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Selbstverletzendes Verhalten

Ausdruck seelischer Schmerzen

28.10.2016
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Von Nicole Schuster / Manche Kinder und Jugendliche verhalten sich autoaggressiv, um innere Spannungen abzubauen und schlechte Gefühle zu unterdrücken. Vielen Betroffenen bereitet das Elternhaus Probleme. In einer psychotherapeutischen Behandlung lernen sie Ersatzhandlungen, die ihnen helfen, Stress abzubauen, ohne sich selbst zu schädigen.

Laut Definition leiden Menschen dann unter nicht-suizidalem selbstverletzendem Verhalten (NSSV), wenn sie sich innerhalb eines Jahres an fünf oder mehr Tagen absichtlich selbst Wunden zufügen oder auf andere Weise verletzen. Autoaggressionen, die im Rahmen stereotypen Verhaltens unter anderem bei Menschen mit Autismus auftreten, zählen Experten nicht zu NSSV im eigentlichen Sinne.

Selbstverletzendes Verhalten (SVV) kann im Rahmen verschiedener psychischer Erkrankungen auftreten. Bei Erwachsenen ist hier vor allem an das Borderline-Syndrom zu denken. »Besonders oft begegnen wir selbstver­letzendem Verhalten als Symptom für innere Konflikte bei pubertierenden Jugendlichen«, sagt Professor Dr. Paul Plener, leitender Oberarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psycho­therapie am Universitäts­klinikum Ulm im Gespräch mit PTA-Forum. Untersuchungen zufolge verletzt sich etwa einer von 25 Jugendlichen mehrmals innerhalb eines Jahres. Das Verhältnis von Mädchen zu Jungen liegt ungefähr bei drei zu eins.

Ventil für starke Emotionen

»Selbstverletzendes Verhalten muss immer als mögliches Zeichen einer psychischen Erkrankung ernst genommen werden«, warnt Plener. Bei Jugend­lichen in der Pubertät kann es ein Zeichen dafür sein, dass sie sich über­fordert fühlen, mit sich selbst nicht klarkommen und die eigenen Emotionen weder verstehen noch kontrollieren können. »Mit SVV finden sie ein Ventil für innere Spannungen. Sie können dadurch unangenehme Gefühle wie Trauer, Einsamkeit oder Angst ­abbauen«, so der Experte. Viele beschreiben auch, wenn sie sich Schmerzen zufügen, könnten sie sich selbst zumindest kurzzeitig wieder spüren.

Viele sind mit Problemen in der Familie konfrontiert. Dazu gehören die psychische Erkrankung eines Elternteils oder die Trennung der Eltern. Auch Misshandlungen im Kindesalter kommen als Ursache in Frage. Zudem spielen die Freunde eine Rolle. »Wir wissen aus ­Untersuchungen, dass selbstverletzendes Verhalten in bestimmten Gruppen gehäuft vorkommt«, weiß der Kinder- und Jugendpsychiater. Einen starken Einfluss üben auch Plattformen im Internet aus, auf denen junge Menschen von ihren Erfahrungen mit selbst­verletzendem Verhalten und den anschließend als erlösend empfundenen Gefühlen berichten. Das ständige Vergleichen mit anderen, entweder über das Internet oder mit Menschen aus dem direkten Umkreis, erhöht ebenfalls das Risiko. Da viele Jugendliche, die sich selbst verletzen, unter starken Minderwertigkeitsproblemen leiden, fühlen sie sich durch das Messen mit anderen noch schlechter. Die Selbstschädigung ist dann oft eine Selbst­bestrafung für die eigene Fehlerhaftigkeit.

Kurze Glücksgefühle

Das scheinbare Paradoxon, warum sich Selbstverletzungen für die Betroffenen oft gut anfühlen, lässt sich physiologisch erklären: Der Körper schüttet ­dabei endogene Opioide aus, die zu einer Schmerzunterdrückung führen. Gleichzeitig helfen die Botenstoffe, eine emotional schwierige Situation zu beenden. Die guten Gefühle halten ­allerdings nur kurz an, bald danach müssen sie erneut ausgelöst werden. »SVV verstärkt sich dadurch selbst«, sagt Plener.

Die Spannbreite an selbstverletzenden Verhaltensweisen ist groß. Dazu gehört das klassische Zufügen von Schnittwunden etwa mit Rasierklingen – das »Ritzen« oder »Schneiden« – genauso wie das Erzeugen von Verbrennungswunden, etwa indem Zigaretten auf der Haut ausgedrückt werden oder die Hand auf die heiße Herdplatte gelegt wird. Die Wunden treten meist an Körperstellen auf, die Betroffene leicht erreichen können wie Arme, die Vorderseiten der Beine sowie Brust und Bauch, vorzugsweise Körperteile, die sich leicht unter Kleidung verbergen lassen.

Viele Betroffene verletzen sich nach einem gleichmäßigen Muster, typischerweise in Form von parallelen ­Linien bei Schnittwunden, manchmal auch in geometrischen Figuren oder Wörtern. Auch sich zu schlagen oder mit dem Kopf gegen eine Wand zu ­stoßen, sich zu verbrühen oder zu verätzen zählen zu selbstverletzendem Verhalten. Das Verlangen, sich Schaden zuzufügen, kann bis zum (versuchten) Suizid gehen. »Das Risiko ist dann besonders groß, wenn Wunden nicht nur am Unterarm auftreten und verschiedene Methoden zur Selbstschädigung angewendet werden«, so der Facharzt.

Viele Betroffene verarzten ihre Wunden sorgfältig, mitunter mit einer kompletten Erste-Hilfe-Ausrüstung. In seltenen Fällen reicht die Selbstversorgung aber nicht aus, und ein Arzt muss die Verletzungen behandeln. Manche Jugendliche haben allerdings Angst, die Narben könnten lebenslang zurück­bleiben. Ändert sich ihre Stimmungs­lage, kommt es aber auch vor, dass sie verheilende Wunden wieder aufreißen.

Angst vor Entdeckung

Viele Betroffene schämen sich für ihre Verletzungen und die entstandenen Narben. Daher bedecken sie auch im Sommer Arme und Beine und meiden Schwimmbäder und Sport­arten, bei denen sie viel Haut zeigen müssen. Eltern sollten aufmerksam werden, wenn ihr Kind wiederholt Schürfwunden, blaue Flecken oder andere, auf den ersten Blick eher gewöhnliche Verletzungen aufweist. Dann sollten sie die Erklärungen überprüfen, ob die Kratzer tatsächlich von einer Katze stammen können oder der Sturz mit dem Fahrrad plausibel ist. Geben Kinder vor, sie seien angegriffen oder verprügelt worden, könnten die Eltern beispielsweise prüfen, ob die Kleidung ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen wurde. Der Fund großer Mengen Rasierklingen oder von Verbandmate­­rial im Kinderzimmer ist fast immer ein ernstzunehmender Hinweis auf selbstverletzendes Verhalten.

Außer Wunden oder Narben weisen auch Verhaltensänderungen darauf hin, dass Kinder mit großen inneren Problemen kämpfen. Jugendliche ­ziehen sich dann in der Regel zurück, unternehmen weniger mit Freunden und verlieren das Interesse an Dingen, die ihnen sonst wichtig waren. Auch Schlafstörungen und plötzliche Stimmungsschwankungen können auf­treten. Einige Jugendliche äußern auch direkt, dass sie sich wertlos oder ungeliebt fühlen.

Eltern schockiert meist die Ent­deckung, dass sich Tochter oder Sohn selbst verletzt. »In einem Gespräch mit dem Nachwuchs sollten sie aber weder Vorwürfe machen, noch eigene Gefühle wie Fassungslosigkeit zeigen«, sagt der Experte. Stattdessen sollten sie versuchen, auf einer konstruktiven Ebene mit dem Kind ins Gespräch zu kommen. Das ist meist schwierig, da die jungen Patienten zunächst in der Regel alles abstreiten und für die Verletzungen harmlose Erklärungen parat haben. Über die Ursachen oder das selbstschädigende Verhalten wollen sie mit Mutter und Vater häufig nicht sprechen. »Oft sind die Eltern auch gar nicht die idealen Ansprechpartner«, sagt Plener. »Dann kann es helfen, dem Kind an­zubieten, gemeinsam eine Person zu finden, zu der es Vertrauen fassen kann.« In akuten Notsituationen kann ein Anruf bei der Telefonseelsorge ­helfen. Bei suizidalen Absichten ist eine stationäre Behandlung erforderlich.

Probleme ansprechen

Zur Behandlung des selbstverletzenden Verhaltens bei Jugendlichen haben sich psychotherapeutische Verfahren bewährt. »Es sind häufig nicht viele Sitzungen erforderlich«, weiß der Experte. »In einer aktuellen Studie konnte gezeigt werden, dass mitunter zehn bis 15 Psychotherapiesitzungen bereits bei vielen Jugendlichen reichen können.« Die richtigen Ansprechpartner sind hier Kinder- und Jugendpsychiater oder Kinder- und Jugendpsychotherapeuten. Voraussetzung für den Behandlungs­erfolg ist, dass der junge Mensch auch wirklich dazu bereit ist, etwas zu ändern. Eine Therapie auf Drängen der ­Eltern, aber gegen den Willen des Betroffenen ist sinnlos.

Methode der Wahl ist die kognitive Verhaltenstherapie, in der die Patienten lernen, wie sie mit Problemen umgehen können, ohne sich selbst zu schädigen. Sie erhalten hier auch sogenannte Skills, das sind Verhaltensweisen, die sie durchführen sollen, wenn der Druck, sich selbst zu verletzen, zu stark wird. Dazu gehören beispielsweise laut zu schreien, kalt zu duschen, auf das Daunenbett einzuschlagen, Eiswürfel in die Hand zu nehmen oder etwas stark Gewürztes zu essen. Manche dieser Ersatzhandlungen sind ebenfalls schmerzhaft, sie führen aber nicht zu Verletzungen. Auch Tagebuch schreiben, Entspannungsmethoden, Sport oder kreative Betätigungen wie malen können helfen. Alleinsein kann in die alten Verhaltensmuster führen und sollte daher vermieden werden.

Symptome verschieben sich

Ärzte setzten gelegentlich unterstützend Medikamente ein, etwa Antidepressiva gegen depressive Symptome oder niedrigpotente konventionelle Antipsychotika bei starken Anspannungszuständen. »In den meisten ­Fällen überwinden die Jugendlichen auch dank der Therapie das Verlangen, sich zu verletzen, und leben als Erwachsene symptomlos«, erzählt Plener. ­Bei manchen Personen trete auch ohne professionelle Hilfe eine Spontan­heilung ein. Der Experte kennt aber auch Fälle, in denen das Verhalten chronisch wurde. »Es sind zudem Symptom­verschiebungen möglich. Als Erwachsene suchen die Patienten dann andere Ventile, etwa Alkohol, Drogen oder Medikamente, und schädigen sich dadurch weiter selbst.« Zudem darf die Suizidgefahr bei einigen Betroffenen nicht außer Acht gelassen werden, denn ohne Behandlung endet das selbstverletzende Verhalten schlimmstenfalls tödlich.

Neben den Jugendlichen brauchen mitunter auch die Eltern psychotherapeutische Hilfe, sodass sie mit dem ­betroffenen Kind wieder ohne Schuldgefühle oder ständige Vorwürfe um­gehen können. /