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Interview

Demente im Alltag begleiten

28.10.2016
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Von Annette van Gessel / Margit Hansen* ist 57 und hat sich vor kurzem zur Alltagsbegleiterin ausbilden lassen. Mit PTA-Forum sprach sie über ihre Ausbildung und Tätigkeit.

PTA-Forum: Was war Ihre Motivation, die Ausbildung zu machen?

Hansen: Vor etwa einem Jahr fragte mich meine Freundin, ob ich ab und zu etwas Zeit mit ihrer dementen Mutter verbringen könnte, damit sie selbst entlastet ist. Das habe ich gerne zugesagt, denn ich kannte die Mutter als eine lebenslustige Frau. Während des Zusammenseins wandte ich dann meine Erfahrungen im Umgang mit älteren Menschen an, die ich zum Teil schon als Kind im Elternhaus gesammelt hatte. Dort lebten nicht nur meine Geschwister und Eltern, sondern dort verbrachten auch Tanten und Onkel ihre letzten Lebensjahre, nachdem sie nicht mehr selbstständig leben konnten. Ich hatte zwar das Gefühl, dass ich im Umgang mit der dementen Mutter meiner Freundin vieles intuitiv richtig machte, doch ich wollte mir professionellen Rat holen. Auch, damit ich in Zukunft diese Tätigkeit ausweiten und mit den Krankenkassen abrechnen konnte. Also machte ich letztes Jahr bei der Caritas die Ausbildung »Alltags­begleitung für Demente«.

PTA-Forum: Wie gestaltet sich diese Ausbildung?

Hansen: Dazu gehören natürlich zum einen der theoretische Unterricht, aber auch praktische Teile, wie eine Hospitation und ein zweiwöchiges Praktikum. Die Theorie umfasst mindestens 160 Stunden. Allerdings habe ich mir einige Inhalte auch anhand von Unterlagen selbst angeeignet. Inhalte des theoretischen Unterrichts sind unter anderem Pflege, Betreuung, Hygiene, aber auch Ernährung. Ich lehne es zum Beispiel total ab, dass Demente in manchen Heimen püriertes Essen erhalten. Da kann ich gut nachvollziehen, wenn sie das Essen verweigern. Beim Blick auf den Brei würde auch vielen Gesunden der Appetit vergehen. Die Hospitation muss 40 Stunden umfassen. Am meisten dazugelernt habe ich jedoch während des Praktikums. Die Ausbildung schließt selbstverständlich mit einer Abschlussprüfung ab.

PTA-Forum: Welche Voraussetzungen sollte jemand mitbringen, wenn er diese Ausbildung macht?

Hansen: Am besten sind eigene Erfahrungen mit älteren Menschen und eine gewisse Reife, auch wenn sich das jetzt etwas überheblich anhört. An unserem Kurs haben auch junge Frauen teil­genommen, doch in jungen Jahren ist es – aus meiner Erfahrung – viel schwieriger, sich in die Bedürfnisse älterer Menschen hineinzuversetzen.

PTA-Forum: Wie sieht die Betreuung aus?

Hansen: Dafür gibt es kein festes Schema. Das hängt immer von den Vorlieben des zu Betreuenden ab. So gehe ich beispielsweise mit einem 92-jährigen Herrn immer mindestens eine Stunde spazieren. Wenn ich die Wohnung betrete, strahlt er schon und sagt: Gehen wir wieder raus? Seine Frau genießt dann die Zeit, die sie in Ruhe verbringen kann. Eine andere Betreute begleite ich beim Einkaufen, das sie alleine nicht mehr bewältigen würde. Und selbstverständlich nehme ich mit den Betreuten alle anstehenden Termine wahr, den Gang zum Arzt oder zu einem Amt.

PTA-Forum: Welche Besonderheiten zeichnen die Betreuung Dementer aus? Was muss man beachten?

Hansen: Eigentlich nichts besonderes, sondern vieles empfinde ich als selbstverständlich, zum Beispiel gut zuhören zu können. Am Wichtigsten finde ich, dem Dementen mit Respekt, Achtung und Geduld zu begegnen. Das fällt mir natürlich leichter als den Angehörigen. Diese bedauern, dass ihre Mutter oder der Vater zunehmend vergesslicher wird und seine Selbstständigkeit einbüßt. Daher erlebe ich oft, dass Angehörige die Dementen unwirsch ansprechen. »Das musst du doch wissen.« »Gib dir doch etwas Mühe.« Solche Aufforderungen verunsichern den Dementen nur noch mehr und sorgen für eine unangenehme Atmosphäre. Stattdessen bleibe ich gelassen und freundlich, wenn ein Dementer aggressiv wird, weil er eine eigene Unfähigkeit bemerkt. Dann nehme ich den scharfen Ton aus der Kommunikation heraus, indem ich beispielsweise sage: »Ach, mir fällt es auch immer schwer, mir Namen zu merken.« Oder: »Ich muss meinen Schlüssel/meine Brille auch ständig suchen.« Dann lachen wir anschließend meist herzhaft zusammen und die Spannung ist verflogen.

PTA-Forum: Gibt es Menschen, die man nicht mehr betreuen kann?

Hansen: Nein, die gibt es nicht. Im Verlauf der Erkrankung verlernen Demente irgendwann das Sprechen. Doch auch dann empfinden sie es als wohltuend, nicht alleine zu sein, sondern mit einem anderen Menschen Zeit verbringen zu können. Meine Freundin beispielsweise hat sich über lange Zeit hinweg in der Mittagspause zu ihrer bettlägerigen Mutter gelegt und sich dort ausgeruht, oft auch geschlafen. Sie sagt, diese gemeinsam verbrachte Zeit habe ihnen beiden gut getan.

PTA-Forum: Worin sehen Sie Ihre besondere Aufgabe?

Hansen: Ich möchte dazu beitragen, dass Demente so lange wie möglich in ihrem gewohnten häuslichen Umfeld bleiben können. Da fühlen sie sich am wohlsten und können sich bestimmt besser orientieren als in einem Pflegeheim. Außerdem fehlt es den Mitarbeitern in Pflegeheimen häufig an Zeit. Ihr Arbeitspensum ist groß und sie können sich nicht lange hinsetzen und beispielsweise darauf warten, bis ein Dementer endlich zu essen beginnt. Diese Geduld kann ich aufbringen und freue mich, wenn das Warten Erfolg hat. /

*Der Name wurde von der Redaktion geändert.

Offizielle Informationen

Ein Alltagsbegleiter, auch Betreuungsassistent genannt, wird in der Betreuungskräfte-Richtlinie vom 19. August 2008 auch als »zusätzliche Betreuungskraft« und mitunter als »Präsenzkraft« bezeichnet. Er ist unter anderem in der Betreuung von pflege­bedürftigen Menschen in Pflege­einrichtungen beschäftigt. Dieser umfassende Bezug auf alle in voll- und teilstationären Einrichtungen lebenden Pflegebedürftigen wurde in Deutschland mit dem ersten Pflegestärkungsgesetz zum 1. Januar 2015 gültig. Das Bundesministerium für Gesundheit beschreibt die Aufgaben eines Alltagsbegleiters auf seiner Homepage folgendermaßen: »[...] Es soll erreicht werden, dass den betroffenen Bewohnerinnen und Bewohnern beziehungsweise Pflegegästen durch zusätzliche Betreuung und Aktivierung mehr Zuwendung und eine höhere Wertschätzung entgegengebracht, mehr Austausch mit anderen Menschen und mehr Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft ermöglicht werden. Pflegerische Aufgaben gehören hingegen nicht zum Aufgabenbereich der zusätzlichen Betreuungskräfte. . [...].«