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Blutzuckerspiegel

Das Einmaleins des Messens

09.11.2015  13:37 Uhr

Von Kornelija Franzen / Den Blutzucker selbst zu über­prüfen, ist entscheidender Teil der Diabetestherapie. Damit das ­Messen fehlerfrei gelingt, gilt es, einige Punkte zu berücksichtigen.

Diabetiker bestimmen heute eigenständig und unkompliziert ihren Blutzuckerwert. Für diese Selbstkontrolle benötigen sie lediglich einen Tropfen Blut sowie ein Messgerät samt Teststreifen. Der Blick in das Körperinnere ist wichtig, denn nur so lässt sich der tatsächliche Status quo der Blutzuckerkonzentration ermitteln und die Behandlung bedarfsgerecht anpassen. Besonders zu Beginn einer Diabetestherapie, während eines akuten Infektes, bei der Umstellung von Ernährungsgewohnheiten oder bei mehr Sport sind gewissenhafte Blutzuckerkontrollen besonders wichtig.

Zur Orientierung: Bei einem gut eingestellten Diabetiker werden Nüchternwerte zwischen 80 bis 110 mg/dl (4,4 bis 5,6 mmol/l) angestrebt. Post­prandial, das heißt ein bis zwei Stunden nach einer Mahlzeit, sollte der Glucosespiegel unter 140 mg/dl (7,8 mmol/l) liegen. Blutzuckerwerte außerhalb dieses Normbereiches bergen gesundheitliche Risiken. Die stattfindenden Glykosylierungsprozesse schädigen Blutgefäße und Nerven. Sie legen so den Grundstein für die Entstehung diabetischer Folgeerkrankungen. Aber nicht nur zu hohe Werte sind gefährlich, sondern auch das Absinken der Glucosekonzen­tration unter 50 mg/dl. Derartige Hypoglykämien – ausgelöst beispielsweise durch eine Insulinüberdosierung – können, wenn nicht unmittelbar Gegenmaßnahmen ergriffen werden, lebensbedrohliche Folgen haben.

Mobile Mini-Labore

Blutzuckermessgeräte sind ausgeklügelte Mini-Labore und aus dem modernen Diabetesmanagement nicht mehr wegzudenken. Mithilfe einer elektrochemischen Reaktion wird die Blutzuckerkonzentration in ein messbares Sig­nal überführt. Das Schlüsselenzym, die Glucose-Oxidase, ist auf den Teststreifen enthalten. Das Enzym wandelt Glucose durch eine Oxidation zu Gluconolacton und Wasserstoffperoxid um.

Moderne Messgeräte arbeiten bereits mit einer Menge von 0,3 bis 0,6 µl Blut. Sie speichern Blutzuckerdaten und besitzen eine Schnittstelle, die die Übertragung auf einen Computer ermöglicht. Auf diese Weise kann ein digitales Blutzuckertagebuch geführt werden. Diabetiker haben etwa die Möglichkeit, bei jeder Messung selbst einen neuen Teststreifen einzulegen (zum Beispiel bei den Geräten OneTouch Verio®, Accu-Chek® Aviva, Contour®). Außerdem stehen Geräte mit integrierter Teststreifentrommel zur Verfügung (zum Beispiel Accu-Chek® Mobile). Diese eignen sich besonders für Menschen mit eingeschränkter Feinmotorik oder solche, die häufig messen müssen.

Mehrmals täglich

Regelmäßige Eigenkontrollen des Glucosespiegels sind für Diabetiker eine Selbstverständlichkeit. Wie häufig ge­testet werden muss, richtet sich nach dem gewählten Therapieschema. Bei der intensivierten Insulintherapie (ICT, Intensified Conventional Therapy), dem Goldstandard der Behandlung der Typ-1-Erkrankung, wird mindestens viermal täglich gemessen, vor jeder Hauptmahlzeit sowie vor dem Zubettgehen. Die ICT arbeitet nach dem Basis-Bolus-Prinzip. Das bedeutet, zusätzlich zu einem Basal- oder Verzögerung­s­insulin, welches den Grundbedarf deckt, wird vor der Mahlzeit ein kurz wirksames Insulin injiziert. Um unter Berücksichtigung der bevorstehenden Kohlenhydratzufuhr die nötige Insulinmenge festlegen zu können, muss der Patient seinen aktuellen Glucosewert kennen – Messen ist demnach Pflicht. Zusätzliche postprandiale Kontrollen sind für erfahrene Diabetiker kein Muss, aber sie erhöhen die Sicherheit.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Bei 10 °C bis max. 35 °C messen
  • Teststreifenbehältnis nach Entnahme umgehend wieder verschließen
  • Hände vorher waschen und trocknen
  • Seitlich in die Fingerbeere von ­Mittel-, Ring- oder Kleinfinger stechen
  • Lanzette nur einmal benutzen
  • Bei zu kleinem Blutstropfen Finger nicht quetschen, sondern sanft bis zum zweiten ­Fingerglied ausstreichen
  • Ergebnisse protokollieren

Bei der konventionellen Diabetes­therapie (CT, Conventional Therapy) wird zweimal täglich ein Mischinsulin gespritzt. Ist der Patient gut eingestellt und achtet auf eine gleichbleibende Kohlenhydratzufuhr, regelmäßige Essenszeiten und mäßige körperliche Bewegung, genügt es, morgens nüchtern sowie zwei Stunden nach dem Frühstück den Blutzuckerspiegel zu überprüfen. Eine Behandlung, die ausschließlich auf oralen Antidiabetika fußt, erfordert meist einmal wöchentlich ein Tagesprofil mit drei bis sechs Messungen, wobei mindestens der Nüchternblutzucker sowie ein prä- und ein postprandialer Wert bestimmt werden sollten.

Präzise und schmerzarm

Da sowohl das Blutzuckermessgerät als auch die mit dem Enzym versehenen Teststreifen empfindlich auf Hitze, Kälte und Feuchtigkeit reagieren, sollten Messungen immer innerhalb eines Temperaturbereiches von etwa 10 bis 35 °C stattfinden. Nur so erhält man verwertbare Daten. Es empfiehlt sich auch, die Teststreifen stets im Originalbehältnis aufzubewahren. Das Trocknungsmittel im Deckel schützt die Glucose-Oxidase vor Feuchtigkeit und damit vor Aktivitätsverlust. Nach jeder Teststreifenentnahme ist das Behältnis zügig wieder zu verschließen. Nach maximal drei Monaten sollten nicht gebrauchte Blutzuckerteststreifen verworfen werden.

Vor jeder Messung sollte der Messende die Hände mit warmem Wasser und Seife waschen und anschließend gut abtrocknen. Auf diese Weise werden Schmutz und Schweiß entfernt. Das warme Wasser regt zudem die Durchblutung an. Von einer Desinfektion mit Alkohol rät man heute eher ab. Wird gestochen, noch bevor das Desinfektionsmittel vollständig verdunstet ist, stören verbleibende Reste die Konzentrationsbestimmung.

Seitlich stechen

Eine schmerzarme Kapillarblutgewinnung gelingt am besten, indem die Stechhilfe seitlich auf die Fingerkuppe, die Fingerbeere, aufgesetzt wird. Im Vergleich zur Fingerspitzenmitte befinden sich hier weniger sensible Nervenzellen. Daher schmerzt der Einstich nicht so stark. Gleichzeitig ist das Geflecht der feinsten Kapillargefäße besonders dicht und die oberste Hornhautschicht vergleichsweise dünn. Nach Möglichkeit sind Daumen und Zeigefinger der vielbenutzten Hand auszusparen. PTA und Apotheker sollten nicht müde werden, Patienten darauf hinzuweisen, Lanzetten wirklich nur einmal zu benutzen. Statistische Erhebungen belegen, dass sie in der Regel mehrfach verwendet werden – in Extremfällen bis zu 100-mal. Solche vielbenutzten Lanzetten sind stumpf und verbogen. Sie dringen nicht schmerzarm in das Gewebe ein, sondern reißen vielmehr kleine Wunden.

Fließt nach dem ­Stechen nicht ausreichend Blut, so wird der Finger häufig gequetscht. Dies führt allerdings dazu, dass austretendes Gewebewasser die Messergebnisse verfälscht. Besser ist es, den Arm kurz nach unten hängen zu lassen oder von der Handinnenfläche bis zum zweiten Fingerglied sanft auszustreichen. Der erste Blutstropfen ist übrigens bestens zur Messung geeignet. Ihn zu verwerfen und stattdessen den zweiten Tropfen zu nutzen, ist überholt. Das ist nur sinnvoll, wenn die Hände verschmutzt sind und keine Möglichkeit zum Waschen besteht. Um die Fingerkuppen zu pflegen und die Bildung von Verhärtungen zu vermeiden, können PTA und Apotheker Diabetikern eine feuchtigkeitsspendende Handcreme empfehlen.

Messen in der Apotheke

Bei der Blutzuckerkontrolle in der Apotheke gilt es, neben der richtigen Vor­gehensweise vor allem auf Sicherheit und Hygiene zu achten. Blutuntersuchungen müssen daher an einem eigens für diesen Zweck reservierten Platz durchgeführt werden, der sich bestenfalls in unmittelbarer Nähe zu einer Waschgelegenheit befindet. Es versteht sich von selbst, dass bei der Messung Einmalhandschuhe getragen werden und der Arbeitsbereich anschließend desinfiziert wird. Zur Kapillarblutgewinnung eignen sich sterile Einmalstechhilfen (etwa Accu-Chek® Safe-T-Pro Plus). Pflaster zur Versorgung der Einstichstelle werden am besten in greifbarer Nähe positioniert. Nach Gebrauch sind Lanzetten, Teststreifen ­sowie Einmalhandschuhe in durchstichsicheren, verschließbaren Abfall­behältern zu entsorgen. Ein abschließen­des Gespräch über die gemessenen und pro­­to­ko­llier­ten Werte rundet eine Blutzuckermessung in der Apotheke ab. /