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Doping

Schneller, höher, weiter

26.10.2015  09:46 Uhr

Von Kerstin Neumann / Laut ARD-Recherchen waren in den letzten Jahren bei Leichtathletik-Meisterschaften auf internationaler Ebene etwa zwei Drittel aller Medaillengewinner gedopt. Neben dem vorsätzlichen Doping tappen Sportler aber auch immer wieder unbewusst in Dopingfallen. Hier kann die fachkundige Beratung der Sportler in der Apotheke zur Aufklärung beitragen.

Seit Menschengedenken messen Kinder im Spiel ihre Kräfte, ­Frauen und Männer im sport­lichen Wettkampf. Den schnellsten, stärksten oder geschicktesten Athleten zu ermitteln, war und ist fester ­Bestandteil aller Sportvereine sowie nationaler und internationaler Meisterschaften. Aber den Sport begleitet seit jeher auch, dass die Athleten versuchen, mit unerlaubten Mitteln die eigenen Fähigkeiten zu steigern. So hatten beispielsweise die Teilnehmer der antiken olympischen Spiele im ­alten Rom die Vorstellung, der Genuss von Stierhoden könne ihre Leistung erhöhen.

Noch in den 1960er-Jahren wurde Doping allerdings überwiegend als »normal« und ungefährlich angesehen. Spätestens seit 1967, als der britische Radfahrer Tom Simpson während der Tour de France aufgrund des Dopings mit Ampheta­minen ums Leben kam, begann jedoch ein Umdenken. Danach traten die ­gesund­heitlichen Folgen des Missbrauchs leistungssteigernder Substanzen immer mehr in den Vordergrund.

Mit der Gründung der Welt-Anti-­Doping-Agentur (WADA) im Jahre 1999 und der Etablierung von Anti-­Doping-Gesetzen in mehreren Ländern wurde eine neue Situation geschaffen, die Doping unter Strafe stellt. Das erklärte Ziel: Athleten vor gesundheitlichen Risiken zu schützen und einen fairen Wettkampf zu gewährleisten.

Etablierte Liste

Jeder Leistungssportler muss sich an die internationalen Anti-Doping-Regeln halten. Dazu gehört, dass er keine Substanzen zu sich nimmt, die auf der Dopingliste stehen. Diese Liste wird von der WADA herausgegeben und jährlich aktualisiert. Auf der Liste finden sich unter anderem gut bekannte Dopingmittel wie anabole Steroide, Epo, Wachstumshormone, Insulin und Stimulanzien, zum Beispiel Methylphenidat (Ritalin®). Sogar die Einnahme nicht zugelassener Arzneimittel sowie Methoden des Gen- oder Blutdopings werden in der Liste explizit als verboten genannt.

Weniger als Dopingmittel bekannt, dafür aber in der pharmazeutischen Praxis weit verbreitet sind zum Beispiel Diuretika (häufig gegen Bluthochdruck eingesetzt) oder Beta-2-Agonisten, die klassischen Asthma-Sprays.

Vorsicht Dopingfallen

Leider tappen insbesondere Nachwuchssportler immer wieder in Dopingfallen, nehmen also ohne eigenes Wissen versehentlich verbotene Substanzen ein. Grundsätzlich gilt für Spitzensportler und zum Teil sogar für Breitensportler: Alle müssen bei der Anwendung von Medikamenten extrem vorsichtig sein. Auch der unabsichtliche Verstoß gegen das Regelwerk gilt bereits als Doping, selbst wenn die Konzentration der in Blut oder Urin gefundenen Substanzen zu gering ist, um eine Leistungssteigerung hervorzurufen. Viele Sportler suchen deshalb Rat in der Apotheke als der ersten Ansprechstation für Fragen rund um Medikamente. Da ist es hilfreich, die wichtigsten Dopingfallen zu kennen und bewerten zu können.

Doch die größte Gefahr lauert seit Jahren nicht bei Arzneimitteln, sondern bei Nahrungsergänzungsmitteln (NEM), zu denen auch viele Vitaminpräparate aus der Apotheke zählen. Die Auswahl der Produkte, die den Sportlern wahlweise mehr Kraft, Ausdauer oder Energie versprechen, ist schier unerschöpflich. Die Palette reicht von (angeblich) pflanzlichen ­Testosteron-Boostern über Vitaminsupplemente bis hin zu Eiweißpulvern, die schnellen Muskelaufbau bewirken sollen und oft schon mit ­wenigen Klicks im Internet zu besorgen sind. ­Allerdings sind NEM immer wieder mit Substanzen verunreinigt, die auf der Dopingliste stehen. Bereits im Jahr 2004 untersuchte das Institut für Biochemie der Deutschen Sporthochschule Köln eine Vielzahl unterschiedlicher NEM auf Verunreinigungen. Das Ergebnis: In fast jedem sechsten Präparat wurden nicht deklarierte Stoffe gefunden, die eine Dopingprobe positiv hätten ausfallen lassen. Dies betraf sowohl deutsche Produkte als auch aus dem Ausland importierte NEM. Am häufigsten fielen dabei NEM negativ auf, die über das Internet bestellt wurden.

Eine große Hilfe für Sportler, die dennoch nicht auf Nahrungsergänzungsmittel verzichten wollen, ist die »Kölner Liste«. Da hier Ergebnisse der Qualitätsprüfungen von Nahrungsergänzungsmitteln veröffentlicht werden, kann die Kölner Liste Athleten als Leitlinie fungieren. Auch wenn aufgrund der rechtlichen Gegebenheiten keine hundertprozentige Sicherheit gegeben werden kann, ist das Risiko zumindest minimiert.

Die Gefahr einer Dopingfalle können Sportlerinnen und Sportler weiter verringern, wenn sie zusätzlich die Hilfe und Beratung in Apotheken in Anspruch nehmen. Zum einen schaffen Produkte mit zweifelhaften Versprechungen in der Regel nicht den Weg in die Apotheke. Zum anderen kann das Apothekenteam durch seine Beratungskompetenz oft Alternativen zu fragwürdigen Produkten anbieten, beispielsweise ein Vitaminpräparat mit dem Status eines freiverkäuflichen Arzneimittels empfehlen. Auch NEM aus dem Nebensortiment eines Arzneimittelherstellers sind in der Regel risikoärmer, da in diesen Unternehmen sehr hohe Qualitätsstandards gelten und Verunreinigungen unwahrscheinlich sind.

Stichwort Lebensmittel

Ab und zu taucht bei Sportlern die Frage auf, ob auch bestimmte Lebensmittel bei der Dopingkontrolle zu einen positiven Ergebnis führen. Die Antwort auf diese Frage lautet in aller Regel: Nein! Nur bei ganz wenigen Lebensmitteln besteht – zumindest theoretisch – die Gefahr einer positiven Dopingkon­trolle. So hat beispielsweise der spanische Radprofi Alberto Contador seine positive Dopingprobe durch die Substanz Clenbuterol im Jahr 2010 damit begründet, dass er verunreinigtes Fleisch gegessen habe. Clenbuterol wird – neben seinen Eigenschaften als bronchienerweitende Substanz – unter anderem als Anabolikum in der Schweinemast eingesetzt. Experten sind jedoch der Meinung, dass in der EU mit Clenbuterol verunreinigtes Fleisch nicht zum Konsumenten gelangen kann. In anderen Ländern ist das aber durchaus möglich. Daher wurden die Teilnehmer der olympischen und paralympischen Spiele in Peking 2008 ausdrücklich davor gewarnt , Schweinefleisch zu verzehren.

Eher kurios erscheint die Warnung vor dem Verzehr von Mohnkuchen oder anderen Mohnprodukten. Allerdings enthält Haushaltsmohn je nach Herkunft und Wachstumsbedingungen tatsächlich Spuren von Morphin und dessen Derivaten. Diese Konzentrationen sind aber viel zu niedrig, um im Körper einen spürbaren Effekt hervorzurufen, dennoch erfassen die heutigen Analysemethoden selbst kleinste Mengen. Und da es bei der Dopingkontrolle nur auf den Nachweis, aber nicht auf die Menge der gefundenen Dopingsubstanz ankommt, besteht tatsächlich die theoretische Möglichkeit eines positiven Ergebnisses nach dem Verzehr von Mohnkuchen. Eine Tatsache kann Sportler jedoch beruhigen: Opiate sind lediglich im Wettkampf verboten. In Trainingszeiten müssen sie daher nicht auf Mohn verzichten.

Betablocker und Cortisonsprays

Der Großteil der Dopingsubstanzen ist in verschreibungspflichtigen Arzneimitteln enthalten und ist damit zunächst keine unmittelbare Gefahr für Sportler. Hochleistungssportler und ihre Betreuer kennen die Anti-Doping-Regeln normalerweise gut und tappen daher nicht unbewusst in Dopingfallen. Ganz anders sieht das aber bei Nachwuchs- und Breitensportlern aus. Während jeder Olympionike oder Paralympionike fast schon automatisch die Dopingrelevanz seiner Medikation vom Arzt oder in der Apotheke prüfen lässt, ist der Nachwuchs meist nicht nur unsicher, sondern oft auch unwissend. Dennoch kann unwissendes Doping auch für Nachwuchssportler das Ende der gerade erst beginnenden Karriere bedeuten. Daher ist es besonders wichtig, gerade jungen Athleten fachkundige Unterstützung anzubieten.

Für einige Sportler sind Betablocker verboten, die durch ihre Tremor-lindernde Wirkung zum Teil leistungssteigernd wirken. Besonders problematisch ist dies im Schießsport: Hier sind auf hohem Leistungsniveau oft auch ältere Sportler aktiv, von denen nicht wenige aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen Betablocker einnehmen. Die Konsequenz: Eine eigentlich sinnvolle Therapie kann hier besonders schnell zum unbewussten Dopingverstoß werden, wenn der Sportler nicht ausreichend aufgeklärt wurde.

Zwar bekannt, aber für Athleten nicht weniger kritisch ist der Gebrauch von Beta-2-Agonisten und die Anwendung von Cortison-Sprays zur Behandlung von Asthma oder Bronchitis, die bei Gesunden die Lungenkapazität erhöhen. Dadurch gelangt mehr Sauerstoff in den Körper und die Muskeln können besser arbeiten.

Da auch unter Sportlern aus medizinischen Gründen viele auf ein solches Spray angewiesen sind, wurden einige Wirkstoffe in engen Grenzen erlaubt. Sie dürfen die Wirkstoffe Salbutamol, Salmeterol und Formoterol bei ärztlich bescheinigter Notwendigkeit bis zu einem bestimmten Grenzwert anwenden.

Cortison-Präparate sind im Wettkampf erlaubt – mit Ausnahme der oralen oder intravenösen Anwendung. Diese Einschränkung soll vor allem ein gesundheitliches Risiko des Athleten durch »sich fit spritzen« verhindern.

Als klassische Dopingfalle gilt das Präparat Spasmo- Mucosolvan, das Patienten oft mit dem klassischen Mucosolvan verwechseln. Das Kombinationspräparat enthält neben Ambroxol den Wirkstoff Clenbuterol. Neben der bronchienerweiternden Komponente hat Clenbuterol anabole Eigenschaften und wirkt daher in höheren Dosen auch effektiv als muskelaufbauendes Dopingmittel.

Hilfreiche Informationen für Sportler und Apothekenteams

Medikamentendatenbank NADAmed (www.nadamed.de auch als App verfügbar): unkomplizierte Abfrage der Dopingrelevanz von Präparaten durch einfache Eingabe des Medikamenten- oder Wirkstoffnamens.

Kostenlos bei der Nationale Anti-Doping Agentur (NADA) oder als Download unter www.nada-bonn.de erhältlich ist die Beispielliste beziehungsweise die Zusammenstellung erlaubter Medikamente, sortiert nach Krankheitsgebieten. Bei der NADA ist auch die direkte Medikamenten­abfrage möglich.

Darüber hinaus werden andere Wirkstoffe immer wieder als potenziell – oder tatsächlich – leistungssteigernde Substanzen diskutiert. Darunter fällt unter anderem Pseudoephedrin (zum Beispiel enthalten in Aspirin Complex), aber auch gängige Genussmittel wie Coffein und Nicotin. Alle diese Stoffe steigern nachweislich die Leistung. Aus diesem Grund werden sie in Dopingkontrollen meist mit getestet. Zwar besteht zukünftig theoretisch die Möglichkeit eines Verbots, doch selbst führende Experten sehen ein solches Verbot als unverhältnismäßig an. Die morgendliche Tasse Kaffee steht daher auch in Zukunft sicher nicht auf der Dopingliste. /

Kommentar

Missverhältnis

Die kürzlich erschienene ARD-Dokumentation zeigt, dass es trotz aller ­Bemühungen auch weiterhin ein gut etabliertes Netz von Dopern und ­Helfern gibt und in einigen Ländern Doping sogar staatlich angeordnet wird. Dem sportlichen Erfolg wird alles, auch die Unversehrtheit des Athleten, vollkommen untergeordnet. Dies ist ein Missverhältnis mit schwerwiegenden Folgen.

Selbst wenn wir auf der Ebene des etablierten Dopings und der mafiösen Strukturen nicht eingreifen können, so können wir doch dazu beitragen, dass es hier, bei uns, nicht dazu kommt. Die Dopingprävention ist eine der wichtigsten Säulen im Kampf gegen ­Doping. Sportlerinnen und Sportlern muss die Konsequenz der Verstöße gegen die Anti-Doping-Regeln klar sein. Ebenso muss aber auch übermittelt werden, welche gesundheitlichen Folgen Doping mit sich bringen kann und welche Wege eingeschlagen werden können, um Doping zu vermeiden.

Dafür ist die Unterstützung durch PTA und Apotheker wichtig. Sowohl Spitzen- als auch Nachwuchssportler berichten in persönlichen Gesprächen oft von ihrer Stammapotheke als erstem Ansprechpartner für dopingrelevante Fragen. Sportler, die sich ihrer Verantwortung im Anti-Doping-Feld bewusst sind, bitten in der Apotheke um Prüfung der gewünschten Mittel auf Dopingrelevanz. Diese Prüfung kann das Apothekenteam aber auch aktiv anbieten, wenn in der Beratung deutlich wird, dass Kunden das Thema Doping wichtig ist. In der Regel nehmen diese das Angebot gerne an.

Letztlich ist die Betreuung und Beratung von Sportlern eine besondere Form der Arzneimitteltherapiesicherheit. Damit leisten Apothekenteams einen wichtigen Beitrag: zum einen für die Gesundheit des Athleten, zum anderen aber auch als aktives Mitglied im Kampf gegen Doping und als Unterstützer für die ganz persönliche Sicherheit des Sportlers – ob bei Olympia oder beim Volkslauf in der Heimatstadt.

Dr. Kerstin Neumann Apothekerin,
ehemalige Referentin Medizin & Forschung der NADA