PTA-Forum online
Windpocken

Pusteln mit Folgen

10.10.2016
Datenschutz

Von Barbara Erbe / Die Windpocken (Varizellen) gehören zu den häufigsten Infektionskrankheiten im Kindesalter. Neun von zehn Erwachsenen haben sie bereits überstanden. Bei Kindern verläuft die Erkrankung in der Regel harmlos, doch auch Komplikationen sind möglich. Eine Impfung kann davor schützen.

Es beginnt mit einem leichten Krankheitsgefühl, gelegentlich auch mit ­Fieber. Der charakteristische Haut­ausschlag breite sich 14 bis 22 Tage nach der Ansteckung von Kopf und Rumpf ausgehend aus, erläutert Dr. Hermann Josef Kahl, Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte. Hellrote Knötchen entwickelten sich innerhalb weniger Stunden zu linsen­großen, mit Flüssigkeit gefüllten Bläschen. Diese platzen einige Tage später, trocknen und heilen schließlich unter Krustenbildung ab.

Werden die juckenden Bläschen aufgekratzt, kann sich die Haut entzünden und es können Narben zurückbleiben. Das geringste Narbenrisiko besteht, wenn die Krusten von selbst abfallen. Ob sich Narben bilden, hängt aber auch davon ab, wie groß die Bläschen sind. Typisch für den Windpocken-Ausschlag ist das sogenannte Sternenhimmelmuster: Alle Bläschenstadien treten gleichzeitig auf. Das unterscheidet die Windpocken von den echten Pocken – hier sind die Effloreszenzen alle im gleichen Stadium.

Der Erreger der Windpocken, das Varizella-zoster-Virus, gehört zur Familie der Herpes-Viren und verbreitet sich durch Tröpfchen- oder Schmierinfek­tion – vor allem, wenn die flüssigkeitsgefüllten Bläschen platzen. Dass die Erreger auch über große Abstände übertragen werden, hat der Krankheit ihren Namen gegeben – sie verbreitet sich tatsächlich »wie der Wind«. »Ein infiziertes Kind kann das Virus bereits ein bis zwei Tage vor Ausbruch des Ausschlags an andere weitergeben und auch noch fünf bis sieben Tage nach Verschwinden des Ausschlags«, betont Kahl.

Bei Kindern und Jugendlichen behandele man in der Regel symptomorientiert, berichtet der Dermatologe Professor Dr. Dietrich Abeck aus München. Um den Juckreiz zu lindern und die Bläschen auszutrocknen, werden häufig Lotionen, Gele oder Schüttelmixturen angewendet, die Gerbstoffe, Zink, Menthol oder Polidocanol enthalten. »Ich empfehle vor allem eine antiseptische Emulsion – die ist anders als eine Schüttelmixtur transparent, sodass man den Zustand der Bläschen im Auge behalten kann.« Gegen den Juckreiz empfiehlt er den Einsatz oraler Antihistaminika.

Besonders gefährdet

Bei Patienten über 14 Jahre sowie bei schweren Verläufen sind systemische, antiviral wirksame Arzneimittel an­gezeigt. Denn vor allem bei Erwachsenen kann das Varizella-zoster-Virus auch eine Lungen- oder Leberentzündung auslösen, in seltenen Fällen sogar das zentrale Nervensystem befallen. Die Folge kann dann eine Gehirn- oder Hirnhautentzündung sein. Besonders gefährdet sind Menschen mit geschwächter Abwehr, wie Patienten unter immunsuppressiver Behandlung oder mit malignen Erkrankungen. Auch Windpocken-Infektionen während der ersten fünf Monate einer Schwangerschaft können schwere Fehlbildungen des Kindes zur Folge haben. Erkrankt die Mutter um den Geburtstermin, kommt das Baby ohne schützende ­Antikörper zur Welt und läuft Gefahr, sich anzustecken. Das ist für ein Neu­geborenes lebensbedrohlich. Nicht zuletzt deshalb besteht für Windpocken seit März 2013 (neben Mumps, Röteln und Keuchhusten) in Deutschland eine Meldepflicht.

Dass Kinder unter einem Jahr besonders gefährdet sind, liege daran, dass ihr Immunsystem noch nicht ­ausreichend ausgereift ist, erläutert Professor Dr. Andreas Sauerbrei, Direktor des Instituts für Virologie und Antivirale Therapie am Universitäts­klinikum Jena. Zwischen dem 2. und 17. Lebensjahr scheine dagegen die Immunantwort gegen neue Infektionen am wirksamsten. »In diesem Alter ist auch die Thymusaktivität, die für die zellu­läre Immunität mit entscheidend ist, am höchsten.« Im Erwachsenenalter bilde sich der Thymus dann wieder zurück und mit ihm auch die T-Zell-Population. »Weil die zelluläre Immunabwehr aber für den Schutz vor Virusinfektionen entscheidend ist, verlaufen Varizellen-Infektionen bei Erwachsenen meist schwerer als bei Kindern.«

Rückkehr als Gürtelrose

Unerfreulich ist, dass die Varizella-­zoster-Viren nach durchgestandener Wind­pocken-Erkrankung in den Nerven­zellen nahe dem Rückenmark (Spinalganglien) bleiben – stumm, aber lebensfähig. Dort können sie noch nach Jahrzehnten reaktiviert werden und so die schmerzhafte Gürtelrose (Herpes zoster) auslösen. Sie entwickelt sich am häufigsten bei älteren Menschen und bei Personen mit geschwächtem Immunsystem. Das sei ein beachtliches Problem, erläutert Abeck. »Die Er­krankung ist eine häufige stationäre Einweisungsdiagnose in deutschen Hautkliniken, weil Betroffene eine Infusionstherapie bekommen.« Laut Robert-Koch-Institut (RKI) erkranken in Deutschland jährlich über 400 000 gesetzlich Versicherte an Herpes zoster, bei Windpocken sind es rund 750 000. Bei den 50-Jährigen liegt die jährliche Erkrankungsrate bei circa 6 pro 1000 Personen und steigt bis zum Alter von 90 Jahren auf 13 Fälle pro 1000 Per­sonen an. Etwa 5 Prozent der Herpes-zoster-Patienten entwickeln eine Komplikation in Form von Nervenschmerzen (postherpetische Neuralgie).

Aus diesen Gründen rät Abeck Menschen über 50 grundsätzlich dazu, sich gegen Herpes zoster impfen zu lassen. Der seit Ende 2013 verfügbare Impfstoff Zostavax® ist für Personen ab 50 Jahre zugelassen. In klinischen ­Studien reduzierte er laut RKI bei ­gesunden Personen ab 50 Jahren das Risiko, an Herpes zoster zu erkranken, um etwa 50 Prozent. Dabei nahm die Wirksamkeit des Impfstoffs mit zunehmendem Alter ab. Auch litten geimpfte Personen, die doch an Herpes zoster erkrankten, seltener unter der postherpetischen Neuralgie als Ungeimpfte. Allerdings eignet sich der Lebendimpfstoff nicht für Personen mit geschwächtem Immunsystem.

Eine Impfempfehlung der Ständigen Impfkommission am RKI (STIKO) gibt es für Herpes zoster für Über-50-Jährige bislang nicht. Doch die STIKO befasst sich damit und wird nach eigenen Angaben in absehbarer Zeit auf der Basis der verfügbaren wissenschaftlichen Evidenz eine Entscheidung treffen. Dass dies möglichst bald der Fall sein möge, hofft der Dermatologe Abeck: »In der Schweiz und in Österreich wird bereits geimpft, und die Erfahrungen damit sind gut.« /

Windpocken-Impfung

Wegen der möglichen Komplikationen, die die Windpocken mit sich bringen können, empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert- Koch-Institut (RKI) seit 2004 zwei Varizellen-Impfungen für Kinder im Alter von 11 bis 14 Monaten im Abstand von mindestens vier Wochen. Zur Verfügung stehen monovalente Lebend-Impfstoffe mit abgeschwächten Varizella-zoster-Viren (Varilrix®, Varivax®) sowie eine Kombi-Impfung gegen Varizellen, Masern, Mumps und Röteln (Priorix® Tetra). Inzwischen ist die Varizellen-Impfung gut etabliert: So wiesen bei den Schuleingangsuntersuchungen 2012 dem RKI zufolge in Berlin 78,2 Prozent der Kinder zumindest die erste, 67,6 Prozent beide Impfungen gegen Windpocken vor.