PTA-Forum online
Vorsorgeuntersuchungen

Unbeliebt, aber immer wichtig

09.11.2015  13:37 Uhr

Von Maria Pues / Die Erkrankung Diabetes mellitus Typ 2 stellt ­Patienten vor einige Herausforderungen. Nicht zuletzt ist die ­Diagnose ein Auftakt für zahlreiche regelmäßige Untersuchungen, um mögliche Folgeschäden frühzeitig zu erkennen. Der Gesundheitspass Diabetes kann helfen, die Übersicht zu behalten.

Typ-2-Diabetes ist eine Lebensaufgabe – nicht nur, weil viele Patienten sich von einer Reihe liebgewonnener und bequemer Lebensgewohnheiten verabschieden und sich in puncto Ernährung und regelmäßiger Bewegung umstellen müssen. Es steht auch fortan eine ganze Reihe regelmäßiger Untersuchungen an, um mögliche Diabetes-Folgeschäden frühzeitig zu erkennen und gegenzusteuern. Auskunft über die empfohlenen Untersuchungen gibt eine Aufstellung in den Praxisempfehlungen zur Therapie des Typ-2-Diabetes der Deutschen Diabetes Gesellschaft und der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin, die im vergangenen Jahr erschienen sind. Sie verweisen dabei auf eine ganze Reihe von Leitlinien, in denen sich weitere Details finden (siehe Kasten). Es stehen hierzu auch verschiedene Patientenleitlinien zur Verfügung.

Welche Untersuchungen sind wichtig? Und in welchen Abständen sollten sie sinnvollerweise erfolgen? Damit Patienten dabei die Übersicht nicht verlieren, haben Ärzte, Pflegekräfte und Patienten gemeinsam den Gesundheitspass Diabetes entwickelt. Er erinnert nicht nur daran, welche Untersuchung als nächste ansteht. In ihn tragen Ärzte und Patienten auch die jeweiligen Ergebnisse ein. Das 28-seitige Dokument hat Platz für Untersuchungen aus fünf Jahren, sodass es auch Auskunft geben kann über die Entwicklung der Erkrankung. Zusätzlich enthält es ein Glossar mit wichtigen Fachbegriffen und eine Zusammenfassung über Rechte und Aufgaben als Diabetiker.

Neben der Erinnerungsfunktion ist es für Patienten auch wichtig zu wissen, warum sie die Chance dieser Untersuchungen regelmäßig wahrnehmen sollten. Einige Diabetiker nehmen es mit der Vorsorge nicht allzu genau. Hier können PTA und Apotheker mit ihrer Beratung einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie Diabetespatienten den Nutzen der Vorsorgeuntersuchungen erläutern. Allgemein lässt er sich so formulieren: Viele Diabetes-Folgeschäden beginnen früh und entwickeln sich oft über einen langen Zeitraum, ohne dass der Betroffene dies bemerkt. Spürt er die Folgen, so sind die Schäden häufig nicht mehr rückgängig zu machen. Sie schreiten weiter fort und beeinträchtigen dann in immer stärkerem Maße die Lebensqualität. Sehschäden gehören dazu, aber auch Kontinenzprobleme und Erektionsstörungen, Nierenschädigungen und Schädigungen der Füße, die Amputationen zur Folge haben können. Mancher Diabetiker sieht die möglichen Folgen aber in so weiter Ferne, dass er sich von ihnen nicht betroffen fühlt – vorläufig zumindest. Dabei gilt es zu bedenken, dass der früher Altersdiabetes genannte Typ-2-Diabetes sich in immer jüngeren Jahren einstellt, sodass Betroffene Folgen viel länger zu spüren bekommen.

Gesunde Einstellung

Körpergewicht und Taillenumfang des Patienten sollte der Arzt alle drei Monate kontrollieren. Ungewollte Gewichtsveränderungen können auf eine nicht ausreichende Kontrolle des Blutzuckers hinweisen. Dann gilt es, die Therapie zu überprüfen. Dasselbe gilt auch bei Änderungen von Blutdruck und Blutzucker sowie für den Langzeit-Blutzuckerwert HbA1c. Abgesehen vom HbA1c-Wert können Diabetiker diese Werte auch häufiger in Eigenregie kontrollieren. Das kann sinnvoll sein, wenn erhebliche Änderungen der Lebensumstände eintreten, die auch die Blutzuckereinstellung beeinflussen können, zum Beispiel ein Berufswechsel, eine neue Medikation oder private Veränderungen.

Leitlinien, wenn es um Diabetiker-Vorsorgeuntersuchungen geht

  • NVL Neuropathie bei Diabetes im Erwachsenenalter
  • NVL Typ-2-Diabetes – Fußkompli­kationen
  • NVL Nierenerkrankungen bei ­Diabetes im Erwachsenenalter
  • NVL Typ-2-Diabetes – Netzhaut­komplikationen

 

NVL = Nationale Versorgungs­leitlinie

Jährlich sollten Patienten mit Typ-2-Diabetes – neben täglichen Eigeninspektionen – ihre Füße untersuchen lassen, auch wenn keine Schäden erkennbar sind. Zeigen sich Anzeichen einer sogenannten sensomotorischen Neuropathie, sollten die Untersuchungen alle drei bis sechs Monate erfolgen. Rund 2 bis 10 Prozent der Diabetiker leiden an einem diabetischen Fußulkus. Von den jährlich 16 000 Amputationen in Deutschland gehen laut Deutschem Gesundheitsbericht Diabetes 2015 über 70 Prozent auf das Konto erhöhter Blutzuckerwerte. Für Diabetiker ist das Risiko um rund das 20-Fache erhöht. Nervenschädigungen, Durchblutungsstörungen und Infektionen sind die drei Pathomechanismen, die dabei eine Rolle spielen. Doch auch wenn es nicht bis zur Amputation kommt: Studien zufolge kann ein diabetisches Fußsyndrom gerade im Alter zu Stürzen führen, da die Muskulatur sich zurückbildet, wenn sie nicht mehr ausreichend enerviert und durchblutet wird. Vor den Untersuchungen müssen Patienten keine Angst haben, denn sie tun nicht weh. Etwa mit einem Stimmgabeltest und einem Drucktest untersucht der Arzt das Empfindungsvermögen und damit die Funktionsfähigkeit der peripheren Nerven.

Neuropathien spielen sich bei Diabetikern nicht allein an den Füßen ab, sondern bei einer autonomen Neuropathie (ADN) auch an inneren Organen. PTA und Apotheker sollten die Warnzeichen kennen, um möglichen Betroffenen zu einem Arztbesuch und natürlich zu regelmäßigen jährlichen Kontrollen zu raten. Zu den Symptomen gehören ein erhöhter Ruhepuls, Gleichgewichtsstörungen, dyspeptische Beschwerden, Hypotonien nach den Mahlzeiten, Obstipation und Diarrhö, Blasenfunktionsstörungen oder sexuelle Funktions­störungen – Beschwerden also, über die Patienten in der Apotheke nicht selten berichten. Neben anderen Ursachen könnte hier auch eine autonome Neuropathie zugrunde liegen.

Die ADN wird auch als »stiller Killer« bezeichnet. Denn es können sich lebensbedrohliche Komplikationen wie eine KADN, eine kardiovaskuläre autonome diabetische Neuropathie, entwickeln, die einen stummen Myokardinfarkt zur Folge haben kann. Nachgewiesen wird sie unter anderem durch eine reduzierte Herzfrequenzvariabilität, bei der sich das Herz nicht mehr ausreichend an verschiedene Belastungen anpassen kann.

Nicht nur Nerven, sondern auch Blutgefäße werden häufig durch eine Diabetes-Erkrankung in Mitleidenschaft gezogen. Daher ist das Risiko für Diabetiker, Herz-Kreislauf-Erkankungen und/oder Gefäßschäden zu entwickeln, deutlich höher als bei Nicht-Diabetikern. Vor allem die kleinen Kapillargefäße in Augen und Nieren sind häufig betroffen. Daher empfehlen sich auch hier regelmäßige Kontrollen.

Patienten mit Diabetes sollten, auch wenn sie keinerlei Beschwerden verspüren, einmal jährlich ihre Augen von einem Augenarzt kontrollieren lassen. Dieser prüft neben der Sehstärke auch, ob sich Veränderungen an Linse und Glaskörper sowie an der fein durchbluteten Netzhaut im hinteren Bereich des Auges zeigen. Ist dies der Fall, rät der Arzt gegebenenfalls zu häufigeren Kontrollen.

Einige Diabetiker bemerken, dass sie nicht immer gleich gut sehen – zu manchen Zeiten ist das Bild »gestochen scharf«, dann aber vorübergehend mehr oder weniger verschwommen. Dahinter können die gefürchteten Netzhautveränderungen stecken, aber auch Schwankungen des Blutzuckers, etwa durch eine Umstellung der Therapie. Die Anpassung neuer Brillengläser sollten Diabetiker daher auf einen Zeitpunkt verschieben, zu dem sich der Blutzucker stabilisiert hat.

Die Nierenfunktion prüfen

Ebenfalls jährlich sollten Diabetiker einen Nieren-Check durchführen lassen. Dabei wird das Maß der Ausscheidung des Bluteiweißes Albumin über die Nieren bestimmt. Als Goldstandard gilt die Untersuchung aus dem 24-Stunden-Sammelurin, die aber aus leicht nachvollziehbaren Gründen wenig praktikabel ist. Inzwischen gibt es hinreichend genaue und für den Patienten bequemere Labormethoden, die eine Bestimmung aus dem Morgenurin erlauben. Auch Schnelltests stehen zur Verfügung. Nicht geeignet sind hingegen Teststreifen auf Eiweiß im Urin, wie sie etwa bei Harnwegsinfekten eingesetzt werden. Zusammen mit dem Kreatinin-Wert im Blut lässt sich die Nierenfunktion rechnerisch abschätzen.

Periphere diabetische Neuropathie

Eine diabetische Neuropathie entwickelt sich anfangs im Verborgenen. Zeigen sich erste Symptome, sind die Schädigungen der Nerven bereits weit fortgeschritten. Patienten klagen dann über ein Kribbeln in den Füßen, brennende, stechende oder stumpfe Schmerzen oder über eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit (Hyperalgesie) an Füßen und/oder Händen. Es können aber auch sogenannte Minus­symptome auftreten. Zu diesen gehören Taubheitsgefühle sowie Hypo- und Analgesie. Gerade diese bleiben oft lange unbemerkt.

Da es neben einer eingeschränkten Nierenfunktion auch andere Gründe gibt, die zu einer Erhöhung der Albumin­ausscheidung führen können – zum Beispiel ein Harnwegsinfekt, fiebrige Infekte oder ein intensives körperliches Training – wird die Untersuchung nach zwei bis drei Wochen wiederholt. Sind bei beiden Tests die Werte erhöht, kann der Arzt weitere Untersuchungen anordnen. Und auch hier gilt: Wenn sich bereits Schädigungen der Nieren nachweisen lassen, sind häufigere Kontrolluntersuchungen ratsam.

Bei Typ-2-Diabetikern sagt eine erhöhte Albumin-Ausscheidung aber nicht nur etwas über eine eingeschränkte Nierenfunktion aus. Der Zustand der Nieren lässt auch Rückschlüsse auf andere Organfunktionen zu. So weisen Patienten mit einer Mi­kroalbuminurie häufig auch Veränderungen an der Netzhaut des Auges auf. Studien haben außerdem gezeigt, dass Patienten mit einer Mikroalbuminurie auch eine erhöhte kardiovaskuläre Mortalität zeigen. Weitere Informationen unter anderem zum kardiovaskulären Risiko liefert darüber hinaus die jährliche Untersuchung der Blutfettwerte (Gesamtcholesterin, HDL, LDL, Triglyceride).

Über die im Gesundheitspass em­pfohlenen hinaus gibt es weitere wichtige Untersuchungen, auf die PTA und Apotheker Diabetiker hinweisen können. Dazu gehört die zweimal jährliche Kontrolle beim Zahnarzt. So führt ein schlecht eingestellter Blutzucker häufig zu Entzündungen des Zahnfleisches (Parodontitis). Auch tritt ein Pilzbefall der Mundschleimhaut bei Diabetikern häufiger auf als bei Gesunden.

Umgekehrt können Entzündungen und Infektionen auch eine gute Blutzuckereinstellung erschweren. Darüber hinaus haben Studien gezeigt, dass die Parodontitis auch mit einem – bei Diabetikern ohnehin erhöhten – Risiko für Herz und Kreislauf einhergehen kann. Daher sind für Patienten mit Diabetes neben einer sorgfältigen Mundhygiene auch regelmäßige Kontrollen durch den Zahnarzt hilfreich.

Spaß machen die regelmäßigen Kontrollbesuche beim Arzt den Patienten nicht, und viele drücken sich allzu gerne vor ihnen. Gelegentlich steckt auch ein schlechtes Gewissen dahinter: Wer es sich allzu gut gehen lässt, befürchtet möglicherweise die Quittung durch den Arzt. Das gibt jedoch Diabetes-Folgeschäden die Chance, sich unbemerkt zu entwickeln. Es ist daher wichtig, dies den Patienten immer wieder nahezulegen und sie zu motivieren, die Vorsorgeuntersuchungen als Chance und Unterstützung zu sehen, Folgeschäden so lang wie möglich hinauszuzögern. /

Albumin im Urin

Bei Gesunden beträgt die tägliche Albuminausscheidung im Urin 20 mg. Bei einer Ausscheidung von 30 bis 300 mg Albumin am Tag spricht man von einer Mikroalbuminurie, bei mehr als 300 mg von einer Makroalbuminurie oder Proteinurie.