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Flüchtlingskrise

Engagement für Migranten

09.11.2015  13:37 Uhr

Von Christina Müller und Daniel Rücker / Fast eine Million ­Menschen sind seit Jahresbeginn nach Deutschland geflohen. ­­ Die meisten stammen aus Kriegsgebieten in Syrien, Irak und ­Afghanistan. Ihre Versorgung ist eine Herausforderung, bei ­ der zum Teil auch Apotheken gefragt sind. Das gilt noch viel mehr für Apothekerkammern und -verbände.

Wie sehr kümmern sich Apotheker ­ um die Versorgung der Flüchtlinge? ­Genaue Informationen darüber gibt es nicht. Im föderalen Staat Deutschland gibt es ohnehin keine einheitliche ­Lösung. Die Bundesländer kochen jeweils ihre eigene Suppe. Die Redaktionen von PTA-Forum und Pharmazeutischer Zeitung haben deshalb Kammern und Verbänden jeweils elf Fragen zur Versorgung der Flüchtlinge gestellt. Die Ergebnisse macht deutlich: Jede ­Organisation ist in die Versorgung eingebunden, allerdings gibt es deutliche Unterschiede bei der Intensität.

Eine große Aufgabe für die Bundesländer, Landkreise und Kommunen ist die Versorgung von Asylsuchenden in Erstaufnahmelagern. »Die Zeit zwischen Ankunft und Registrierung von Flüchtlingen in Berlin beträgt Presseberichten zufolge derzeit rund 57 Tage«, ­informiert der Berliner Apotheker-­Verband. Knapp zwei Monate, in ­denen die medizinische Betreuung der Menschen vom Gesetzgeber nicht einheitlich geregelt ist.

Spendenaktion

Dementsprechend unterschiedlich läuft die Versorgung der nicht regis­trierten Flüchtlinge in den einzelnen Bundesländern ab. So hat etwa die Apothekerkammer Saarland ihre Mitglieder zu einer Arzneimittel-Spendenaktion aufgerufen, wie sie auf Anfrage der PZ erklärte. »Dabei ging es um ­dringend für die Akutversorgung be­nötigte Medikamente«, schreibt die Kammer. »Viele Apotheken haben sich ­daran beteiligt.« Zudem habe sie eine Rezeptsammelstelle in einem Erstaufnahmelager eingerichtet, die von sechs Apotheken im Wechsel betrieben wird. »Die Rezepte können problemlos über die Rechenzentren abgerechnet werden und sind zuzahlungsfrei.« Kostenträger ist das Landesverwaltungsamt. Im Gegensatz dazu lehnt die Berliner Apothekerkammer Arzneimittelspenden ausdrücklich ab. Die Versorgung der Flüchtlinge in den Erstaufnahme­lagern übernimmt hier die Hilfsorganisation Apotheker ohne Grenzen (AoG).

Registrierte Flüchtlinge

Strukturierter verläuft in der Regel die Versorgung bereits registrierter Flüchtlinge. Deren Arzneimittelkosten tragen in der Regel die örtlichen Sozialämter. In manchen Bundesländern geht die Abwicklung jedoch über einzelne Krankenkassen – etwa in Hamburg und ­Bremen. Beide Länder haben vor ­wenigen Monaten die elektronische Gesundheitskarte für Asylbewerber ein­geführt. In Bremen erhalten Flüchtlinge »kurz nach der Ankunft eine ­Gesundheitskarte und sind Versicherte der AOK«, erklärt die zuständige Apo­thekerkammer. Besondere Rezeptvordrucke für Asylsuchende gibt es nicht, nach Angaben der Kammern und Verbände verwenden Ärzte meist Muster-16-Rezepte. Nach dem Asylbewerberleistungsgesetz sind Flüchtlinge bis zu einer Dauer des Aufenthalts von 15 Monaten grundsätzlich von Zuzahlungen und Mehrkosten befreit. Anschließend müssen sie bis zur Belastungsgrenze zuzahlen. In den kommenden Wochen werden weitere Bundesländer die Gesundheitskarte für Flücht­linge einführen.

Der Apothekerverband Nordrhein hat seine Mitglieder bereits Anfang ­August in einem Rundfax darauf aufmerksam gemacht, dass einige Sozialämter sich gelegentlich für nicht zuständig erklärten und zu Erstattungszwecken an andere Behörden oder an Krankenkassen verwiesen. Dieses Verfahren hält der Verband – gemäß den regional geltenden Versorgungsverträgen – für unzulässig. »Wir weisen noch einmal darauf hin, dass eine Prüfpflicht der Apotheken hinsichtlich der Zuständigkeit des angegebenen Kos­tenträgers sowie hinsichtlich der Ver­ordnungs­fähigkeit des verordneten Mittels (…) nicht besteht.« Lediglich bei Auffälligkeiten zur verordneten Menge, etwa bei einem Versorgungszeitraum von mehreren Monaten, rät der Verband, mit dem verordnenden Arzt Rücksprache zu halten.

Keine Prüfpflicht

Auch der Apothekerverband Baden-Württemberg sieht seine Mitglieder diesbezüglich auf der sicheren Seite. Laut den dort geltenden Regelungen seien Verordnungen, auf denen ein ­Sozialhilfeträger angegeben ist, den Apotheken »in allen Fällen zu honorieren, auch dann, wenn sich nachträglich herausstellen sollte, dass der betreffende Patient keinen Anspruch auf ­Sozialhilfe hat.« Demnach bestehe bei Vorlage eines gültigen Rezepts für den Apotheker keine Prüfpflicht, ob einem Asylbewerber die verschriebene Leistung zusteht. »Dies bestimmt der ­behandelnde Arzt.« Das bezieht der Verband auch auf hochpreisige Medikamente, etwa das Hepatitis-C-Mittel Sovaldi. Viele andere Verbände äußern sich mit Blick auf derart kostenintensive Arzneien etwas zurückhaltender und empfehlen ihren Mitgliedern, in solchen Fällen vorab eine Genehmigung einzuholen. In einigen Bundesländern gibt es auch unterschiedliche Kostenträger, die mit teuren Arzneimitteln jeweils anders umgehen.

Intensiver Kontakt

In den meisten Bundesländern sind die Apothekerkammern und -verbände nicht unmittelbar in die Flüchtlingshilfe eingebunden. In der Regel gibt es aber in den zuständigen Landesministerien Ansprechpartner, mit denen sich die Apothekerorganisationen bei Bedarf abstimmen. Das schreiben zum Beispiel der Apothekerverband Schleswig-Holstein, der Hessische Apotheker­verband (HAV) und die Apothekerkammer Brandenburg. In anderen Bundes­ländern gibt es einen intensiveren ­Kontakt der Apotheker mit den Institutionen des Bundeslandes, etwa in Sachsen. Dort arbeiten Kammer und Verband eng mit dem Staatsminis­te­rium für Soziales und Verbraucherschutz, der Landesdirektion Sachsen und der KV zusammen. Auch die Kammer Rheinland-Pfalz gibt an, es gebe Gespräche und Arbeitsgruppentreffen mit Landesapothekerverband und dem Gesundheitsministerium Rheinland-Pfalz.

In Nordrhein-Westfalen gibt es einen engen Austausch der beiden Kammern und Verbände mit dem Gesundheitsministerium, der Bezirksregierung, den Amtsapothekern und der Kassenärztlichen Vereinigung. Der HAV steht in Kontakt mit dem Sozialministerium und der Hessischen Erstaufnahme-Einrichtung. Der Verband ist wie einige andere Apothekerverbände in die Versorgung der Flüchtlinge mit Impfstoffen einbezogen. ­Positiv aus Sicht der Apotheker ist, dass in allen Regionen die Arzneimittelversorgung nach den bewährten Regelungen weiter läuft. Es gibt keine Krisenstrukturen, die Versorgung läuft über die öffentlichen Apotheken. Das gilt auch für den Nacht- und Notdienst.

Dass die Flüchtlingskrise neben dem Aufwand auch eine Chance ist, wurde in den vergangenen Monaten immer wieder betont. Die meisten Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, sind jung, viele unter 30 Jahre alt. Über ihre Ausbildung gibt es keine ­zuverlässigen Aussagen. Wie viele Apotheker unter ihnen sind, ist un­bekannt. Nach den Angaben der ­Kammern und -verbände ist die Zahl der Flüchtlinge, die in deutschen ­Apotheken ein Praktikumsplatz oder eine Anstellung haben, sehr überschaubar. Die Kammern haben nur ­Infor­mationen zu Einzelfällen. Dabei handelt es sich fast ausschließlich um Flüchtlinge, die bereits seit mehreren Monaten in Deutschland leben. Bis die aktuell nach Deutschland gekommenen Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt und damit auch in Apotheken kommen, dürfte wohl noch mindestens ein Jahr vergehen.

Die vollständigen Antworten der Kammern und Verbände finden Sie unter Flüchtlingsversorgung: Herausforderung in der Apotheke, PZ 46/2015. /