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Rationale Phytotherapie

Geprüft und für gut befunden

Johanniskraut, Baldrian und Lavendel: Diese drei zählen zu den gut geprüften Arznei­pflanzen. Bei der Pharma World im Rahmen der Expopharm in Düsseldorf stellte Dr. Mario Wurglics von der Goethe-Universität Frankfurt die aktuelle Studienlage zu diesen Phytopharmaka vor.
Brigitte M. Gensthaler
26.10.2015
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»Johanniskraut gehört zu den am besten untersuchten Arzneipflanzen«, sagte der Apotheker und zeigte eine Analyse der renommierten Cochrane-Collaboration. Die Experten werteten 26 Studien aus, in denen Johanniskraut gegen Placebo geprüft wurde, und 14 Studien, in denen es gegen andere Antidepressiva antrat. Ergebnis: Hochwertige Johanniskrautextrakt-Präparate waren bei Patienten mit leichten bis mittelschweren Depression signifikant besser wirksam als Placebo und vergleichbar gut wie chemisch-synthe­tische Antidepressiva. Auffallend war die relativ hohe Dosierung: In 20 Stu­dien lag sie bei über 900 mg pro Tag.

Johanniskraut: Dosierung beachten

Gemäß der aktuellen Leitlinie zur unipolaren Depression ist ein erster Therapieversuch bei leichten und mittleren Beschwerden auch mit Johanniskraut möglich. Das Apothekenteam sollte die Patienten über die unterschiedliche Wirkstärke der Handelspräparate und über Wechselwirkungen informieren.

Laut Wurglics sollte die Tagesdosis mindestens 600 mg betragen. Zur Rückfallprophylaxe müsse der Patient das Medikament mindestens vier, besser neun Monate lang weiter einnehmen.

Das Europäische Arzneibuch schreibt Methanol oder Ethanol als Extraktionsmittel und klar definierte Wirkstoffgehalte vor. »Präparate, die diesen Kriterien entsprechen, sind empfehlenswert«, sagte Wurglics. »Achtung: Manche Produkte sind unterdosiert oder enthalten Pulver statt Extrakt; sie sind nicht vergleichbar mit den geprüften Präparaten.« Bei der Auswahl sollten PTA und Apotheker daher auf Dosierung und Einnahmehäufigkeit achten. Für manche Patienten ist die einmal tägliche Einnahme vorteilhaft.

Baldrian bei Schlafstörungen

Baldrianwurzel (Valeriana officinalis L.) gehört zur traditionellen europäischen Medizin. Gemäß der Monographie des Ausschusses für pflanzliche Arznei­mittel (HMPC) bei der europäischen Arzneimittelbehörde EMA werden Extrakte mit einem Ethanolgehalt von 40 bis 70 Prozent zur Linderung von leichten nervösen Spannungen und Schlaf­störungen angewendet, informierte Wurglics. Dies entspreche dem »well-established-use«. Andere Zubereitungen, zum Beispiel Baldrianpulver, -trockenextrakte oder -presssäfte, dienen traditionell zur Linderung von leichtem Stress und als Schlafhilfe, daher auch »traditional use« genannt. Relevante Wechselwirkungen seien nicht zu erwarten. Wichtig für die Beratung: Baldrianwurzel-Präparate eignen sich laut Monographie nicht für Kinder unter zwölf Jahren.

Der Referent wies darauf hin, wie heterogen handelsübliche Baldrian-Kombinationspräparate, zum Beispiel mit Melisse, Hopfen und Passionsblume, in puncto Extrakt und Dosis sind. Auch zu diesen Kombinationen gebe es positive Studiendaten. In ihrer Leitlinie zu Schlafstörungen schreibt die Deutsche Gesellschaft für Neurologie allerdings lapidar, dass zu Baldrian, Hopfen und Melisse keine genaueren Angaben möglich seien.

Gute Studiendaten zu Lavendelöl

Als rationales Phytopharmakon zur Therapie von leichten Angststörungen bewertete Wurglics ein spezielles Lavendelöl-Präparat aus Lavandula angustifolia (Silexan, Extraktname WS 1265). Der Gehalt an Linalool und Linalylacetat liege bei etwa 80 Prozent. »Das ist extrem hoch.«

Wurglics stellte die Studiendaten vor. In zwei Studien war Silexan in der Dosis von täglich 80 mg über zehn Wochen bei Patienten mit leichter Angststörung einem Placebo deutlich überlegen und vergleichbar wirksam wie das Benzodiazepin Lorazepam. In einer Studie mit 539 Erwachsenen mit genera­lisierter Angststörung habe Lavendelöl (160 oder 80 mg) in beiden Dosierungen besser abgeschnitten als Paroxetin und Placebo, so Wurglics. Allerdings war die Studie klein und Paroxetin eher niedrig dosiert. Sein Fazit: »Wirksamkeit belegt, Verträglichkeit gut, keine Sedierung.«

Ein apothekenpflichtiges Silexan-Präparat ist zur Behandlung von »Unruhezuständen mit ängstlicher Verstimmung« bei Erwachsenen im Handel. Zu diesem Präparat müssten PTA oder Apotheker gut beraten, betonte Wurglics. In der Fachinformation wird darauf hingewiesen, dass der Patient zum Arzt gehen sollte, wenn die Symptome nach zwei Wochen unverändert anhalten oder sich sogar verschlimmern. Als Nebenwirkungen können Magen-Darm-Beschwerden wie Aufstoßen sowie allergische Hautreaktionen auftreten. Schwangere sollten Silexan nicht anwenden, da hierzu keine klinischen Daten vorliegen. /