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Diabetisches Fußsyndrom

Die Füße in die Hand nehmen

09.11.2015
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Von Elke Wolf / Bei Diabetes-Patienten kann nachlässige Fuß­pflege dramatische Folgen haben. Doch vielen ist die Problematik des diabetischen Fußsyndroms gar nicht bewusst. Dabei könnten sie schwere Verläufe wie Geschwüre und Amputationen verhindern, wenn sie ihre Füße im wahrsten Sinne des Wortes zur Pflege in die Hand nehmen. Beratung in der Apotheke tut not.

Die Füße sind die Achillesferse eines ­Diabetikers: Das diabetische Fußsyndrom (DFS) ist eine der Hauptkomplikationen bei Menschen mit langjährigem Diabetes. Je länger die Stoffwechselerkrankung besteht und umso schlechter es um die Blutzuckereinstellung bestellt ist, desto höher ist das Risiko. Die richtige Fußpflege gilt als wesentlicher Bestandteil, um schwere Verläufe des DFS mit Geschwüren und Amputationen zu vermeiden. Etwa 2 bis 10 Prozent der Diabetiker leben schätzungsweise mit einem DFS.

Das bedeutet für Deutschland: Von den rund 7 Millionen Typ-1- und Typ-2-Diabetikern leiden bis zu 700 000 unter DFS. Bei schätzungsweise bis zu 7 pro 1000 Patienten endet die Kaskade in der vollständigen oder teilweisen Amputation des Fußes. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft zählte im Jahr 2010 mehr als 48 000 Amputationen aufgrund eines DFS. Damit gehen rund 70 Prozent aller Fußamputationen in der Bundesrepublik auf das Konto eines Diabetes. Und: Die Amputation ist längst nicht ausschließlich ein Problem älterer Patienten, zeigte eine US-amerikanische Studie. 4 Prozent sind jünger als 45 Jahre, 32 Prozent sind zwischen 45 und 60 Jahre alt, und 64 Prozent sind älter als 65 Jahre.

Die Hälfte dieser Eingriffe könnte verhindert werden, haben Berechnungen ergeben. Dies entspräche dann auch dem Präventionsziel, das in der St.-Vincent-Deklaration 1989 festgelegt wurde. Auch wenn die Zahl der Bein- und Fußamputationen in den letzten 23 Jahren unverändert hoch liegt, hat sich die Versorgung der Diabetiker doch erheblich verbessert. Wissenschaftlich gesicherte Interventionsmaßnahmen sind die Identifikation von Hochrisikopatienten, die regelmäßige Inspektion und Untersuchung der Füße, geeignetes Schuhwerk sowie die Behandlung krankhafter Fußveränderungen. Auch der Schulung der Patienten kommt eine präventive Bedeutung zu.

Fußulzera entwickeln sich aus dem Zusammenspiel verschiedener Faktoren, bei denen die diabetische Polyneuropathie eine zentrale Rolle spielt: Durch die autonome Nervenschädigung nimmt die Sekretion der Schweiß- und Talgdrüsen ab, der transepidermale Wasserverlust steigt. In der Folge wird die Haut trocken, spröde und rissig und verliert ihren schützenden Hydro­lipidfilm. Durch die motorische Neuropathie entwickelt der Patient Koordinationsstörungen, denn die Nerven, welche die Muskulatur innervieren, degenerieren. Das Gangbild verändert sich. Zehen verkrümmen, Krallen- und Klauenzehen, Hornhaut und Schwielen entstehen. Da Letztere den Druck auf das darunterliegende Weichteilgewebe erhöhen, können sie bei andauernder Druckbelastung unterbluten. Das erhöht die Infektionsgefahr.

DFS nimmt seinen Lauf

Die sensorische Neuropathie wiederum reduziert die Reiz- und Schmerzwahrnehmung bis hin zur völligen Empfindungslosigkeit. Schmerzhafte Haut­einrisse, die sich bei trockener, stark verhornter Haut schnell bilden, zu hohe Temperaturen oder Druck werden nicht registriert und können unbehandelt zum Fußulkus auswachsen. Auch Missempfindungen wie Kribbeln und Ameisenlaufen oder stechende und brennende Schmerzen vor allem in Ruhe und nachts machen Diabetikern Probleme. Kommt zusätzlich eine periphere arterielle Verschlusskrankheit ins Spiel, erschwert die mangelnde Durchblutung die Wundheilung.

Die sensorische Form der Neuropathie ist nach Experteneinschätzung besonders schwerwiegend. Denn durch sie verändere sich die »anthropologische Matrix« des Menschen: Durch das fehlende Schmerzempfinden nimmt der Betroffene seinen Fuß nicht mehr als wichtigen Teil von sich wahr. Er sieht zwar die bestehende Läsion; da sie aber keine Beschwerden verursacht, sieht er keinen Anlass zum Handeln. Das ist vermutlich auch der Grund, warum viele Diabetiker ihre Füße nur sporadisch pflegen und Therapiemaßnahmen des Arztes oft nicht als Hilfe empfinden. Denn subjektiv spüren sie keine Besserung.

In der Tat ist es um die Fuß-Fürsorge unter den Diabetikern schlecht bestellt. Das zeigen Umfragen immer wieder. So etwa eine unter 3375 Diabetikern aus 376 Arzt- und Facharztpraxen. Danach war zwei Drittel der Patienten (69 Prozent) nicht bewusst, dass sie auf ihre Füße achten müssen. Fußpflege scheint längst nicht von allen Patienten routinemäßig in die alltägliche Pflege inte­griert zu werden, denn 42 Prozent pflegten ihre Füße nur sporadisch. Und die tägliche Fußinspektion stand nur für 57 Prozent auf dem Tagesprogramm. Wenn Diabetiker ihre Fußpflege allerdings ernst nahmen, dann auf Empfehlung ihres Arztes oder Apothekers, so das Ergebnis der Studie.

Cremen und massieren

Bei fast 80 Prozent der Diabetiker hat die Haut bereits Schaden genommen, und zwar hinsichtlich des Verhältnisses von Fett und Feuchtigkeit. So ergaben beispielsweise sebumetrische Messungen für den Bereich der Fußballen einen um 60 Prozent reduzierten Hautfettgehalt sowie einen um 24 Prozent herabgesetzten Gehalt an Feuchtigkeit. Die herabgesetzte Barrierefunktion begünstigt die Entstehung von Ulzera. Deshalb ist alles daran zu setzen, mit geeigneten Pflegemaßnahmen die Hautbarriere intakt zu halten.

Verwendete Präparate sollten das Wasserbindungsvermögen der Haut verbessern und den übermäßigen Wasserverlust reduzieren. Das geht am besten mit lipidreichen Fußpflegepräparaten, die zusätzlich feuchtigkeitsbindende Substanzen enthalten. Empfohlen werden harnstoffhaltige Externa mit einem Lipidanteil von mindestens 20 Prozent. Die wässrige Phase sollte nicht höher konzentriert sein, da über eine verstärkte Wasserverdunstung aufgrund der durchlässigen Hautbarriere der ohnehin erhöhte transdermale Wasserverlust die trockene Haut noch trockener machen würde (»Dochteffekt«).

Geeignete Grundlagen

Eine hydrophile Grundlage (Lotionen, O/W-Emulsionen oder Schäume) erhöht die Penetrationsfähigkeit der Inhaltsstoffe. Überdies lässt sie sich gut verteilen. Das ist ein bedeutender Vorteil, wenn man bedenkt, dass vielen ­Diabetikern aufgrund eingeschränkter Beweglichkeit das Einmassieren der Füße schwerfällt. Eingearbeitete Hydro­komplexe, meist bestehend aus Harnstoff oder Glycerin, halten Feuchtigkeit in der Haut und hydratisieren so die Hornhaut. Sie sind unterschiedlich hoch konzentriert, für Diabetiker sollten es mindestens 10 Prozent Urea sein. ­Zusammen mit einem Präparate-abhängigen Lipid-Mix sorgen sie für eine ausgeglichene Hydrolipid-Barriere. Die Hautfeuchtigkeit verbessert sich bereits nach der ersten Anwendung; der Effekt hält über 24 Stunden an. Zudem scheint die regelmäßige Anwendung die übermäßige Hornhautbildung einzudämmen.

Tipps für die richtige Pediküre zu Hause

  • Füße täglich mit einem Handspiegel auf Druckstellen, Risse und Blasen inspizieren. Sich dabei eventuell von einem Familienmitglied helfen lassen.
  • Auch bei kleinen Verletzungen nicht selbst Hand anlegen, sondern vom Diabetologen abklären lassen.
  • Lauwarme Fußbäder (nicht länger als drei bis fünf Minuten bei etwa 37°C) bereiten die Haut auf die ­Pflege vor. Temperatur mit dem Thermometer überprüfen.
  • Danach die Füße gründlich abtrocknen. Besonders die Zehenzwischenräume wegen der Fußpilzgefahr trocken und sauber halten. Diabetiker sollten zum Trocknen keinen Fön verwenden.
  • Hornhautentfernung und Nägelkürzen nur mit stumpfen Werkzeugen, wie Feile oder Bimsstein. Scharfe ­Instrumente wie Nagelknipser, Hornhautzange, -hobel mit Rasierklinge und Nagelschere sind tabu.
  • Füße mindestens einmal täglich mit fett- und feuchtigkeitsspendenden Dermatika einmassieren.
  • Nicht barfuß laufen (auch nicht in der eigenen Wohnung), um Verletzungen und Infektionen zu vermeiden.
  • Keine Wärmflasche und Heizkissen verwenden; kalte Füße werden auch durch weiche Wollsocken warm.
  • Druckstellen vermeiden. Deshalb weiche, bequeme und ausreichend weite Schuhe ohne tastbare Innennähte tragen. Ein orthopädischer Schuhmacher fertigt individuell auf Rezept. Strümpfe ohne störende Nähte wählen. Auf Naturfasern achten.
  • Präparate gegen Hühneraugen sind nichts für diabetische Füße, weil sie im ohnehin geschädigten Gewebe weiteren Schaden anrichten könnten.
  • Jährliche Vorstellung beim Hausarzt und Diabetologen zur Fußunter­suchung, wie im Gesundheitspass Diabetes vorgesehen.
  • Normnahe Einstellung der Blut­zucker­werte
  • Für Patienten mit pAVK: Aktives Gehtraining verbessert die Lauf­leistung und die Durchblutung. Aber nur, solange keine Ulzera bestehen.
  • Die Fußpflege sollte am besten ein Podologe übernehmen, spätes­tens dann, wenn eine Neuropathie ­besteht. Steht die Diagnose »dia­betisches Fußsyndrom« fest, tragen die Krankenkassen die Kosten für die podologische Versorgung. Wer es als vorbeugende Maßnahme nutzt, muss selbst zahlen.

Wichtig für das Beratungsgespräch: Babyöl, Zinkpasten oder reine Fettcremes sollten Diabetiker nicht verwenden. Auch Hühneraugenpräparate haben nichts an Diabetiker­füßen zu suchen, da sie meist ätzende Substanzen enthalten. Achtung auch, wenn ein Diabetiker beispielsweise eine Hydrocortison-Creme für ein Fußmalheur oder gerbende Zusätze für sein Fußbad verlangt. Derlei Dermatika trocknen die ohnehin schon angegriffene Haut zusätzlich aus.

Pilz heftet sich an Fersen

Die gestörten Hydrolipid-Verhältnisse am Diabetikerfuß sind auch der Grund dafür, dass die Patienten die bevorzugte Zielgruppe von Dermatophythen sind, also Erregern, die Fuß- und Nagelpilz mit sich bringen. Doch durch die peripheren Nervenschädigungen nehmen Diabetiker den typischen Juckreiz erst relativ spät oder gar nicht wahr. Die auffallend verdickte Hornschicht und eine starke Abschuppung an den Füßen interpretieren viele Patienten als trockene Haut – die eben auch viele Diabetiker haben. Das verzögert nicht selten die richtige Behandlung. Unbehandelt breiten sich die Dermatophyten rasch von der Haut zu den Nägeln aus.

Ein Tipp: Menschen mit immer wiederkehrenden Mykosen sollten ihren Blut­zuckerspiegel untersuchen lassen, da eine Pilzerkrankung umgekehrt auch ein Indiz für Diabetes sein kann. /