In Bewegung bleiben |
28.10.2016 11:35 Uhr |
Von Barbara Erbe / Sportliches Training macht beweglicher, kräftiger und zuversichtlicher. Das gilt nicht nur für junge Menschen, im Gegenteil: Zahlreiche Studien belegen, dass vor allem sehr alte Menschen und Menschen mit Demenz von regelmäßiger Bewegung profitieren. Deshalb machen Sozial- und Sportverbände zunehmend entsprechende Angebote.
Das Parkett vibriert unter den Schritten von 20 Damen und Herren in T-Shirts, Sportschuhen und lockeren Freizeithosen. Aus dem CD-Rekorder schallt Tanzmusik, und immer wieder sind rhythmisch gesprochene Anweisungen zu hören wie: »Eins, zwei, drei, vor – fünf, sechs, sieben, rück – neun, zehn, elf, Seite …« Wer an einem Montagmorgen die Halle der Turn- und Sportgemeinschaft Frankfurt-Fechenheim betritt, könnte zunächst meinen, er sei in einem Tanzkurs gelandet. Allerdings in einem ganz besonderen, denn die Teilnehmenden sind hoch betagt und sitzen zunächst in einem großen Stuhlkreis beisammen.
Foto: Shutterstock/ SpeedKingz
Mit den Schrittkombinationen, die ihre Füße auf den Boden tippen und stampfen, steigen sie schwungvoll und rhythmisch in das Bewegungsprogramm ein. Trainerin Doris Blümel hat dieses Programm für ihre Gruppe »Aktiv bis 100« vorbereitet. »Die Tanzschritte, Armschwünge und Fingerbewegungen beleben den Kreislauf, sind eine wunderbare Koordinationsübung, und sie bereiten allen großen Spaß«, betont die geschulte Bewegungstherapeutin. Seit nunmehr sechs Jahren begleitet sie ihre Schützlinge Montag für Montag. »Ich kann dabei zusehen, wie sie kräftiger, beweglicher und sicherer auf den Beinen werden. Und vor allem fröhlicher.«
Mehr Unabhängigkeit
Wer sich regelmäßig bewegt, bewältigt den Alltag besser und bleibt länger selbstständig. Diesen Zusammenhang bestätigt auch Ulrike Kraus, Referentin des Deutschen Instituts für angewandte Sportgerontologie mit dem Schwerpunkt »Bewegung mit Hochaltrigen«. »Sogar Ungeübte bauen bis ins hohe Alter Muskelmasse auf«, betont die Diplom-Sportlehrerin und Sporttherapeutin. Im Team unter Leitung von Professor Dr. Heinz Mechling hat sie diese Zusammenhänge an der Deutschen Sporthochschule Köln wissenschaftlich untersucht und das mittlerweile bundesweit praktizierte Bewegungsprogramm »fit für 100« mit entwickelt und ausgewertet.
Das Ergebnis: »Training im Alter steigert nicht nur die Kraft. Es verbessert auch Gleichgewicht und Beweglichkeit, und es regt das Gehirn an. Wir wissen, dass sich selbst Gehirnzellen im Alter neu bilden und vernetzen können.« Alle diese positiven Effekte der Bewegungsübungen sichern die Selbstständigkeit von Senioren im Alltag und wirken nachweislich als Sturzprävention.
Nicht zuletzt profitiert davon das Selbstbewusstsein der Teilnehmenden: Sie fühlen sich unabhängiger und zufriedener, wenn sie wieder selbst aus der Badewanne steigen, die Treppe zum ersten Stock hochgehen oder in der Gruppe neue Kontakte knüpfen können.
Gerade im höheren Alter kann regelmäßiges Bewegungstraining den Alltag gesünder und selbstständiger machen, betont Ute Blessing-Kapelke vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Vor allem in größeren Städten finden Interessierte inzwischen oft eine ganze Reihe spezieller Bewegungsgruppen für Menschen ab 75, berichtet Blessing-Kapelke, die beim DOSB für »Sport der Generationen« zuständig ist. Überall besinnen sich Sportvereine, Gesundheits- und Wohlfahrtsverbände mehr und mehr auf die Bedürfnisse der Älteren. Schließlich ist Deutschland – weltweit nach Italien und Griechenland – das Land mit dem dritthöchsten Anteil der Bevölkerung ab 60 Jahren. Zwar gibt es für Interessierte derzeit keine bundesweite Datei oder Anlaufstelle, die bei der Suche nach einem örtlich nahen Angebot behilflich ist. »Aber es lohnt sich, beim Turnverein um die Ecke nachzufragen«, so Blessing-Kapelke. Immerhin verzeichnen die Sportvereine seit Jahren starke Mitgliederzuwächse bei den Über-60-Jährigen. »Und damit wächst natürlich auch das Angebot für Ältere.« Auch die Suche im Internet lohnt: So bietet beispielsweise das Deutsche Institut für angewandte Sportgerontologie eine Suchmaske für wohnortnahe »fit für 100«-Gruppen an.
Spezielle Angebote
Nicht nur Hochaltrige profitieren von solchen Angeboten. Auch Menschen mit Demenz, die sich regelmäßig bewegen, schlafen besser, sind seltener depressiv oder motorisch unruhig, und haben ein besseres Körpergefühl, erläutert Sozialarbeiterin Maren Kochbeck. Die Pflegewirtin hat sich als ehemalige Leiterin des Arbeitsbereichs »Hilfe für Demenzkranke und ihre Angehörigen« am Frankfurter Bürgerinstitut viel mit dem Thema befasst.
»Das hilft ihnen dann unter anderem auch beim täglichen Waschen, Kämmen und Anziehen.« In den Räumen des Instituts finden regelmäßig Bewegungsangebote für Menschen mit Demenz und für deren Angehörige statt. Das Besondere dabei: Die Betreuenden können parallel zum Kurs ihrer Angehörigen etwas für ihren eigenen Körper – vor allem für den Rücken und Schulter-Nacken-Bereich – tun, sich entspannen oder im Gespräch austauschen. Das macht das Angebot auch für sie besonders attraktiv.
Weil solche Parallelangebote den Bedürfnissen vieler Menschen entsprechen, ist das Frankfurter Projekt bei weitem nicht das einzige seiner Art. Kommunen, Sportvereine und Sozialverbände haben in den letzten Jahren zunehmend sogenannte Tandemprojekte ins Leben gerufen und werden diese Aktivitäten fortsetzen.
So ist das Projekt »Begleitetes Radfahren« im wahrsten Sinne des Wortes ein Tandem. Denn dabei fahren an Demenz Erkrankte zusammen mit ihren Angehörigen oder mit speziell dazu ausgebildeten Rad-Partnern auf einem stabilen Dreirad-Tandem mit zwei Hinterrädern. Beide Fahrenden sitzen nebeneinander. »Das Strahlen im Gesicht der Radfahrer bei der Rückkehr und die fröhliche Erregung, wenn sie in einer Gegend waren, die sie aus ihrem ›früheren‹ Leben kennen, bestätigt unser Angebot immer wieder«, betont Ulrike Clausen vom Demenz-Info-Center Hilden und ergänzt, auch ein Qigong-Angebot bereichere seit zwei Jahren erfolgreich ihr Programm.
In Nordrhein-Westfalen bietet eine Reihe von Städten ebenfalls Bewegungsmöglichkeiten für an Demenz Erkrankte und ihre Betreuenden an, die von der Deutschen Sporthochschule Köln evaluiert wurden. »Viele Demente bewegen sich ausgesprochen gern und sind körperlich fitter als ihre betreuenden Angehörigen, die nicht selten unter schweren Verspannungen und Rückenschmerzen leiden«, erklärt Kraus.
Im Baden-Württembergischen Singen wiederum lädt das Servicehaus Sonnenhalde zusammen mit den Johannitern und der Arbeiterwohlfahrt Demente und ihre Angehörigen regelmäßig zum Boule-Spiel, zum Tanzcafé sowie zum Rollator-Tanz ein. »Tanzen gehen ist etwas, das die Menschen wieder zusammenbringt und das selbst bei fortgeschrittener Demenz Ressourcen fördert und Erinnerungen weckt«, betont die Leiterin des Singener Seniorenbüros und Pflegeberaterin Gabriele Glocker.
Informationen weitergeben
Sobald der Hausarzt grünes Licht gibt, können Interessierte beim örtlichen Sportverein oder beim Deutschen Olympischen Sportbund, im Seniorenbüro, bei der Alzheimer Gesellschaft oder beim Pflegestützpunkt nach geeigneten Angeboten fragen. Auch lohnt es sich, in der Apotheke interessierten Kunden darüber Informationen anzubieten. »In wenigen Fällen erstatten die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für zwölf Kursstunden«, fügt Sportlehrerin Kraus hinzu, die »fit für 100«-Kurse in Köln-Lindweiler gibt. »Wer längerfristig dabei bleibt, muss das aber auf jeden Fall selbst bezahlen – je nach Angebot drei bis fünf Euro pro Kursstunde.« /
Untersuchungen belegen, dass regelmäßige körperliche Aktivität