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Probleme mit den Ohren

Von Schmalz bis Schmerz

28.10.2016
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Von Ulrike Viegener / Ohren können viele gesundheitliche Probleme bereiten. Daher ist eine Selbstbehandlung in den seltensten Fällen zu verantworten. Sie birgt die Gefahr, dass eine Ohrerkrankung verschleppt wird und kann unangenehme Folgen haben. PTA und Apotheker sollten im Beratungsgespräch auch die adäquate Ohrhygiene ansprechen.

Ohrenschmerzen, Ohrensausen, Ohrenschmalz – das sind nur einige Ohrprobleme, mit denen Menschen die Apotheke aufsuchen. Zwar ist Ohrenschmalz eigentlich gar kein Problem, aber dennoch empfinden es viele Menschen so. Das klebrige Ohrenschmalz (Zerumen) ist vielmehr ein sehr nütz­liches Sekret, das zu den Schutzmechanismen des Ohres zählt. Es fettet die Haut des äußeren Gehörgangs und stabilisiert deren Säureschutzmantel, der wiederum eine wichtige Barriere für pathogene Keime ist.

Überschüssiges Ohrenschmalz wird zusammen mit Hautschuppen, Staubpartikeln und eingedrungenen Krankheitserregern laufend in Richtung Ohrmuschel abtransportiert. Diese Aufgabe übernehmen feine, synchron schlagende Flimmerhärchen, mit denen der Gehörgang ausgekleidet ist.

Viele Menschen betreiben eine geradezu exzessive Ohrhygiene, indem sie regelmäßig mit Wattestäbchen ver­suchen, den äußeren Gehörgang von Ohrenschmalz zu befreien – eine Un­sitte, wie HNO-Ärzte sagen. Aus ihrer Sicht haben »Q-Tips« im Gehörgang nichts zu suchen.

Die Wattestäbchen bewirken meist das genaue Gegenteil von dem, was beabsichtigt ist: Mit den Stäbchen schieben die Verwender das Ohrenschmalz oft tief in den Gehörgang hinein – nicht selten bis vor das Trommelfell. Dort trocknet es aus und bildet einen harten Propfen. Dieser sitzt dann häufig in der Tiefe fest und verschließt den Gehörgang komplett. Festsitzende Schmalzpfropfen verursachen ein ständiges Druckgefühl, Ohrgeräusche und/oder Schwerhörigkeit und müssen vom Arzt entfernt werden.

Übertriebene Hygiene

Außerdem besteht die Gefahr, sich bei unsachgemäßem Gebrauch der Wattestäbchen im Gehörgang zu verletzen, häufig mit schmerzhaften Entzündungen als Folge. Reizungen oder sogar Verletzungen des Trommelfells, zum Beispiel eine Trommelfellperforation, kommen ebenfalls immer wieder vor.

Entsprechende Warnungen werden von den Q-Tip-Nutzern gerne überhört. Daher ist es sinnvoll, das Thema Ohr­hygiene im Beratungsgespräch anzusprechen. Allenfalls sollten die Ohrmuscheln innen mit einem Waschlappen oder Wattepad und lauwarmen Wasser gereinigt werden. Unbelehrbare sollten Wattestäbchen mit einer sich verdickenden Wattezone verwenden, die ein tieferes Eindringen verhindert.

Anhänger übertriebener Ohrhygiene verweisen häufig auf eine übermäßige Schmalzproduktion, um ihr Verhalten zu rechtfertigen. Dieses Phänomen gibt es in der Tat. Allerdings dürften die wenigsten, die so argumentieren, davon betroffen sein. Meist nehmen Menschen die Schmalzproduktion lediglich als unangenehm wahr und glauben, sie müssten etwas dagegen unternehmen.

Wer tatsächlich ungewöhnlich viel Ohrenschmalz produziert, sollte erst recht darauf verzichten, den Gehörgang selbst zu reinigen. Vielmehr ist in diesem Fall zu raten, ­regelmäßig – am besten alle drei Monate – den HNO-Arzt aufzusuchen. Dieser saugt fachmännisch das überschüssige Ohrenschmalz ab oder spült es aus.

Keine Eigenregie

Ohrenschmerzen (Otalgie) sollte ebenfalls niemand in eigener Regie behandeln. In jedem Fall sollte ein Facharzt auf und in das Ohr hineinschauen, denn die Ursachen der Schmerzen müssen in aller Regel gezielt behandelt werden.

Ohrenschmerzen gehen meistens vom äußeren Gehörgang oder vom Mittelohr aus, schmerzhafte Prozesse im Innenohr sind dagegen vergleichsweise selten. Zu unterscheiden sind ­primäre Otalgien, deren Ursache im Ohr selbst lokalisiert ist, und sekundäre Otalgien, die von außerhalb in die Ohrregion hineinziehen.

Otitis media

Mittelohrentzündungen sind meist die Folge aufsteigender Infektionen der oberen Atemwege und bei Klein­kindern ein häufiges Problem. Dabei nehmen Viren und Bakterien ihren Weg über die – im Kindesalter sehr ­kurze – Ohrtrompete (Eustachische Röhre). Typisch für die akute Otitis media sind plötzlich einsetzende und rasch zunehmende, heftige Ohrenschmerzen, die mit Hörstörungen und Schwindel einhergehen. Fieber, beeinträchtigter Allgemeinzustand und Reizbarkeit sind ebenfalls charakteristisch, und bei Kleinkindern kommen nicht selten unspezifische Symptome wie Bauchschmerzen hinzu.

Hält das Trommelfell dem zunehmenden Sekretdruck in der Pauken­höhle des Mittelohrs nicht stand und reißt, fließt das Sekret über den äußeren Gehörgang ab, was sofortige Linderung verschafft. Wenn sich die Flüssigkeitsansammlung in der Paukenhöhle , der sogenannte Paukenerguss, nicht von selbst zurückbildet, eröffnet der HNO-Arzt das Trommelfell mit einem winzigen Schnitt. In aller Regel heilt eine akute Mittelohrentzündung aber ab, ohne dass ein solcher Eingriff er­forderlich ist. Bei Verdacht auf eine bakterielle Infektion sind Antibiotika erforderlich. Bei viral bedingten Mittelohrentzündungen verschreiben Kinder­ärzte abschwellende Nasensprays oder -tropfen und systemisch wirkende ­Analgetika.

Von außen ins Ohr

Bei Erwachsenen haben Ohrenschmerzen meist ganz andere Ursachen als im Kindesalter. In der Regel entstehen die Schmerzen bei Erwachsenen gar nicht unmittelbar im Ohr, sondern ziehen von außen in die Ohrregion hinein. Oft strahlen die Beschwerden vom Nacken aus und werden durch Muskelverspannungen oder Blockaden der Halswirbelsäule verursacht. Für rund die Hälfte aller Ohrenschmerzen ohne patholo­gischen Ohrbefund sind bei Erwach­senen Bandscheibenschäden oder Funktionsstörungen des zweiten und dritten Gelenks der Halswirbelsäule (Zervikalgelenke) verantwortlich. Auch das Kiefergelenk oder Zahnwurzelentzündungen sind bei Erwachsenen sehr häufig Ausgangspunkt für Ohrenschmerzen.

Schließlich gehen Neuralgien wie die Trigeminusneuralgie manchmal mit ­Ohrenschmerzen einher. In diesem Fall sind einschießende, kurz andauernde Schmerzen typisch, die durch Be­rührung, Kauen und Sprechen ausgelöst werden. Der Zoster oticus ist eine ­Entzündung der Ganglienzellen des VII. und VIII. Hirnnerven, die durch Reak­tivierung des Varizella-zoster-Virus hervorgerufen wird. Die Entzündung geht mit Ohrenschmerzen, Schwindel sowie Bläschen­bildung im äußeren Gehörgang und Gesichtslähmung einher.

Rauschen und Klingeln

Ein weiteres, sehr belastendes Ohr­phänomen sind Ohrgeräusche, also Geräusche ohne äußere Schallquelle. Das Klingeln, Pfeifen und Rauschen im Ohr – medizinisch Tinnitus genannt – ist Begleiterscheinung verschiedener Ohr­erkrankungen, wobei die unangenehmen Geräusche oft gar nichts mit dem Ohr selbst zu tun haben.

Ebenso wie Ohrenschmerzen gehen Ohrgeräusche nicht selten auf Verspannungen im Bereich der Wirbel­säulen- und Kiefermuskulatur zurück. Diese stehen ihrerseits wiederum ­häufig im Zusammenhang mit chronischem Stress. Viele Menschen, bei ­denen es plötzlich im Ohr klingelt oder rauscht, vermuten selbst, das Phänomen könnte etwas mit Stress zu tun haben. Aber auch Gebissfehlstellungen kommen als Grund für Verspannungen der Kiefer- und Nackenmuskulatur in Betracht, in deren Folge dann die lästigen Ohrgeräusche auftreten.

Beim Beratungsgespräch in der Apotheke sollten PTA oder Apotheker sich zudem erkundigen, ob die Betroffenen Medikamente einnehmen, zu deren Neben­wirkungen Tinnitus zählt. Bei einigen Antibiotika, Antidepressiva und Schmerzmitteln wie Indometacin ist dies der Fall.

Ein ganz anderer Grund für Ohr­geräusche ist das Knalltrauma, das auf einer Schädigung der empfindlichen Sinneszellen im Innenohr beruht. Auch ein Abend in der Diskothek kann die Sinneszellen mitunter so irritieren, dass die Hörfähigkeit leidet und Phantomgeräusche auftreten. Ein Zusammenhang zwischen Hörverlust und Tinnitus besteht auch bei beginnender Schwerhörigkeit, was offenbar auf Kompensationsversuche des Gehirns zurückzuführen ist.

In 80 Prozent der Fälle ist auch ein ­Hörsturz von Klingeln, Pfeifen und Rauschen begleitet. Bei einem Hörsturz sind die Betroffenen – meist nur auf einem Ohr – urplötzlich schwerhörig oder vollständig taub. Druck auf dem Ohr und Schwindel sind weitere typische Symptome.

Keine Seltenheit

Mit einer Häufigkeit von 1 : 3000 Menschen pro Jahr sind Hörstürze nicht selten. Die Pathogenese ist nicht abschließend geklärt. Wissenschaftler vermuten akuten ­Sauerstoffmangel der Hörzellen in­folge arteriosklerotischer oder spastischer Engpässe in den kleinen Versorgungsgefäßen. Nachweislich erhöhen Kreislauf- und Stoffwechsel­krank­heiten, die zu thrombotischen Gefäßverschlüssen führen können, das Risiko eines Hörsturzes. Das gilt für Diabetes mellitus, Fettstoffwechselstörungen, eine erhöhte Gerinnungsneigung des Blutes und Bluthochdruck. Auch Rauchen und Stress gelten als Risikofaktoren. Behandelt wird der Hörsturz mit Rheologika wie Pentoxifyllin, oder mit der Infusion von Plasmaersatzstoffen, um einen störungsfreien Blutfluss zu gewährleisten. /