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Maus- und Tennisarm

Winzige Risse, großer Schmerz

09.10.2018  11:25 Uhr

Von Barbara Erbe / Viele Menschen, die täglich wiederkehrende, immer gleiche Bewegungen ausführen, klagen über Kopf-, ­Nacken- oder Ellenbogenschmerzen. Ursache sind winzige Ver­letzungen der Muskelzellen, die durch die stereotype Dauer­belastung entstehen. Dagegen helfen vor allem Physio­therapie und mehr Ergonomie am Arbeitsplatz.

Die Beschwerden beim Repetitive-Strain-Injury-Syndrom (RSI) seien unspe­zifisch und deuteten nicht auf eine bestimmte Krankheit hin, erklärt Dr. Henning Leunert, Vizepräsident des Berufsverbands für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU), im Gespräch mit PTA-Forum. Prinzipiell ist der Schmerz, unter dem die Betroffenen leiden, Folge einer sich wiederholenden Tätigkeit und kann überall dort im Körper entstehen, wo Muskeln immer wieder dieselbe Bewegung ausführen. Vor allem für Hand, Handgelenk und Unterarm ist ein klarer Zusammenhang zwischen der Dauer der täglichen Computerarbeit im Büro und der Häufigkeit von Schmerzzuständen belegt – allen voran beim sogenannten Tennis- oder Mausarm.

Das häufigste RSI-Symptom sind lang andauernde, stechende oder ziehende Schmerzen, beispiels­weise im Ellenbogen oder auch am Handgelenk. Manchmal leiden Betroffene auch nur unter Sensibilitätsstörungen, verspüren ein Kribbeln oder ein Kältegefühl in Hand oder Unterarm. Auch begleitende Nacken- oder Kopfschmerzen sind nicht selten. Anders als bei anderen, durch Über­lastung verursachten Beschwerden wie etwa einer Sehnen­scheidenentzündung oder einem Karpaltunnel­syndrom finden sich bei RSI bei der Diagnostik, beispielsweise beim Ultraschall, keine anatomischen Veränderungen.

Anfangs lösen nur die ursächlichen, regelmäßig ausgeführten Bewegungen Beschwerden aus – etwa das Schieben der Maus oder der Schwung mit dem Tennisschläger. Wer diese aufkommenden Schmerzen ignoriert, handelt kurzsichtig, denn höchstwahrscheinlich treten­ sie ohne Gegenmaßnahmen früher­ oder später auch in Alltagssituationen auf. Und dann heißt es erst recht pausieren. Dann sind die schädlichen (Routine-)Bewegungen für die ver­letzten Muskelpartien über mehrere Wochen­ tabu. Und auch nach dieser Erholung­ ist nicht alles gut. Denn wer einmal RSI-Beschwerden hatte, bekommt sie schnell wieder, wenn er sein Bewegungsverhalten nicht grund­sätzlich ändert. Die winzigen Verletzungen, die durch die Dauerbelastung an den Muskeln entstehen, können dann chronisch werden und auch spezifische Krankheiten, etwa eine Schleim­beutel- oder Sehnenscheidenentzündung, nach sich ziehen.

Dynamisch arbeiten

»Deshalb liegt das Hauptaugenmerk beim RSI-Syndrom eindeutig auf der Prävention«, betont Dr. Wolfgang ­Panter. Als Präsident des Verbands Deutscher Betriebs- und Werksärzte (VDBW) weiß er, wovon er spricht. »Einen­ Mausarm dauerhaft zu heilen, gelingt nur, wenn sich die Bedingungen am Arbeitsplatz ändern und die Be­troffenen neue Bewegungsstrategien erlernen.« Dazu gehört zunächst eine möglichst dynamische Körperhaltung. Über Stunden in einer Position zu verharren, tut dem Körper nie gut, ob im Sitzen oder im Stehen. So kann man beispielsweise kurz nach vorne geneigt sitzen, anschließend­ aufrecht, dann wieder zurückgelehnt. Auch die Beine sollten unterschiedlich belastet und zwischenzeitlich ausgestreckt werden. Außerdem hilfreich: immer mal wieder die Schultern kreisen lassen, beide Arme über den Kopf nehmen, alle ­Glieder recken­ und strecken.

Genauso wichtig wie regelmäßige Ausgleichs-Bewegungen ist ein ergonomisch gestalteter Arbeitsplatz. Vom Bürostuhl, der ein aufrechtes, rückengestützes Sitzen fördert, über eine der natürlichen Handhaltung ange­passte Computertastatur bis hin zur vertikal ausgerichteten Computermaus sei einiges­ möglich und auch ratsam, berichtet Arbeitsmediziner Panter. Auch weist er darauf hin, dass die ge­setzliche Verordnung zur arbeits­medizinischen Vorsorge allen ab­hängig Beschäftigten, die am Bildschirm arbeiten, eine Vorsorgeuntersuchung für Bildschirmarbeit zusichert. Diese schließt unter anderem einen Sehtest, eine Überprüfung der ergonomischen Haltung und individuelle Tipps zur Arbeitsplatzgestaltung ein. »Das muss jeder Arbeitgeber anbieten, der Angestellte am Bildschirm beschäftigt, und als Beschäftigter sollte man das auch nutzen.«

Nicht nur bei der Hardware sieht der VDBW-Präsident Verbesserungsbedarf, sondern auch bei der Software – die werde viel zu oft vergessen. »Es ist aber ein Unterschied, ob ich mit einem Programm arbeite, das ganz viel über Mausklicks auf winzige Kästchen abwickelt, oder ob auch andere Ein­gabemöglichkeiten über die Tas­tatur bestehen, die weniger Anspannung und Verkrampfung zur Folge haben.« Denn es sind ja eben die Muskelverkrampfungen, die das RSI-Syndrom auslösen. Sie sorgen dafür, dass sich die kaum beanspruchten Gegenspieler der jeweiligen Muskeln abschwächen und so eine muskuläre Dysbalance entsteht. Um das zu verhindern, habe zum Beispiel ein Arbeitgeber ein ­vorbildliches Verfahren eingeführt, berichtet Orthopäde Leunert: Alle zwei Stunden spielt dort ein Präventionsprogramm zehn Minuten lang Dehnübungen auf die Computer aller Beschäftigten. »Das reduziert die einseitige, stressbedingte Anspannung der Muskeln, die sonst zu den kleinen Verletzungen im Gewebe führen ­würde«, so Leunert. Da die Elastizität von Muskeln­ und Sehnen mit den ­Jahren schwindet, sind Ausgleichs- und Dehnübungen für ältere Menschen noch wichtiger als für jüngere.

Muskeln entspannen

Was aber, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist und Muskeln und Sehnen höllisch wehtun? Dann verschreibt Leunert erst einmal kurzzeitig ein schmerzlinderndes und muskel­entspannendes Mittel wie Ibuprofen oder Methocarbamol. »Denn die Muskulatur ist durch die dauerhafte Verkrampfung übersäuert und entzündet.« Längerfristig eingenommen ­können Analgetika das RSI-Syndrom allerdings sogar fördern, da sie den Schmerz schädlicher Bewegungen lindern­, sodass Mikroverletzungen wegen mangelnder Schonung nicht ausheilen können.

Ist der schlimmste Schmerz gestillt, gilt es, die verkrampften Muskeln durch physiotherapeutische Übungen zu entspannen. Hier sind regelmäßige Dehnübungen hilfreich: kleine Pausen am Arbeitsplatz einlegen, die Hände hinter dem Kopf fassen und durch das Eigengewicht der Arme langsam die verspannte Nackenmuskulatur nach vorn und unten dehnen. Den Mausarm kann man mithilfe der postisome­trischen Relaxation (PIR) möglichst mehrmals am Tag selbst dehnen: Linke Hand auf den Handrücken der rechten legen und gegenhalten, dann die rechte Hand gegen den Widerstand zehn Sekunden anspannen, locker lassen und die Unterarmmuskulatur des rechten Armes durch forcierte Beugung im rechten Handgelenk dehnen.

OP als letzte Option

Darüber hinaus kann Wärme – durch Rotlicht oder Ultraschall – den Stoffwechsel und damit Heilprozesse anregen. Die Stoßwellentherapie als weitere Möglichkeit zur Behandlung habe beim Tennisellenbogen eine Erfolgsquote von 80 Prozent, betont Leunert. »Die Quote liegt bei der Operation als letzter Möglichkeit auch nicht höher.« Auf ­Corticoid-Spritzen greift der Orthopäde dagegen heute kaum noch zurück. »Sie helfen wie Schmerzmittel nur kurz­fristig und haben häufig unerwünschte Nebenwirkungen«, erklärt er.

Wesentlich effektiver – allerdings auch deutlich teurer – sei es, autogenes konditioniertes Plasma (ACP) zu spritzen­. Bei einer ACP-Therapie ­werden aus eigenem Blut heilende Substanzen wie Blutplättchen (Thrombo­zyten) und Wachstumsfaktoren gewonnen und an die betroffene Stelle injiziert. »Das reduziert die Entzündung, lindert die Schmerzen und ­fördert die Ausheilung der Mikrorisse, ist aber keine­ Kassenleistung«, sagt Leunert.

Ein Problem sei häufig, dass die Thera­pietreue nachlässt, sobald sich die Beschwerden bessern, bedauert Leunert­. »Wir kriegen die Patienten zwar aus der akuten Schmerzphase he­raus, aber dann hängt es von ihnen selbst ab, wie es weitergeht.« Langfristig, da sind sich Orthopäde Leunert und Arbeits­mediziner Panter einig, helfen in erster Linie physiotherapeutische Übungen, gern auch im Zusammenspiel mit manueller Therapie und eine ergo­nomischen Anpassung des Arbeits­umfeldes. Eine gute präventive Wirkung haben schließlich auch sportliche Akti­vitäten. Denn sie trainieren die Aus­dauer und reduzieren Stress, was wiederum die Muskeln entspannt, entkrampft und dabei auch noch stärkt. /