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Hormonelle Kontrazeptiva

Neue Gestagene in der Kritik

09.11.2015  13:37 Uhr

Von Verena Arzbach / Hormonelle Kontrazeptiva der dritten und vierten Generation stehen aufgrund ihrer möglichen Nebenwirkungen bereits seit Längerem in der Kritik. Die neueren Antibabypillen zeigen im Vergleich zu älteren Präparaten ein wesentlich höheres Risiko für Thrombosen. Das hat ein im Oktober veröffentlichter gemeinsamer Report der Universität Bremen und der Techniker Krankenkasse (TK) bestätigt.

Die Ergebnisse des Reports basieren unter anderem auf Informationen der Europäischen Arzneimittel-Agentur EMA und des Bundesinstituts für Arznei­mittel und Medizinprodukte (BfArM). Zudem wurden verschiedene Fachartikel ausgewertet. Kombinierte orale Kontrazeptiva (KOK) mit dem Gestagen Levonorgestrel, die zur zweiten und damit älteren Pillen-Generation zählen, zeigen demnach eine bessere Nutzen-Schaden-Bilanz als Kombinationspräparate der dritten und vierten Generation. Letztere haben aufgrund der enthal­tenen Gestagen-Derivate entweder ein nachgewiesenermaßen höheres (etwa Desogestrel und Drospirenon) oder ein ungeklärtes Risiko für Thrombosen (zum Beispiel Dienogest und Chlormadinon). Ärzte sollten daher bevorzugt Präparate der zweiten Generation mit niedrig dosiertem Levonorgestrel verordnen, schlussfolgert der Report.

Zwar geht die Einnahme aller KOK generell mit einem höheren Risiko für Thrombosen einher. Dieses ist jedoch bei der Einnahme von Antibabypillen der neueren Generationen besonders hoch, belegen inzwischen einige wissenschaftliche Studien. Darunter zum Beispiel eine britische Untersuchung von Forschern um Yana Vinogradova von der Universität Nottingham, die Daten von mehr als 10 000 Frauen aus Großbritannien einschließt. Die Studie wurde in diesem Jahr im Fachjournal »British Medical Journal« veröffentlicht.

Danach erhöhen Antibabypillen mit älteren Gestagenen wie Levonorgestrel oder Norgestimat das Risiko für eine venöse Thromboembolie (VTE) etwa um das 2,5-Fache; KOK mit Drospirenon, Desogestrel, Gestoden oder Cyproteron dagegen circa um den Faktor 4. Absolut heißt das: Unter Einnahme von Pillen der älteren Generation kam es pro Jahr zu sechs zusätzlichen Thrombosefällen pro 10 000 Anwenderinnen im Vergleich zu Frauen, die keine hormonellen Kontrazeptiva einnehmen. Bei der Einnahme von Desogestrel oder Cyproteron zählten die Forscher 14 zusätzliche Fälle. Insgesamt ist das Thromboserisiko damit allerdings auch bei den neueren Pillen noch immer relativ gering. Übrigens: Frauen, die mit oralen Gestagen-Monopräparaten, den sogenannten Minipillen, verhüten, haben kein erhöhtes Thromboserisiko.

Gleich wirksam

Das Risikopotenzial der Wirkstoffe ist unterschiedlich, die Wirksamkeit der KOK verschiedener Generationen dagegen vergleichbar: Präparate mit Levo­norgestrel verhüten genauso sicher wie neuere Präparate der dritten und vierten Generation. Und Langzeitdaten über mehr als 30 Jahre haben bisher keine Hinweise auf ein erhöhtes Krebsrisiko bei der Einnahme der Antibabypillen ergeben. Vielmehr belegen die Daten einer Metaanalyse, dass die Einnahme hormoneller Kontrazeptiva vor Gebärmutterhalskrebs schützen kann.

Ein höheres Thromboserisiko bei gleicher Wirksamkeit: Da stellt sich die Frage, warum es überhaupt Kontrazeptiva der dritten und vierten Generation auf dem Markt gibt? Dem Report von TK und Universität Bremen zufolge wurden die Gestagenkomponenten kontinuierlich weiterentwickelt, um die Verträglichkeit der Pillen zu verbessern und potenzielle unerwünschte Wirkungen zu minimieren. Die neueren Pillen sollen zum Beispiel für eine reine Haut sorgen oder Schmerzen während der Periode lindern. Das macht die neueren Präparate wohl vor allem für junge Frauen interessant. Mehr als die Hälfte der 40 meistverkauften KOK im Jahr 2014 enthalten ein Gestagen mit unklarem oder erhöhtem Thrombose­risiko, heißt es im Report.

Gynäkologen sehen die KOK der neueren Generationen dagegen längst nicht so kritisch. Dem Präsidenten des Bundesverbandes der Frauenärzte, Christian Albring, zufolge können Antibabypillen der zweiten Generation andere unerwünschte Arzneimittelwirkungen haben. So klagten einige Frauen unter der Einnahme dieser Pillen über Zwischenblutungen oder Menstruationsbeschwerden. Auch Akne oder unerwünschter Haarwuchs könnten auftreten. Dass Ärzte die neueren Pillen inzwischen häufiger verordneten, liege daran, dass einige Frauen sie besser vertragen.

Geschickt vermarktet

Ein Grund für den Erfolg der neueren Kontrazeptiva ist laut dem Report auch eine geschickte Vermarktung der Arzneimittel durch die Pharmafirmen. Zwar ist Werbung für verschreibungspflichtige Arzneimittel bei Verbrauchern verboten. Hersteller hätten für ihr Marketing aber einen anderen Weg gefunden: So informieren sie auf Webseiten, die vor allem junge Erstanwenderinnen ansprechen sollen, über Verhütung – zumindest auf den ersten Blick mit einem neutralen Informationsangebot. »Die Industrie könnte jedoch mit verdeckten Werbebotschaften auf diesen Seiten die Informationsbeschaffung dominieren. Die Frauen erfahren dabei hauptsächlich, dass es Pillen gibt, die bestimmte Schönheitseffekte haben, oder dass moderne Pillen mit einer geringeren Dosis auskommen. Mit dem Wunsch, so eine Pille verschrieben zu bekommen, gehen sie dann zum Arzt. Deutliche Hinweise über ein erhöhtes Thromboserisiko im Vergleich zu anderen Pillen fehlen oder sind im Fließtext erwähnt«, heißt es dazu kritisch im Report. /

Venöse Thromboembolien

Bei einer venöse Thromboembolie (VTE) verstopft ein Blutgerinnsel eine Vene und behindert so den Blutfluss zum Herzen. Das Blut staut sich im betroffenen Körperteil, beispielsweise einem Bein (tiefe Beinvenenthrombose). Dieses kann anschwellen, kribbeln, rot werden und schmerzen. Die Beschwerden bessern sich bei Hochlagerung und verschlechtern sich bei Belastung.

Die Symptome sind häufig recht unspezifisch und werden von Patienten daher oft nicht richtig eingeordnet. Es ist aber wichtig, dass eine VTE rechtzeitig diagnostiziert wird, damit schnell eine Behandlung eingeleitet werden kann. So lässt sich schweren Komplikationen vorbeugen. Denn wenn sich der Thrombus löst und mit dem Blutstrom in die Lunge gelangt, kann er dort ein Blutgefäß blockieren. Eine solche Lungenembolie ist lebensbedrohlich.

Die Einnahme kombinierter oraler Kontrazeptiva (KOK) erhöht generell das Risiko für VTE. Dieses hängt nicht nur von der eingenommenen Wirkstoffkombination und der Dosis der Hormone ab, sondern auch von individuellen Risikofaktoren der Anwenderin. Rauchen, Alter, Übergewicht und Diabetes mellitus erhöhen das Thromboserisiko zusätzlich. So dürfen etwa Frauen über 35 Jahre, die täglich 15 oder mehr Zigaretten rauchen, keine oralen KOK einnehmen.