar sein, warum der Bauch zwickt. Akuter Durchfall (eventuell mit Erbrechen) ist ein deutlicher Hinweis auf ­einen Magen-Darm-Katarrh; kommt er in unregelmäßigen, aber häufigen Abständen immer mal wieder, könnte auch eine Unverträglichkeitsreaktion etwa gegen Gluten, Kuhmilch-Protein oder Lactose der Auslöser sein. Bauchschmerzen treten außerdem häufig in Kombination mit grippalen Infekten oder Lungenentzündungen sowie bei Kinderkrankheiten wie Mumps auf. Und auch wenn der Darm verstopft ist, drückt er auf den Bauch.

Leidet das Kind wiederholt über Wochen und Monate an chronischen Beschwerden, könnten sich auch see­lische Probleme auf den Magen geschlagen haben. Gibt es Streit in der Familie? Wird das Kind von Schulkameraden gehänselt? Treten die Bauchschmerzen nur vor der Mathestunde auf? Alles Fragen, die die Eltern stellen sollten, um das Rätsel Dauer-Bauchschmerzen bei ihrem Kind zu lösen.

Eine akute Darmentzündung, von Experten Gastroenteritis, im Volksmund als Magen-Darm-Grippe bezeichnet, gehört zu den häufigsten Erkrankungen im Kindesalter. Dann ­sorgen Rota-, Noro-, verschiedene Adeno- oder Coranaviren oder auch Bakterien wie Salmonellen oder auf Reisen enterotoxische Escherichia coli für Durchfall. Daneben können verdorbene Lebensmittel, Unverträglichkeiten oder Medikamente wie Antibiotika verantwortlich sein.

Vorsicht: Flüssigkeitsmangel

Hierzulande sind Magen-Darm-Infekte oft selbstlimitierend, Verdauung und Stuhlgang regulieren sich nach einer gewissen Zeit wieder. Dennoch ist bei Kindern Vorsicht geboten: Besonders kleine Patienten unter zwei Jahren können durch den Flüssigkeitsverlust leicht austrocknen, zu er­kennen etwa durch Teilnahmslosigkeit oder eingefallene Wangen und Augen. Durchfall bei Kindern unter zwei Jahren ist deshalb immer ärztlich abzuklären und kein Fall für die Selbstmedikation.

Um eine lebensbedrohliche Dehydratation oder auch Entkräftung zu verhindern, ist der ausreichende Flüssigkeits- und Elektrolytersatz mit einer standardisierten Glucose-Elektrolyt-Mischung die wichtigste Maßnahme. Diese orale Rehydratationslösung (ORL) trägt auch dazu bei, die Epithelzellen der Darmschleimhaut, die sogenannten Enterozyten, zu regenerieren. Allerdings hat die Lösung keinen Einfluss auf die Durchfalldauer.

Da sich Durchfallerkrankungen in Europa von den Durchfallerkrankungen in Entwicklungsländern unterscheiden, sind die Präparate auf Glucosebasis an europäische Verhältnisse angepasst worden und hierzulande mit niedrigerer Gesamtmolarität auf dem Markt (wie Elotrans®, Oralpädon® 240, Saltadol® 331). Laut aktuellen Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO soll in den Industrieländern der Natriumgehalt der Lösung 45 bis 60 mmol/l betragen.

Löffel für Löffel

Die Granulate, die mit einer definierten Menge Wasser angerührt werden, enthalten ein bestimmtes Mischungsverhältnis aus Natrium und Glucose, das zu einer optimalen Natrium-Aufnahme in den Enterozyten führt und einen entsprechenden Wassereinstrom nach sich zieht. Zunächst sollten die Kinder deshalb auch keine anderen Flüssigkeiten zu sich nehmen. Cola-Getränke helfen nicht weiter. Sie enthalten zu viel Zucker, hingegen wenig Natrium und Kalium.

Kinder mögen die standardisierten ORL meist nicht gern trinken. PTA sollten deshalb den Eltern im Beratungs­gespräch raten, die Lösung kühl und löffelweise in kleinen Mengen zu ver­abreichen. Etwa 50 ml pro kg Körper­gewicht sollten es über sechs Stunden sein.

Nach den Durchfallattacken ist möglichst schnell wieder mit der zuvor gewohnten Nahrung zu beginnen. So werden die atrophen Darmzotten schnell wieder aufgebaut. Tee- oder Stillpausen werden heute nicht mehr empfohlen, auch Heilnahrung ist nicht erforderlich. Gestillte Kinder sind möglichst bald wieder an die Brust anzu­legen, nach Bedarf plus ORL-Substitu­tion. Nicht gestillte Säuglinge bekommen ihre gewohnte Milchnahrung mit ORL, wobei die Rehydratationslösung ausschleichend dosiert werden sollte.

Pektine und Tannine

Ob in der Selbstmedikation auch andere Präparate sinnvoll sein können, ist vor allem vom Alter der kleinen Patienten abhängig. In jedem Fall sind Arzneimittel gegen Diarrhö bei Kindern nur als Ergänzung zu betrachten. Klein­kinder ab zwei Jahren können Pektine (wie Diarrhoesan® Saft) bekommen. Tannine (wie Tannacomp®, Tannalbin®) sind für Kinder ab fünf Jahren geeignet. Die Stoffe werden von der Darmschleimhaut nicht resorbiert, sondern adsorbieren Wasser und Toxine an ihrer Oberfläche. Die Anwendung von medizinischer Kohle im Kindesalter wird überwiegend kritisch gesehen.

Die Einnahme von Probiotika (wie Lactobacillus acidophilus etwa in Lacteol®, Saccharomyces boulardii etwa ­in Perenterol® junior) erzielt eine Ver­kürz­ung der Krankheitsdauer um etwa einen Tag. Bei Kindern gelten Probiotika als gute Therapiemöglichkeit, bei Erwachsenen ist die derzeitige Datenlage weniger gut. Erschwert wird eine eindeutige Empfehlung durch die hohe Diversität der verschiedenen eingesetzten Bakterienstämme und Inhomogenität der Studien. Der genaue Wirkmechanismus von Probiotika ist noch ungeklärt. Hefepilze wie Saccharomyces boulardii sollen Toxine binden und auf den Schleimhautzellen des Darms einen Biofilm bilden, der die Adhäsion pathogener Keime verhindert.

Alkoholfreie Säfte mit Extrakten der Uzarawurzel (wie Uzara®) sind für Kinder ab zwei Jahren zugelassen, Dragees für Kinder ab sechs Jahren. Die Droge enthält adstringierende Gerbstoffe, doch für die Wirkung sind wohl Glykoside wie Uzarin und Xysmalorin verantwortlich. Sie hemmen die glatte Muskulatur des Magen-Darm-Traktes und regulieren damit die erhöhte Darmbewegung, die Ausscheidung der Toxine bleibt jedoch unbeeinträchtigt. Der Uzara-Extrakt lindert zumeist auch die Übelkeit, die häufig den Durchfall begleitet.

Den synthetischen Opioidrezeptoragonisten Loperamid (wie Imodium®) ­dürfen Ärzte ab dem zweiten Lebensjahr verordnen, für die Selbstmedika­tion ist der Wirkstoff allerdings erst ab zwölf Jahren zugelassen. Loperamid hemmt die Darmperistaltik und begünstigt dadurch die Wasser- und Elektrolytaufnahme. Zudem erhöht Loperamid den Tonus des Schließmuskels, steigert die Stuhlkonsistenz und senkt die Stuhlfrequenz. Der Enkephalinasehemmer Racecadotril ist in Eigenregie für Kinder ab zwölf Jahren zugelassen. Allerdings gibt es bislang kein entsprechendes Präparat, Vaprino® ist erst ab 18 Jahren einsetzbar.

Gut getarnt: Blinddarmentzündung

Akute Bauchschmerzen sind immer ernst zu nehmen; eine Blinddarmentzündung könnte der Übeltäter sein. Fast ­immer beginnt das Dilemma mit unregelmäßig wiederkehrenden Schmerzattacken diffus im ganzen Bauchraum, oft auch im Oberbauch und in der Nabelgegend. Erst allmählich konzentriert sich der Schmerz im rechten Unterbauch und bleibt beständig. Die Bauchdecke ist ­gespannt, Fieber, Durchfall oder Verstopfung, aber auch Erbrechen können die Bauchschmerzen begleiten, treten aber nach (!) dem Einsetzen der Bauchschmerzen ein. ­Diese Begleitsymptome können einen Magen-Darm-Infekt vortäuschen.

Bei Kleinkindern entzündet sich der Wurmfortsatz selten, der Appendix wird am häufigsten den 5- bis 12-Jährigen entnommen. Je jünger das erkrankte Kind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass bereits bei der Einweisung in die Klinik ein Blinddarmdurchbruch mit beginnender Bauchfellentzündung vorliegt. Deshalb gilt: Halten die Schmerzen über mehrere Stunden gleichbleibend an oder nimmt deren Intensität zu, ist umgehend ein Arzt aufzusuchen.

Schweres Geschäft

Neben Durchfall sorgen bei Kindern auch Blähungen und Verstopfung für lange Wartezeiten auf dem stillen Örtchen. Besonders in Babys ersten Lebensmonaten macht die Verdauung Probleme, weil das Verdauungssystem noch nicht voll ausgebildet ist. Was einst als Dreimonatskolik bezeichnet wurde, nennen Experten heute Regulationsstörung.

Damit die Winde leichter abgehen, steht den Eltern als Entschäumer Simeticon (wie Sab simplex® Tropfen, Lefax® Pump Liquid) in flüssiger Form für Säuglinge zur Verfügung. Auch die ätherischen Öle von Anis, Fenchel und Kümmel wirken blähungstreibend; als Tee helfen sie schon ganz kleinen Patienten. Kümmelextrakte in homöopathischer Form können auch in Zäpfchen-Form verabreicht werden (wie Carum carvi von Wala, Weleda). Darüber hinaus kann eine sanfte Bauchmassage mit verdauungsfördernden ätherischen Ölen (wie Babybäuchleinöl Weleda) helfen, dass die kneifenden Blähungen den Weg nach draußen finden. Ein Kirschkernsäckchen auf dem Bauch sorgt für wohlige Wärme und Entspannung.

Natürlich können bei Stillkindern auch die von der Mutter konsumierten Lebensmittel Urheber der Blähungen sein. So sollte die stillende Mutter blähende Nahrungsmittel wie Hülsenfrüchte, Knoblauch, Zwiebeln oder Kohlsorten vom Speiseplan streichen und sie auch während der Beikost-Eingewöhnung nur in kleinen Portionen und jeweils einzeln einführen. Generell ist es wichtig, dass Kinder ausreichend trinken. Außerdem halten für gewöhnlich genügend faserreiche Kost wie Obst, Gemüse und Vollkornprodukte wie Haferflocken die Verdauung auf Trab.

Ist die Verdauung zum Engpass geworden, sollten die Eltern mit dem Arzt besprechen, ob ein Laxans indiziert ist. Die Arzneimittel, die für Erwachsene ­erste Wahl darstellen, sind meist für Kleinkinder nicht zugelassen. Bisacodyl (wie Laxoberal®) und Natriumpicosulfat (wie Dulcolax®) eignen sich ab vier Jahren, Macrogol (wie Movicol® junior) sowie Paraffin (Obstinol®) für Kinder ab zwei Jahren. Ein guter Tipp zur Stuhlregulierung ist Milchzucker (Lactose), der auch schon dem Milch- oder Teefläschchen beigesetzt werden kann. Stärker abführend wirkt die verwandte Lactulose, die als Sirup (wie Bifiteral®) erhältlich ist. Beide können allerdings Blähungen verursachen.

Zäpfchen und Klistiere

Auch die Darmentleerung von hinten ist möglich, etwa mit Suppositorien, die Glycerol (wie Glycilax® für Kinder) enthalten oder Kohlendioxid (wie Lecicarbon® S für Säuglinge) freisetzen, oder mit einem Mikroklistier (wie Microlax®). Dessen Wirkstoffe wie Natriumcitrat, Natriumlaurylsulfoacetat und Sorbitol sollen den Stuhl innerhalb weniger Minuten verflüssigen. Bei der Applikation drückt man das Klistier zusammen und zieht den Applikator bei zusammengedrückter Tube heraus, ­sodass die Lösung nicht in die Tube zurückgezogen wird. /