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Sucht

Kaufen unter Zwang

Inga Richter
09.11.2015  13:37 Uhr

Von Inga Richter / Die Neigung mancher Menschen zu sucht­artigem Kaufverhalten ist lange bekannt, aber vergleichsweise wenig erforscht. Ursachen und Leidensdruck ähneln denen ­an­derer Abhängigkeiten. Zwar droht kein gesundheitlicher ­Ver­fall wie bei Alkoholismus oder Drogenabhängigkeit, dafür ­aber soziale Vereinsamung, körperliche Entzugserscheinungen und ­finanzieller Ruin. Spezielle Therapieangebote sind noch rar gesät.

Bei ihr lösen womöglich Schuhe oder Kosmetikartikel das Verlangen aus, bei ihm eher Werkzeuge oder technische Geräte. Manche kaufen einfach wahllos. Andere glauben, das Erworbene wirklich zu benötigen. Allen Menschen mit pathologischem Kaufverhalten gemeinsam ist, dass sie über den Bedarf hinaus Geld ausgeben. Einige verschulden sich, müssen Privatinsolvenz anmelden oder begehen gar kriminelle Handlungen. Doch der Druck lässt sich nicht bezwingen. Nach dem Bezahlen währt das Glücksgefühl nur kurz. Rasch weicht es einem schlechten Gewissen, Scham und Verzweiflung.

»Der Kaufepisode geht eine Phase der Depression, Anspannung oder Langeweile voraus«, sagt Professor Dr. ­As­trid Müller von der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Um die Seelenpein abzubauen, wird faktisch alles Mögliche erworben: Bücher, Lippenstifte, Kerzenständer, Autos. Dabei muss die »Oniomanie« (altgriech.: onios für käuflich und mania für Wahn) klar von gelegentlichen Frust­­käufen abgegrenzt werden, die wohl viele bisweilen zu unnötigen Neuanschaffungen verleiten.

Verlust der Kontrolle

Bei der Kaufsucht beherrscht die Gier nach der jeweiligen Ware die Gedanken der Betroffenen so lange, bis sich diese in ihrem Besitz befindet, völlig losgelöst vom eigenen Willen oder der Vernunft. So wie jener Kontrollverlust ein Kriterium für Abhängigkeiten ist, muss auch die Dosis stets gesteigert werden. Immer häufiger führt es die Kaufabhängigen in Geschäfte oder auf die Webseiten von Online-Warenhäusern. Immer größer muss die Anzahl der erstandenen Waren oder deren Preis werden, um die ersehnte Erleichterung zu verspüren. Kommt etwas dazwischen, leiden die Betroffenen unter Entzugserscheinungen: Sie zittern oder schwitzen, werden unruhig und nervös.

Bereits zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts prägte der Psychiater Emil Kraepelin den Begriff Oniomanie für die »krankhafte Kauflust«. In den 1980er-Jahren begann die Erforschung des Phänomens. Während Wissenschaftler nach ersten Erhebungen die Häufigkeit 1991 in den neuen Bundesländern auf etwa 1 Prozent und in den alten Bundesländern auf 5 Prozent schätzten, waren es 20 Jahre später bereits 6,5 beziehungsweise 8 Prozent.

Konsum ohne Limit

In diesem Zeitraum hat sich das Produktangebot im Allgemeinen und in den einzelnen Geschäften erheblich vergrößert. Supermärkte und Discounter verkaufen längst nicht mehr ausschließlich Lebensmittel, sondern auch Bekleidung, Computer oder Haustierbedarf. Die allumfassende Werbung erstreckt sich Tag und Nacht auf sämtliche Medien. Kataloge von Versandhäusern und insbesondere die zeitlich und räumlich unbegrenzten Möglichkeiten des Online-Shoppings sowie bargeldlose Zahlungsmöglichkeiten stellen für entsprechend prädisponierte Menschen eine große Verführung dar: Konsum ohne jedes Limit.

Selbsttest: Sieben Warnsignale

Mindestens vier Zustimmungen kön­nen auf eine mögliche Kaufsucht hindeuten:

  • Ständiges Nachdenken darüber, Dinge zu kaufen
  • Shoppen, um (kurzfristig) die Laune zu verbessern
  • Tägliche Verpflichtungen wie Arbeit oder Schule leiden darunter
  • Man muss immer mehr kaufen, um zufrieden zu sein
  • Der Vorsatz, weniger zu kaufen, gelingt nicht
  • Schlechte Gefühle, wenn man vom Shoppen abgehalten wird
  • Die Menge der Einkäufe wirkt sich negativ auf das Wohlbefinden aus


Nach der Bergen-Shopping-Addiction Skala, 2015 erarbeitet von ­Forschern der Universität Bergen in Norwegen gemeinsam mit ­britischen und US-amerikanischen Kollegen

Eine von der Arbeitsgemeinschaft Müller durchgeführte und 2010 veröffentlichte Fragebogenerhebung unter 2350 Deutschen ergab, dass knapp 7 Prozent der Befragten zumindest Anzeichen einer Kaufsucht zeigten. Jüngere Menschen scheinen häufiger betroffen zu sein als Ältere. Uneinheitlicher fallen die Studienergebnisse in Bezug auf die Geschlechterverteilung aus. Manche Untersuchungen berichten von einer höheren Gefährdung von Frauen, andere wiederum weisen keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern auf, wie es auch in Müllers Befragung der Fall war. Womöglich spielt hier eine Rolle, ob die Befragungen auf der Straße oder in therapeutischen Einrichtungen durchgeführt wurden. Neun von zehn Therapiesuchenden sind weiblich.

Nicht anerkannt

Allerdings ist der Stand der Forschung vergleichsweise spärlich, weil Forschungsgelder schwierig zu bekommen sind. Die Kaufsucht ist weder in der internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (International Statistical Classification of Deseases, ICD-10) noch im diagnostischen und statistischen Leitfaden psychischer Störungen (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, DSM-5) als Krankheit anerkannt. Wie die Spiel- und Arbeitssucht fällt das Leiden unter die nicht-substanzgebundene Abhängigkeiten, Impulskontroll- oder Zwangsstörungen. Durch die Annahme des Kaufzwangs als psychische Erkrankung würde eine Verhaltensstörung als solche anerkannt, so Professor Dr. Harald Gündel von der Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Ulm und Mediensprecher der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin (DGPM). »Das schärft das öffentliche Problembewusstsein und hilft den Betroffenen.«

Begleiter Depression

»Fast zwei Drittel unserer Patienten haben eine Depression«, sagt Müller. Ob dies die Ursache oder die Folge der Kaufsucht ist, könne man nur in entsprechenden Langzeitstudien herausfinden. Dem »Praxisbuch Verhaltenssucht« zufolge stellten Forscher unter 171 therapiesuchenden Patienten bei 90 Prozent mindestens eine weitere psychische Störung fest, meist Depressionen, eine Angststörung oder Bulimie. Einige Untersuchungen zeigten, dass jeder zweite Kaufsüchtige eine Lebenszeitprävalenz für Alkohol- oder Cannabissucht aufweist. Bei sechs von zehn Kaufsüchtigen liegt den bisherigen Erkenntnissen zufolge eine diagnostizierte Persönlichkeitsstörung vor, eine Borderlinestörung, eine selbstunsicher-vermeidende oder depressive und zwanghafte Persönlichkeit.

Manchmal sind die Betroffenen auch körperlich krank oder traumatisiert, haben Verluste erlitten oder eine lieblose Kindheit hinter sich. Doch all das müsse nicht sein. »Wir fanden auch Hinweise darauf, dass das zwanghafte Kaufen durch grundsätzliche Persönlichkeitsvariablen begründet sein könnte«, sagt Müller. In ihrer aktuellen Studie untersuchte sie anhand eines Tests das Entscheidungsverhalten (»Iowa Gambling Task«). Kaufsüch­tige wiesen demnach eine auffällig hohe ­Risikobereitschaft auf, während sie langfristige Konsequenzen kaum zur Kenntnis nahmen.

Dopamin und Serotonin

Diskutiert werden auch neurochemische Störungen im Serotonin- und ­Dopaminhaushalt. Der Botenstoff ­Serotonin steht wahrscheinlich mit Depressionen in Zusammenhang. Serotonin-Wiederaufnahmehemmer zeigten auch bei Menschen mit suchtartigem Kaufverhalten eine Verbesserung der Symptome. Da beide Leiden in einem gewissen Rahmen miteinander zusammenhängen, könnte sich der Zustand allerdings allein durch die Auswirkung auf eine bestehende Depression geändert haben. Dopamin wird mit suchtartigen Verhaltensweisen in Verbindung gebracht. Der Botenstoff entfaltet seine Aktivität im Belohnungszentrum des Gehirns durch Alkohol, Drogen und Zigaretten, Essen, Sex sowie beim Anblick von vermeintlichen Preisangeboten. Handlungen, die eine vermehrte Ausschüttung von Serotonin und Dopamin hervorrufen, senken den Stresspegel und verbessern – zumindest kurzfristig – die Stimmungslage. Negative Gefühle jedweder Herkunft werden vorübergehend betäubt.

Heimliche Sucht

Eine erhöhte Aktivität im Belohnungszentrum des Gehirns von Kaufsüchtigen wies Professor Dr. Gerhard Raab, Direktor des Transatlantik-Instituts der Fachhochschule Ludwigshafen (2009), nach, als er Probanden im Magnetresonanztomografen Bilder von preisgünstigen Markenwaren präsentierte. ­Andersherum war in einer für Verlustempfinden bekannten Hirnregion ­weniger Aktivität zu verzeichnen. Ent­sprechend wich die Einschätzung der Probanden über die während des Versuches ausgegebene Summe stark ab von der, die sie tatsächlich investiert hatten.

Geldmanagement als erste Hilfe bei Kaufsucht

  • Planung: Lebensmittel öfter einkaufen, um Vorratskäufe zu vermeiden. Streng an die Einkaufsliste halten und nur einen angemessenen Geldbetrag mitnehmen
  • Zeit nehmen, um unkontrollierte Käufe zu vermeiden
  • Mit Bargeld zahlen statt mit ­EC- oder Kreditkarte, um eine finanzielle Begrenzung zu spüren
  • In Geschäften kaufen, Online-, TV- und Katalogeinkäufe möglichst meiden
  • Verführungen ausschließen: Kataloge wegwerfen und Einkaufswünsche sorgfältig mindestens 24 Stunden überdenken (Ehrlich sein bezüglich der Notwendigkeit!)
  • Sparen: Einerseits, um potenzielle Schulden zu tilgen, andererseits, um Kontrolle über finanzielle Möglichkeiten zu erhalten. Das mindert Ängste und negative Gefühle, die wiederum zum unkontrollierten Kaufen verleiten könnten
  • Kontrolle der Geldausgaben durch Buchführung, um individuelle Schwachstellen zu entdecken

Nach Müller et al. 2008, Universitäts­klinikum Erlangen

»Viele Patienten haben substanzielle soziale, finanzielle und nicht selten auch juristische Probleme, wenn sie sich schließlich in Behandlung begeben«, so Müller. Lange wird versucht, das Verhalten zu verheimlichen. Doch irgendwann ist die überquellende Wohnung oder der drohende Ruin vor sich selbst oder anderen nicht mehr zu verbergen. Spätestens dann müssen sich viele der Betroffenen ihre Sucht eingestehen. Die Behandlungsangebote beruhen bislang weitgehend auf verhaltenstherapeutischen Ansätzen, wie sie auch bei Zwangsstörungen zum Einsatz kommen. Ein speziell für die Oniomanie entwickeltes ambulantes Gruppen-Therapiemodell wurde zu Beginn des Jahrtausends an der University of North Dakota in den USA entwickelt. Müller testete es erstmals in Deutschland zwischen 2003 und 2007 erfolgreich mit 51 kaufsüchtigen Teilnehmern. Damals noch am Universitätsklinikum Erlangen beschäftigt, führt sie das von ihr erweiterte Modell inzwischen an der MHH weiter.

Psychologische Hilfe

In zwölf Gruppensitzungen erfahren die Patienten dabei alles über die Ursachen, den Verlauf und die Folgen ihrer Kaufsucht, über Möglichkeiten der Stressbewältigung und Geldmanagement. Nach dem Prinzip der kognitiven Verhaltenstherapie erlernen sie, dem Kaufverhalten zugrunde liegende Gedanken und Gefühle zu erkennen, neu zu bewerten und anhand von Übungen in eine andere Richtung zu lenken. Außerdem werden individuelle Änderungsstrategien mit dem Therapeuten erarbeitet und sowohl in der Theorie als auch in der Praxis trainiert. Zwei Drittel der Patienten zeigten sechs Monate nach der Behandlung ein normales Kaufverhalten. Bei den anderen müsse man intensiver nach möglichen Begleiterkrankungen schauen.

Bisher gibt es nur wenige spezielle Therapiezentren. Da die Behandlung ambulant erfolgt, müssten die Betroffenen in erreichbarer Nähe wohnen. Doch auch wenn das nicht der Fall ist »raten wir Menschen, die eine Zwanghaftigkeit in ihrem Kaufverhalten erkennen, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen«, so Müller. Hilfreich könne auch der Austausch in einer Selbsthilfegruppe sein. Mit ihren Beiträgen zur Studienlage rund um die Oniomanie verfolgt die Psychologin ein Ziel: »Angesichts der stark wachsenden Kaufsuchtgefährdung in Deutschland müssen dringend wirksame Behandlungen angeboten und von den Krankenkassen finanziert werden.« /