PTA-Forum online
Chronisch-traumatische Encephalopathie

Schläge auf das Gehirn

28.10.2016  11:35 Uhr

Von Edith Schettler / Der Tod der Boxlegende Muhammad Ali im Juni 2016 ließ erneut die Frage nach der Gefährlichkeit des Boxsports aufkommen. Denn beim Boxen ist es erklärtes Ziel, den Gegner durch Zufügen eines akuten stumpfen Schädel-Hirn-Traumas kampfunfähig zu machen. Die chronisch-traumatische Encephalopathie ist eine mögliche Spätfolge regelmäßiger Gewalt­einwirkung auf den Kopf.

Im Laufe seines 20-jährigen Boxer­lebens trafen angeblich 29 000 Schläge den Schädel von Muhammad Ali (1942–2016). In dem empfindlichen Netzwerk des Zentralen Nervensystems musste diese Belastung Spuren hinterlassen. Einer der härtesten Boxer der Gegenwart, Wladimir Klitschko, schlägt mit maximal 700 kg zu. Das entspricht der Kraft eines aufprallenden Kleinwagens bei einer Geschwindigkeit von 45 km/h. Der Kopf eines unvorbereiteten Gegners wird bei einem solchen Treffer der 50-fachen Erdbeschleunigung ausgesetzt.

Zwar ist das Gehirn in der mit Liquor gefüllten Schädelhöhle gut geschützt, doch ist bei starken, immer wiederkehrenden Schlägen oder Stößen nicht ausgeschlossen, dass deren Energie Verletzungen verursacht. Nicht nur beim Boxen besteht diese Gefahr, sondern bei allen Sportarten, bei denen häufig extreme Stöße den Kopf treffen, so zum Beispiel bei American Football, Fußball, Baseball und Wrestling.

Stumpfe Schädeltraumata

Untrainierte würden Klitschkos Faustschläge nur schlecht überstehen, Sportler hingegen trainieren ihren Körper auch für diese Belastungen. Ihre Halsmuskulatur ist in der Lage, einen großen Teil der Schlagenergie abzufangen, den Schädel zu stabilisieren und die Halswirbelsäule zu schützen. So kompensieren beispielsweise Fußballspieler bei Kopfbällen die Kraft des ­ankommenden Balls wenn möglich mit der Stirn, wo sich die Energie gut über eine breite Fläche verteilen kann. Prallen zwei Spieler mit den Köpfen zusammen oder trifft den Boxer ein Faustschlag unvorbereitet, ist eine Gehirn­erschütterung die häufigste Folge. Dann sollte der Sportler das Spiel oder den Kampf sofort beenden und sich schonen. Die meisten verleitet der Ehrgeiz allerdings dazu, den Treffer »weg­zustecken« und weiterzumachen, was ihnen beim Publikum zu einem höheren Ansehen verhilft. Aus medizinischer Sicht ist dieses Verhalten jedoch ein großer Fehler, denn jede weitere Krafteinwirkung auf den Schädel birgt das Risiko schwererer Verletzungen und bleibender Schäden.

Trifft ein starker Schlag oder Stoß auf den Schädel, absorbiert zunächst der Liquor einen geringen Teil der ankommenden Energie. Der größte Teil jedoch versetzt das Gehirn in eine ruckartige Bewegung. Die andere Dichte der grauen und weißen Hirnmasse führt dazu, dass diese Areale unterschiedlich stark beschleunigt werden und sich gegeneinander verschieben. Ist die übertragene Kraft groß genug, stößt das Gehirn an den Schädel­knochen und wird dabei mehr oder weniger stark gequetscht. Dabei reißen ­feine Blutge­fäße und Mikroblutungen entstehen. Im Endergebnis hat der Schlag oder Stoß ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma beziehungsweise eine Gehirnerschütterung verursacht. Typische Folgen sind Kopfschmerzen, Übelkeit, sensorische Störungen und mehr oder weniger starke Bewusstseins­trübungen bis zur Bewusstlosigkeit. Mit absoluter Ruhe und Schonung über mehrere Tage sind die Verletzungen reversibel.

Veränderungen im Gehirn

Hält der Sportler nach einem Schädel-Hirn-Trauma keine ausreichend lange Er­holungsphase ein oder folgen immer wieder neue Traumata, kommen wei­tere Mikroblutungen zu den bereits ­bestehenden hinzu. Die Einblutungen lassen sich noch mehrere Monate ­später nachweisen, da das Blut im Gehirn nur sehr langsam resorbiert wird. So wiesen beispielsweise Wissenschaftler der Neurologischen Univer­sitätsklinik Heidelberg im Jahr 2008 diese Punktblutungen in ihrer »Heidelberger Boxerstudie« bei einer Gruppe von Amateurboxern mit der hoch auflösenden Kernspintomographie nach. Für eine statistische Auswertung war das Probandenkollektiv jedoch zu klein und mangels finanzieller Mittel konnten die Forschungen nicht weiter­geführt werden. Bereits im Jahr 2004 hatten Wissenschaftler 14 schwedische Amateurboxer untersucht. An Hand von Liquorpunktionen konnten sie zeigen, dass nach einem Schädel-Hirn-Trauma innerhalb von 24 Stunden vermehrt Beta-Amyloid gebildet wird. Dieses Protein ist auch im Gehirn von Alzheimer-Patienten als extrazelluläre Plaques nachweisbar. Zudem ist das Gesamt-Tau-Protein wesentlich an der Entstehung der Alz­heimer-Demenz und der chronisch-traumatischen Encephalopathie beteiligt. Dieses Eiweiß reichert sich bei den beiden Demenzformen vermehrt im Inneren der Hirnzellen in Form von Agglomeraten an. Im Liquor der schwedischen Boxer war es ebenfalls in signifikant höherer Konzentration enthalten. Häufen sich diese beiden und weitere Proteine intra- und extrazellulär an, sterben Gehirnzellen und es kommt zu den damit verbundenen Funktionsausfällen. Bei Boxern sind meist das vordere und mittlere Großhirn betroffen, da dort die größten Kräfte einwirken. Diese Hirnregionen sind für die Steuerung der Gefühle und Impulse zuständig.

Bildgebende Verfahren können nur bedingt strukturelle Veränderungen des Gehirns sichtbar machen. Im Jahr 2000 untersuchten Radiologen die Gehirne von 49 Profiboxern, sahen aber nur bei 7 pathologische Veränderungen. Weitaus häufiger fanden die Forscher Anomalien wie ein vermindertes Hypophysenvolumen und einen Mangel an Wachstumshormon.

Die Befragung von japanischen Profiboxern aus dem Jahr 1998 unterstreicht diese Forschungsergebnisse: Danach litt fast die Hälfte der Sportler am Tag nach einer K.-o.-Niederlage an Kopfschmerzen, Tinnitus, Vergesslichkeit, Schwindel, Übelkeit, Gang- und Hörstörungen. 10 Prozent der befragten Sportler gaben sogar an, eines oder mehrere dieser Symptome wären dauerhaft vorhanden.

Boxer-Demenz

Bereits im Jahr 1949 prägte der britische Neurologe MacDonald Critchley (1900-1997) den Begriff der chronisch-traumatischen Encephalopathie (CTE), der die damals übliche Bezeichnung »Punch drunk« im Boxsport ablöste. Dieser sportartneutrale Begriff hat sich heute im wissenschaftlichen Sprachgebrauch durchgesetzt. Im Jahr 2002 beschrieb der nigerianisch-amerikanische Pathologe Bennet Omalu (geboren 1968) das Krankheitsbild der chronisch-traumatischen Encephalopathie umfassend aus neuropathologischer Sicht erstmals bei US-amerikanischen Footballspielern. Er hatte nach deren Tod die Gehirnstruktur mehrerer Sportler untersucht und fand dabei pathologische Veränderungen. Bis heute kann die Krankheit erst nach dem Tod des Betroffenen in einer Obduktion eindeutig nachgewiesen werden, weil die Veränderungen mit den derzeitigen bildgebenden Verfahren nicht sichtbar gemacht werden können.

Die für eine chronisch-traumatische Encephalopathie charakteristischen Symptome werden in drei Gruppen eingeteilt:

  • Symptome wie Muskelzittern, Gang­unsicherheit, Spastik, Sprachstörungen und Parkinson-Symptomatik
  • kognitive Symptome wie Verlangsamung, Gedächtnisstörungen und Demenz sowie
  • Verhaltensauffälligkeiten wie Depression, Aggressivität, Krimina­lität und Sucht.

 

Mit zunehmendem Alter des Boxers und proportional zur Zahl der absolvierten Kämpfe summieren sich die neurologischen Spätschäden. Erst nach einer Reihe von Jahren, häufig erst nach Ende der Sportkarriere, werden die fortschreitenden klinischen Symptome sichtbar. Im Jahr 2012 zeigte eine ­US-amerikanische Studie der Cleveland-Klinik mit 78 Profiboxern (Professional Fighters Brain Health Study), dass nach zwölf Jahren Boxsport die kognitiven Defizite deutlich werden. Doch bereits vor dieser Zeitspanne stellten die Wissenschaftler ein geschrumpftes Gehirnvolumen fest.

Manche Patienten erleiden alle Krankheitszeichen gleichzeitig, andere nur einige und bei einer dritten Gruppe verläuft die Erkrankung in drei Phasen. Bei ihnen beginnt sie mit Verwirrung, Desorientierung, Denkstörungen und Depressionen, darauf folgen Gedächtnisprobleme, Verhaltensstörungen und erste Parkinson-Symptome. In der letzten Phase sind Parkinson und Demenz voll ausgeprägt.

Zur Häufigkeit der Erkrankung gibt es keine verlässlichen Daten. Schätzungsweise 10 bis 20 Prozent der Profiboxer leiden unter neurologischen Spät­folgen ihrer Wettkämpfe. Bei Amateur­boxern ist die Rate vermutlich viel niedriger, denn für sie gelten strengere ­Sicherheitsvorschriften: Sie müssen ­beim Kampf einen Kopfschutz und stärker gepolsterte Handschuhe tragen sowie kürzere Rundenzeiten einhalten.

Zwei konträre Lager

Der Boxsport hat eine lange Tradition. Erste olympische Faustkämpfe fanden bereits 688 v. Chr. statt, Verletzungen mit teilweise tödlichem Ausgang gehörten immer dazu. Deshalb ist das Image des Boxers auch das eines »harten« Mannes, der austeilen und ein­stecken kann.

Wohl auch deshalb tut sich die Boxwelt bis in die heutige Zeit schwer, die Ergebnisse der medizinischen Fallstudien zu akzeptieren. Lange wurden die Auswirkungen der Kopfverletzungen ignoriert, selbst im Fall von Muhammad Ali wird es nicht gerne gesehen, wenn seine Parkinson-Erkrankung (die möglicherweise auch eine chronisch-traumatische Encephalopathie war) mit seiner Boxkarriere in Zusammenhang gebracht wird.

Bei Boxkämpfen um die Weltmeisterschaft im Schwergewicht liegen die Umsätze im dreistelligen Millionen­bereich. Dass mit Blick auf derart immense Summen Boxer Verstand und Vorsicht außer Acht lassen, ist nachvollziehbar. Die von medizinischen Fachgesellschaften im Vorfeld dieser Veranstaltungen immer wieder geäußerten gesundheitlichen Bedenken blieben lange Zeit ungehört.

Erst im Jahr 2015 begannen in den USA Untersuchungen größerer Gruppen aktiver und ehemaliger Sportler, die Kontaktsportarten oder Sport­arten mit einem großen Sturzrisiko ausüben oder lange Zeit ausgeübt hatten. Diese Studien werden teilweise von Profisportvereinen und -organisationen wie der National Football League finanziert. Damit hat im Profisport ein Umdenken in Richtung Sicherheit für den Sportler eingesetzt, nachdem jahrzehntelang ausschließlich die Jagd nach dem Profit im Vordergrund stand. /