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Palmöl

Rohstoff in der Kritik

10.10.2016
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Von Ulrike Becker / Palmöl aus den Früchten der Ölpalme steckt in unzähligen Lebensmitteln, in Biosprit, Putzmitteln und Kosmetika. Doch der großflächige Anbau des Öls zerstört Regen- wälder und den Lebensraum von Mensch und Tier. Umweltexperten fordern, weniger Öl zu verbrauchen und nachhaltiger zu produzieren.

Palmöl ist weltweit das wichtigste Pflanzenöl. Keine andere öl­liefernde Pflanze ist so ertragreich wie die Ölpalme (Elaeis guineensis). Sie stammt ursprünglich aus den tropischen Regionen Westafrikas, und Einheimische nutzten sie schon im ­15. Jahrhundert als energieliefernde Nahrungspflanze. Mittlerweile wird die Ölpalme in vielen Tropenregionen angebaut und hat sich zum wichtigen Wirtschaftsgut entwickelt. Aus ihren sehr fettreichen, rötlichen Früchten wird zweierlei Öl gewonnen: aus dem Fruchtfleisch Palmöl und aus den Kernen das festere Palmkernfett.

Weltweit wachsen Ölpalmen auf 17 Millionen Hektar Fläche, das entspricht knapp der Hälfte von Deutschland. Das klingt nach viel, doch würde man stattdessen Soja zur Ölgewinnung anbauen, würde für den gleichen Ertrag etwa sechsmal mehr Fläche be­nötigt. Rund 60 Millionen Tonnen Palmöl werden pro Jahr erzeugt. Allein Deutschland verbraucht jährlich rund 1,8 Millionen Tonnen. Während Palmöl in den Erzeugerländern wie Indonesien und Malaysia vor allem ein wichtiges Nahrungsmittel ist, wird es in den Industrie­ländern in unterschiedlichen Branchen genutzt: von der Lebensmittelindustrie über Kosmetikhersteller bis zu Pharmaunternehmen. Palmöl wird außerdem als nachwachsender Rohstoff in Biokraftstoffe gemischt und Futtermitteln zugesetzt.

Vielseitig einsetzbar

Die Industrie schätzt das Öl, weil es aufgrund des hohen Ertrags preis­günstig ist. Auch weist es besonders gute Verarbeitungseigenschaften auf: Es ist hitze- und oxidationsstabil, ­geruchs- und geschmacksneutral und lange haltbar. Anders als andere Pflanzenöle ist Palmöl bei Raumtemperatur fest, es erzeugt ein angenehmes Mundgefühl und zeigt ein gutes Schmelzverhalten. Nahezu die Hälfte aller Lebensmittel enthalten heute Palmöl: Das Fett steckt in Margarinen und Bratfetten, Backwaren, Fertig­produkten und Süßigkeiten. Einige Nuss-Nougat-Cremes bestehen beispielsweise zu 25 Prozent aus Palmöl.

Da der Markt für Fertiggerichte wächst, ist der Verbrauch von Palmöl in den Industrieländern deutlich ge­stiegen. Doch auch in Ländern wie Indien, Indonesien und China steigt die Nachfrage. Die wirtschaftlich wachsenden Staaten verbrauchen heute etwa 41 Prozent des weltweit gehandelten Palmöls. Die Menschen dort nutzen das preisgünstige Öl vor allem zum Kochen, Frittieren und Braten.

Ernährungsphysiologisch ist Palmöl als wenig wertvoll einzustufen. Es besteht überwiegend aus gesättigten Fettsäuren, vor allem Palmitinsäure, und aus einfach ungesättigten Fettsäuren wie der Ölsäure. In Palmkernfett dominieren die gesättigten Fette sogar zu über 80 Prozent. Aufgrund ihrer Zusammensetzung sind beide Palmfette relativ fest und müssen weniger gehärtet werden. Dadurch entstehen bei der Verarbeitung weniger Trans-Fettsäuren als bei anderen Ölen.

Bei der industriellen Raffination ­bilden sich allerdings besonders hohe Gehalte an Glycidol-Fettsäureester, woraus sich im Verdauungstrakt das bedenkliche Glycidol abspaltet. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) weist daraufhin, dass internationale Gremien diese Substanz als krebsauslösende Substanz einstufen. Das Institut hat die Industrie aufgefordert, den Gehalt an Glycidol-Fettsäureestern bei der Herstellung zu verringern.

Zerstörter Regenwald

Ölpalmen wachsen in riesigen Monokulturen in tropischen Regionen in Äquatornähe. In der Kritik steht Palmöl nicht nur wegen des nötigen Pestizideinsatzes, sondern vor allem aus einem anderen Grund: Um die steigende Nachfrage nach dem vielseitig einsetzbaren Öl zu befriedigen, werden immer mehr tropische Waldgebiete gerodet und Plantagen mit Ölpalmen angelegt; Kleinbauern werden dabei von ihrem Land vertrieben, Pflanzen und Tiere ­ihres Lebensraums beraubt. Insbe­sondere die Vertreibung der Orang-Utans auf Borneo steht stellvertretend für die Folgen der Palmölproduktion. Auch das Klima leidet: Regenwälder, vor allem Sumpfregenwälder auf Torfböden, sind riesige Speicher von ­Kohlendioxid. Bei der Abholzung oder Brandrodung wird das Treibhausgas ­zu­sammen mit anderen problematischen Klimagasen in großen Mengen freigesetzt.

Mehr als 85 Prozent des weltweit produzierten Palmöls stammt aus Indonesien und Malaysia, für die die Ölproduktion einen entscheidenden Wirtschaftsfaktor darstellt. Seit 1980 hat sich laut der Umweltschutzorgani­sation WWF (World Wide Fund For Nature) die Produktion verzehnfacht. Und die Anbauflächen sollen noch weiter ausgeweitet werden. Auch in Südamerika und Afrika wachsen die Flächen zur Ölproduktion, mit ähnlichen Folgen für Umwelt, Tiere und Menschen.

Einsatz für Nachhaltigkeit

Um dem Raubbau Einhalt zu gebieten, hat der WWF zusammen mit Produ­zenten, Händlern und Verarbeitern aus der ganzen Welt sowie einigen Nicht­regierungsorganisationen bereits 2005 den »Roundtable on Sustainable ­Palm Oil« (RSPO), also den Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl, ins Leben ge­rufen. Die beteiligten Unternehmen verpflichten sich in einem Verhaltenskodex über die gesetzlichen Vorgaben hinaus, keine ökologisch wertvollen Waldflächen für Plantagen zu roden, gefährdete Tier- und Pflanzenarten­ zu schützen und Landnutzungs- und Eigentumsrechte zu beachten. Derzeit gibt es weltweit über 3000 Mitglieder, RSPO ist damit das am häufigsten genutzte Zertifizierungssystem ­für nachhaltigeres Palmöl. Allerdings ­sind bislang nur etwa 14 Prozent der ­weltweiten Palmölproduktion RSPO-­zertifiziert.

Anderen Umweltschutzorganisa­tionen ist diese freiwillige Selbst­verpflichtung des RSPO nicht streng und transparent genug. RSPO-Mitglied kann jeder werden, unabhängig davon, ob er nachhaltig wirtschaftet oder nicht. Es gibt zudem kein unabhängiges Kontrollgremium. Kritiker halten die Vereinbarungen des Runden Tischs eher für ein Marketinginstrument, mit dem die Firmen sich ein ökologisch ­sauberes Image verschaffen. In der ­Vergangenheit unterwanderten Konzerne, die Mitglieder im RSPO sind, ­immer wieder die selbst auferlegten Richtlinien, holzten nach wie vor ille­gal Regenwälder ab und enteigneten Kleinbauern. Kritisiert wird auch, dass der Anbau auf Torflandschaften erlaubt bleibt, ebenso wie der Einsatz von Pestiziden. Die Vereinbarungen sind dennoch wenigstens ein Ansatz beziehungsweise ein Mindeststandard für mehr Nachhaltigkeit, um die weitere Zerstörung der Tropenwälder zumindest etwas zu begrenzen.

Eine Befragung des WWF von 200 deutschen Firmen aus dem vergangenen Jahr zeigt, dass zwar schon einige deutsche Unternehmen nachhaltiger produziertes Palmöl einsetzen, die Liste der Verweigerer ist aber noch lang, insbesondere bei den deutschen Pharmaunternehmen und Futtermittelherstellern. Laut Forum Nachhaltiges Palmöl (FONAP, siehe unten) nutzte die pharmazeutisch-chemische Branche 2013 etwa 155 000 Tonnen des umstrittenen Fetts, davon stammten nur 12 Prozent aus zertifiziertem Anbau. Das ist deutlich weniger als der Durchschnitt anderer Branchen einsetzt. Die Futtermittelindustrie schnitt noch schlechter ab: Von 160 000 genutzten Tonnen bezog sie nur 1 Prozent aus zertifizierten Quellen.

Es gibt jedoch auch Firmen, die sich freiwillig um strengere Standards beim Einkauf bemühen, wie etwa Maß­nahmen zu Aufforstungen, kein ­Anbau auf Torfböden oder faire Löhne für die Arbeiter auf den Plantagen. Sie ­haben verschiedene Netzwerke initiiert, beispielsweise die »Palm Oil Innovation Group«. Sie besteht seit 2013 aus Mitgliedern des RSPO, denen die Vorgaben nicht weit genug gehen, sowie Nichtregierungsorganisationen.

Im November 2015 wurde auch die Bundesregierung aktiv und gründete zusammen mit Unternehmen aus Deutsch­land, Österreich und der Schweiz, dem WWF und anderen Nicht­regierungsorganisationen das »Forum Nachhaltiges Palmöl«. Ziel ist es, die Nachhaltigkeit bei der Palmölproduk­tion noch stärker zu fördern. Dazu sollen die bestehenden Zertifizierungssysteme weiter entwickelt und verbessert werden. Die Mitglieder, darunter zum Beispiel die Unternehmen Beiersdorf, dm, Rewe, Unilever und Weleda, verpflichten sich zudem, ihre Produkte künftig auf 100 Prozent nachhaltiges Öl umzustellen und die Produktion transparent und nachvollziehbar zu gestalten.

In puncto Nachhaltigkeit fungieren die deutschen Bio-Unternehmen als Vorreiter, da sie ausschließlich ökologisch angebautes Palmöl einsetzen. Dafür werden keine Regenwälder abgeholzt, sondern bestehende landwirtschaftliche Flächen genutzt; Pestizide dürfen im Bio-Anbau ohnehin nicht zum Einsatz kommen. Das Öl wird beispiels­weise von ökologisch zerti­fizierten Plantagen in Südamerika importiert.

Zutatenliste studieren

Seit 2014 müssen Hersteller in der EU aufschlüsseln, aus welchen Bestand­teilen das Pflanzenöl in ihren Lebensmitteln besteht. Wer Palmöl vermeiden will, kann also die Zutatenliste studieren und gezielt nach Produkten ohne das umstrittene Fett suchen. Allerdings dürfen Restbestände, die vor 2015 produziert wurden, ohne Kennzeichnung noch weiter verkauft werden. Die zweitbeste Lösung – nach Bio-Lebensmitteln – sind Produkte mit RSPO-zertifiziertem Palmöl. Seit 2011 können Unternehmen ein entsprechendes Siegel beantragen. Allmählich steigt die Zahl der Firmen, die es einsetzen. Voraussetzung für die Verwendung des Siegels ist, dass 95 Prozent des eingesetzten Palmöls RSPO-zertifiziert sind.

Die Verbraucherzentrale Hessen hat im Herbst 2015 in einer Stichprobe 36 verarbeitete Lebensmittel unter die Lupe genommen: 34 Produkte wurden mit Palmöl hergestellt. Bei der Hälfte der Produkte erfuhren die Verbraucher aus der Zutatenliste lediglich, dass Palmöl enthalten ist. Das verwendete Öl stammt daher wahrscheinlich aus konventionellen Monokulturen. Die andere Hälfte der palmölhaltigen Produkte trug zwar eine Kennzeichnung, diese ist jedoch nicht einheitlich und nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen. Das heißt, Kunden müssen wirklich bewusst nach entsprechenden Symbolen suchen und insgesamt über die Problematik gut informiert sein.

Verbrauchertipp

Mit dem Einkaufsführer Codecheck.info, der als App kostenfrei auf jedes Smartphone heruntergeladen werden kann, können gezielt Produkte ohne Palmöl ausgewählt werden. Dazu wird einfach der Strichcode eines Produkts mit der Handykamera gescannt. Produktinformationen gibt es auch zu Nähr- und Zusatzstoffen, Hersteller, Labels und anderem mehr. Anbieter ist ein unabhängiger Verein aus der Schweiz, der Expertenmeinungen und Testergebnisse unabhängiger Organisationen zusammenträgt.

Verzicht ist keine Lösung

Vollständig auf den Einsatz von Palmöl zu verzichten, ist keine Lösung. Experten des WWF haben in einer aktuellen Studie von Juli 2016 berechnet, dass ein unkritischer Austausch durch andere Pflanzenöle die Probleme verlagern und sogar verschlimmern würde. Denn andere Ölpflanzen haben einen deutlich geringeren Ertrag und benötigen für den Anbau sehr viel mehr Fläche. Das würde den Lebensraum weiterer Tier- und Pflanzenarten gefährden. Auch ein höherer Ausstoß an Treib­hausgasen wäre zu erwarten. Darüber hinaus ist Palmöl als Nahrungsmittel in vielen Ländern von Bedeutung und nicht so einfach zu ersetzen. Ein Boykott würde zudem viele Kleinbauern treffen: So werden in Indonesien etwa 44 Prozent der Palmölfläche von Kleinbauern bewirtschaftet.

Aufgrund der hohen Erträge und der guten Verwendbarkeit wird Palmöl also auch in Zukunft für Produzenten und Verarbeiter interessant bleiben. Um die negativen Folgen des Anbaus zu ver­ringern, ist folglich die Produktion nachhaltiger zu gestalten, wozu strenge und verbindliche Richtlinien zu schaffen sind. Gleichzeitig sollte aber auch die wachsende Nachfrage eingeschränkt werden. Das erfordert unter anderem einen Verzicht auf Palmölbeimischungen im Biosprit sowie ein bewusstes Einkaufsverhalten der Verbraucher. Umweltexperten gehen davon aus, dass sich so in Deutschland rund die Hälfte des Palmölverbrauchs einsparen ließe. Verbraucher sollten vor allem bei Margarine, Fertigprodukten und Süßigkeiten auf Ware mit Palmöl verzichten und Lebensmittel mit nachhaltig produzierten Ölen aus ökologischer Landwirtschaft bevor­zugen. Je mehr Verbraucher zudem gezielt nach der Verwendung von nachhaltigem Palmöl fragen, desto eher wächst der Druck auf die Hersteller. Da sich Palmöl hauptsächlich in verarbeiteten Lebensmitteln findet, ist auch das Selbstkochen aus frischen Lebensmitteln eine gesunde Vermeidungsstrategie. /