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Sport

Therapie und Prävention

09.10.2018
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Von Judith Schmitz / Wer gesund bleiben möchte, bewegt sich. Wer gesund werden möchte, in der Regel ebenso. Sport kann ­chronischen Erkrankungen vorbeugen, aber auch eine wichtige Rolle bei ihrer Behandlung spielen.

»Ich finde es phänomenal, wenn Patienten durch Bewegung und Sport weniger Medikamente einnehmen müssen«, sagt Dr. Ursula Manunzio im Gespräch mit PTA-Forum. Die Sportmedizinerin vom Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin an der Deutschen Sporthochschule Köln (DSHS) und Leiterin der Sportkardiologischen Ambulanz Bonn berichtet von einem 51 Jahre alten, 150 Kilogramm schweren Patienten. Bevor Manunzio eine Sport- und Ernährungstherapie mit ihm startete, nahm der Patient acht Medikamente gegen Diabetes mellitus, arterielle Hypertonie und Herzrhythmusstörungen ein. Drei Monate nach Therapiebeginn hatte er deutlich abgenommen und Blutzuckerspiegel und Blutdruck hatten sich bereits signifikant verbessert. Auch die Herzrhythmusstörungen traten nicht mehr auf. Zu dem Zeitpunkt konnte er sieben Medikamente absetzen, weitere drei Monate später das achte Arzneimittel.

»Zwar gibt es Erkrankungen, etwa eine Myokarditis, bei denen eine absolute Schonung lebensnotwendig ist. Ansonsten kann man Sport als Therapeutikum bei fast allen Krankheiten einsetzen«, sagt Manunzio. Habe man Patienten nach einer Herzoperation vor 15 Jahren noch geraten, sich zu schonen­, sollen sie heute Sport treiben. Dabei scheint bei einer Vielzahl chronischer Krankheiten, etwa bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Multipler Sklerose, ein hochintensives Training effektiver als ein niedrigintensives Training zu sein. Das bedeute zum Beispiel dreimal drei Minuten hochintensiv anstatt eine halbe Stunde gemächlich Radfahren, erklärt DSHS-Bewegungswissenschaftler Dr. Moritz Schumann.

Ob das hochintensive Training auch für Krebspatienten besser ist als ein ­gemäßigtes, erforscht seine Arbeits­gruppe derzeit. Sicher sind sich die Wissenschaftler schon jetzt, dass körperliches Training auch bei einer Krebs­erkrankung hilft. Viele Krebs-Patienten waren vor Beginn der Therapie nicht sportlich aktiv und gehen geschwächt in die Behandlung. Durch die Chemotherapie werden sie oft noch schwächer. Schumann und seine Kollegen versuchen, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. »Das Letzte, woran Patienten bei der Erstdiagnose Krebs denken, ist aktiv zu werden. Wir wissen aber, dass die Behandlung umso positiver verläuft, je früher der Patient mit Sport beginnt, oftmals auch bereits vor Operation und Chemotherapie«, so Schumann. Durch den Aufbau von Muskelmasse und -kraft vertragen die Patienten die Chemotherapie besser und können mehrere Therapiezyklen kurz hintereinander besser durchstehen. Besonders Brustkrebspatientinnen haben weniger­ Probleme mit dem Erschöpfungssyndrom Fatigue. Außerdem wirkt sich der Sport psychosozial positiv aus. Neben­ Sportmedizinern gibt es inzwischen viele zertifi­zierte Trainer, die Krebspatienten beim Sport unterstützen. Wichtig: Vor dem Training sollten die Patienten immer Rücksprache mit dem Arzt halten, besonders nach einer großen Operation, weil die Wunde erst heilen muss.

Auch auf Depressionen kann sich Sport positiv aus­wirken. Depressive Patienten sollten vor dem Trainingsstart aller­dings zunächst ihr Blut untersuchen lassen, um die Ursache­ der Depression abzuklären. Handelt es sich um eine endogene Depression, liegt ein Hormonmangel vor, etwa durch die Schilddrüse. Dieser müsse behandelt werden, Sport allein könne hier nicht helfen, sagt Manunzio. Bei einer­ exogenen Depression, etwa ausgelöst durch ein Trauma­, ist Sport neben einer Psychotherapie aber sehr wirksam. Studien hätten gezeigt, dass die Kombination aus Medikament und Sporttherapie wirksamer ist als Medikamentengabe und Sporttherapie jeweils allein, ergänzt Marion­ Sulprizio, Sozialpsychologin an der DSHS. Die Patienten überwinden die depressive Episode schneller, und die Rückfallquote ist geringer.

Mit Ausdauer gegen die Depression

Was genau der Sport im Körper bewirkt, ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt. Die verstärkte Bildung stimmungsaufhellender Endorphine beim und nach dem Training scheint eine Rolle zu spielen. Diskutiert wird auch die Monoamin-Hypothese: Die Depression wird mit einem Serotonin- und Noradrenalinmangel in Verbindung gebracht. Durch körperliche Aktivität erhöht sich womöglich der Spiegel dieser Neurotransmitter. Einig ist man sich, dass Sport bestimmte hormonelle metabolische Prozesse in Gang setzt, die den negativen Prozessen der Depression entgegenwirken. Insbesondere Ausdauersport scheint dies zu begünstigen.

Wer Sport treibt, bewegt sich, überwindet etwas. Auch das wirkt dem schlappen und müden Erscheinungsbild einer Depression entgegen, stärkt Selbstbild, Selbstwert und Selbstvertrauen. Krafttraining fördert diese Komponente. Sulprizio empfiehlt Depressiven, sich einer Sportgruppe anzuschließen, weil es vielen oft schwerfällt, sich allein zum Sport zu motivieren. So steht der fixe Sporttermin in der Woche fest, die Gruppe bietet außerdem soziale Kontakte. Wichtig sei, die richtige Sportdosis zu finden und sich auch nicht zu überfordern. Hat man es aus der Depression geschafft, ist es wichtig, dranzubleiben, um einen Rückfall zu verhindern.

Patienten mit einer obstruktiven Atemwegserkrankung wie COPD profitieren durch die körperliche Stärkung ebenfalls von Sport. Die Internistin Dr. Maria Koll führt seit zehn Jahren in der Eifel ein wöchentliches Lungensporttraining vorwiegend mit COPD-Patienten durch. Aus dem Bett auf­stehen, sich auf einen Stuhl setzen, ein paar Schritte gehen: All das fällt diesen Patienten enorm schwer, vor allem, wenn es schnell gehen soll. Koll versucht mit dem Training, den über­wiegend älteren Menschen zu ermög­lichen, sich im Alltag selbst zu ver­sorgen. Neben Atemübungen und ­gezielten Übungen zur Stärkung der Atemmuskulatur trainieren sie auch weitere Muskeln, etwa von Armen und Beinen, sowie das Gleichgewicht. Für Koll gehören auch Koordinationsaufgaben als geistiges Training dazu. Die Ärztin­ betont den positiven sozialen Aspekt der Gruppe: Viele Patienten gingen­ kaum noch aus dem Haus, weil sie sich etwa wegen ihrer mitgeführten Sauerstoffflasche schämten. In der Lungensportgruppe sind sie unter Gleichen und nutzen die Zeit vor und nach dem Training für Gespräche, viele unternehmen zudem gemeinsam Aus­flüge. Koll erlebt, dass sich die meisten Patienten durch den Sport wieder mehr zutrauen.

Training beugt vor

Nicht nur chronisch Kranke, auch Gesunde sollten Sport treiben, um fit und leistungsfähig zu bleiben. Regelmäßige Trainingsstunden heben durch die Ausschüttung von Endorphinen auch die Stimmung von Gesunden und wirken damit depressiver Stimmung entgegen. Die sportliche Aktivität unterstützt außerdem das Herz-Kreislauf-System: Sie entlastet das Herz, senkt den Blutdruck, verbessert die Sauerstoffversorgung in den Zellen sowie die Dehnbarkeit der Gefäße und beugt Arteriosklerose und Schlaganfällen vor.

Sport wirkt auch noch positiv auf den Stoffwechsel: Blutzucker- und Cholesterol­werte verbessern sich. Die Muskelmasse nimmt zu, und dadurch erhöht sich wiederum der Grund­umsatz. Manunzio erklärt, dass sportlich Aktive in der Regel ihr Gewicht besser­ regulieren, ihre Aufgaben im Beruf oder Alltag konzentrierter erledigen und besser mit Stress umgehen können als Bewegungsmuffel. Zudem schlafen sie meist fester und tiefer. Insgesamt fühle man sich wohler in seiner Haut, die ebenfalls durch den Sport schöner und straffer werde, betonen die Experten. Das steigere außerdem Selbst­bewusstsein und Selbstwertgefühl.

Sportlich aktive Menschen erkranken nachweislich seltener an Brust- und Dickdarmkrebs und beugen aktiv einer Osteoporose vor. Die Bewegungsaktivität verbessert zudem die Ko­ordination, sodass wir auch im Alter mobil bleiben.

Auch auf die geistige Fitness wirkt sich regelmäßige Aktivität positiv aus. Bei bislang unsportlichen Menschen mit beginnenden kognitiven Ein­schränkungen, die ein Jahr lang intensiv Sport trieben, stagnierte der Er­krankungsprozess, so die erste Analyse einer Studie von DSHS Köln und Kollegen aus den Niederlanden und Irland.

Es muss auch nicht immer ein hartes, schweißtreibendes Training sein. »Ich bewege mich: Das heißt nicht unbe­dingt, ich ziehe mir die Sportsachen an«, sagt Manunzio. Die Treppe anstelle des Liftes zu nehmen, seine Einkäufe zu Fuß zu erledigen, mit dem Rad statt mit dem Auto zur Arbeit zu fahren: Das sind alles Bewegungsmöglichkeiten, die sich positiv auf den Körper­ auswirken. Die Teilnehmer einer US-amerikanischen Studie hatten in gleichem Maß ihr Körperfett reduziert, den Blutdruck gesenkt und denselben Fitnesszuwachs erzielt, egal ob sie drei- bis fünfmal wöchentlich Sport trieben oder täglich mindestens eine halbe Stunde etwa Treppen stiegen und zügig­ zur Bushaltestelle gingen.

»Für welchen Sport sich ein Gesunder entscheidet, ist letztlich egal. Hauptsache es macht Spaß, damit man dranbleibt«, sagt Manunzio. Chronisch Kranke sollten sich zuvor von einem Sportmediziner durchchecken und beraten lassen, welche Sportarten optimal als Begleit­therapie zur Erkrankung infrage kommen. Für Asthmatiker könnte etwa das Chlorwasser im Schwimmbad oder die Pollen­belastung bei Außensport ungünstig sein. Wichtig sind außerdem eine gewisse Trainingsdauer und Anstrengung­. Der Puls muss ansteigen und der Sporttreibende ins Schwitzen kommen. Nur so lässt sich das kardiovaskuläre System aktivieren. Positive Effekte erzielt man ab einem zusätzlichen Verbrauch durch Bewegung von 1000 kcal pro Woche. Das entspricht etwa einem wöchentlichen Lauf­training von zweimal einer Stunde oder von viermal einer halben Stunde. Manunzio empfiehlt neben Ausdauer- auch Kraftsport, um Muskeln­ auf­zubauen, etwa durch eine Kombination aus Schwimmen, Laufen, Rad­fahren und Fitnesstraining. An eine Trainingsphase sollte immer eine Ruhe­phase anschließen, in der sich der Körper­ erholen kann.

»Sport muss wie ein Medikament richtig dosiert werden«, sagt Manunzio. Das müsse auch der Arzt lernen. Es genüge nicht, dem Patienten zu sagen, er solle Sport machen. Sportmediziner oder Sportwissenschaftler können beim Erstellen eines Trainingsplans unterstützend beraten. Es sei sehr wichtig, mit einem moderaten Training zu beginnen und die Dosis dann langsam zu steigern. »Sich vorzunehmen, völlig untrainiert nächsten Sonntag zehn Kilo­meter zu laufen, das macht ein ungeübter Patient genau einmal, wenn er es überhaupt schafft. Danach hat er einen­ so starken Muskelkater, dass er nie wieder Sport treiben wird.«

Doch wie erst einmal den inneren Schweinehund besiegen und sich zum Sport aufraffen?

Manunzio appelliert an den Verstand: »Am besten sollte man sich klarmachen­, dass man vielen Krankheiten vorbeugen kann, wenn man einfach dreimal die Woche zum Sport geht.« Sportanfängern rät sie, die ersten­ sechs Wochen auf die Zähne zu beißen und durchzuhalten. Nach dieser Zeit setze in der Regel ein Verlangen ein, sich weiter bewegen zu wollen. Dabei sei es wichtig, sein eigenes Maß zu finden. Viele Menschen setzen sich auch ein konkretes Ziel: Bis zum Frühjahr bin ich so fit, dass ich an einem Wettlauf teilnehmen kann. Die Medizinerin ergänzt, dass neben körperlicher Aktivität ein Verzicht auf Alkohol und Nikotin sowie eine gesunde Ernährung dazu beitragen, die Lebensqualität zu erhalten oder zu verbessern. /

10 Trainings-Strategien

1. Seine Ziele visualisieren (»Ich werde beweglicher/fitter.«, »Ich habe weniger Schmerzen.«)

2. Negative Gedanken stoppen und positiv denken (Laut »Stopp« zu ­Gedanken wie »Einmal fehlen ist keinmal fehlen« sagen und sich sagen: »Ich bleibe dran. Ich weiß, dass ich es trotz meiner Krankheit schaffen kann.«)

3. Gefühle positiv steuern und sich aktiv bestärken. »Ich werde stets besser.«

4. Sich mit anderen verabreden und gemeinsam Ziele verfolgen. Das erleichtert das Dranbleiben.

5. Starthilfen ermöglichen, etwa eine sichtbar platzierte, gepackte Sporttasche

 6. Den Sport zur Gewohnheit ­werden lassen (Sporttermin im Kalender notieren und damit als festen ­Bestandteil im Alltag ­integrieren)

7. Seine Erfolge auskosten, darauf stolz sein und davon erzählen

 8. Vorbilder als Motivationsantrieb suchen

 9. Sich Unterstützung im Umfeld holen (durch Ermuntern, Mitmachen, Rücksichtnahme, Freiräume schaffen)

10. Sich und dem Vorhaben Zeit­räume geben, die Sport­termine konsequent einhalten.

(Quelle: abgewandelt aus der TK-Bro­schüre »Sport als Therapie«, abrufbar unter www.tk.de)