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Neue Arzneimittel

Sixpack für seltene Erkrankungen

09.10.2018
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Von Sven Siebenand / Anfang Oktober kamen gleich sechs neue Arzneistoffe auf den deutschen Markt. Allesamt zählen sie zu den Orphan Drugs, den Medikamenten zum Einsatz bei seltenen Erkrankungen, für deren Entwicklung pharmazeutische Unter­nehmen mit finanziellen und administrativen Anreizen unterstützt werden. Das Fördersystem funktioniert offenbar bestens.

Zu den seltenen Erkrankungen zählt zum Beispiel die hereditäre Transthyretin-vermittelte Amyloidose (hATTR). Bei dieser Krankheit ist infolge einer Genmutation Transthyretin, das Transporteiweiß des Schilddrüsenhormons Thyroxin, defekt. Das schadhafte Transthyretin lagert sich im Gewebe und Organen ab, etwa in peripheren Nerven, dem Magen-Darm-Trakt, den Nieren und dem Herzen. Die normale Funktion der Organe wird dadurch behindert. Betroffene haben in der Regel eine Lebenserwartung von 2,5 bis 15 Jahren ab Symptombeginn. Als thera­peutische Optionen gab es bisher unter anderem den Transthyretin-Stabi­lisator Tafamidis (Vyndaqel®). Auch eine Lebertransplantation können­ Ärzte in Erwägung ziehen.

Patisiran und Inotersen

Patisiran (Onpattro® 2 mg/ml Konzen- t­rat zur Herstellung einer Infusions­lösung, Alnylam) und Inotersen (Teg- sedi® 284 mg Injektionslösung in einer Fertigspritze, Ionis) sind zwei neue Therapieoptionen für Patienten mit dieser seltenen Erkrankung. Die in den Fach­informationen genannten Einsatz­gebiete lauten sehr ähnlich: Inotersen ist zugelassen zur Behandlung von Poly­neuropathie der Stadien 1 und 2 bei erwachsenen Patienten mit hATTR, Patisiran­ zur Behandlung erwachsener hATTR-Patienten mit Polyneuropathie im Stadium 1 oder 2.

Das Wirkprinzip der beiden neuen Arzneistoffe unterscheidet sich jedoch, am Ende läuft es aber bei beiden darauf hinaus, dass die Bildung von Transthyretin blockiert wird. Patisiran ist das erste sogenannte RNAi-Therapeutikum. Was bedeutet das? RNA-Interferenz (RNAi) ist ein natürlicher zellulärer Prozess, der die gezielte Stilllegung von Genen erlaubt, eine Entdeckung, die im Jahr 2006 mit dem Nobelpreis für Physio­logie und Medizin ausgezeichnet wurde. Kurze RNA-Stücke, sogenannte small interfering RNA (si­RNA), führen im Organismus dazu, dass komplementäre mRNA selektiv abgebaut wird. Somit­ steht diese mRNA nicht mehr für die Proteintranslation zur Verfügung und die Menge des von ihr kodierten Proteins in der Zelle nimmt ab. Im Fall von Patisiran wird doppelsträngige siRNA­ eingebracht, die die für Trans­thyretin kodierende mRNA letztlich wirksam ausschaltet und so gezielt die Bildung dieses Proteins verhindert. Dadurc­ lassen sich die schädlichen Abla­gerungen verhindern.

Inotersen ist dagegen ein sogenanntes Antisense-Oligonukleotid. Es ist einzelsträngig. Grundprinzip der Antisense-Technologie ist es, Oligonukleotide zu verwenden, die exakt komple­mentär zu einer kurzen mRNA-Sequenz des Zielproteins sind und die über die Basenpaarung an den ent­sprechenden Abschnitt der mRNA binden. So wird die Translation der mRNA in ein funktionsfähiges Protein unterbunden. Auf diesen Weg kann auch mithilfe von Inotersen die Produktion des fehlerhaften Proteins Transthyretin unterbunden werden.

Vestronidase alfa

Mucopolysaccharidose Typ VII (MPS VII, Sly-Syndrom) ist eine seltene, erblich bedingte Stoffwechselerkrankung. Sie wird durch einen Mangel an Beta-Glucuronidase ausgelöst, einem Enzym, das am Abbau von Glycosaminoglykanen (GAG) beteiligt ist. Der beeinträchtigte Abbau von GAG führt zu einer fortschreitenden Anhäufung dieser Substanzen in vielen Geweben und Orga­nen und kann dort erhebliche Schäden verursachen. Bisher gab es keine­ zugelassenen Therapien für MPS VII. Das hat sich mit der Marktein­führung von Vestronidase alfa (Mep- sevii® 2 mg/ml Konzentrat zur Her­stellung einer Infusionslösung, Ultragenyx) geändert. Es handelt sich dabei um eine Enzymersatztherapie. Der Ersatz­ des fehlenden Enzyms bewirkt, dass der Abbau­ von GAG unterstützt und sein Aufbau im Körper gestoppt wird. Zugelassen­ ist das neue Medi­kament zur Behandlung nicht-neurologischer Krankheitsanzeichen der MPS VII.

Trientin

Cuprior® 150 mg Filmtabletten von der Firma GMP-Orphan SA ist ein Arzneimittel zur Behandlung von Patienten im Alter ab fünf Jahren mit der Wilson-Krankheit. Dies ist eine genetische Erkrankung­, bei der sich aus der Nahrung resorbiertes Kupfer im Körper, vor allem in der Leber und im Gehirn­, an­reichert und dadurch Schäden­ ver­ursacht. Das neue Präparat wird bei jenen­ Patienten ein­gesetzt, die eine Unverträglichkeit gegen D-Penicillamin, ein anderes Arzneimittel gegen diese Erkrankung, aufweisen. Ent­halten ist in dem neuen­ Medikament der Wirkstoff Trientin­, ein Kupfer­chelatbildner. Er wirkt, indem er an Kupfer im Körper bindet und einen Komplex bildet, der anschließend über den Urin ausgeschieden wird. Zudem kann Trientin Kupfer im Darmtrakt komplexieren und dadurch­ die Resorption von Kupfer hemmen. Der Serum-Kupfer-Spiegel­ bei Patienten mit Wilson-Krankheit kann damit verringert werden.

Metreleptin

Der fünfte Neuling ist Metreleptin (Myalepta­® 11,3 mg Pulver zur Her­stellung einer Injektionslösung, Aegerion Pharmaceuticals). Dies ist ein Arznei­mittel, das zusätzlich zur Er­nährung angewendet wird, um eine Lipo­dystrophie zu behandeln. Bei dieser Erkrankung weisen die Patienten einen Verlust von Fettgewebe unter der Haut sowie eine Anreicherung von Fett an anderen Körper­stellen auf. Das Arzneimittel wird bei Erwachsenen und Kindern ab zwei Jahren­ mit generalisierter, also im gesamten Körper auftretender Lipodystrophie (Berardinelli-Seip-Syndrom und Lawrence-Syndrom), eingesetzt. Zudem besitzt es eine Zulassung bei Erwach­senen und Kindern ab zwölf Jahren mit partieller Lipodystrophie, wenn Standard­behandlungen nicht wirksam waren.

Patienten mit Lipodystrophie haben geringe Konzentrationen des Hormons Leptin, welches eine wichtige Rolle beim Abbau von Fetten und Zuckern im Körper spielt. Dies führt zum Verlust von Fett unter der Haut und in der Folge zu einer Anreicherung an anderer Stelle sowie zu hohen Blutfettwerten. Ferner resultiert daraus eine Insulinresistenz, bei der der Körper nicht in der Lage ist, Insulin zu erkennen. Metreleptin ist Leptin ähnlich. Der Wirkstoff ersetzt­ Leptin und erhöht den Fett­abbau in Blut, Muskeln und Leber und behebt dadurch einige der Anomalien bei Patienten mit Lipodystrophie, einschließlich Insulinresistenz. Wichtig zu wissen: Das Fettgewebe unter der Haut lässt sich damit nicht beeinflussen.

Caplacizumab

Der Antikörper Caplacizumab (Cablivi® 10 mg Pulver und Lösungsmittel zur Herstellung einer Injektionslösung, Sanofi­ Genzyme) ist der sechste neue Wirkstoff gegen seltene Er- krankungen auf den Markt in diesem Monat. Caplacizumab­ ist ein Arzneimittel für die Behandlung Erwachsener mit einer Episode erworbener thrombotischer thrombozytopenischer Purpura (aTTP), einer Blutgerinnnungsstörung. Während einer aTTP-Episode bilden sich in kleinen Blutgefäßen Blutgerinnsel und der Patient weist eine geringe Thrombozytenanzahl auf. Der Antikörper wird zusammen mit einem Plasma- ­­aus­tausch und Immunsuppression angewendet. Er stellt also eine wichtige Ergänz­ung zur Standardtherapie für Patienten mit aTTP dar.

Wie wirkt Caplacizumab? Bei Patienten mit aTTP sind die Werte des von-Willebrand-Faktors erhöht. Dieser veran­lasst die Thrombozyten dazu, miteinander zu verkleben und Blut­gerinnsel zu bilden. Caplacizumab bindet an den von-Willebrand-Faktor mit der Folge, dass dieser seine Wirkung auf die Thrombozyten nicht mehr entfalten kann. Dies reduziert die mit­einander verklebenden Thrombozyten sowie die Bildung von Gerinnseln in den Blut­gefäßen und hat einen Anstieg der Thrombozyten-Zahl im Blut zur Folge. /