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Von der Kollegin zur Chefin

So gelingt der Rollenwechsel

13.10.2017
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Von Andreas Nagel / In Apotheken kommt es immer wieder vor, dass eine Kollegin zur Chefin ihrer bisherigen Kollegen wird, etwa wenn eine angestellte Apothekerin die Filialleitung übernimmt oder die Nachfolge des bisherigen Apothekeninhabers antritt, der in den Ruhestand wechselt. Mit der richtigen Strategie lässt sich ein derartiger Rollenwechsel für alle Beteiligten optimal gestalten.

Wenn Sie zu der Kollegin bisher ein rein berufliches und eher neutrales Verhältnis hatten, so wird der Wechsel von der Kollegin zur Chefin wahrscheinlich problemlos verlaufen. Schwieriger wird es, wenn Sie bisher einen persönlichen oder privaten Kontakt zueinander hatten, sich etwa zu Freizeitaktivitäten getroffen und dabei private und vertrauliche Themen miteinander besprochen haben: die zeitweise Lustlosigkeit bei der Arbeit, die Kritik am bisherigen Chef, die Krankschreibung wegen einer Bagatellerkrankung, der vertuschte Fehler in der Rezeptur oder die Antipathie gegenüber bestimmten Kunden. Das zukünftige Chef-Mitarbeiter-Verhältnis« wird in diesem Fall also auch von der privaten Beziehung beeinflusst werden.

Akzeptieren Sie zunächst die personelle Veränderung und den Rollenwechsel von der Kollegin zur Chefin – auch wenn Sie überrascht sind, dass Ihre bisherige Kollegin nun Ihre Chefin wird. Vielleicht halten Sie die Kollegin auch fachlich oder menschlich für ungeeignet für eine Führungsposition. Diese persönlichen und verständlichen Em­pfindungen können Sie zwar zu Hause ausleben, sie gehören aber nicht in die Apotheke. Sie können die neue Situation nicht ändern, sondern nur ihre persönliche Einstellung dazu. Mit negativen Gefühlen schaden Sie nicht nur sich selbst, sondern auch der Stimmung im Team.

Verständnis und Akzeptanz

Machen Sie sich zunächst klar, dass der Rollenwechsel für Ihre Kollegin vermutlich auch nicht ganz einfach ist. Bisher war sie ein gleichwertiges Teammitglied, nun steht sie als Chefin gefühlt etwas außerhalb des übrigen Mitarbeiterkreises und wird vielleicht nicht mehr in der bisherigen Form in bestimmte Gespräche einbezogen. Sie muss mit einer stärkeren beruflichen Einsamkeit fertig werden und eine Gratwanderung zwischen der neuen Rolle als Chefin und der bisherigen Rolle als Kollegin bewältigen.

Neue Aufgaben

Außerdem kommen viele neue, organisatorische Aufgaben auf sie zu, auf die sie womöglich nicht vorbereitet wurde. Während Mitarbeiter in Großunternehmen vor der Übernahme einer Führungsposition oft ein Führungskräfte-Seminar besuchen, in dem sie umfassend auf ihre neuen Aufgaben vorbereitet werden, arbeitet Ihre Kollegin in der neuen Chefposition vermutlich eher nach Bauchgefühl und bestem Wissen und Gewissen.

Wahrscheinlich gehen ihr folgende Fragen durch den Kopf: Werden mich die Kollegen als neue Chefin akzeptieren? Werden die Kollegen jetzt auf Dis­tanz gehen? Wie kann ich meine ehemaligen Kollegen führen, ohne dominant oder autoritär zu wirken? Wie setze ich unangenehme Entscheidungen im Team durch (etwa bei der Urlaubs- und Dienstzeitplanung)? Wie führe ich ein Kritikgespräch mit einer Kollegin, wenn ihr Fehler unterlaufen oder wenn Vereinbarungen nicht eingehalten werden? Wie gestalte ich das Mitarbeiter-Jahresgespräch und die dazugehörige Leistungsbeurteilung? Wie gehe ich mit dem Neid anderer angestellter Apotheker um, die auch gerne die Filialleitung übernommen hätten? Neben diesen Fragen ist die neue Chefin auch für die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung und damit für die Sicherung der Arbeitsplätze verantwortlich.

Rollen neu definieren

Eine neue Chefin wird meist von sich aus das Gespräch mit den Kollegen suchen, um die zukünftige Art der Zusammenarbeit zu besprechen und gegenseitige Erwartungen zu klären. Überlegen Sie aber auch selbst, wie Sie die neue Situation möglichst positiv gestalten können.

Sie helfen Ihrer Kollegin sehr und sorgen für ein weiterhin gutes Verhältnis, wenn Sie erklären, dass Sie sich freuen, sie als neue Chefin zu haben. Drücken Sie Ihr Verständnis für die Sorgen und Nöte aus, die die neue Chefposition mit sich bringt (Tenor: »Auf dich kommen jetzt viele neue Aufgaben zu«). Überlegen Sie, wie Sie Ihrer ehemaligen Kollegin den Start in die Chefposition und den Arbeitsalltag erleichtern können. Erklären Sie, dass Sie aufgrund der persönlichen Freundschaft keine Sonderrechte oder Bevorzugung erwarten, die andere Teammitglieder verärgern könnten. Auch aus dem privaten »Du« sollten keine Sonderrechte hergeleitet werden.

Fragen Sie sich aber auch, ob Sie weiterhin in der bisherigen Form befreundet sein wollen. Besprechen Sie bei Bedarf, wie Sie mit der neuen Situation umgehen und wie Sie Berufs- und Privatleben voneinander trennen können. Es kann auch sein, dass Ihre neue Chefin die bisherige Nähe und Vertrautheit in ihrer neuen Position nicht mehr im bisherigen Umfang möchte und nun eine stärkere Trennung zwischen Berufs- und Privatleben anstrebt

Beruflich und privat

Berufliche Differenzen belasten immer auch die private Beziehung, und private Differenzen wirken sich wiederum oft auch auf die berufliche Zusammenarbeit aus. Vielleicht befürchtet Ihre Kollegin, dass private Informationen im Team weitererzählt werden, die ihr Ansehen als Chefin schwächen. Oder es fällt ihr bei befreundeten Mitarbeitern schwer, Weisungen und Kritik auszusprechen, unangenehme Aufgaben zu übertragen oder Wünsche abzuschlagen, weil dadurch das private Verhältnis belastet wird. Akzeptieren Sie, wenn Ihre Kollegin aus diesen oder ähnlichen Gründen zukünftig eine etwas größere Distanz möchte.

Akzeptieren Sie auch, dass es zukünftig Situationen geben wird, in denen Sie und Ihre neue Chefin unterschiedlicher Meinung sind, Ihre Chefin aber dabei immer »das letzte Wort« haben wird. Sie trifft dann vielleicht auch einmal Entscheidungen, die Sie selbst nicht gutheißen.

Falls sich andere Kollegen Ihnen gegenüber negativ über Ihre Chefin äußern, so können Sie durchaus darauf hinweisen, dass die ehemalige Kollegin mit ihrer Chefposition auch viele neue Aufgaben übernommen hat, in die sie zunächst hineinwachsen muss.

Zu den Aufgaben Ihrer neuen Chefin gehört es auch, Kritikgespräche zu führen, wenn Aufgaben nicht ordnungsgemäß erledigt werden oder wenn organisatorische Regelungen nicht eingehalten werden. Kritikgespräche sind meist für beide Seiten unangenehm. Wenn Sie bisher immer ein sehr gutes Verhältnis hatten, fühlen Sie sich durch die Kritik vielleicht persönlich angegriffen. Sie dürfen trotzdem nicht erwarten, dass Ihre neue Chefin aufgrund der privaten Freundschaft bei Ihnen immer wieder ein Auge zudrückt. Wenn andere Kollegen feststellen, dass Sie in den Augen der neuen Chefin einen Sonderstatus haben, so führt dies früher oder später zu Verstimmungen im Team.

Aufeinander zugehen

Eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit der neuen Chefin funktioniert vor allem durch eine gute Kommunikation. Bekanntlich entstehen Probleme immer dann, wenn beide Parteien nicht darüber reden und sich jeder so verhält, wie er es subjektiv für richtig hält. Bedenken Sie: Ihrer Freundin von früher und Ihrer Chefin von heute muss jetzt dauerhaft eine Gratwanderung zwischen Ihrer Freundschaft und den beruflichen Anforderungen in der Apotheke gelingen. Nur wenn Sie beide diese Situation gleichermaßen konstruktiv angehen, kann dieser Spagat erfolgreich sein. Denn zu einer guten Beziehung, egal ob beruflich oder privat, gehören nun einmal immer zwei. /